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Periodical volume Sonnabend, 17. November 1900 Nr, 46

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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vermietet, und die „Ziehlente" setzten die guten Sachen ganz 
unverfroren auf das Pflaster der Straße, sie waren ja nur zum 
Transport bis zur neuen Wohnung verpflichtet, und ihr Auftrag 
geber konnte nun sehen, wie er weiter kam. Herzbewegende Szenen 
haben sich in jenen Tagen in den Straßen Berlins abgespielt, und 
wenn der gute Petrus nicht ein menschliches Rühren verspürt und 
die Schleusen des Himmels geschlossen gehalten hätte, so wäre der 
trostlose Zustand der Ausgewiesenen noch trostloser geworden. 
Eine große Anzahl Berliner Familien haben bei dem letzten 
Umzug überhaupt keine Wohnung bekommen, entweder weil sie 
uns den angeführten Gründen trotz vorher gemieteter Wohnung 
nicht aufgenommen wurden oder wegen der beständig gesteigerten 
Mietspreise keine ihren Verhältnissen entsprechende Behausung 
fanden. Diese Familien waren genötigt, wollten sie nicht im 
Freien logieren, ihre Zuflucht zu dem städtischen Asyl für Obdach 
lose zu nehmen, und so haben sich denn in den ersten Tagen des 
Oktober über 360 Familien mit ungefähr 1570 Mitgliedern in den 
Räumen des Asyls in der Fröbelstraße zusammengefunden, welche 
dort einen mehr oder minder längeren unfreiwilligen Aufenthalt 
nehmen mußten. Wenn die Einrichtungen des städtischen Obdachs 
auch ganz vorzüglich sind, wenn auch für die Habscligkeiten und 
besonders für die Wäsche der Obdachlosen in geradezu selbstloser 
Weise gesorgt wird, wenn die dargebotene Kost auch ausreichend 
und schmackhaft ist, so kann sich doch eine an geordnete Häuslich 
keit und an regelmäßige Lebensweise gewöhnte Familie unmöglich 
in den Unterkunftsräumen des Asyls, wo sie mit anderen Familien 
zusammen wohnen und schlafe» muß, wohl fühlen. Jeder, der in 
dieser kritischen Zeit gezwungen war, das städtische Obdach auf 
zusuchen, mußte danach trachten, sobald wie möglich wieder in 
geregelte Verhältnisse zu gelangen, er mußte immer wieder auf die 
Wohnungssuche gehen. Aber nur einer geringen Zahl Obdachloser 
ist es beschieden gewesen, nach langem Umherirren endlich eine 
Heimstätte zu finden, die meisten kehrten am Abend müde und 
niedergeschlagen in das Asyl zurück, um am nächsten Morgen sich 
von neuem auf die Wanderung zu begeben. Trotz vieler Abgänge 
hatte sich die Gesamtzahl der im städtischen Obdach untergebrachten 
Familien seit Anfang Oktober doch nur sehr wenig vermindert, da 
viele Familien, die anfangs bei Bekannten Unterkunft gefunden 
hatten, trotz vielfacher Bemühungen keine Wohnung bekamen und 
schließlich das Asyl aussuchen mußten. Die Gründe hierfür waren 
stets dieselben: allznreicher.Kindersegen, unerschwingliche Mietspreise 
oder Furcht des Hauswirts vor allzupünktlicher Bezahlung. Erst 
gegen Ende Oktober ist die Gesamtzahl der Wohnungslosen im 
städtischen Obdach auf ungefähr 850 Köpfe herabgesiiukeu. 
Die städtischen Behörden — man muß es zugestehen — haben 
es sich angelegen sein lassen, die Rot der Obdachlosen so viel wie 
möglich zu lindern, und besonders die Verwaltung des Asyls in 
der Fröbelstraße hat die dort untergebrachten Familien sehr human 
behandelt. Obwohl den Bestimmungen gemäß der Aufenthalt im 
Obdach nur fünf Tage dauern darf, hat die Verwaltung bei der 
herrschenden Wohnungsnot zahllose Ausnahmen gemacht, sie hat 
außerdem für einen regelmäßigen Wohnungsnachweis gesorgt und 
läßt denen, die eine Behausung gefunden haben, in dringenden 
Fällen die Miete für den ersten Monat oder einen Teil derselben 
auszahlen. Sehr armen Familien werden auch Haushaltungs- 
gegenstäude und sogar ganze Wohnungseinrichtungen aus den 
Vorräten der städtischen Armenverwaltung geliefert und im Be 
dürfnisfalle nach der neuen Wohnung gebracht. So anerkennens 
wert alle diese Unterstützungen sind, kann man sie doch nur als 
Tropfen auf einen heißen Stein bezeichnen; denn die Wohnungs 
not wird dadurch nicht aus der Welt geschafft, und bei dem 
nächsten Umzuge werden sich die Vorgänge des diesjährigen in 
erhöhter Zahl wiederholen. 
Ueber Mangel an kleinen Wohnungen hört man wohl bereits 
seit zwanzig Jahren klagen; aber in letzter Zeit ist die Wohnungs 
not geradezu chronisch geworden. Und das ist kein Wunder. 
Ueberall in Berlin erhebe» sich an der Stelle ehemaliger Wohn 
häuser großartige Geschäftspaläste und Warenhäuser, die ganze, 
Straßenviertel einnehmen, und der Zuzug aus der Provinz nimmt 
beständig zu. Während die Zahl der Wohnungen sich stetig 
verringert, wächst die Bevölkernngszahl von Monat zu Monat. 
Wer in Berlin beschäftigt ist, sieht sich deshalb genötigt, wenn er 
in der Stadt keine preiswerte Wohnung erhalten kann, in de» 
Vororten zu wohnen, und die Folge davon ist, daß auch hier 
Wohnungsmangel eintritt und die Hauswirte dem SteigernngS- 
koller verfallen. So sind in den letzten zwei Jahren in Charlotten- 
bnrg und Schöneberg die Mietspreise derartig gestiegen, daß es 
eigentlich keinen Unterschied mehr macht, ob man dort oder in 
Berlin wohnt, und die in diesen Städten überhandnehmende 
Wohnungsnot hat die betreffenden Behörden auch schon veranlaßt, 
der Frage der Erbauung von Wohnhäusern für städtische Beamte 
näherzutreten. 
Etwas sonderbar mußte es unter allen diesen Umstünden er 
scheinen, wenn der Berliner Magistrat in einer seiner letzten 
Sitzungen die chronisch gewordene Wohnungsnot als eine „vorüber 
gehende Erscheinung" anzusehen geruhte und die Wohnungsfrage 
einer Kommission überwies, welche zunächst feststellen sollte, ob 
eine Wohnungsnot überhaupt vorhanden ist, und ans welche Uui- 
stände man die ungewöhnlich starke Belastung des städtischen Ob 
dachs zurückzuführen hätte. 
Ebenso sonderbar mutet auch der Ansspruch eines Kandidaten 
für die Stadtoerordneten-Ersatzwahl an: „Ich sage es frei heraus, 
meine Herren: eine Wohnungsnot existiert in Berlin nicht! 
Die Leute, die das städtische Asyl bevölkern, sind nicht solche, die 
keine Wohnung bekommen können, nein, es sind Leute, die keine 
Miete bezahlen wollen!" — Da hört denn doch verschiedenes 
auf! — Weiß man an den genannten Stellen nicht, daß sich ver 
schiedene Familien mit auskömmlichem Gehalt und guter Wohnungs 
einrichtung, ja, daß sich sogar ein „wohnnngslvser Schutzmann" 
unter de» zeitweilige» Bewohnern des Obdachs befunden habe», 
daß die Leute mit feuchten und dunklen Keller» oder mit Bretter 
buden in den „Laubenkolonien" vorlieb nehmen müsse»? — Und 
trotzdem keine Wohnungsnot! 
Richtiger wäre es gewesen, wenn man von seiten der Stadt 
dem allseitig anerkannten Uebel energisch zu Leibe gegangen wäre 
und nach dem Vorbilde von Charlottcnburg den Anfang mit der 
Einrichtung von städtischen Unterkunftshüusern gemacht hätte. Aber 
leider muß alles mit Sorgfalt und Bedacht nach Schema F erledigt 
werden. Die Behörden der viel kleineren Stadt Düsseldorf haben 
kürzlich den Betrag von 20 Millionen Mark zum Bau von mittleren 
und kleinen Wohnungen bewilligt und «vollen diese Summe im 
Wege einer Anleihe aufbringen. 
Kann Berlin, die Millionenstadt und Hauptstadt des deutschen 
Reiches, nicht ähnliche Vorkehrungen zur Beseitigung der Wohnungs 
not treffen? — O freilich kann sie dies, und der Magistrat hat ja 
auch durch die Gründung der „König Friedrich-Stiftung", 
die dem Andenken an das 200jährige Bestehen des preußischen 
Königtums gewidmet sein soll, gezeigt, daß er einen Grundstock 
füj die Beschaffung billiger Wohnungen errichten will. Ob aber 
das in Höhe von 1 Million Mark gestiftete Kapital für den ge 
nannten Zweck ausreiche» wird, ob die durch öffentlichen Aufruf 
erbetenen Beiträge zur Vermehrung des Stiftnngskapitals so zahl 
reich einlaufen werden, wie man erwartet, und ob es schließlich 
dem Kuratorium gelingen wird, so schnell, wie es nötig ist, ge 
eignete Wohnräume in genügender Zahl zu beschaffen, das muß 
mau erst abwarten. Außerdeni wird mit der Einrichtung der 
Stiftung, mit der Wahl des Vorstandes und des Aufsichtsrats, 
mit der Feststellung bedürftiger Familien, die, wie § 8 des Statuts 
besagt/ mindestens seit fünf Jahren in Berlin ansässig sein müssen, 
und mit anderen Dingen eine geraume Zeit vergehe», ehe die 
Wohnungslosen der Segnungen besagter Stiftung teilhaftig werden. 
Und doch thut schleunige Hilfe not. Der Winter ist vor der 
Thür — zahlreiche Familien sind obdachlos — das städtische Asyl 
und die Wärmehallen reichen für solche Maffenansammlungen nicht 
aus, und außerdem steht bei diesen Anhäufungen von Menschen- 
material das Gespenst ansteckender Epidemien stets drohend im 
Hintergründe. Will man überhaupt helfen, so muß man es bald 
thun, und nicht erst, wenn eine Anzahl Obdachloser erfroren oder 
durch Masern- und Typhusepidemien dahingerafft sind. 
So dankbar man die Stiftung des Berliner Magistrats be 
grüßen kann, so ist dieses Hilfsmittel bei der augenblicklichen
        
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