Path:
Periodical volume Sonnabend, 27. Januar 1900 Nr, 4

Full text: Der Bär Issue 26.1900

61 
Geschickte Hände schaben mit geeigneten Instru 
menten genau 4 Millimeter vom Kern an allen seinen 
Teilen ab. Fügt nun der Arbeiter den Kern in zweck 
entsprechender Weise in die Form ein, dann giebt, 
wie leicht einzusehen ist, der Hohlranm zwischen Kern 
und Form, wenn er durch einen flüssigen Körper erfüllt 
wird, nach dem Erstarren das schalenförmige Bild des 
Künstlers wieder. 
Um mit Sicherheit auf einen guten Guß rechnen 
zn können, hat aber der Gießmeister nach gewissen 
Regeln zn verfahren, die durch die Naturgesetze be 
dingt sind. Er muß dafür sorgen, daß die Gußmasse 
möglichst gleichmäßig die Form erfüllt, und daß die 
Ausdehnung, die sie durch die große Hitze erfährt, in 
entsprechender Weise kompensiert wird. Man erreicht das 
dadurch, daß man eine große Anzahl von Röhren, die 
späterhin die Gußmassc zu führe» haben, von außen 
nach innen in die Form eintreten läßt. Vollkommen in wäscher!»»rnbru»ncn an der 
feste Hüllen eingeschlossen, wandert die vollendete waisenbrü-iir in Berlin. 
Form, ehe sie ihre Arbeit leistet, mit ihrem Kern in 
der Milte in eine Art Backofen, um, getrocknet und gehärtet, der 
Gewalt des glühenden Metalls trotzen zn können. 
Die technischen Vorbereitungen sind erfüllt; man kann zum 
Gusse schreiten. Unmittelbar in der Nähe des Flammcnofcns, 
schönen Goldton, den wir an Erzgrnppen so sehr lieben. 
Natürlich kann man durch Zusatz einer größeren Menge 
von Zinn dem Gußstück, ganz nach Belieben eine hellere 
Färbung verleihen. Um die Masse niederznschmelzen 
und sie znm Flusse zn bringen, bedient man sich so 
genannter Flamuienösen, in denen die Flamme frei über 
die Körper fortschlagen und ihren Aggregatznstand ver 
wandeln kann. Seit sehr langer Zeit verwendet man das 
Fichtenholz, weil seine Asche, die in dicker Schicht die 
Gußmasse bedeckt, besonders gut den Guß beeinflußt und 
bisher durch kein anderes Mittel ersetzt werden konnte. 
Eine nicht unbedeutende Anzahl von Regeln sind 
dem Gießer geläufig, ans denen er zn erkennen ver 
mag, wenn die Masse znm Gusse bereit ist: 
Weiße Blasen seh' ich springen, 
Wohl! Die Massen sind im Fluß; 
Laßt's mit Aschensalz dnrchdringen, 
Das befördert schnell den Guß. 
Am einfachsten läßt sich für eine bestimmte Guß 
masse ans der Schmelzzeit bestimmen, wann der rechte 
Augenblick für den Guß gekommen ist. Zum Niederschmelzen 
einer Kupfer- und Zinnmasse von 60 Centnern sind genau vier 
Stunden notwendig. Diese verhältnismäßig kurze Zeit wurde 
allerdings erst durch die Oefen der neueren Zeit ermöglicht, in 
©irfiraum von Schäffer & Walker. 
in dem die Gußmnsse znm Fluß gebracht wird, baut man die Form 
im Grunde der Mutter Erde ein. 
Nehmet Holz vom Fichtenstamine, 
Doch recht trocken laßt es sein, 
Daß die eingepreßte Flamme 
Schlage zu dem Schwalch hinein. 
Kocht des Kupfers Brei! 
Schnell das Zinn herbei, 
Daß die zähe Glockenspeise 
Fließe nach der rechten Weise! 
Und so ist es in der That noch heute! Schillers Verse können 
als ein Leitfaden der Gießkunst gelten, und uns bleibt nur übrig 
einige Zahlenangaben zum näheren Verständnis in trockener Prosa 
hinzuzufügen. 
Seit vielen Jahrhunderten, just wie heut noch, nimmt der 
Gießer 93 Teile Kupfer und 7 Teile Zinn für seine Gußmasse. 
Gerade diese Mischung verleiht später dem fertigen Gußstücke den 
denen ein verstärkter Luftzug die Temperatur, den älteren Ofen 
einrichtungen gegenüber, bedeutend erhöht. Zu Schillers Zeiten 
war eine vier- bis fünfmal so lange Schmelzzeit nötig, um die 
Masse in Flnß zu bringen. 
Der Guß kann beginnen! Der Ofen wird geöffnet und das 
glühende Metall strömt zunächst vollständig in ein Gefäß unmittel 
bar über der eingebauten Form hinein. Erst dann, wenn dies 
geschehen ist, werden auf einmal alle Röhren, die znm Innern 
der Form führen, geöffnet, daß in dem gleichen Zcitteil die ganze 
Gußmasse alle Teile der Forin zu erfüllen vermag. In weiser 
Vorsicht hat der Gießmeister ein wenig mehr, als gerade durchaus 
notwendig zur Füllung der Form erschien, bereit zu halten; damit 
nicht durch einen unglücklichen Zufall im letzten Augenblicke ein 
Mangel an Gußmasse entsteht und das Gußwerk in krüppelhafter 
Form aus seiner Hülle hervortritt. 
Unser Hauptbild giebt einen Einblick in den Gießraum der Aktien 
gesellschaft Schäffer und Walker. Wir sehen die Modelle, wie sie
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.