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Periodical volume Sonnabend, 8. Dezember 1900 Nr, 49

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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Oheims hin die Umstände ins Gedächtnis zurückrief, unter 
denen er Ada in Amerika kennen gelernt hatte, desto un 
begreiflicher und unsaßlicher wollte ihn das eben Erlebte 
dünken, desto mehr war er, ungeachtet aller scheinbaren 
Schuldbeweise, geneigt, an ein verhängnisvolles Miß 
verständnis zu glauben, das sich trotz alledem noch würde 
aufklären müssen. 
Im Hause eines deutschen Kaufmannes, an dessen vier 
Kindern sie seit etwa einem halben Jahre Mutterstelle vertrat, 
hatte er zuerst gesehen. Mit Bewunderung und Entzücken 
hatte er Ada ihr liebevolles Walten beobachtet, hatte er wahr 
genommen, mit wie abgöttischer Zärtlichkeit die Kleinen an 
ihr hingen, und er erinnerte sich gut genug der Ausdrücke 
unbegrenzter Hochachtung, mit denen jener ihm befreundete 
Kaufmann von ihr gesprochen. Und dies alles sollte möglich 
gewesen sein, nachdem sie eben erst die Manege verlassen, 
nachdem sie eben erst dem leichtfertigen Völkchen der Zirkus 
künstler als ihresgleichen angehört hatte! Es war einfach 
undenkbar, mochte sie selbst es auch hundert Mal zugestanden 
haben. 
Und das Bild mit der unseligen Widmung, die nach 
der Ansicht des alten Grafen nur eine einzige Deutung zu 
lassen sollte, war es denn in der That ein so ganz unwider 
leglicher Beweis dafür, daß sie ihn mit ihrer Versicherung 
belogen, und daß sie wenige Monate vor der ersten Be 
gegnung mit ihm in vertrauten Beziehungen zu einem 
andern, und obendrein zu einem Menschen gestanden hatte, 
der sicherlich schon damals ein Verbrecher geivesen war? 
Sie hatte es bestritten, und er war schon jetzt überzeugt, 
daß sie alles erklärt haben würde, wenn er sie nicht durch 
seinen beleidigenden Ziveifel an ihrer Wahrhaftigkeit daran 
gehindert hätte. Fast noch mehr als gegen sie wandte sich 
sein Groll bereits gegen den Oheim, durch dessen Einmischung 
er zu so harten Worten verführt worden ivar, und als der 
alte Graf nun mit aller Bestimmtheit die Notwendigkeit einer 
Scheidung betonte, fuhr er heftig auf und erklärte, er sei der 
freie Herr seiner Entschließungen, und er werde sich von 
niemandem Vorschriften machen lassen in einer Angelegenheit, 
die sein Lebensglück betreffe. 
Es war beinahe Mitternacht, als sie sich trennten. Ein 
tiefes Zerwürfnis hatte sich zwischen ihnen aufgethan, und 
mit glühendem Antlitz verließ Graf Erwin Fiddichow das 
Haus, um sich in dcu Klub zu begeben. Dorr erregte er 
das lebhafteste Erstaunen seiner Freunde, denn ein Benehmen, 
wie er es heute zur Schau tmg, hatte man nie zuvor an' 
ihm beobachtet. Er trank ziemlich viel und spielte am 
Baccarattische wie ein Unsinniger. Dabei war er bald 
von lärmender ausgelassener Lustigkeit, bald von einer zorn 
mütigen Reizbarkeit, die nur auf einen ziveideutigen Blick 
oder auf ein hingeworfenes Wort zu warten schien, die sich 
zum Anlaß eines Streites nehmen ließen. Als er mit den 
letzten aufbrach, fiel bereits die fahle Dämmerung des jungen 
Tages in die Fenster der Klubsäle, und das erwachende 
Leben der Großstadt begann sich in den Straßen zu regen. 
Einem ein für allemal erteilten ausdrücklichen Befehl 
seines Gebieters entgegen, hatte der Kammerdiener wachend 
seiner Heimkehr geharrt. 
Das auffallend ernsthafte Gesicht und das eigentümlich 
feierliche Wesen des Mannes mußten Erwin notwendig auf 
die Vermutung bringen, daß er irgend etwas auf dem Herzen 
habe. Mit geheimer Angst wartete er daraus, es zu ver 
nehmen; da aber der Diener beharrrlich stumm blieb, während 
er ihm beim Auskleiden behilflich ivar, vermochte er diesen 
Zustgnd der Spannung zuletzt nicht länger zu ertragen und 
fragte beinahe heftig: 
„Nun, was in aller Welt sollen diese Grimassen be 
deuten? Haben Sie mir etwas zn sagen? Hat man Ihnen 
vielleicht eine Bestellung für mich aufgetragen?" 
„Eine Bestellung — nein, Herr Graf! Und daß die 
Frau Gräfin abgereist sind, ist dem Herrn Grasen ja ohne 
Ziveifel bekannt." 
In diesem Moment streifte Erwins Blick über einen 
auf dem Tische des Toilettenzimmers liegenden Brief, den er 
bis dahin nicht bemerkt halte, und nun begriff er mit einem 
Mal alles. 
Das Blut drängte ihm heiß zuin Herzen. Aber er 
wußte sich zu bezwingen, und es klang ganz ruhig, da er 
erwiderte: 
„Natürlich iveiß ich's. Ist die Zofe mitgefahren?" 
„Zu Befehl, Herr Graf — doch nur bis zum Bahnhof, 
dann schickte die Frau Gräfin sie zurück." 
Es ist gut. Ich brauche Sie jetzt nicht weiter. Gute 
Nacht." 
Sowie er sicher war, daß der Mann ihn nicht beobachten 
konnte, stürzte er zu dem Tische hin und riß den Umschlag 
von dem Brief. Es waren Adas Züge, und die mit fester 
Hand geschriebenen Zeilen lauteten: 
„Ich gehe, Erwin, um nie mehr zurück zu kehren, 
denn ich würde mich selbst verachten müssen, könnte ich 
nach dem. was heute geschehen ist, nur noch eine Stunde 
länger mit Dir leben. Besorge indessen nicht, daß ich mir 
ein Leid anthun oder sonst etwas Konipromitticrendes 
unternehmen iverde, denn ich weiß, welche Rücksicht ich 
dem Namen schuldig bin, den ich jetzt noch trage. Und 
versuche nicht, meinen Aufenthhalt ausfindig zu machen. 
Es wäre verlorene Mühe, und selbst, wenn es Dir ge 
länge, wäre damit für keinen von uns etwas gewonnen. 
Ich leide für das, was ich gethan, vielleicht härter, als 
ich es verdiene, aber ich leide doch nicht schuldlos, und 
ich fühle, daß ich Deinem Drängen, Dir anzugehören, 
niemals hätte nachgeben dürfen. Laß denn den kurzen 
Traum unseres Glückes zn Ende sein und nimm noch cin- 
nial meinen Dank für alles Liebe, das Du mir erwiesen. 
Ada." 
Graf Erwin Fiddichow hatte den Abschiedsbrief seines 
Weibes wohl zwanzig Mal gelesen, ehe er das Blatt sinken 
ließ und sich stöhnend in einen Sessel warf, das brennende 
Gesicht in den Händen vergrabend. 
V. 
Es war an einem der letzten Januartage, und der 
Winter zeigte sein allergrämlichstes Gesicht. Um das alte 
Herrenhaus von Fiddichow ivirbclten mit kleinen stechenden 
Eisnadeln untermischt seit dem frühen Morgen die Flocken, 
und die Aeste der entlaubten Parkbäume ächzten kläglich, 
wenn der scharfe Nordost sie wie mit rohen Fäusten unbarm 
herzig schüttelte und zauste. Es war während des ganzen 
Tages kaum hell geworden und nun, um die vierte Nach 
mittagsstunde, lagen bereits die Schatten der abendlichen 
Dämnierung über der iveiten Schneelandschaft, die gar trost 
los einförmig und melancholisch aussah unter dem schwer 
hernicdcrhängenden grauen Wolkenhimmel. . 
Durch die lange Nüsternallee, die auf das Herrenhaus 
zuführte, kam ini Galopp ein Reiter herangesprengt. Es 
war Graf Erwin Fiddichow, hoch und stattlich wie immer, 
aber mit einer fremden, finsteren Falte zwischen den Brauen 
und mit einigen herben, gramvollen Linien an den Mund 
winkeln. Mutterseelenallein war er vor etwa drei Monaten 
ans das Gut zurückgekehrt, und mutterseelenallein hauste er
        
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