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Periodical volume Sonnabend, 17. November 1900 Nr, 46

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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Notlage doch bei weitem nicht ausreichend. Der Magistrat mußte 
sogleich in städtischen Gebäuden oder in Mietshäuser» den be 
dürftigen Familien kleine Wohnungen in genügender Menge gegen 
geringe Miete zur Verfügung stellen, und sobald die bitterste Rot 
gelindert ist, mit dem Bau von Familienhäusern im Sinne 
der Spar- und Bauvercine beginnen lassen. Vorläufig scheint 
man aber im „Roten Hause" au dergleichen Bergünstigungen für 
die minderbemittelten Mitbürger noch nicht zu deuten, wenigstens 
hat der Magistrat neuerdings bei der Erörterung der Wohnungs 
frage folgende Grundsätze aufgestellt: 
1. Der Magistrat wird dafür sorgen, daß in den außerhalb 
des Weichbildes der Stadt Berlin belegenen Stadtteilen, namentlich 
im Norden, der Häuserbau derart gefördert wird, daß dort recht 
bald kleine Wohnungen vermietbar sind. 
2. Der Magistrat wird sich mit den Bauunternehmern ins 
Einvernehmen setzen bei der Reuaulegung von Straßen auf noch 
uubcbauteui Terrain und mit den Unternehmern wegen Errichtung 
von kleineren Wohnungen in Unterhandlung treten. 
3. Der Magistrat wird bei weiteren Verkäufen städtischer 
Terrains die Verkanfskontraktc nur in dem Sinne abschließen, daß 
der Käufer verpflichtet sei, das Grundstück so zu bebauen, daß die 
genügende Anzahl von kleinen Wohnungen entstehe. 
Ob diese Grundsätze, vorausgesetzt, daß sie befolgt werden, 
in nächster Zeit die dringend erwünschte Abhilfe schaffen können, 
darf billig bezweifelt werden. Eine Nachahmung des Beispiels 
der Stadt Düsseldorf wäre dazu mehr geeignet, und wenn der 
Magistrat von Berlin sich nicht so sehr belasten will, so wäre 
wenigstens eine Erweiterung des städtischen Obdachs oder die Er 
bauung von Baracken und Unterkunftshäusern sehr zu empfehlen. 
Gustav Albrecht. 
Vom deutschen Goldschmirdetag in Berlin. 
den ersten Tagen des November hat in Berlin eine Ver- 
sammlnug der Goldschmiede Deutschlands stattgefunden, 
mit welcher eine Feier zur Erinnerung an den 400jährigen 
Geburtstag des berühmten florentiuischeu Künstlers Benoenuto 
Ecllini verbunden war. Zum erstenmal hatten die Innungen 
der Gold- und Silberschmiede und der Juweliere sich zusammen- 
gethan, um über gemeinsame Angelegenheiten und einen engeren 
Zusammenschluß der einzelnen Verbände zu beraten, und infolge 
dessen war die Beteiligung ans alle» Teilen Deutschlands und 
auch ans dem Auslande sehr groß. Der Zweck, den die Ver 
anstalter des deutschen Goldschmiedetnges im Auge gehabt hatten, 
wurde erreicht, es ivurde beschlossen, einen Verband der 
deutschen Juweliere, Gold- und Silberschmiede zu gründen. 
Eröffnet wurde der Goldschmiedetag durch eine Festsitzung 
ii» großen Saal des Künstlerhauses in der Bellevuestraße, zu welcher, 
der Bedeutung des Tages entsprechend, das Ministerium für Handel 
und Gewerbe den Geh. Regierungsrat Dönhoff, das Polizei 
präsidium den Regiernngsassessor Bremer und der Magistrat von 
Berlin den Geh. Regierungsrat und Stadtrat Ernst Friede! als 
Vertreter entsandt hatten. Die Stadtverordneten-Versammlnng war 
durch Generaldirektor Goldschmidt, Baurat Kyllmann und 
Dr. Schwalbe und die Gewerbedepntation des Magistrats durch 
den Stadtverordneten Eisold vertreten. Ebenso waren von einzelnen 
Museen und verschiedenen Vereinen besondere Abgeordnete erschienen: 
für das Knnstgewerbe-Mnseinn Direktor Prof. Dr. Julius Lessing, 
für das Märkische Proviiiziäl-Museum der Stadtverordnete Klaar, 
für de» Verein für Knustgewerbe Direktor Dr. P. Jessen, für den 
Verein für die Geschichte Berlins Prof. Dr. Voß und Amtsgerichtsrat 
Beringuier und für die Brandenburgia Prof. Dr. Galland und 
Grubenbesitzer Franz Körner. Die Leitung der Versammlung 
hatten der Obermeister der Berliner Goldschmiede-Jnnnng Roßbach 
und der Hofjuwelier Teige übernommen. Alle trugen ans der Brust 
das neue Bereinsabzcichen, eine Medaille, die auf der eine» Seite das 
Bildnis Benvcnnto Ccllinis und auf der andern eine Eule mit der 
Umschrift: „Goldschmiede-Jnnnng Berlins" zeigte. Begeisterüngs- 
voll stimmten alle in das Kaiserhoch ein, welches der Obermeister 
der Berliner Innung ausbrachte, und als der Redner, nachdem er 
ein kurzes Bild der Ziele und Bestrebungen der deutschen Gold 
schmiede gegeben hatte, als Zweck der festlichen Zusammenkunft die 
Gründung eines allgemeinen deutschen Goldschmiedeverbandcs ver 
kündet hatte, da herrschte lauter Jubel unter den Zunftgenossen. 
I» der darauffolgenden Arbeitssitzung wurde dann die Gründung 
des Verbandes beschlossen. 
Rach der Festsitzung begaben sich die Teilnehmer nach dem 
Knnstgewerbe-Museum, wo im Lichthofe eine Ausstellung von 
Abbildungen der hervorragendsten Werke der Goldschmiedeknnst 
veranstaltet war. Gleich am Eingänge sah man eine Zahl Ori 
ginalentwürfe des berühmten Goldschn ' Jakob Moers, der 
in Hamburg um 1600 lebte. Ra^ n Zeichnungen, welche 
große Prnnkgefäße und Tafelaufsätze, Pokale, Scbiffe, Vögel und 
Elephanten darstellen, ist in der Werkstatt des genannten Meisters 
gearbeitet worden. Auf einer anderen Tafel waren Zeichnungen 
von Werken Benvenuto Cellinis vereinigt, darunter das 
goldene Salzfaß für Franz I. von Frankreich, Tafelaufsätze, Po 
kale und Schmuckgegenstände und eine Anzahl Münze» und 
Medaillen. Die übrigen Abbildungen waren geschichtlich ge 
ordnet und gewährte» eine treffliche Uebersicht über die 
Schöpfungen der Goldschmiedekunst seit den ältesten Zeiten. Die 
griechische Kunst war durch Schmncksachen und Gefäße aus 
Gräberfunden von Kcrtsch in der Krim, die römische durch den 
berühmten Hildesheimer Silbcrfund und die Funde von Bvscoreale 
und Bernay, und die frühgermanische durch Einzelfunde aus 
der Zeit der Völkerwanderung vertrete». Bon mittelalterlichen 
Goldschmiedearbeiten waren Photographien und farbige Abbildungen 
romanischer und gotischer Kirchengeräte, wie Kelche, Mon 
stranzen, Reliquiarien, Weihkessel, Gcnbenschmelz- und Email- 
arbeiten, sowie spätgotischer Tischgeräte und Trinkgefäße aus 
gestellt. Manche Originalzeichnung deutscher Goldschmiedegesellen 
Zeigte, auf welcher Höhe die edle Kunst sich im 16. Jahrhundert 
noch befand. Einen großen Raum nahmen neben den Werken der 
deutschen Renaissance die Schöpfungen der französischen und 
und italienischen Renaissance ein, und in der letzten Abteilung 
waren Abbildungen aus der Rokoko-, Barock- und Zopfzeit 
untergebracht. Eine Vitrine, die in der Mitte des Lichthofes 
stand und von einem herrlichen Goldpokal gekrönt war, enthielt 
die zahlreichen Originalurkunden der Berliner Goldschmiede- 
Jnnnng. 
An die Besichtigung dieser Sonderausslelluug sckstoß sich ein 
Besuch der Sammlung von Gold- und Silbergeräten im oberen 
Stockwerk des Kunstgewerbe-Mnseunis. Hier erregten besonders die 
kunstvollen Arbeiten der deutschen Meister Wenzel, Jamnitzer, 
Matthias Wallbauni und Hans Petzold die Aufmerksamkeit 
der Besucher, so die bekannte Tischfontüne in Gestalt eines Elefanten 
mit bewaffneten Kriegern von Jamnitzer, die auf einem Hirsche 
reitende Diana von Wallbaum und der Traubenpokal des Hans 
Petzold. Auch die anderen Taselgeräte des 16. und 17. Jahr- 
hnnderts, meist Nürnberger und Augsburger Arbeit, ferner das 
Staatssilberzeug der Stadt Lüneburg, der größte in Deutschland 
erhaltene Schatz alter Silberarbcit, der sogenannte Pommersche 
Knnstschrank mit seiner reichen Ausstattung in Email und ein 
gelegter Arbeit und die neueren Gold- und Silberarbeiten fanden 
gebührende Würdigung. Direktor Dr. Jessen inachte auch hier 
wie in der Ausstellung der Abbildungen und Photographien den 
kundigen und liebenswürdigen Führer. 
Zu Ehren des Goldschmiedetages hatte auch das Märkische 
Provinzial-Mnsenm seine langgeschlossenen Pforten wieder ge 
öffnet und in der geschichtlichen Abteilung der Stadt Berlin eine 
kleine Sonderausstellung von Werken der Goldschmiede- und
        
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