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Periodical volume Sonnabend, 1. Dezember 1900 Nr, 48

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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Schicksale eines flidpreuMchen Offiziaitten 
während des polnischen Insurrektionskrieges 1794. 
(Aus alten Familienpapieren.) 
^^nzwischen mußte ich fünf, sage fünf Stunden auf der Straße 
zur Schau für die gaffende Menge zubringen. Endlich ward ich 
zur Wache gebracht, und in der Osfiziersstnbe der Sicherheit wegen, 
wie man sich auszudrücken beliebte, wie ein gemeiner Verbrecher 
mit dem rechten Fuße an die Pritsche angeschlossen. Auch jetzt be 
diente ich mich des geheimen Schlüssels, der mir die Herzen meiner 
Gesellschaft erschloß, und ward schnell aus meiner schimpflichen 
Lage befreit. Gegen abend wurde ich endlich von der Wache 
abgeholt und vor die Kommission in den Palast des Fürsten 
Primas geführt; eine Eskorte von vier Mann mit geladenem Ge 
wehr führte mich vor. Man stellte mit mir ein weitläufiges Ver 
hör au, das mit peinlicher Genauigkeit zu Protokoll gebracht wurde. 
Nach Beendigung desselben wurde ich in den Zalnskischen Palast 
geführt, um daselbst den weiteren Verlauf der über mich verhängten 
Untersuchung abzuwarten. Ich fand dort verschiedene Zivilbeamte 
vor, welche aus Süd- und Westpreußen weggeschleppt worden 
waren, unter anderen die beiden Kriegsräte Schepius und Bros- 
kovins aus Bromberg, wie auch den Warschauer Postdirektor. Sie 
alle schmachteten seit Beginn des Aufstandes in Gefangenschaft. 
. „Ein neuer Bruder!" riefen sie mir zu und luden mich als 
Leidensgenossen kameradschaftlich ein, auf ihrem Strohlager Platz 
zu nehmen. Natürlich wimmelte es auch hier von Ungeziefer aller 
Art. Dabei herrschte allgemeiner Mangel, und niemand wurde 
hinausgelasfen. Ich fand indessen bald Mittel und Wege, trotz 
unserer strengen Bewachung, zwei mir bekannte Warschauer Kauf 
leute meine Gefangenschaft wissen zu lassen, und bat um deren 
Unterstützung, vor allem um Wäsche. Meine Botin, eine Magd 
des Koches im Palast Zaluski, fand meine Bekannten bald aus 
und brachte mir gute Nachricht nebst einigen Hemden und anderer 
Leibwäsche, die ich so lauge entbehren mußte. Ein diesen Gegen 
ständen freundlichst beigefügter Teller mit Kuchen wurde von mir 
und meinen Mitgefangenen als ein seltener Leckerbissen sofort 
verzehrt. Ich sing nun an, neue Hoffnung zu schöpfen. Zu 
meiner Freude wurde ich nicht getäuscht, denn schon am 
anderen Tage wurden mir Kaffee, Suppe, Wein und Brot gesandt, 
wozu sich noch die Ueberraschung gefellte, meine beiden Wohlthäter, 
als polnische Waschweiber verkleidet, mit einem Bündel Wäsche 
in unser Gefängnis eintreten zu sehen. Die Wache, welche, ich 
bereits vorher reichlich mit Branntwein traktiert hatte, war so ge 
fällig, mich mit meinem Besuch allein sprechen zu lassen. Die 
beiden biederen Männer zeigten sich in der opferwilligsten Weise 
bereit, mir in meiner unverschuldeten Notlage zu helfen und mit 
ihrem Vermögen zu dienen. Sie boten mir Geld und Kredit an, 
ivas ich jedoch vorläufig dankend ablehnte, da ich hoffte, mit 
meinen in den Stiefeln bewahrten Dukaten auszukommen, behielt 
mir aber vor, das gütige Anerbieten in künftigen Notfällen an 
zunehmen. Die Gelegenheit dazu sollte sich später finden. 
Dieser Besuch hatte die angenehme Wirkung, daß die bereits 
erwähnte Magd des Koches sich mir noch geneigter zeigte als zuvor. 
Sie ermöglichte es mir, jede Nacht auszugehen, indem sie mich 
am späten Abend durch ein Pförtchen, zu dem sie den Schlüssel 
besaß, durchschlüpfen ließ, jedoch unter der Bedingung, daß ich mich 
alle Morgen vor Tagesanbruch in meinem Gefängnisse wieder ein 
fände. Von diesem Vorteile machte ich reichlichen Gebrauch, ich 
speiste und schlief bei meinen Freunden bis gegen morgen. Jedes 
mal erhielt die Pförtnerin einen halben Gulden znr Belohnung. 
So lebte ich denn in meiner Gefangenschaft ziemlich erträglich 
bis zum 4. November, jenem blutigen Tage, welcher der pol 
nischen Revolution und dem ganzen Staate ein Ende machte. Es 
war gegen morgen, als ich von meinen Freunden aus dem Nacht- 
guartier nach meinem Haftlokale zurückkehrte. Noch war es ganz 
finster. Auf den Straßen bemerkte ich sehr unruhige und angstvolle 
Bewegungen. Ich teilte meinen Gefährten mit, was ich beobachtet 
hatte; wir alle blieben in der beklemmendsten Erwartung und 
harrten sehnsuchtsvoll dem Tag entgegen. Es beherrschte uns ein 
von Angst und Freude gemischtes Gefühl. Allmählich wurde das 
Getümmel auf der Straße lauter. Unsere Unruhe wuchs, denn 
man konnte deutlich das Geschrei von Männern, das Wehklagen 
der Weiber und Kinder unterscheiden. Dazwischen ertönte der 
grausige Donner der Kanonen, von den jammernden Stimmen der 
Fliehende» begleitet. Unter dieser namenlosen Aufregung war der 
Tag angebrochen. Wir traten an das Fenster, welches eine freie 
Aussicht auf die Vorstadt Praga hatte. — Gott, welch ein Anblick 
bot sich uns in der Ferne dar! — Die Russen waren Meister von 
Praga geworden. Sie hatten die polnischen Verschanznngen am 
rechten Ufer des Stromes gestürmt und sich ihrer innerhalb 
einer Stunde bemächtigt. Im Rausche des Sieges kühlten die 
rohen Soldaten ihre Kampfeswnt in dem Blute der unglücklichen 
Einwohner und hieben nieder, was ihnen begegnete. Es kamen 
Szenen vor, in denen die menschliche Bestialität gräßliche Orgien 
feierte, da die an und für sich schon vertierten moskowitischen 
Scharen, durch langandauernde blutige Kämpfe noch mehr erregt, 
nicht einmal die in der Wiege schlummernde Unschuld schonten. 
Roch ganz versunken in den traurigen Anblick, wurde ich 
durch das hastige Eintreten des polnischen Hauptmanns, welcher 
in unserem Kerker mit dreißig Soldaten die Wache hatte, auf 
geschreckt. Der unglückliche Mann brachte mir zitternd und bebend 
seine Frau und Kinder. Flehentlich bat er mich, sie unter 
meinen Schutz zu nehmen, indem ich sie als preußische Gefangene 
angeben möge. Gleichzeitig übergab er mir vertrauensvoll seine 
Habe, welche einigen Wert hatte, znr Aufbewahrung. Es gelang 
mir später, seine Familie und seine Habseligkeiten in Sicherheit zu 
bringen. Von diesem Augenblick an waren wir frei. Alle Thüren 
standen offen, da die Wache vor Angst davon gelaufen war. Ich 
begab mich hinunter auf die Straße und lenkte meine Schritte 
nach der Vorstadt Paga zu. Beim ersten Anblick fand ich aller 
Orten auf den Straßen verwundete und kranke preußische Sol 
daten, welche in Rinnsteinen, auf Misthaufen und hinter Zäunen 
herum lagen. Durch das erduldete Elend stumpf geworden, hatten 
die Armen diese widerlichen Lagerstätten aufgesucht, um durch 
Bettelei das Mitleid der Vorübergehenden heraus zu fordern. Sie 
waren vor Erschöpfung und Leiden nicht mehr imstande, sich regel 
recht zu bewegen, sondern krochen auf allen Vieren vorwärts. Ich 
' ließ die Unglücklichen sofort durch polnische Tagelöhner nach meinem 
bisherigen Gefängnis bringen, die Thüren des Palastes auf 
schlagen und die Elenden auf teuer erkauftes Stroh betten. Medi 
kamente und Lebensmittel waren schwer zu finden. Mit Mühe 
und Not erhielt ich für meine armen Landsleute das Nötigste, 
nebst einigen Wundärzten und Aufwärtern. So errichtete ich in 
mitten einer feindlichen Stadt eine Art von Lazarett, ohne von 
jemand dazu den Auftrag zu haben. 
Nachdem nun für die Kranken einigermaßen gesorgt war, hielt 
ich es für Gewissenssache, mich nach den unglücklichen, preußischen 
Gefangenen umzusehen, welche dazu verurteilt waren, in Praga 
Schanzarbeiten zu verrichten. Zu diesem Zweck war mir die Be 
kanntschaft von fünf gefangenen russischen Offizieren, die ich wäh 
rend meiner Internierung gemacht hatte, außerordentlich nützlich. 
In der Freiheit erneuerten wir die Freundschaft, machten bei einer 
Punschbowle Brüderschaft, tranken auf die Gesundheit der russischen 
Kaiserin Katharina II., der Großen, Friedrich Wilhelms, meines 
Königs, sowie des braven Suwarow. Wir fuhren sodann über 
die Weichsel, nachdem mir meine Freunde vorher ein russisches 
Kordon auf dem Hute befestigt hatten, damit mich dieses den 
gefürchteten Kosaken als deren Landsmann kenntlich machen sollte. 
Das Schauspiel, welches sich uns auf dem jenseitigen Ufer darbot, 
entlockte meinen Augen bittere Thränen des Schmerzes. Der An 
blick war ebenso entsetzen- wie mitleiderregend. Siebzehn- bis acht 
zehntausend Menschen beiderlei Geschlechts, jung und alt, Mütter 
mit ihren Säuglingen lagen, bunt durcheinander gewürfelt, in der 
Vorstadt umher. An einzelnen Stellen lagen die Leichen zu förm 
lichen Hügeln aufgetürmt. Dazwischen tote Soldaten, nieder 
geschossene Pferde, zerbrochene Wage» und Stangen, getötete Hunde, 
Katzen, Schweine und Rindvieh, denn auch die armen, friedlichen 
Haustiere waren nicht verschont worden. Die Körper der Er 
schlagenen waren nackt, hin und wieder zuckte unter den Leichnamen 
ein Arm oder ein vorgestreckter, nackter Fuß. Die ganze Vorstadt 
Praga war in Feuer und Rauch gehüllt. Häuser, Stallungen, 
Gartenzänne und Bäume brannten. Unter den Flammen stürzten 
krachend die Gebäude zusammen, und die Schreckensszenen wurden 
noch fürchterlicher durch das jammervolle Geschrei der Verwundeten 
oder Verfolgten. Ganze Haufen blutiger Kleidungsstücke waren 
von den Siegern als willkommene Beute aufgestapelt worden. 
Einige Kosaken boten sie mir zum Kauf an. Ich zeigte mich 
bereitwillig, eine» Handel mit ihnen zu schließen, verlangte jedoch 
zuvor, sie sollten mir diejenige Stelle zeigen, wo ich die preußischen 
Gefangenen anträfe. „Dort, weiterhin, gegen die Weichsel liegen 
sie," gaben sie mir zur Antwort, „wir kannten sic nicht, und so 
starben sie während des Sturmes als brave Soldaten." Sofort 
begab ich mich mit meinen Begleitern und einem Schwarm Kosaken 
nach dem mir angegebenen Ort und fand daselbst ungefähr 250 
preußische Gefangene, sämtlich niedergehauen. Unter ihnen lagen 
noch verschiedene, die noch nicht tot waren und mir durch ihre 
Jammertöne das Herz zerrissen. Ich ließ sogleich die Haufen aus 
einander werfen und zog unter Beihilfe der Kosaken, welche diese 
menschenfreundliche Handlung scheinbar gern verrichteten, oder auch 
nur in Erwartung eines guten Trinkgeldes, 32 Mann, die »och 
Leben verrieten, unter den Toten hervor. Die Kosaken luden die 
Unglücklichen auf ihren Rücken und schleppten sie, so gut sic 
konnten, durch Ruinen und über die Feuerplätze an die Weichsel, 
wo ich ihnen für jeden Geretteten zwei polnische Gulden bezahlte.
        
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