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Periodical volume Sonnabend, 15. Dezember 1900 Nr, 50

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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»ach Erfrischungen. Sie find in den Garderobezimmern der Oper 
bereit. Dort in einer Menge kleiner Gemächer zur rechten und 
linken Seite des Ausgangs sitzen und stehen an Tischen viele, viele 
Masken, die sich durch Punsch erfrischen, durch Limonade wieder 
in Feuer setzen, um sich durch Eis wieder abzukühlen. Oder nian 
stärkt sich auch durch ein Stückchen Kuchen. Jeder einzelne Akt 
dieses wichtigen Geschäfts kostet genau vier Groschen. Viele haben 
hier in diesen Räumen, um einmal frei zu atmen, die Larve ab- 
genommen. Zwar erkennt man hier manchen guten Freund, den man 
nicht vermutete, oder den man hierher beschied. Aber wovon soll man 
doch hier sprechen? Man ißt und trinkt, man drängt und wird gedrängt. 
Stoss zur Konversation hat man hier höchstens mit den Aufwärtern. 
Gestärkt und erquickt gehen wir nun zurück in den Saal. 
Die Szene hat sich wenig verändert. Nur scheint es zu spät zum 
Witze geworden zu fein; die meisten sind müde. Die Bänke an 
den Seiten sind dicht mit Masken besetzt; sie sitzen unbeweglich 
und haben ans stichelnde Fragen kaum eine Antwort. 
Noch einmal wird die allgemeine Ruhe unterbrochen: Der 
Hof hat seine Loge verlassen. Die schönste Frau, unsere Königin, 
entweder vom König oder einem Prinzen geführt, wandelt in 
ihrer geschmackvollen Charaktermaske einige Male den Saal auf 
und ab. Alles eilt, sie zu sehen) man sieht nur sie! Die Freund 
liche ist unter keiner Verkleidung zu verkennen, selbst wen» sie 
eine Maske tragen sollte! 
Nachdem der Hof den Saal verlassen, statten wir den oberen 
Logen noch einen Besuch ab. Alle diese Räume sind gedrängt 
voll von Personen der mittleren und niederen Stände, besonders 
weiblichen Geschlechts; sie scheinen darum hergekommen zu sein, 
um stundenlang einen Anblick zu genießen, den man in einer 
Viertelstunde schon satt genug haben kann. Was das schlimmste 
ist, überall stehen Knaben und Mädchen im Alter von 10 bis 
12 Jahren umher und sehen dem zum Teil 'wüsten Treiben zu. 
Da alle Volksklassen an dem Vergnügen der Redoute teil 
nehmen können, so ist es natürlich, daß mancher sich dahin sehnt. 
der nicht das Geld zusammenbringen kann, um sich einen Domino 
zu borgen. Finden sich nun mehrere solcher Leute zusammen, so 
ist ihnen durch folgende schlaue List bald geholfen: Sechs bis 
zehn legen zusanimen, leihen sich für die zusammengeschossene 
Summe einen Domino, eine Maske, ein Paar Handschuh und einen 
dreieckigen Hut. Einer, der das beste Los gezogen hat, geht 
zuerst kostümiert in den Saal, während sich die übrigen für ein 
paar Groschen Trinkgeld an die Wache in einer verabredeten Loge 
einfinden. Die Zeit ist genau berechnet, während welcher jeder 
das Vergnügen genießen darf, die Maske zu tragen. Sobald die 
Zeit verflossen ist, kehrt der erste zu der Loge mit schwerem Herzen 
zurück, rangiert sich unter die Zuschauer, und sein glücklicher Nach 
folger eilt in demselben Domino zur Versammlnng. Diesem folgt 
dann in abgemessenen Zwischenräumen der dritte und vierte u. s. w. 
Man erzählt sich, diese sinnreiche Methode, sich auf wohlfeilere 
Art dieses Vergnügen zu verschaffen, sei in Berlin schon sehr 
lange im Gebrauch. Auf Maskeraden, wo jeder Zutritt hat, der 
eine Maske trägt, sind dergleichen Begebenheiten nicht zu ändern 
und zu hindern; auch schmälern sie in Berlin das Vergnügen 
der gebildeten Stände nicht. 
Nachdem der Hof und der Adel die Gesellschaft verlassen 
haben, werden von den Zurückbleibenden noch einige Stunden hin- 
geschwärmt: man tanzt, man springt und walzt bis zur Raserei 
bunt durcheinander; aber — jetzt werden die Lichter ausgelöscht; 
man muß fort wohl oder übel. In dem erborgten Kostüm, bei 
schneidender Kälte, schleicht man nach Hause. Wohl dem, der sich 
auf dem Heimweg infolge von Erkältung keine langdanernde 
Krankheit zuzieht. Wer aber gesund bleibt, erzählt am andern 
Morgen den begierig lauschenden Hausgenossen von all den Herrlich 
keiten, die er genossen, macht andere darauf lüstern und — nimmt 
sich vor, demnächst wieder einmal im Maskengewühl mit andern 
zu schwärmen. So denken mit ihm auch die andern in Berlin 
zur Karnevalszeit! 
W. Wald. 
Kloster Zinna. 
Nach bisher unbekannten archivalifchen (Quellen von M. Aincke. 
(Schluß.) 
„Hirtenbrief" ist die letzte äbtliche Kundgebung ans 
Kloster Zinna. Die Reformation klopfte mit starker Hand 
auch an die Pforten des Klosters. Sieben Jahre später wurde Zinna 
säkularisiert. In die Martini 1547 ist Abt Balerianns (der Nach 
folger des erwähnten Matthäus) abgezogen. Nach diesem ist 
Abt worden der alte Klitzmg" — und böse heißt es von ihm — 
„hatte seine lense im dosier voll abgeschickt, sed ex male quaesitis." 
Kurfürst Joachim II. hatte bereits am 1. Avril 1547 mit dem 
Domkapitel zu Magdeburg eine» Vertrag abgeschlossen: „bezüglich 
Zinnas bleibt alles wie vor alters auch hinfüro unter dem itzigen 
Verweser im neuen lande." — 377 Jahre hatte Kloster Zinna 
bestanden, an seiner Spitze hatten, wie der „Cataloges Abbatum 
Coenobii Zinnensis“ nachweist, 26 Siebte gewirkt: Ritzo, Rndolsns, 
Hertelo, Gnntherus, Wilhelmus, Johannes, Johannes, Conradns, 
Johannes, Albertus, Hildebrandns, Gerhardus,Johannes,Johannes, 
Dithmarus, Conradns, Heinricns, Albertus, Thcodoricns, Mau 
ritius, Matthias, Nicolans, Benedictns, Heinriens, Matthäus und 
Valerianus. Mit dem Abzug dieses letzten Abtes und der Kloster 
insassen nach Böhmen verschivand leider auch das wichtigste hand 
schriftliche Material. Die Reste der Akten befinden sich verteilt in 
den Staatsarchiven zu Berlin und Magdeburg. Geschieht noch 
der kimstände Erwähnung, daß der erste Abt Ritzo, d. h. Theo- 
doricus, am 6. November 1179 von eindringenden Slawen er 
schlagen wurde, und daß 1493 in Zinna der vom Abt Nicolaus 
herausgegebene „Marienpsaltcr" gedruckt wurde, der mit 165 Holz 
schnitt-Darstellungen ans dem Leben der Maria und des Heilandes 
versehen ist, so dürfte die Geschichte des Klosters Zinna erschöpft 
sein. Als erster lutherischer Prediger nach Einsührnng der Rcsor- 
mation wird Magister Bergemann genannt. 1555 wurde die 
'Abtei ein Sind, das 1598 an das kurfürstliche Haus gelangte. 
1680 gelangte der ganze Ort an Brandenburg, 1690 wurde der 
Zinnaische Münzfuß aufgehoben, eine Verabredung zwischen Sachsen 
und Brandenburg, wonach die Mark fein Silber zu 10'/, Rcichs- 
thalern ausgeprägt werden sollte. 
Neues Leben erwuchs an der alten, denkwürdigen Stätte, als 
König Friedrich II. von Preußen, der „alte Fritz", nach Beendigung 
der schlesischen Kriege an den inneren Ausbau und die Kolonisierung 
seines Landes ging. Zlm 13. Oktober 1763 hatte er von Potsdam 
aus an den Kammerpräsidenten von Horst geschrieben und ange 
fragt, wie er sich stelle zu dem „Plan wegen einer ans dem Amt 
Zinna und Vorwerft Kaltenhausen zu errichtenden Etablissements" 
stelle, und ob er die zur Besetzung des Vorwercks (ursprünglich war 
Scharffenbrück in Aussicht genommen) erforderlichen Kolonisten 
bereits zusammen habe. Horsts Antwort und Entivurs ist hoch 
interessant, gewährt sie doch einen Einblick in die Art, wie und 
warum Friedrich II. kolonisierte. Es heißt u. a.: 
„Da Sr. König!. Majestaet allergnädigste intention bey 
Besetzung der Vorwercken fürnehmlich auf die Berrmehruug 
der Unterthanen abzielet, bey den mehreste» aber nur wenige 
Familien angesetzet werden können, und durch Zerreißung vieler 
Vorwercken die Städte die Zufuhr verliehren, dahin gegen wenn 
an einem Ort außer denen Acker-Leuthen auch Handwercker etab- 
liret werden, dadurch i. effectuiret wird, daß an einen und 
demselben Orte mehrere Familien ihr Brodt aufs verschiedene 
Weise finden. 2. daß anstatt bei anderen Vorwerckcrn und nur 
bey wenigen der Etat herauszubringen, auf diese Weise mehrere 
revenuen erfolgen, 3. die Handwerker sich mit ivenigen Kosten 
sich als Ackers Leute etabliren, 4. dergl. Etablissements bey 
zunehmender Nahrung erweitert werden können, so dergleichen 
Anbau, wo er practicable dem König!. Interesse zuträglicher, 
unter allen Amts Borwerckern ist hiezu das Amt Zinna 
am besten qualifieiret. Dasselbe liegt 1. schrat an der 
Grentze nahe bey Jüterbock und andern nahrlosen Süchs. Städten; 
2. hat es einen gute» Boden daß jedem Cokmisten das nöthige 
Garte» Land eingegeben werden kan; 3. sind die Ban Materialien 
nahe und kann' da die Ziegel Erde beym 'Amte, massiv mit 
wenigen Kosten gebanet werden: 4. sind Kirche, Pfarr und andere 
nöthige Gebäude so anderwärts erst mit großen Kosten erbauet 
werden müssen, schon vorhanden; 5. verliehren andere König!. 
Städte nicht an ihrer Nahrung vielmehr wird das Geld was 
die Grcntz-Dörscr nach den Sachs. Städten tragen, im Lande 
erhalten; 6. haben Sr. Königl. Majestaet die revenue von der 
Branercy hicrselbst; und 7. kann die Accise von Victualien 
eingeführt werden; 8. werden 26 alte Dorfschaften verbessert,
        
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