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Periodical volume Sonnabend, 10. November 1900 Nr, 45

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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Hie Anisei. 
Novelle von ^Narie Bernkard. 
B ö war keine gewöhnliche Amsel, — bewahre! Erstens 
war sie in einem Walde gefangen, der seit undenk 
lichen Zeiten in der ganzen Umgebung „das Zauber 
wäldchen" hieß, — wie viele Leute behaupteten, kam der 
Name daher, daß man sich sehr leicht in diesem Wald ver 
irren konnte, andere aber sagten, cs sei dort wirklich nicht 
geheuer — zweitens sang und flötete diese Amsel ganz be 
sonders süß und lieblich, iveit schöner, als alle ihre gefiederten 
Kameraden, das sagte jeder, der sie hörte, ■ . . drittens 
endlich . . . Johannes Erdmann, der sie Meta Wolfs in 
einem zierlichen, selbslgeschnitzten Käsig gebracht, halte 
das Bögelchen nicht ohne Mühe für sie gefangen, — und 
Johannes Erdmann ivar Meta Wolffs „stiller Bräutigam". 
Einige Leute im Dorf mutmaßten das wohl und fragten 
die hübsche Meta zuweilen: „Na, Meta, — wie ist's denn 
mit dem Johannes? Wird Ihnen die Zeit auch nicht lang? 
Und werden Sie ihm auch treu bleiben?" 
Sie schlug dann die Augen nieder und gab eine aus 
weichende Antwort. Die Leute sollten sie in Ruhe lassen! 
Die Leute brauchten nicht alles zu wissen! Geben konnte ihr 
doch keiner was, und sic ivolltc auch von Fremden gar nichts 
haben! Außerdem ... so ganz felsenfest stand die Geschichte 
noch gar nicht! Verlobt, — na ja! Im stillen verlobt war 
Meta, das mußte sie sich eingestehen. Aber vor dem Trau 
altar hatte sie noch nicht ja gesagt, und bis dahin . . . wer 
weiß!! — 
Sie war die „Schönheit" des großen, wohlhabenden 
Kirchdorfes, diese Meta Wolfs, und das wußte sie selbst am 
besten. Wenn sie in ihrem sauber aufgeräumten, freundlichen 
Stübchen vor dem Spiegel stand und langsam ihr goldhclles 
Haar kämmte und flocht, dann wog sie oft die seidenglänzendcn, 
schweren Flechten aus der Hand und lächelte dazu, — ein 
Lächeln des Triumphs und der Befriedigung! Es gefiel ihr 
sehr wohl, daß sic eine so weiße Haut hatte, so feingeschnittene 
Züge, so träumerische, lichtblaue Augen. Sie galt für „apart" 
und hochmütig im Dorf, — auch das wußte sie, aber es 
focht sie nicht an. Seitdem sie ein Jahr in der großen Stadt 
gewesen war und dort Schneiderei und Pntzmachen gelernt 
hatte, ivar ein entschiedener Zug nach dem „Höheren" bei ihr 
zum Durchbruch gekommen, — sie sprach besser, benahm sich 
besser und kleidete sich geschmackvoller als alle ihre Alters- 
genossinnen, sie halte auch mehr gelernt als die und ging oft 
zuni Herrn Pfarrer, uni sich Aufgaben von ihm geben zu 
lassen oder ein Buch von ihm zu erbitten. 
Das alles galt für Ucbcrhebung und Dünkel in den 
Augen ihrer Nachbarn, — aber die wohlhabenden Bauern 
frauen und Töchter ließen doch alle nur bei Meta Wolfs ihre 
Kleider und Hüte arbeiten, — sie hatte erstaunlich geschickte 
Hände und einen guten Geschmack .... etwas zu fei» für 
die an grelle Farben geivöhnteu Leute, aber Frau Prediger, 
Frau Lehrer, Frau Rendant ließen auch ihre Garderobe von 
ihr Herstellen, ja, sic hatte sogar mehrmals aufs Schloß 
kommen müssen, um den jungen, gnädigen Fräuleins die 
Werktagskleider und die Tenniskostüme zurechtzustutzen und 
(Nachdruck verboten.) 
das Morgengewand der gnädigen Frnn neu aufzuarbeiten, — 
wenn die Honoratioren mit Meta Wolfs zufrieden ivaren, so 
durften sich die Dorfiusassen doch keinen Tadel erlauben! 
Seit ihrem achtzehnten Jahr stand das Mädchen ganz 
allein. Da war ihr die Mutter gestorben — den Vater hatte 
sie kaum gekannt — und sie lebte nun seit beinahe vier Jahren 
weiter im sogenannten „Weberhäuschen", wo sie zwei kleine 
Zimmer und eine winzige Küche bewohnte. Viel beobachtet, 
viel beneidet und besprochen, wie Meta war niemand 
konnte das geringste Nachteilige über sie sagen; sie hielt sich 
von allen öffentlichen Lustbarkeiten fern, war zurückhaltend 
gegen die jungen Männer und bevorzugte keinen einzigen von 
ihnen, „die sind ihr alle nicht gut genug, sic ist viel 
zu hochmütig, um sie zu beachten!" sagten die Freundinnen 
mit der bekannten wohlwollender Betonung. Gcwöhlich folgte 
noch der Schlußsatz: „Und ich find' sic gar nicht mal so 
besonders hübsch! Das; die jungen Leute sich um die so den 
Pelz zerreißen!" 
Denn — der Wahrheit die Ehre — das thaten sie. 
Meta Wolfs mußte viele Schmeicheleien anhören, grobe und 
feine, viele Geschenke zurückweisen, häßliche und hübsche, ver 
schiedene Freier heimschicken, junge und alte. Sic that das 
alles in ihrer netten, ruhigen, ein ganz klein wenig koketten 
Manier — sie ivollte sich niemanden zum Feinde machen, in 
ihrer Abweisung lag nie etwas, das direkt zurückstieß; es war 
viel hübscher, die Leute blieben gut Freund mit ihr. 
Johannes Erdmann kannte sic auch schon lange. Er 
war der Schulzensohn im Dorf, ein langer, etwas ungelenker 
Mensch, gar nicht schön anzusehen, schüchtern im Wesen, schwer 
aus sich herausgehend, .... aber ein tüchtiger, solider junger 
Mann, dem der alte Vater, sobald Johannes vom „Soldatcn- 
spielen" frei kam, sofort den ganz ansehnlichen Hof und 
Besitz übergeben ivolltc. Zweimal hatte der Schnlzcnsvhn 
sich zurückstellen lassen — einmal war der Vater bedenklich 
erkrankt und der junge Manu als Stellvertreter unentbehrlich, 
das zweitemal war sein linker Lungenflügel ärztlicherseits nicht 
ganz in Ordnung befunden worden, . . . das kam daher, 
weil Johannes, erhitzt von schwerer Feldarbeit, wie er war, 
in den eiskalten Mühlbach gesprungen ivar, um mit eigener 
Lebensgefahr der Witive Berger kleines Mädchen heraus 
zuholen, das über den Steg gelaufen und hinabgestürzt ivar. 
— Dies lag nun fast zwei Jahre zurück, und bei der letzten 
Aushebung ivar Johannes für gesund erklärt worden und 
mußte in die Stadt, seine Militärzeit abzudienen. 
Zuvor aber hatte er sich in aller Stille mit Meta Wolfs 
„versprochen". 
Sie wußte hinterher selbst kaum, wie es gekommen war. 
Eigentlich war die Amsel schuld daran gewesen. 
Meta hatte sich schon immer einen kleinen Vogel ge 
wünscht, — einen, der ihr bei der Arbeit etwas vorsang, den 
sie sich zähmen, über den sie sich freuen konnte. Ihre übrigen 
„Verehrer" konnten oder wollten sich mit dieser ihrer Idee 
nicht vertraut machen, aber Johannes Erdmann hatte ihre 
einst flüchtig hingeivorfene Bemerkung behalten. — — Es
        
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