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Periodical volume Sonnabend, 27. Januar 1900 Nr, 4

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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umfangreichen Thätigkeit unternahm Stüler mannigfache Studien 
reisen, von denen er viele Anregungen heimbrachte, und außer den 
genannten öffentlichen Bauten- und über 100 Kirchen hat er zahl 
lose Privatbautcn im In- und Auslande ausgeführt bezw. entworfen. 
Stüler ist auch schriftstellerisch thätig gewesen und hat ein größeres 
Werk über das Reue Museum in Berlin, ferner eine kleine Be 
trachtung über die „Wirksamkeit König Friedrich Wilhelms IV. in 
dem Gebiete der bildenden Kunst" verfaßt. Seinem königlichen 
Herrn blieb er bis zum Tode zur Seite und begleitete den er 
krankten König auf seinen Reisen, um ihn in lichten Augenblicken 
künstlerisch anregend zu erheitern. Obwohl er in späteren Jahren 
vielfach an asthmatischen Beschwerden zu leiden hatte, blieb seine 
Arbeitskraft doch ungeschwächt, und es überraschte alle Bekannte 
und Freunde, als Stüler am 18. März 1865 im Saale der 
Akademie, wohin er sich in voller Gesundheit zur Senatssitznng 
begeben hatte, plötzlich verstarb. G. A. 
Johann Gottfried Schadow. 
Zu seinem sünfxigjShrigrn Todestage. 
Johann Gottfried Schadow gehörte zu Berlin,' er war in 
Berlin geboren, starb in Berlin und seine bedeutendsten 
Werke schmücken die preußische Hauptstadt, wo der „alte Schadow" 
eine der populärsten Persönlichkeiten war. Da darf wohl auch der 
fünfzigjährige Todestag dieses Mannes nicht vorüber gehen, ohne 
daß man in Berlin seines Wirkens gedenkt. 
Johann Gottfried Srhsdoiv. 
Ueber die ersten vier Jahrzehnte seines Lebens hat uns 
Schadow in einer Antobiographie selbst Auskunft gegeben. Er 
erzählt, daß sein Vater von Bauernabkunft war, sich aber in Berlin 
wegen seines schwächlichen Körpers als Schneidermeister ansässig 
machte. Hier wurde Schadow am 20. Mai 1764 geboren. Seine 
Mutter war ebenfalls vom Dorfe nach Berlin zu einem Oheim, 
der früher Buchdrucker gewesen und später einen Kramladen hatte, 
gekommen. Er ließ der Nichte eine bessere Erziehung geben. Sie 
muß eine gescheite Frau gewesen sein, die stets Neigung zum 
Bücherlesen hatte, auch alle Arten von Plänen und dergleichen gut 
zu zeichnen vermochte. 
Als Schadow elf Jahre alt war, kam der Bildhauer Tassaert, 
von Friedrich dem Großen aus Paris berufen, nach Berlin. Einer 
von dessen Gehilfen, namens Selvino, ließ bei Schadows Vater 
arbeiten, und weil Geld für die Arbeit nicht von ihm heraus 
zubekommen war, ließ Schadows Vater ihn seinem Sohne Zeichnen- 
unterricht geben, da dieser für das Zeichnen große Neigung zeigte. 
So erhielt Madame Tassaert, die Gattin des Bildhauers und 
selbst eine begabte Malerin, Kunde von dem deutschen Knaben, 
der so gut zeichnen könne, und da sie haben wollte, daß ihre eigenen 
Kinder die deutsche Sprache erlernten, nahm sie den Knaben in 
ihr Haus, wo er unter ihrer Leitung nun weiter zeichnete. Schadow 
kam dabei auch in die Bildhauerwerkstatt, wo gerade große Statuen 
in Marmor gearbeitet wurden, und da es ihm freigestellt wurde, 
ob er hier lernen, oder bei Madame Tassaert sich im Malern 
weiter ausbilden wollte, erklärte er sich für die Bildhauerei. 
Als Schüler Tassaerts machte nun Schadow seine ersten 
Kunststudien, und gern hätte Tassaert, der des Jünglings großes 
Talent wohl erkannte, ihn fester an sich zu ketten gesucht. Er ließ 
Schadow merken, daß er sich durch Heirat dauernd seinem Hause 
verbinden könnte. Schadow aber verliebte sich in eine Oester- 
reicherin, die sich in Wien in einem Kloster hatte taufen lassen, und 
deren eigener Vater sie daraus befreit und nach Berlin gebracht 
hatte. Mit dieser flüchtete nun Schadow nach Wien, heiratete sie, 
obwohl er »och nicht einundzwanzig Jahre alt war, und ging mit 
ihr auf Kosten und mit Bewilligung seines Schwiegervaters nach 
Italien, um dort im klassischen Lande der Kunst Studien zu 
machen. 
In Rom studierte Schadow zunächst in der Werkstatt des 
Bildhauers Trippel, eines Schweizers, der ein guter Marmor 
arbeiter war. Aber auch sonst bot sich ihm hier viel Gelegenheit 
zur Vervollkommnung in seiner Kunst. Aus aller Herren Länder 
strömten Knustschüler zusammen, und wer, wie Schadow, mit offenen 
Augen dorthin kam, der fand genug Gelegenheit, die verschieden 
artigsten Schnlmanieren kennen zu lernen. Dazu wirkten die großen 
Kunstschütze Roms anregend in jeder Weise. Als erstes Ergebnis 
seiner künstlerischen Vervollkommnung war dann ein Preis, den er 
im Concorso di Balestra erhielt, zu ersehen. 
Diese Preisverteilungen beruhen auf der Stiftung eines 
Marchese di Balestra bei der Akademie der Künste in Rom. Die 
Akademie läßt zur Preisbewerbung die dort sich aufhaltenden 
jungen Künstler zn, und derjenige, der nach dem Urteil der Mitglieder 
der Akademie die Aufgabe am besten löst, erhält eine goldene 
Medaille von zwölf Dukaten an Wert. Diese goldene Preis 
medaille nun erhielt Schadow, obwohl er niemand in Rom 
hatte, der sich für ihn hätte verwenden können, während für die 
jungen Künstler anderer Rationen sich die Gesandten und andere 
Vornehme vielfach bemühten. Es war eine Gruppe des Perseus 
und der Andromeda, die Schadow zn diesem Zweck in Thon 
ausführte. 
Da starb im Jahre 1788 Tassaert, und Schadow bewarb sich 
um den Posten, den er auch trotz seiner Jugend erhielt. So 
kehrte er nach seiner Gebnrtsstadt zurück, und die erste Arbeit, die 
er hier ausführte, war ein Grabdenkmal für de» im nennten Lebens- 
jahre verstorbenen Grafen von der Mark, einen natürlichen Sohn 
des Königs. Das Denkmal wurde in der Dorotheenstüdtischen Kirche 
ausgestellt. Schadow arbeitete an diesem, zu seinen hervorragendsten 
Schöpfungen gehörenden Werke drei Jahre mit vieler Liebe. Es 
ist ihm, wie er selbst sagt, „nachher kein so großer und zugleich 
so poetischer Auftrag wieder zu teil geworden, vielmehr hat er sich 
mit vielen undankbaren prosaischen Teufeleien befassen müssen, wozu 
er nämlich alles zählt, worin unsere Röcke, Treffen, dreieckigen 
Hüte, Zöpfe und dergleichen die wesentlichen Bestandteile für den 
Anblick ausmachen." 
Schadow gelang es hierbei, zum erstenmal an Stelle der 
oberflächlichen Kunst des Rokoko die strenge, der Antike nachgebildete 
FvrMeugebnng zn setzen. 
Nach Vollendung dieser Arbeit wurde die Einleitung z»in 
Denkmal Friedrichs des Großen von dem Schadow sehr wolil- 
wollenden Minister Heinitz, der Kurator der Akademie war, b trie>>en. 
Schadow wurde a«A diesem Anlaß nach Stockholm und Petersla-:-. 
gesandt, um den Guß in Erz kennen zu lernen. Allein de 
für das Dcnkme.il wurde spänr wieder fallen gelassen. 
Indessen noard 1793 das D-nkinal Friedrichs des G oße» n 
Stettin vollcnöet, im folgenden Iahe« das Standbild Zieieno a ff 
dem Wilheümsplatz, im Jahre 1800 daU/mige Leopolds von Dffi-, . 
im Lustgarten, das im Jahre 1828 ebenfalls nach dem Wilaelln - 
platz überfü hrt wurde. 
Hier können unmöglich alle Arbeiten anfgeffjhrt werde», d; 
Schadow in dieser ersten Periode seiner künftlerüchen rtml-g-'r. 
geschaffe'.i hat, und die ihn vor allem zum Begründer ^cr moder u ; 
Berliner Bildhauerschule machten. Nur eine seiner Arbeiten d e 
für Berlin ganz besonders von Bedeutung ist, muß hier n-naa.it 
wcrderi, die Quadriga auf dem Brandenburger Thore, bei er 
seine römischen Studien ganz besonders zur Geltung bringen körnte. 
Sein Hauptwerk ans späteren Jahren ist das herrliche >r.- 
den'kmal, das im Jahre 1821 auf dem Marktplatz zu D-ttk^rg 
enthüllt wurde. Wie gewissenhaft Schadow bei dieser S!-dfuw 
zr, Werke ging, darüber berichtet er uns selbst in seiner Biographie 
tlngefähr ein Jahr vor dem Ausbruch des Krieges, im Iahet 05 
Ising er an, sich mit dem Denkmal Luthers zu beschäftig > Dac- 
,Lesen von dessen Schriften, sein Lebenslauf, alles ausführlch. wir 
es Walch giebt, erfüllte ihn mit staunender Bewundern,g, -nd 
.wenn nicht mehrere die Größe dieser Heldenseele einsehen, o lieg 
es in der Unbekanntschaft, wovon wohl anch^ nur wenig- s,-mei 
heutigen Schüler auszunehmen sind. Er entwarf ein Mo l. wenig 
abweichend von der Metalltafel in Jena, nur mit der offnen Bibel 
in der Hand. Danach ging Schadow nach Weimar, Jen., Erfurt 
Eisenach, Kassel, Leipzig, Wittenberg und Dresden, sah ammclt- 
und durchzeichnete alle dort »och vorhandenen Abbildungee-Lnthe s, 
und als er sich ein Bild von ihm eingeprägt Hatte, macht- er dessen 
kolossales Brustbild. So berichtet er selbst in einer Zu, da all, 
diese Lutherstudien durch den Krieg wieder hintangese wurde- 
Erst später wurde die wahrhaft geniale Schöpfung vo Tbet, er 
ber übrigens auch Schinkel Aonsil nahm, indem nach deffmZeichnung
        
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