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Periodical volume Sonnabend, 8. Dezember 1900 Nr, 49

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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„Warum können Sic sich nicht entschließen, ganz auf 
richtig gegen mich zu sein?" fragte er. „Sie sehen doch wohl, 
dag Sic von mir nichts zu fürchten haben, und daß es nur 
in Ihrem eigenen Interesse läge, mich über Ihre Person und 
über den eigentlichen Zweck Ihres Hierseins aufzuklären. Ist 
es Ihnen um Verschwiegenheit zu thun, so wird Ihnen 
hoffentlich das Wort eines Edelmanns als Bürgschaft für 
die meinige genügen." 
Ein heftiges Zittern ging über den Körper des jungen 
Mannes, und die Spuren eines schiveren Seelenkampfes 
offenbarten sich in seinen Zügen. 
„Mein Gott," stieß er abgebrochen hervor, „hat Ihre 
Gemahlin Ihnen niemals von ihrer Familie — von ihrem 
Bruder gesprochen?" 
Unwillkürlich fuhr der Graf ein wenig zurück. Die Vor 
stellung, daß er in diesem herabgekonimencn Menschen, der 
nur zu sehr einem richtigen Vagabunden glich, möglicherweise 
Adas nächsten Blutsverivandten vor sich habe, erfüllte ihn 
für einen Moment mit tiefster Bestürzung. In angstvoller 
Spannung forschten seine Augen in dem wachsbleichen Gesicht 
des Mannes, und nun glaubte er wirklich trotz aller Ver 
wüstungen etwas wie eine Aehnlichkeit mit seineni schönen, 
einst so heißgeliebten Weibe darin zu finden. Aber er nahm 
sich zusammen, um nicht zu verraten, zu ivclchem Schluß er 
in seinen Gedanken bereits gekomnien sei. 
„Allerdings," sagte er, „ich hörte, daß ein Bruder meiner 
Frau seit Jahren verschollen sei, oder vielmehr, daß es ge 
gründete Ursache für die Vermutung gebe, er habe bei einem 
großen Eisenbahnunglück sein Leben verloren." 
„Wollte Gott, daß cs so gewesen wäre! Aber es wurde 
mir nicht so gut. Ich blieb für ein schimpflicheres Ende anf- 
gespart, als für solchen Tod." 
„Sic wollen mich also glauben machen, daß Sie selbst 
der Bruder meiner Gattin seien?" 
„Es war nicht meine Absicht, es Ihnen zu verraten; 
aber Sie iverdcn nicht die Ungerechtigkeit begehen, es Ada 
entgelten zu lassen, daß sie die Schwester eines Verlorenen 
ist. Ich heiße Kurt von Rüdiger, Herr Graf." 
„Und — und haben Sie irgend welche Beweise für diese 
Behauptung?" 
Der Fremde griff in die Tasche seines dünnen Rockes 
und brachte daraus ein Päckchen stark abgegriffener Papiere 
zum Vorschein. 
„Wenn man das deutsche Vaterland zu Fuß durch 
wandert, muß man darauf vorbereitet sein, sich in jedem 
Augenblick legitimieren zu können, und ich ivar immer besorgt, 
meine Ausweise in gehöriger Ordnung zu halten." 
Schon bedurfte es für Erwin des Beweises nicht mehr, 
und wenn er sich dennoch den Anschein gab, die Dokuniente 
aufmerksani zu prüfen, so geschah es wohl nur, weil er da 
durch Gelegenheit gewinnen wollte, seineHaltnng wiederzufinden. 
„Es scheint, daß alles seine Richtigkeit hat," sagte er 
endlich. „Warum aber, wenn diese Papiere in der That Ihr 
rechtmäßiges Eigentum sind, haben Sie sich nicht früher bei 
mir oder bei Ihrer Schwester gemeldet? Sie können sich 
wohl denken, daß ich einen nahen Verivandten meiner Frau 
niemals in Not und Elend hätte geraten lassen." 
„Ich könnte Ihnen darauf antworten, Herr Graf, cs sei 
das Schamgefühl des Schuldbewußten gewesen, das mich 
daran gehindert habe. Aber ich will mich nicht durch eine 
Lüge bei Ihnen zu empfehlen suchen. Ich habe mich nicht 
gemeldet, weil ich bis vor ivenigen Wochen nichts von der 
Verheiratung meiner Schwester und von ihrer Rückkehr nach 
Deutschland wußte. Aus dem Munde eines alten Bekannten 
erst, dem ich vor etwa einem Monate in den Straßen von 
Paris begegnete, erfuhr ich beides, und obivohl ich gerade 
damals auf dem Punkt war, mein verpfuschtes Dasein endlich 
von mir zu werfen, fesselte mich doch die Hoffnung, Ada 
noch einmal zu sehen und vielleicht ihre Verzeihung zu er 
langen für all das bittere Herzeleid, das ich ihr angethan, 
wieder an das Leben. Fast ohne Mittel machte ich mich von 
Paris auf die Reise, und mit Ausnahme weniger kurzer 
Strecken legte ich den ganzen Weg von der Grenze bis hier 
her zu Fuß zurück." 
„Jener alte Bekannte," fragte Erwin, einer plötzlichen 
Eingebung folgend, „war es vielleicht ein Herr Romcro de 
Riveira?" 
Ueberrascht blickte Kurt von Rüdiger zu ihm auf. 
„In der That, Herr Graf — er war es. Aber ich be 
greife nicht, wie Sic erraten können, daß gerade er " 
„Es bedurfte dazu keines besonderen Scharfsinnes; aber 
da gerade die Person dieses Herrn aus Gründen, die Sic 
später erfahren werden, für mich von einem ganz besonderen 
Interesse ist, bitte ich Sie, niir einige auf ihn bezügliche 
Fragen zu beantworten, che Sie in Ihrer Erzählung fort 
fahren. Wie kamen Sie, oder vielmehr wie kam Ihre 
Schwester zu der Bekanntschaft mit jenem Menschen?" 
Der Gefragte zögerte mit der Antwort. Eriviu, der die 
Gründe dieses Zögerns argivöhntc, kam ihm zu Hilfe. 
„Sie lernte ihn kennen, als sie dem Zirkus Bertinelli in 
Chicago angehörte — nicht wahr?" 
Jetzt hegte Adas Bruder offenbar keine Bedenken mehr, 
ganz ohne Rückhalt zu sprechen. 
„Ja, es geschah damals, daß ich ihn ihr vorstellte, aber 
ich glaube nicht, daß sie öfter als zivei oder dreinial mit ihm 
gesprochen hat. Sic erkannte ja sogleich, daß er der böse 
Geist meines Lebens war, und sie hat ihm von allem An 
beginn kein Hehl daraus gemacht, ivie tief sie ihn verabscheute." 
Heiß drängte dem Grafen alles Blut zum Herzen. Nie 
war cs ihm so schwer geworden, wie in diescni Augenblick, 
seine mächtige Erregung hinter der Maske äußerer Gelassenheit 
zu verbergen. 
„So mußte ich eine gelegentliche Aeußerung meiner 
Gattin mißverstanden haben," warf er ein. „Mir ist es, als 
hätte sie von freundschaftlichen Beziehungen gesprochen, die 
damals zwischen ihr und Riveira bestanden." 
„In der That, Sic haben sie ohne Zweifel mißverstanden," 
rief Kurt lebhaft, „cs ist nicht möglich, daß sie von jenem 
Elenden anders als mit dem, Ausdruck des Zornes und der 
Verachtung gesprochen hat. Sie hatte ihn ja sogleich durch 
schaut, und wenn ich damals ihren Warnungen gefolgt wäre, 
brauchte ich wahrscheinlich jetzt nicht so jämmerlich hier vor 
Ihnen zu stehen." 
Erwin kämpfte mit einem Entschluß, gegen dessen Aus 
führung sich noch etwas in seinem Innern auflehnte. Plötzlich 
aber warf er alle Bedenklichkeiten bei Seite, und nachdem er 
ungestüm eine der Schubladen seines Schreibtisches aufgerissen 
hatte, hielt er dem auf so seltsame Weise wiedergefundenen 
Schwager das verhängnisvolle Bildnis Adas im Amazonen- 
Kostüm entgegen. 
„Kennen Sie dies Porträt?" fragte er, und da der 
andere kopfnickcnd bejahte, wies er ihm auch die Rückseite. 
„Und wissen Sie, für wen diese Widmung bestimmt war?" 
Das wächserne Gesicht des jungen Mannes färbte sich 
jäh bis über die Stirn hinaus mit purpurnem Rot. 
„Wie sollte ich es nicht wissen, Herr Graf? Dies Bild 
war ja das letzte Geschenk, das ich von meiner hochherzigen 
Schwester empfing." foIg t.)
        
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