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Periodical volume Sonnabend, 17. November 1900 Nr, 46

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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manchmal Staub und Strohhalme säulenförmig in die Höhe 
treiben, bis zu den großen Sand- oder Laiidhoscn der ameri 
kanischen und russischen Steppen. Wasserhosen sind auch auf 
Binnengewässern, so über den Schweizer Seen, beobachtet worden. 
Starke Unterschiede in der Temperatur der übereinander lagernden 
Luftschichten, wie sie an heißen Tagen selbst in unseren Regionen 
vorkommen, in den Tropen natürlich noch viel häufiger, bewirken 
eine saugende Wirkung nach unten. Don allen Seiten strömt die 
etwas kältere Lust nach und wird in den Lnftschacht gezogen, der 
sich durch die schnell emporgerissene Schicht bildet, und kleine Un 
gleichheiten in der Schwere der Luft bewirken eine drehende, 
kreisende Bewegung, einen umgekehrten Strudel. Geschieht dies 
über einer Wasserfläche, so wird naturgemäß auch Wasser mit 
emporgeftihrt, und wenn die Bewegung eiue recht starke geworden 
ist, so giebt es eine wirbelnde Wassersäule, eine sogenannte Wasserhose, 
manchmal auch mehrere, in nicht zu weiter Entfernung von einander. 
So ungefährlich im allgemeinen die Wasserhosen auf der 
hohen See ihr Ende finden, indem sie allmählich ihre Kraft ver 
lieren und in sich selbst zusammenfallen, so vermögen doch auch 
sie an der Küste .kleineren Schiffen gefährlich zu werden. Aber 
das sind Ansnnhmefälle. 
von Meerestieren aller Art, durch die Kieselpanzer anderer Tiere 
noch vermehrt werden, und die durch die Bcrschiebungcn auf der 
Erdoberfläche, durch Hebungen des Meeresbodens und Senkungen 
des festen Landes, Vorgänge, die Millionen von Jahren i» An 
spruch nehmen, 3« der Schöpfung von Ländern, von Kontinenten 
geführt haben, mit fruchtbarem Boden auf der Oberfläche. 
Auf dem starren Fels, wie er beim Erkalten der glühenden 
Erdrinde zuerst entstanden ist, hätte sich kein Leben entfalten 
können. Das Meer ist e§ gewesen, das in nimmer rastender 
Arbeit, durch die Jahrtausende und Jahrmillionen hindurch, cs 
ermöglicht hat, daß Pflanzen und Tiere und schließlich auch 
Menschen auf der Erde, die erst dadurch den Namen „Erde" ver 
dient, sich entfalten konnten. 
Das Meer ist unser aller Bater. 
Hermann Heiberg. 
* m 19. November d. I. feiert einer unserer beliebtesten und 
talentreichsten Autoren — Hermann Heiberg — seinen sechzigsten 
Geburtstag. Eine Kritik oder Anpreisung seiner Werke bei dieser 
WM« 
Brandung. 
Viel großartiger aber im Laufe der Zeiten, als die Wirkungen 
der gewaltigen Stürme und anderer Erscheinungen, die unsere 
Phantasie stark aufregen, ist die stille, fast unmerkbare Wirkung, 
die das Meer an den Küsten ausübt. Der leichte, spülende Wellen 
schlag, dem wir, im Sande der Düne hingestreckt oder auf hoher 
Felsplatte gelagert, so gern lauschen, die nimmer ruhende Brandung 
vollbringt viel Größeres als der rasende Orkan, der bald ausgetobt 
hat. So stellt sich auch das Wirken der emsig im stillen schaffenden 
Hausfrau in seinem Gesamtergebnis ganz anders dar, als das der 
Frau, die mit einem Male einen großen Ansatz nimmt, um wer 
weiß was zu vollführen. 
Die leise Brandung nagt Tag und Nacht an dem Gestein, sie 
zerfrißt es und führt seine Bestandteile in Gestalt von Sand 
körnern und größeren Steinen fort. Sie uuterhölt d:n Fels und 
dringt in die Ritzen, so daß der überhängende Teil seinen Halt 
verliert und nachbröckelt. Sie scheuert die einzelnen, abgerissenen 
Steine gegen einander und zermalt sie zu Sand. Sie schwemmt 
den Sandhaufen fort und lagert ihn an anderer Stelle ab. Sie 
wird in diesem Streben durch die Flüsse unterstützt, die von den 
Regengüssen und den Schneefällcn gespeist werden und fortgesetzt, 
langsam und kaum merklich die Bestandteile der Gebirge dem 
Meere zuschlämmen. 
So bilden sich auf dem Boden des Meeres die gewaltigen 
Sandbecken, die durch die kalkhaltigen Ablagerungen der Gerüste 
Gelegenheit dem Publikum darzubieten, erscheint aus dem Grunde 
überflüssig, weil der Autor eben noch mitten im Leben steht, sich 
blühender Produktivität erfreut, und alljährlich die Lescwelt mit ein 
bis zwei neuen Novellen oder Romanen versorgt. Die Begabung 
Hcibergs schillert dabei in allen Farben, er ist kraftvoll und doch 
biegsam, kühn zuweilen, geschmackvoll immer. Seine Phantasie ist 
die des echten Dichters, üppig und rasch schaffend, stets aus dem 
Vollen, dann wieder sich vertiefend, um-in interessanten Einzel 
momenten alles zu suchen und aufzugraben, was ein feiner Sinn 
dort nur eben überhaupt zu finden vermag. Heiberg zeichnet bald 
mit großen Strichen, bald entpuppt er sich als ein Kleinmaler 
ersten Ranges, weshalb man ihn ja auch namentlich anläßlich seines 
Romans „Apotheker Heinrich" mit den berühmten Holländern der 
altvlämischen Schule verglichen hat. Er wird überhaupt häufig 
zur Parallele herangezogen, unbeschadet seiner Eigenart; doch nicht 
immer treffen die gemachten Vergleiche zu. Am meisten Aehn- 
lichkeit hat Heiberg entschieden mit Balzac, dem großen Franzosen 
und noch immer unübertroffenen König der edelsten Erzählerkunst, 
und man greift keineswegs zu hoch, wenn man Heiberg den 
deutschen Balzac nennt! 
Von den Verehrern des fruchtbaren Schriftstellers wird der 
Roman „Ein Weib" gern als sein Bestes bezeichnet, was jedoch 
sehr Geschmacksache ist. Eine vornehme Frau — Drei Schwestern 
— Ein Mann — Kar»'s Töchter — Die Spinne, erscheinen bc-
        
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