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Periodical volume Sonnabend, 1. Dezember 1900 Nr, 48

Full text: Der Bär Issue 26.1900

geschehen lassen. Aus dem Herzen Berlins heraus und in daS 
Reumodische hinein soll die verehrte Pflanzstätte des Humanismus? 
Da müßte doch erst haarscharf nachgewiesen werden, daß die 
Zahl der die Anstalt besuchenden Schüler rapide gesunken ist. 
Gewiß, Berlin entwickelt sich in einer London ähnlichen Weise, 
das Zentrum wird immer mehr Geschästsstadt, die Familien werden 
an die Peripherie gedrängt. Die Zahl der Schüler, die früher in großen 
Massen gerade aus dem Zentrum dieser Anstalt zuströmten, hat sich 
vermindert. Aber heute so wie früher stellen die Friedrichstadt, die 
Linden,ja sogar derTiergarten ein stattlichesKontingcntvonZöglingcn, 
und von einem schwachen Besuch der Anstalt kann noch gar keine Rede 
sein. Die Bewohner von Moabit versteifen sich ja auch keineswegs auf 
das Friedrichs-Werdersche Gymnasium. Sie wollen bloß ein Gym 
nasium. Sollte denn die „Stadt der Intelligenz" nicht reich genug sein, 
noch eine Bildungsanstalt zu gründen? Es ist indessen anzunehmen, 
daß der Magistrat mit Vorsicht vorgehen wird, denn die An 
gelegenheit läßt sich durch einen Mehrheitsbeschluß nicht erledigen; 
sie ist vielmehr so kompliziert und es haben so viele Faktoren dabei 
mitzusprechen, daß die Gefahr besteht, der Magistrat könnte sich bei 
einem voreiligen Beschluß eine schwere Niederlage holen. 
Kleine Mitteilungen. 
Vor 70 Jahren ivurde die Nestauration der uralten Burg 
Nheinstei» am Rhein vollendet. Der neue Burgherr war der Prinz 
schwindet sie ans den Urkunden und Chroniken, um Jahrhunderte 
später durch einen preußischen Prinzen zu nie geahntem Glanz 
emporzusteigen. 
Vereins-Nachrichten. 
Verein für dir Geschichte Berlins. 
Im Verein für die Geschichte Berlins sprach am 10. No 
vember im Bürgersaalc des Rathauses Herr Prof. Dr. Fr. Krüner 
über „Barbara von Brandenburg, Markgräfi» von Mantua, vor 
den zahlreich erschienenen Mitglieder», deren Dame» und Gästen. 
Barbara war eine Enkelin des ersten Hohenzollerii in der Mark, 
des Burggrafen Friedrich von Nürnberg, eine Tochter des Markgrafen 
Johann, dem seine Vorliebe für Goldmachcrei und seine Forschungen 
nach dem Stein der Weisen bei seinen Zeitgenossen den Beinamen 
Johannes Alchimista eintrugen, der erste in einer ziemlich langen Reihe 
braudenburgischer Alchimisten. In Franken geboren, nahm Johann 
bald seinen dauernde» Wohnsitz in der Mark, deren Statthalter er 
wurde, abwechselnd residierend in Rathenow, Tangermünde und Berlin, 
nw auch Barbara ihre erste Kindheit verlebte. Schon im vierten 
Lebensjahre wurde sie mit dem gleichfalls noch unerwachsenen Herzoas- 
sohn Joachim von Pommern-Stettin verlobt, dieses Verlöbnis aber 
sechs Jahre später auf ihre jüngere Schwester Elisabeth übertragen. 
Sie selbst ging in diesem Jahre 1433 als Braut des jungen neunzehn 
jährigen Lndowico Gonzaga nach Mantua, ivo sic sieben Jahre später 
mit demselben vermählt wurde. Ihre Brautzeit erfuhr zwar viele 
Das Land wird im Namen des Königs von Dänemark in Besitz genommen. 
Friedrich von Preußen, ein Sohn des Prinzen Ludwig Friedrich Karl 
und der Prinzessin Friederike von Mecklenbnrg-Strelitz. Geboren am 
30. Oktober 1794 nahm er an den Feldstlge» von 1813—16 teil und 
stieg bis zum General der Kavallerie. Sein gewöhnlicher Aufenthalt 
war Düsseldorf. Er vermählte sich mit der Prinzessin Luise von Anhalt 
Bernburg. Im Jahre 1825 kaufte Prinz Friedrich die gänzlich zerfallene 
Burg Rheinstein vom Freiherr» von Eyhr, dessen Familie sie als 
Mannlehn gehörte, ließ sie durch den Koblenzer Architekten Kühn mit 
sorgfältiger Berücksichtigung der noch vorhandenen Baulichkeiten wieder 
herstellen und durch den Maler Pose mit Malereien ausschmücken und 
füllte sie an mit nur echten mittelalterlichen Gegenständen, wie Brust- 
harnischen, Pickelhauben, Hellebarden (von denen eine im Schutt der 
Burg gefunden wurde), FalkonetS, kunstvoll geschnitzten Bettstelle» und 
anderen Haus- und Küchengeräten. Auch die Erker, Wendeltreppen und 
Schießscharten, die Waffen- und Speisesäle sind völlig dem Charakter 
des Mittelalters entsprechend. Als Prinz Friedrich am 27. Juli 1863 
starb, ließ er sich in der Burgkapellc beisetzen. Das Schloß kam in den 
Besitz seiner beiden Söhne, der Prinzen Alexander und Georg (von denen 
der letztere als Dramatiker bekannt ist). Die Burg Rheinstein hieß zuerst 
Boigtzberg sVaitzberg, Fouitshcrgf und tritt urkundlich 1279 auf. Hier 
soll Rudolf von Habsburg den Raubrittern des Rheinlandes mit der 
Strafe des Hängens gedroht, und trotz der Einsprache seines Marschalls, 
Waldeck von So »neck, eine Drohung auf einem Vorsprung des Rhein- 
ufers, wo jetzt die Clcmenskirche steht, ausgeführt haben. Der Erzbischof 
von Mainz, Peter von Aspelt, soll 1306 die Burg neu gebaut und zu 
Ehren des heiligen Vonifazins Fatzburg genannt haben. Zuletzt 
erscheint sie 1348 im Besitz eines Kuno von Falkenstcin, dann vcr- 
freudige Abwechslung durch Besuche der Ihrigen ans der Heimat, 
brachte ihr aber viel Herzeleid durch ein Zerwürfnis des regierenden 
Markgrafen mit seinem Sohne Lndowico, der drei Jahre die Heimat 
meiden mußte. Durch den Tod ihres Schwiegervaters 1444 wurde 
Lndowico Markgraf von Mantua und Barbara mit 21 Jahren 
regierende Fürstin, was sie 84 Jahre lang geblieben ist. Nachdem 
endlich die endlosen Streitigkeiten der kleinen obcritalienischcn Dynasten 
1454 durch den Frieden von Lodi auf längere Zeit beigelegt waren, 
machten Lndowico und Barbara Mantua zu einem Mittelpunkt für alle 
Künste und Wissenschaften in Obcritalien. Viltorino da Feltre, der 
erste Humorist Italiens, weilte bereits unter Lndowicos Vater dauernd 
in Mantua: Andrea Mantegna aus Padua schuf den noch heute zum 
großen Teil erhaltenen Bildercyklus in dem markgräflichen Schlosse, 
dem castello di coste (drei seiner Wandbilder waren in Reproduktionen 
im Saale ausgestellt). Ter Tvm-Bnnmcister Leon Battiste Alberti er 
richtete die noch heute vorhandene Hofkirchc S. Andrea im Renaissancestil, 
der in der ganzen Welt gefeierte Architekt Filippo Brnnellesco führte die 
gewaltigen Daminbautcn durch die Lagunen des Mincio aus und machte 
die Stadt dadurch erst zugänglich und zugleich zu einem gesunde» 
Wohnsitz. Den Höhepunkt in Barbaras Leben bildete das 1459/60 
in Mantua abgehaltene Konzil, wo sie als Wirtin fast alle Fürsten und 
Großen Europas weltlichen und geistigen Standes empfing und der 
Gegenstand allseitiger Huldigung war. Im 55. Jahre verlor sie ihren 
Gatten durch de» Tod und wurde drei Jahre später selbst abgerufen.
        
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