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Periodical volume Sonnabend, 17. November 1900 Nr, 46

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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brünett, mit dunklem Teint, — — und Herr Heino liebte 
die anmutigen Blondinen mit zartem Kolorit und träumerischen 
blauen Augen 
Mit leicht bebenden Händen schaffte Meta an ihrer 
Arbeit, — heftete, — trennte auf, paßte zusammen, — ließ 
den Stoff in de» Schoß sinken und lauschte. Was hatte sie 
so angestrengt zu lauschen? Ihre Amsel war nicht da, die 
saß daheim in ihrem Käfig und ivollte nicht singen. Der 
Wald rauschte auch nicht um sie her, es ivar richtig schlechtes 
Wetter eingetreten, und man konnte froh sein, in trockenen 
vier Wänden zu sitzen. Die Bäume draußen im Garten 
gaben Blatt um Blatt her, sic standen trübselig im Regen 
und schauerten zusammen, wenn ein unholder Wind kam und 
sie schüttelte. Dennoch hatte das blonde Mädchen ein Recht, 
unthätig da zu sitzen und zu horchen, — jetzt zusammen 
zuzucken und zu thun, als sei sie wunder wie beschäftigt, 
wenn der rasche Schritt draußen näher und näher kam, wenn 
die Thür sich aufthat, und gleich darauf dicht an ihrem Ohr 
ein Flüstern war: „Nun, kleine, liebe Meta! Warum denn 
so erschrocken?" — Ach, es war eine bange, aufregende Zeit, 
diese fünf Tage im Schloß! Es ivar alles so unklar in Meta, 
sie konnte keinen einzigen Gedanken festhalten und zu Ende 
bringen! Sie wußte nicht, was sie eigentlich dachte, — noch 
weniger, was er dachte! Johannes Erdmann, ivenn er jemals 
in all ihren: ziellosen Hin- und Hersinnen auftauchte, wurde 
sofort gleichsam weit zurückgeschoben, .... mein Gott, was 
ivollte denn der arme, ungelenke, einfache Mensch neben deni 
glänzenden, feinen, gewandten Heino? Unmöglich, Heino 
etwas von Johannes Erdniann zu sagen! Sie nahm sich's 
zuweilen daheim vor, in den schlaflosen Nächten, die sie jetzt 
hatte, ivenn der Regen gegen ihre Scheiben trommelte und 
die Bäume draußen im Herbstivind stöhnten, — vielleicht half 
es ihr, wenn sic von Hans sprach, vielleicht wurde dann 
alles anders und besser! Sowie sie aber nur Hcinos Schritt 
im Flur hörte, seine Nähe fühlte, da ivar der heimlich Ver 
lobte wie ausgelöscht in ihr. 
Nun war der letzte Tag gekommen, den sie im Schloß 
zubringen sollte, und sie bildete sich ein, sie sage „Gott sei 
Dank!" dazu und werde aufatmen, wenn sie ivieder daheim 
in ihrem stillen Stübchen sitzen könne. Es ivar endlich, nach 
abscheulichen Regentagen, wieder schönes Wetter geworden, 
blauer Himmel und Sonnenschein lachte über dem gold 
braunen Wald, und ein weiches, mildes Lüftchen schien all 
die Unbill, die Sturm und Kälte der armen Natur zugefügt 
hatte, weglächeln und wegschmeichcln zu ivollen. 
Die jungen Damen ivaren eilig in die „Schneiderstube" 
hinübergelausen gekommen, hatten alles „sehr hübsch, — 
wirklich, sehr nett!" gesunden und zwei von den veränderte» 
Seidenblusen gleich angezogen; auch die gnädige Frau hatte 
sich auf zwei Minuten sehen lassen, Meta ihre Zufriedenheit 
ausgesprochen und ihr durch Justus, den Bedienten, zugleich 
mit ihrem Vesperbrod, in einem Couvert die Bezahlung für 
die fünf Tage hereingeschickt .... sehr reichlich bemessen! 
Es konnte wieder ein Goldstück in Mutters Kästchen hinein 
wandern! 
Meta hatte nur noch eine Kleinigkeit fertig 31t machen, 
ehe sie ging, aber sie schaffte sehr langsam daran, ihre flinken 
Finger wollten nicht vom Fleck. Sie horchte auch wieder 
sehr viel hinaus. Heute war außer den Damen und Justus, 
dem Diener, »och niemand bei ihr gewesen, .... es war ja 
wohl ganz natürlich .... das schöne Wetter draußen .... 
Jetzt aber, — sic hat diesmal keinen Schritt gehört, — 
nicht, und doch ist jemand im Zimmer und hält sie 
fest in den Armen, sie, die aufgesprungen ist, so hastig, daß 
Schere und Knäuel und Fingerhut ihr vom Schoß rollen, sie, 
die fort will und doch nicht von der Stelle kann, die nicht 
hören möchte, und der doch nicht ein Wort, ein Laut 
entgeht! — 
Sie kommen hastig, überstürzt heute, die Worte! 
„Ich kann keine Minute bleiben, — muß gleich fort, — 
sie haben was gemerkt, — der Teufel weiß, ob Justus ge 
plaudert hat — dieser infame Esel! Aber, Meta, kleine, süße 
Meta, — ich muß Sie .... ich muß Dich bald einmal 
sprechen und für mich haben, — ganz für mich, allein und 
ungestört! Du willst das auch, — nicht wahr, Du willst das 
auch? Hast mich ja doch lieb, — kannst ja nicht anders, — 
laß Dich nur küssen, kleines, weißes, reizendes Kätzchen, das 
Du bist! Hör' mal zu, kleine Meta! Du kennst doch das 
kleine, halbverfallene Jagdhäuschen hinten im Wald, dicht 
neben dem Edenbach? 
Natürlich kennst Du es, bist ja meine Waldnymphe! 
Da also, — da kommst Du morgen abend hin, wenn der 
Mond herauf ist, — hier hast Du den Schlüssel, nimm ihn 
nur, — nimm ihn nur, — und ich komme da auch hin; 
keine Menschenseelc außer uns beiden ahnt das und weiß 
das, und wir dürfen nicht jede Sekunde fürchten: jetzt konimt 
jemand und stört uns! Nicht war, Meta, kleine Meta, Du 
thust Deinem Heino das zu Gefallen? Süße, kleine Meta?" 
Hatte sie es versprochen? Hatte er ihr das „Ja" von 
den bebenden Lippen weg geküßt? Hatte sie es nur gedacht, 
gewollt, oder nicht das einmal? 
Sie hätte nichts, nichts von alledem zu sagen gewußt! 
Er war fort, sie war allein, und der Schlüssel ivar in ihrer 
Hand! — 
Meta Wolfs kannte die Oper „Don Juan" von Mozart 
nicht und wußte nicht, was es war, das Heino jetzt pfiff: 
„Blonden, Brünetten, wollen wir wetten, zählt mein Register 
inorgen noch mehr." — Ach, die Nacht, die nun folgte! Ach, 
der endlose, schreckliche Tag, der nach dieser Nacht kam! Die 
Kantorswitwe war unter irgend einem Vorivand dreimal in 
Metas Stübchen gekomnien, wo das Mädchen saß, die Ar- 
beit aus den Knieen, ohne auch nur einen Stich daran zu 
thun, und jedesmal hatte die Frau gefragt: „Metachen, 
sind Sie krank?" denn sie bekam entweder gar keine Antwort 
auf ihre Fragen oder eine verkehrte, — bis die gute, alte 
Frau schließlich kopfschüttelnd davon schlich und zu ihren 
Töchtern sagte: „So was ist mir noch nicht vorgekommen! 
Das Mädchen sitzt Euch doch da, wie vor den Kopf ge 
schlagen." — 
Je weiter der Tag vorschritt, um so schlimmer 
wurde es. Jetzt wünschte Meta, die Zeit hätte Flügel, — 
jetzt ivieder sah sie mit Schrecken, daß der Zeiger der alten 
Schwarzwälder Uhr um eine ganze Stunde vorwärts ge 
kommen war! Immer näher kam der Augenblick, da sie sich 
zu entschließen hatte, — und sie wußte es nur zu gut, was 
dieser Augenblick für sie bedeutete. Daß ihr ganzes bis 
heriges Leben, ihr Bewußtsein von gut und böse, von Recht 
und Unrecht versinken würde, als wäre es nie gewesen, — 
und was würde an dessen Stelle treten? Sie selbst 
mußte eine andere, ganz andere iverden, von deni Moment 
au, da sie sich, den Schlüssel in der Hand, nach deni Jagd 
häuschen auf den Weg machte, und diese andere . . . was 
würde die wohl thun? Wie würde die aus die Meta Wolfs 
früherer Tage zurückblicken? 
Um ihre Amsel hatte sie sich den ganzen Tag über nicht 
bekümmert, sic hatte überhaupt nicht an sie gedacht, das 
Thürchen des Käfigs gar nicht geöffnet. Die Hände fest um 
einander gewunden, — jetzt von Frost geschüttelt, — jetzt
        
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