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Periodical volume Sonnabend, 24. November 1900 Nr, 47

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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hervorgWcht worden, um sie beide kümmerlich zu ernähren, Ihre 
Mutter allein zn lassen, die der Pflege so sehr bedurfte, das ver 
mochte das gute Mädchen nicht, obwohl sie schon manches Mal 
daran gedachte, irgendwo etwa als Verkäuferin in ein Geschäft einzu 
treten, Ach, ivie schön und traulich, wie sorgenlos, wenn auch einfach, 
hatte man früher zusammen gehaust, als der Vater noch lebte! 
lind nun keine helfenden Freunde auf der Welt, dazu diese 
geringe Pension — auch hier das „Salz aufs Brot" in 
Wahrheit, denn dieses Brot war nicht selten trocken. Was sollte 
werden, wenn ihre Mutter dereinst die Augen schloß und auch diese 
Zubuße iu Fortfall kam? Das arme Kind ward von Zittern be 
fallen, Thränen traten ihr ins Auge. 
„Rur das nicht, Barmherziger, nur das nicht!" murmelte sie, 
schnell das Taschentuch zum Auge führend, da sie sich beobachtet 
sah. Nur keinem Menschen klagen, nur kein Mitleid Fremder! 
Die mühsam errungene Pension in ihrem Portemonnaie bergend, eilt 
das Mädchen schnell der Ausgangsthür zu, sie hat ja Eile, große 
Eile, Deshalb bemerkt sie auch nicht den auf sie gerichteten über 
raschten und forschenden Blick eines ältere» Herrn, der soeben, sich 
gleichfalls der Treppe nähernd, die Kasse verläßt. 
Seine Hand legt sich plötzlich leise auf ihren Arm; sie erschrickt, 
mißt den sie Berührenden mit einem furchtsamen und zugleich 
erstaunten Blick und will weitereilen, 
Ei» Ruf fesselt ihren Fuß: „Eora!" 
Wie elektrisiert dreht sie sich zurück, 
„Kennen Sie mich denn? Woher wissen Sie?" — Unwill 
kürlich ist sie stehen geblieben. Der alte Herr, sic mit Wohlgefallen 
betrachtend, lächelt aufs neue; sein freundliches, Vertrauen er 
weckendes Auge giebt ihr Mut, 
„So sind Sie es also wirklich, kleine Cora? Cora von Wernding?" 
„Das ist mein Raine, aber —" 
«Nur ruhig, Kindchen, wird sich alles finden; damit Sie aber 
wissen, wer Sie ansprach: ich bin der Oberst von Blasser, ehe 
maliger Regimentskamerad Ihres Vaters; leider erfuhr ich erst in 
voriger Woche", mitleidsvoll schüttelt er ihr die Rechte. 
„Leider ja; vor einem Jahre!" 
„lind Ihre Mutter?" 
„Krank, recht krank, darum bitte, bitte —" und sie will ihm 
enteilen, 
„Halt, halt; so leicht werden Sie mich denn doch nicht wieder 
los; ja, ich habe sogar gewisse Rechte, es zu verlangen, daß ich 
Sie begleite. Oder wissen Sie gar nicht, daß ich Ihr Pate bin? 
— Nun ja doch! Und jetzt komme ich mit zu Ihrer kranken 
Mutter! Kommen Sie, Sie sind eilig, nehmen wir hier die Droschke! 
Nur fix, fix und keine falsche Scham! Die ist hier deplaziert." 
Unterwegs teilt der Oberst der Aufhorchenden mit, daß ihr 
verstorbener Vater sein bester Freund gewesen sei; der Wechsel der 
Garnisonen habe sic getrennt, die Korrespondenz sei schließlich ein 
geschlafen, und erst durch Zufall habe er zu seinem Schmerz den 
Tod des Freundes erfahren. Seit jener Zeit sei sein eifrigstes 
Bestrebe» gewesen, den Aufenthalt der Witwe und ihrer Tochter zu 
ermitteln; er sei reich, unabhängig, kinderloser Witwer, und von 
vornherein sei es sein sehnlichster Wunsch gewesen, sich der Hinter 
bliebenen seines Freundes anzunehmen. 
„Und nun, mein liebes Patchen, blicken Sie froh in die 
Zukunft; was ich nicht ahne, werde ich von Ihrem Mütterchen ja 
ohne weiteres erfahren. Die Tage des Kummers — oh ich sehe 
scharf — sollen sich hoffentlich in Tage der Freude verwandeln. 
In welcher Weise das sich am besten arrangieren läßt, behalte ich 
der Rücksprache init Ihrer lieben Frau Mutter vor. Das aber 
sage ich Ihnen von vorn herein, Sie sind mein Patchen und ich 
Ihr zweiter Vater, mich werden Sie nicht wieder los; Ihre und 
Ihrer Mama Zukunft ist fortan auch die »reinige. Und nun 
zeigen Sic mir den Weg zu meiner alten, kranken Freundin, die 
wir zunächst gesund machen wollen; Sie sehen, der Gott, der 
Witwen und Waisen beschirmt, hat auch Sie nicht verlassen!" 
Das Eisenbahnunglück bei Offenbach. 
<Mei der Blockstation Nr, 11 zwischen Mühlheim und Osfcnbach 
^ fuhr sliii Abend des 8. November um 10'/, Uhr der Per- 
sonenzug Nr, 328 Hanau—Frankfurt a, M ans den dort haltenden 
Durchgangszüg Nr, 42, der um 1 Uhr 44 Min, mittags Berlin 
verlassen hatte und um 10 Uhr 34 Min, abends in Frankfurt a, M, 
eintreffen sollte. Bei dem heftigen Zusammenstoß explodierte der 
Gasbehälter im letzten Wagen des Dnrchgangsznges; das aus 
strömende Gas entzündete sich und setzte die beiden letzten Wagen 
in Brand. Die Insassen des vorletzten vermochten sich, zu retten, 
wogegen diejenigen des letzten Wagens bis ans zwei Personen in 
den Flammen umkamen. 
An der Blvckstation Nr, 11 hatte der Berlin-Frankfurter 
V-Zug halten sollen, um die Ankunft einer ihm voranssahrenden 
Lokomotive in Offenbach abznlvarten. Wegen des an jenem 
Abend herrschende» dichten Nebels, der schon auf eine Entfernung 
von 5 Metern nichts mehr erkennen ließ, hatte der Lokomotiv 
führer des V-Znges das Haltesignal am Block 11 zu spät be 
merkt und war vorüber gefahren; er brachte den Zug zum Stehen 
und drückte ihn bis über das Blocksignal hinaus zurück. Das 
Signal war aber inzwischen von der Station Offenbach entblockt 
ivorden. Der Bahnwärter hatte angenommen, daß der an ihm 
vvrübcrgefahrene und im Nebel verschwundene V-Zug weiter fahren 
würde, hatte das Blocksignal nachträglich auf freie Fahrt gezogen 
und es dann wieder vorschriftsmäßig auf Halt zurück gelegt, wo 
durch die rückwärtige Strecke bis Mühlheim entblockt worden war. 
In Mühlheim wartete der Personenzug Hanau—Frank 
furt a, M. ans das Ansfahrtsignal, das ihm sofort nach Frei 
gabe der Strecke von Block 11 durch Station Mühlheim gegeben 
wurde. Cr setzte sich darauf in Bewegung und traf mit voller 
Fahrgeschwindigkeit bei Block 11 auf den V-Zug. 
Die Lokomotive des Pcrsonenzuges splitterte den letzten Wagen 
des V-Znges nach rechts und links in zwei Teile. Der Dampf 
der Heizung strömte sofort aus, und der Gasbehälter barst. Der 
furchtbare Anprall drückte den letzten Wagen auf den nächsten, eben 
falls einen sogenannten V-Wagen, der in die Höhe gehoben wurde, 
während die beiden vorderen Personenwagen nebst dem Packwagen 
und der Maschine auf dem Gleise stehen blieben. Durch die Explosion 
des Gases, das wohl durch die unmittelbar damit in Berührung 
gekommene Feuerung der Maschine des Personenzuges in Brand 
geriet, wurden die Trümmer des letzten Wagens augenblicklich in 
Flammen gesetzt. Eine Rettung der in demselben befindlichen Per 
sonen konnte nicht bewerkstelligt werden, weil sie infolge der Zer 
trümmerung fest eingeklemmt waren. Nur der Schaffner und ein 
Passagier, die sich während des Zusammenstoßes im Korridor des 
Wagens aufhielten, entgingen dem Feuertode. 
Während von dem gänzlich zerstörten und verbrannte» letzten 
Wagen nur einzelne Eisenteile übrig blieben, stand von dem vor 
letzten Wagen noch das allein unversehrte eiserne Trägergestell ans 
den vier Achsen; das ans Holz erbaute Obergestell war aber auch 
hier von den Flammen verzehrt worden. 
Die aus Offenbach, Mühlheim und Bürgel herbei geeilte 
Hilfe mußte sich darauf beschränken, die vollständig verkohlten 
Knvchenreste der Opfer des Zusammenstoßes zusammen zu lesen, 
die nach der Leichenhalle des Offenbacher FriedhoieS gebracht 
wurden. Die wenige» Fündstücke nahm der Bürgermeister 
von Bürgel in-Verwahrung. Das 2. Bataillon des Infanterie- 
Regiments Rr, 168 sperrte die llnfallstätte ab. Die Ränninngs- 
arbeiten ermöglichten um 4'/, morgens die Wiederaufnahme des 
Betriebes aus dem einen Gleis der Bahnstrecke, Der lleberrest 
des v-ZngeS lief anderthab Stunden nach dem Unglück in den 
Frankfurter Hanptbahnhof ein; erst durch diesen Zug wurde dort 
die bei Blockstation 11 eingetretene Katastrophe bekannt, da durch 
die Flammen der beiden verunglückten Wagen auch die benach 
barten Telegraphenstangen in Brand geraten waren, wodurch die 
Leitung eine Unterbrechung erlitten hatte. 
Kleine Mitteilungen. 
Ein vollständiges Verzeichnis der Offiziere Schills findet 
inan in „Ferdinand von Schill und seine Schar. Zur Erinnerung an 
die Beerdigungsfeier der irdische» Neberreste von vierzehn im Jahre 1809 
bei St. Leonhard unfern Braunschwcig erschossenen Schillschen Krieger» 
und au die Einweihung des denselben ans der Stätte ihres Todes 
errichteten Denknials am 19. März 1837" (rin Exemplar im Museum 
des Herrn Bührig, Leipzig, Reichsstraße, Kochs Hof), ergänzt durch 
„Das Haupt Ferdinands von Schill" scbenda). Es sind folgende: 
Hauptmann von Alveiislebcu-Zichtau (fiel in Stralsund), von Alvens- 
leben-Schlippenbach (früher im Regiment Königin-Dragoner, weiteres 
unbekannt), Därsch (früher im Frcijäger-Korps des Majors Grafen 
von Krokoiv, nahm als Major seinen Abschied, Laudrat des Pruyiiicr 
Kreises im Regierungsbezirk Trier, dann Rcgierungsrat in Trier), 
Benada (Volontäroffizier, daun im Dienst des Herzogs von Braunschiveig-
        
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