Path:
Periodical volume Sonnabend, 3. November 1900 Nr, 44

Full text: Der Bär Issue 26.1900

711 
Bedeutung; ihr ästhetischer Wert ist so groß, daß keine folgende 
Epoche, wie sie auch geartet sein möge, dieselben in ihrer Existenz 
gefährden kann. Als Mark- und Ecksteine in der Entwicklung des 
italienischen Mnstk- dramas haben sie die gleiche Bedeutung wie 
etwa der Don Inan, der Freischütz und Lohengrin für die Ent 
wicklung der deutschen Oper; sie als Produkt einer untergegangenen 
musikalischen Epoche mit mitleidigem Lächeln abzuthun, würde einer 
seits von wenig Sinn und Verständnis für künstlerische Dinge 
zeugen, andererseits von einer Unterschätzung der Lebenskraft 
kultureller Errungenschaften eines halben Jahrhunderts, 
Daß es nebenbei seinen eigenen Reiz hat, aus dem Gegen 
wärtigen das Vergangene zu konstruieren, läßt ja Goethe schon den 
Wagner mit folgenden Worten im Faust sagen: 
„Verzeiht! Es ist ein groß Ergötzen, 
Sich in den Geist der Zeiten zu versetze»! 
Max Kadisch, 
Vrreins-Mchrichken. 
Verein für die Geschichte Berlins. 
Am Sonnabend, den 13. Oktober begann der Verein seine 
öffentlichen Sitzungen des Winterhalbjahrs im Bürgersaal des Rathauses 
vor den zahlreich versammelten Mitgliedern und Gästen. Der erste Vor 
sitzende, Herr Amtsgerichtsrat Di-, R. Beringuier, gab einen Rückblick 
über die Unternehmungen des Vereins während des verflossenen Sommers, 
über die Wanderfahrten nach Rheinsberg, Rathenow und Guben sowie 
über die Besichtigungen der Lehrbranerei, des Schlosses von FriedrichS- 
feldc und des Schützenhauses in Schönholz. 
Darauf hielt der greise Pfarrer der französischen Gemeinde, Herr 
Carl Regler, der an dem Tage gerade seinen 70. Geburtstag feiern 
konnte, in beredter Form einen längeren freien Vortrag über „Friedrich 
den Großen und Voltaire." 
Redner gab zunächst einige biographische Daten über Voltaire, der, 
am 21. Novvmber 1694 zu Paris geboren, schon in der Schule der Jesuiten 
durch seine Einwürfe den Zorn seines Lehrers erregte. Sein Pate 
Chatcauneuf führte ihn in die Kreise der Witzlinge und Wüstlinge ein. 
In dem Trauerspiel Oedipe, in bissigen Epigrammen und in der Ode 
„8ur los rnaUrsurs du tempa“ legte er seine oppositionellen Ansichten 
der frühen Jugend dar und wurde in die Bastille geworfen, wa^ihn 
sowohl populär machte wie auch seinen Haß gegen den Despotismus 
verschärfte. Sein Verkehr mit der ihm treu ergebenen Marquise du 
CMtelet wirft ein bedeutsames Licht auf die damaligen französischen 
Zustände. Nach dem Tode der Geliebten folgte Voltaire endlich den 
dringlichen Einladungen des Königs Friedrich II, der schon als Kron 
prinz den Freigeist und Philosophen Voltaire verehrt hatte, und ging 
1750 nach Berlin. Schon 1753 kehrte er hciinlich nach Frankreich zu 
rück, von dem großen König verfolgt, verstoßen und trotzdem wieder 
geehrt. Als er am 30. Mai 1778 starb, versagte der König ein Loblied 
auf den Mann, der ein Vorkämpfer der Humanität und Geistesfreiheit 
war, wie der König selbst. David Strauß, nennt beide Männer den 
ewig verbundenen Doppelstern. 
Kleine Mitteilungen. 
Zur Geschichte der Vorfahren des Dichters Freiherr« 
von Logau. An einem schönen Sonntagabend des Juni von 1536 
saßen auf einen> Leichensteine des wüste» Kirchhofs zu Sankt Nikolai in 
Leipzig drei Studenten. Sie hatten sich für einen Groschen Kirschen gekauft 
und verzehrten sie in aller Ruhe und Gemütlichkeit. Ihre Namen waren 
Franz Starck, Johann Ofsenhaimer von Burckhausen und Balthasar 
von Logau (tu den von Zarucke herausgegebenen Akten wird letzterer 
stets einfach „Loge", nur einmal „Baltzsar von Logaw" genannt). Sie 
ivaren noch in ihre angenehme Beschäftigung vertieft, da rannte 
cücubeii Laufes der Student Andreas Mörder ans Franken an ihnen 
vorüber, verfolgt von über zwanzig Schuster- und Kürschnergesellen, 
die ihre Degen gezogen hatten. Am Hause des Barbiers Mater» holten 
sie ihn ein und rangen ihm das Schwert aus der Hand: aber er zog 
den Dolch und brachte einem Gesellen eine Wunde ans der Brust bei; 
dann entfloh er. Rasend vor Schmerz und Wut blickte der Verivundete 
um sich, da fiel sein Auge aus die drei Studenten, die im Gefühl ihrer 
Unschuld sitzen geblieben waren. Er stürzte mit gezückter Wehr auf sie 
zu; zwei von ihnen ergriffen die Flucht, Logau wollte die Kirschen nicht 
im Stich lassen, warf jedoch eine schwere Bleikugel seinem Angreifer ins 
Gesicht und griff dann zum Schwert. Da glitt er aus und fiel zu 
Boden. Ueber den wehrlos Daliegenden fiel der Kürschnergeselle her 
und hieb auf ihn los, wobei er ihm den Zeige- und Mittelfinger der 
rechten Hand durchschnitt, dann lief er davon. Eiligst berichteten die 
beiden anderen Studenten dem Rektor der Universität, was geschehe» 
sei. Der Rektor, Professor Doktor Udalrich Steudler, sandte seinen ge 
schworenen Famulus Gangolf zum Bürgeruieister Wolfgang Widemann, 
um die Gefangennahme des Uebelthäters zu veranlassen. Dieser sowohl 
wie auch noch zwei andere an jenem Tumulte beteiligt gewesene Ge 
sellen wurden ins „Hundeloch" gesteckt, aber schon am folgenden Tage 
auf gethane Fürbitte und gestellte Bürgschaft wieder freigelassen, wo 
gegen der Rektor durch den Univcrsitätsnotar Paulus Lobasar Protest 
einlegen ließ. Gleichzeitig benachrichtigte er de» Bruder Balthasars 
von Logau, Matthias von Logau, von dem Geschehenen durch 
folgendes Schreiben: „Vnser freuntliche dienst allcczeyt beuhor. Edler, 
vhester, günstiger her vnd guter freundt! Wir ivollcn e. g. (euer gnaden) 
nicht bergen, das euer lieber bruder Balthaßar Loge, vnser vniversitet 
glidmaß, die tage vor vnns erschincn vnd ons clagende zn vorstehen 
gebenn, wie er sontags nach corporis Christi auff dem abendt von 
eyncm handwcrcks gesellen anff geweyter stat. nechstc collcgijs gelegen, 
»herfallen vnd an seyncr rechten handt sher gestumlct fei) worden», alßo 
das er darüber czwen finger verloren vnd der dritte fast vorleczet sey. 
Weil er dann c» solchem schaden vnnerwartcter fach sinnen vnd sich 
sunst alczeit erbarlich vnnd frumblich bey uns gehalten, hat er vns vmb 
vvrschrifft an euch gepetenn, im des lege» e. g. bekentlich zu seyn». 
Als (also) haben wir ihm solchs der warheit zu gut fuglicher weiß nyt 
wißen aveczuschlahenn, vnnd ist zuvor der halben von vns fleystge 
crforschung anst beydenn teylcn beschern vnnd sich der maßen erfunden, 
das er in diser fachen gancz unschuldig gewesen, dan (denn) er yhe nit in 
dem vorsacz aber (oder» vornemen außgäugen, das er yemant beschcdigen 
wolle, snnder sjondern) segne kurczeweille mit seyner geschelschaft auff 
dem Kirchhofs zu suchen», wie yr dan zur zeit weytcr zu vornemen. 
Nach dem auch ein crbar radt alhir zu Lcypczig den yenigcn, so sich 
tzu solcher that schuldig bekandt, ain tag aber czwen, wiewol er sunst 
durch ander handt vorleczet, mit gefenckniß eingeczogen vnd ynnen be 
halten, vnd aber nur gleich wol ane (ohne) vnsern wißen vnd willen 
außborge» laßen, szo ist hirauff vnser beger, ihr wollet mit radt der 
freundtschafft (Verwandtschaft) vns dieser fachen halber auff kurczt (binnen 
kurzem) widerumb antworth gebe», darnach mir vns hinforder czu 
richten. Habet, wir c. g. auff vorgenantes Waltaßers (Balthasars) enrs 
bruder» anrege» vnd zimlich beger nicht wollen vorhalten (verhehlen), 
dan euch vnd den eurn freuntliche dienst zcu erczcygen seynd wir alczeit 
willig." Darauf schrieb „Den hochgelerten, achtbar» Hern doctoribus, 
magistris der löblichen vniversitet zu Leypczigk, meynen günstigen hernn 
vnd besunder guttcu freunden Mathes Loge von Aldendorff zcu Flambicz 
auff Benhau": „Meynen freuntliche» vnnd willigen dienst. Achtbare 
vnnd hochgelarte, günstige liebe Heren», besundere guttc freunde! E. a. 
schreybenn meines lieben bindern, Waltaßar Logen», cantoris zum heylige» 
creucz czu Breßlau, zu gestandenen vnfhal (Unfall) vnnd daryn angezeigte 
vnschuld habe ich vernumcn vnnd, wiewol mir als einen trauen (treueni 
bruder meynes lieben bruder» ihcrmerlicher (jämmerlicher) fhal höchlich 
leyd vnnd bekumert, dennach wüste ich mich seyner vnschuldt vnnd gcrechtig- 
kait, der ehr ane czweyffel bey got, der oberkait vnd euch wird gewißlich 
empffinden; welche auff eur schreyben angesehen, die hernn f. 
yre gnaden der bischoss vnnd herczog Friderich (von Liegnitz) von wegen 
meyne» bruder an fürstliche gnad herczog Gorgen (von Sachsen) rc. 
vnnd eyneu erbarn radt zu Lcyptzigk vorschreyben, damit der ihcnig 
freueler gestrafft wurde. Ist der wegen mein frcundtlich vnnd fleystge 
bitte, yhr wollet meynen lieben» brndern. als cür glid vnnd schuler, mit 
rath vnd hulff nicht ocrlaßenn, nicht allein yhme zu gute snnder auch 
erhaltung ewer selbst freyheiten vnnd vniversitet; dan in solcher on- 
sicherheit vil retliche vnnd vornunstige leuthe beschwert seyn worden, 
yhre linder dahin zu schicken». Eur a. freuntlich zu dienen wil ich 
mit sampt meyne», hernn vnd stunden willig befunden werden. Beuhele 
(befehle) hie mit eur a. meynen lieben bruder. Geben zu Camencz, 
montags nach Petri Pauli, 36 iar (Jahr)." Darauf protestierte der 
Rektor nochmals energisch dem Bürgermeister gegenüber wegen der Frei 
lassung des Gesellen. Der Bürgermeister rückte mit dem Geständnis 
heraus, der Geselle sei entschlüpft, während seine Bürgen in Naumburg 
zur Messe gewesen wären; er wolle sich vielleicht seinen „Gcburthbrieff" 
holen, da er beabsichtigte, seine Meisterin zu heiraten. Letzteres war 
nicht wahr; der Rektor vernahm, daß er in „den Krieg gelauffen und zu 
Nnrmbergk sich bcrunibt (gerühmt), wie er allein vier Studenten ge 
schlagen, gestnmelt vnd finger abgehauen habe." Nochmals forderte der 
Rektor den Bürgermeister auf, „einen tractat zu halten"; er wurde 
bestellt „zu morgeust vmb 8 vhr." Um 10 Uhr ließ ihm der Bürger 
meister sagen, er könne erst um 12 Uhr erscheinen, dann verschob er die 
Besprechung nochmals, und endlich gab er den groben Bescheid, „er heile 
den gautze» tag nicht der weil." Sv schickte denn der Rektor an 
Matthias von Logau einen kurzen Bericht über das Vorgefallene. Die 
Antwort erhielt erst sein Nachfolger, der am 16. Oktober zum Rektor- 
gewählte Professor Christopherus Montag aus Graudenz. Sie wies 
ans die Mitschreiben hin, die die ganze Familie („Hauß Seidlitz von 
Schonselt vfsn burgklehen zum Jaur, der fnrstcnthumer Schweidnitz vnd 
Jaur Hauptmann, Hanß Gotzsche von Kynast off der Fischbach, Ro. Ka. 
Mas. rath, Georg Loge als vater, Friedrich und Dominik Logen, Nickel 
vnd Hanß Reibenitz, Henrich und Hanß Schmidel, Georg vnd Nickel von 
der Heide, Gottfride von Adelbach von Seydl in macht der andern 
stenntschafst)" au den Herzog Georg von Sachsen geschickt hätten. Von 
hier an schweigen die Akten. Ein zweiter Balthasar von Logau wird 
4546 als Leipziger Student erwähnt, Matthias von Logau in demselben 
Jahr und ebenfalls als Student in Leipzig. 
Am 10. November vor hundert Jahren starb in Berlin der 
Bühnendirektor und Schauspieler Johann Christian Brandes. Geboren 
am 15. November 1735 in Stettin, hatte er eine wechselreichc Jünglings- 
zcit als Kaufmanns- und Tischlerlehrling, Schweinefütterer, Hauswart 
bei einem Ouacksalber, Tabakkrämcr und Bedienter zu überstehen, bis er 
1756 zu Lübeck in die Schönemannsche Schauspieler-gesellschaft eintrat. 
Als diese sich auflöste, wurde er Schreiber beim Hamburger Dichter 
Dreyer und darauf bei einem dänischen General, endlich betrat er wieder 
die Bretter. Er wurde Direktor des Hamburger Theaters, setzte sich^1788 
zuerst in Stettin, seit 1793 in Berlin zur Ruhe und starb in letzterer Stadt. 
Seine Stück „Ariadne auf Naxos" war das erste deutsche Mclodrauie. 
Seine Lustspiele (u. a. „Der geadelte Kaufmann," „Der Gasthof oder 
Trau, schau, wem," „Der Landjunker in Berlin," „Die Komödianten in 
Quirlcquitsch") gingen mit großem Erfolg über die deutschen Bühnen. 
Bomb« ä la Sardauapale. Es ist bekannt, daß Friedrich der 
Große bis an sei» Lebensende nichts lieber aß als schwer verdauliche 
Speisen. Der hannüverische Leibarzt Zimmermann (der Verfasser der 
„Einsamkeit") sah ihn am 30. Juni 1785 zn sich nehmen „sehr viel 
Suppe, die aus der allcrstärksten und aus den hitzigsten Sachen gepreßten 
Bouillon bestand", wozu der König noch „einen großen Eßlöffel voll 
gestoßener Muskatenblüthen und gestoßenen Ingwers nahm", sodann 
„ein gutes Stück Rindfleisch, das mit einem halben Quartier 
(1 Ouartter — 0,25 Quart, 1 Quart — 1,136 Liter) Branntwein gedämpft 
war," hierauf Makkaroni mit Parmesaukäse und dem Safte von Knoblauch 
endlich „einen ganzen Teller voll Aalpastete, die so hitzig und so würz
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.