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Periodical volume Sonnabend, 24. November 1900 Nr, 47

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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lassen bars. Bilder in grellen Farben schmücken die Wände. 
Darunter mahnt die Darstellung einer Pumpe mit angeschlossenem 
Schwengel und der Unterschrift: „Hier wird nicht " den 
Gast etwas kräftig daran, daß er noch andere Pflichten als trinken 
habe. Zarter wird ihm dieser Wink durch das Bild eines Rosen 
straußes gegeben, aus dem spitze Dornen hervorragen. Der sinnige 
Vers darunter lautet: „Die 
Rose blüht, der Dorn der 
sticht; wer gleich bezahlt, ver 
gißt es nicht." 
Trotz der Enge und der 
muffigen Luft schwingt sich 
an Sonntagen hier die junge 
Welt des Ortes im Tanze 
bei einer Musik, von der die 
Baßtöne, die den Takt ans 
geben, das beste sind. * 
III. Der Rabenstein. 
Das dritte der alten 
Schlösser im Amte Belzig ist 
der Rabenstein. GrafBederich, 
dessen wir in der Geschichte 
des Schlosses Eisenhardt ge 
dachten, soll auch diese Burg 
erbaut haben. Sie liegt 
ziemlich in der Mitte zwischen 
Belzig und Wittenberg bei dem Dorfe Raben. Ein langweiliger, 
elf Kilometer langer Weg führt von Belzig dort hin; aber wenn 
man das Ziel erreicht hat, wird man für die Mühe der Wanderung 
belohnt. Eine prächtige, wohlerhaltene Ruine erhebt sich vor uns 
auf einer über sechzig Meter hohen Anhöhe, die schroff in das 
Plauethal vorspringt. Es ist ein achteckiger Bau, der von 
zwölf Meter hohen, starken Mauern eingeschlossen ist. Wcin- 
und Epheuranken schlingen sich anmutig darum. Durch ein ge 
wölbtes Thor gelangt man in den Burghof, dessen Gebäude ein 
mächtiger Wartturm hoch überragt. Rechts vom Eingang steht 
ein freundliches Wohnhaus. Ein Bau aus alter Zeit mit Rund- 
bogenfenstern liegt dem Thor 
gegenüber. Er wird jetzt zu 
Wirthschaftsränmen benutzt. 
Die Burgkapelle hat ein 
schönes Glasgemälde, das 
Maria mit dem Jesuskinde 
darstellt. Von der Plattform 
des Turmes hat man eine 
herrliche Aussicht. Das üppige 
Wiesenthal der Plane, die in 
der Nähe entspringt, die bc- 
bewaldeten Hügel, zwischen 
denen die roten Ziegeldächer 
der Dörfer hervorschimmern, 
der schöne Park am Abhange 
des Schloßbergcs gewähren 
ein Bild, das auch den erfreut, 
der von der schönen Gottes- 
natur schon mehr gesehen hat. 
Bis in das 15. Jahrhundert 
besaß die Familie von Oppen den Rabensteiu. Es gehörte dazu die 
Gerichtsbarkeit über 15 Dörfer. Im Jahre 1806 kam er mit dem 
Amt Belzig an Preußen. Sein Besitzer ist jetzt der Herzog von Anhalt. 
Es ivird von einem herzoglichen Förster bewohnt, dem die Pflege 
der umliegenden Waldungen anvertraut ist. Paul Ouade. 
Vurg Rabenjtein. 
(Rach einer Aufnahme von H. Zernsdorf in Belz'g und Lehnn».) 
Schicksale eines südpreußischen Offizianten 
während des polnischen Insurrektionskrieges 1794. 
(Aus alten Familienpapieren.) 
itf Befehl meines Königs (Friedrich Wilhelm II), welcher mich 
int Sommer des Jahres 1794 durch Kabinctsordre zu dem 
Feld-Kriegskommissariat zu berufen die Gnade hatte, sollte ich 
Zeuge jener schrecklichen Revolution werden, welcher die Gemüter 
von ganz Europa in Spannung und Aufregung erhielt. 
Ich wurde von Berlin zunächst nach Posen, von dort mit 
einem Transport von Magazinutensilien nach Plock geschickt, dann 
aber sechs Meilen weiter nach Wyszogrod an der Weichsel beordert, 
wo ich bei dem dortigen Feld-, Fonrage- und Mehlniagazin zum 
Rendanten und Kommissarius ernannt wurde und das ganze 
Magazin nebst der Kasse in Empfang nahm. 
Meine Arbeiten in Wyszogrod waren mannigfaltig und 
schwierig. Ich hatte so schnell, wie es nur irgend geschehen konnte, 
die Magazine zu füllen und dabei mit der Habsucht der jüdischen 
Lieferanten, wie auch mit dem bösen Wille» der Einwohner, unter 
welchen der Geist der Insurrektion herrschte, täglich zu kämpfen. 
Die Nächte mußte ich dazu verwenden, um meine Bücher zu ordnen 
und zwischen Einnahme und Ausgabe Uebereinstimmung zu erhalten. 
Alle Speicher standen leer, dessen ungeachtet war es mir nicht 
möglich, Behältnisse zu Roggen, Hafer und Mehl von den Ein 
sassen zu erhalten, wenn ich sie nicht, durch militärischen Bei 
stand unterstützt, mit Gewalt wegnahm. Zum Rauhfutter jedoch 
wußte ich kein Obdach zu finden, so daß ich mich genötigt sah, 
das Heu und Stroh in Schober setzen zu lassen. Da ich befürchten 
mußte, daß die Uebelgesiunten, um uns Schaden zuzufügen, Feuer 
bei denselben anlegen möchten, so traf ich die Einrichtung, daß die 
aufgesetzten Schober jedes Mal, wenn auch nicht ganz, doch mit 
dem einen Ende entweder an das Haus eines Edelmannes oder 
an die Wohnung oder das Borwerk eines Geistlichen zu stehen 
kamen, damit diese meinen Vorräten gleichsam zum Schutze diene» 
mußten und sic nicht angezündet werden konnten, ohne daß zugleich 
das Eigentum des Adels und der Geistlichkeit ein Raub der 
Flammen würde. Daß meine Vorsicht nicht unbegründet war, be 
wiesen mir die wiederholten Vorstellungen, welche mir deswegen 
von Geistlichen und Adeligen gemacht wurden, aber gerade diese 
bestärkten mich noch in meinen Maßregeln, und die Stellung der 
Schober mußte bleiben. 
Die Garnison war leider zu schwach, um für alle Wachen 
Mannschaften abzugeben. Ich selbst war deshalb gewissermaßen 
gezwungen, alle Nächte Patrouillengänge bei meinen Magazinen zu 
machen. So blieb denn alles unversehrt. Als aber die Polen in 
Westpreußen eindrangen und auf ihrem Marsche das Magazin zu 
Kainion und das zu Pieciska in Brand gesteckt hatten, verhehlten 
die Einwohner ihre Gesinnungen nicht mehr und bedrohten mich 
mehr als einmal mit dem Tode, wenn ihre Landsleute nach 
Wyszogrod kämen. 
Der Feind nahte sich auch wirklich der Stadt bis auf einen 
Flintenschuß. Dicht am jenseitigen linken Ufer der Weichsel standen 
seine Schildwachen, welche nach der Stadt schossen und mit ihren 
Kugeln bis an das Kloster reichten, in welchem ich einquartiert 
lag. Von preußischer Seite machte man die ernstlichsten Anstalten 
zur Verteidigung, obgleich man nicht hoffen durfte, dem zahlreichen 
DombrowSkischen Korps, welches mit ausreichender Artillerie versehen 
war, auf längere Zeit zu widerstehen. Bald kam auch die Nachricht, 
daß der Feind eine halbe Meile von der Stadt über die Weichsel ge 
setzt wäre und 800 Mann Kavallerie schon den Fluß durchschwommen 
hätten. Es ward plötzlich Alarm geschlagen, das Militär verließ 
sogleich sämtliche Wachen und besetzte die Redoute. Da ich mein 
Korn, Hafer, Heu und Stroh leider nicht mehr retten konnte, mußte 
ich es notgedrungen im Stiche lassen und ergriff vor allen Dingen 
den Geldbeutel und meine Papiere. Beides legte ich als ein mir 
anvertrantes Gut in der Kirche auf dem Altar nieder und verbarg 
es sorgfältig unter dem Rocke der Mutter Gottes. Nur bei diesem 
Versteck durfte ich mich der Hosfnuug hingeben, daß es den raub 
gierigen Händen der Feinde entgehen würde. Hierauf eilte ich 
nach der Redoute, wo ich unser ganzes Militär zur Verteidigung 
bereit fand. 
Dem Feinde wäre es dainals bei seiner Uebermacht gewiß ein 
Leichtes gewesen, sich der Stadt zu bemächtigen, aber sei es, daß 
dies wider seinen Plan war, oder daß ihn der Donner eines 
preußischen Kanonenschusses abschreckte, genug, er zog sich zurück. 
Mit dem Einbruch der Nacht verließ die Besatzung die Redoute, 
blieb aber bis zum Morgen unter den Waffen und lagerte auf 
dem Markte Mein erster Gang war nach der Klosterkirche, um
        
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