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Periodical volume Sonnabend, 27. Oktober 1900 Nr, 43

Full text: Der Bär Issue 26.1900

einer Zeit, zu der es ihnen iiniiiüglich war, diese Schätze eingehend 
kennen zu lernen. Da war es wieder des Kronprinzen schöpferischer 
Gedanke, der hier helfend eintrat. Er sorgte dafür, daß den 
jungen Leuten die Räume im Kunstgewerbemuseum in einer mehr 
ergiebigen Weise als bisher erschlossen wurde» und ordnete au, 
daß der Besuch seitens der Schüler in Begleitung kundiger Lehrer 
erfolgte, damit die Schüler erst die rechte Ausbeute von dem Besuch 
hatten, Rektor Paulick, der verdienstvolle, langjährige, leider zu 
früh verstorbene Leiter der X, Fortbildungsschule, welchen der 
Kronprinz mit seiner ganz besonderen Gunst auszeichnete und 
jedes Jahr besuchte, mußte ihm jedesmal eingehend Berichi 
darüber erstatten, ob diese Besuche auch fleißig stattfanden. Aber 
er begnügte sich nicht damit. Wie er die Kunst in erster Reihe 
nicht als ein Erwerbs-, sondern vielmehr als ein Bildungsmittel 
auffaßte, so suchte er dementsprechend ihre Erzeugnisse den weitesten 
Kreise» des Volkes zugänglich zu machen. 
Wenn ein Teil dieser herrlichen Ideen sich bisher nicht ver 
wirklicht hat, so lag es eben daran, daß dem fürstlichen Volksfreund 
als Kronprinz nicht derjenige Einfluß auf die maßgebenden Faktoren 
zustand, wie er ihn als Kaiser hätte ausüben können. Seine 
Hände waren ihm durch zahlreiche Rücksichtnahmen und durch die 
Unzulänglichkeit seiner Mittel gebunden. Er selber batte einmal 
diesen Zustand des Gebundenseins mit den Worten bezeichnet, „das; 
der Kronprinz nur zu wünschen, der Kaiser aber zu befehlen habe." 
Was er aber in diesem Sinn erstrebt und während der ihm nur 
noch kurz bemessenen Zeit seines Lebens auch verwirklicht hat, das 
.hat er mit trefflichen Worten bei einer der Prüfungen in der 
genannten Anstalt gegenüber den städtischen Vertretern und dem 
Rektor der Anstalt ungefähr in folgenden Worten geäußert: „Wenn 
der Handwerker den ganzen Tag an die Arbeit gefesselt ist, so »ins; 
ihm durch besondere Einrichtungen, in erster Linie durch elektrische 
Beleuchtung des Kunstgewerbemuseums und der übrigen Kunst 
sammlungen die Möglichkeit erschlossen werden, in diesen Räumen 
in nutzbringender Weise auch abends seine Studien zu machen," 
Die Aeußerung that er speziell in der Bildhauergruppe und ver 
sprach, seinen ganzen Einfluß aufzubieten, damit der von ihm ins 
Auge gefaßten Vergünstigung möglichst schnell entsprochen werde, 
„Die herrlichen Sammlungen", sagte er weiter, „werden nicht 
genügend benutzt, namentlich von denjenigen, die den größten 
Nutzen daraus ziehen könnten. Die Kunst ist nicht für wenige 
Auserkorene da, sondern um die Masse des Volkes nach jeder 
Richtung hin zu bilden; darum muß der Staat Einrichtungen 
treffen, daß diese Schätze dem ganzen Volke erschlossen werden. 
Unter Führung von Lehrern muß dieser Besuch ein nutzbarer, plan 
mäßiger für sämtliche Fortbildungsschulen Berlins werden. Dann, 
„so hoffe ich," schloß er, „wird die Zeit nicht mehr fern sei», wo 
Nord und Süd in Deutschland sich zu diesem edlen Wettstreit 
innig die Hand reichen und dem Ausland gegenüber erfolgreiche 
Konkurrenz bieten können."*) 
Ein neuer Abschnitt für das Kunstgewerbeinuseuin begann im 
Jahre 1891, wo es aus den provisorischen Räumen der alten 
Porzellanmannfaktur nach dem neuen, inzwischen fertig gestellten 
herrlichen Heim in der Prinz Albrechtstraße übersiedeln konnte. 
In der würdigen Umgebung präsentierten sich die Erzeugnisse des 
Kunstfleißes uin so schöner, und das Interesse für die stetig sich 
vermehrenden Sammlungen wuchs seitdem von Tag zu Tag, 
Werfen wir noch einen Blick auf die Entstehung des Monu- 
mentalbauS. In der kurzen Zeit von vier Jahren war er voll 
endet worden. Wie er selbst die Erzeugnisse des Kunstgewerbes 
in den kostbaren Schätzen seiner Sammlungen barg, so hatten alle 
Zweige des Kunsthand Werkes an seinem Aufbau und an seiner 
Ausschmückung teil genommen. Die Fundamentierung des Baus 
hatte am 23, April 1877 begonnen; die Unterrichtsanstalt konnte 
bereits am 1, Oktober 1880 in die Räume übersiedeln. Am 
20, Juni 1881 folgten die Sammlungen; die letzten derselben 
wurden am 1. Oktober 1881 aus dem Jnterimslokal der alten 
Porzellanmanufaktur in das neue Haus übergeführt. 
Nur durch das freudige Zusammenwirken aller Kräfte, vor 
allem durch das großmütige und thatkräftige Eingreifen des Kron 
prinzen und seiner kunstsinnigen Gemahlin, deren liebevolle Teil 
nahme an dem Gelingen des schönen Werkes lebendig blieb, 
konnte die Riesenanfgabe in so kurzer Zeit vollendet werden, Kunst 
und Knnsthandwerk reichten sich dabei zu schönem Bunde die Hand, 
geführt und geleitet von dem schöpferische» Genie der Baumeister 
Martin Gropins und Heino Schmieden, welche den herrlichen Bau 
zwar gemeinschaftlich begonnen, aber nicht gemeinschaftlich vollenden 
sollten; ein allznfrüher Tod berief den erstgenannten Meister vor 
zeitig aus seinem Wirken ab, 
Das Werk der Meister aber wird Generationen überdauern. 
Entstanden aus den Bedürfnissen der künstlerisch schaffenden Arbeit, 
unterstützt und gefördert von der liebevollen Huld kunstsinniger 
Fürsten, bestimmt z» der schönen Aufgabe, die kunstgewerblichen 
Schätze aller Völker und Jahrhunderte dein gegenwärtigen und 
zukünftigen Beschauer vor Angen zu führen, steht es da als 
Monument des deutschen Kunstfleißes, dem Kunstgeschuiack ferner 
Geschlechter die Wege weisend, als das Wahrzeichen eines »ach 
den höchsten und idealsten Gütern des Lebens ringenden Volkes, 
Herman» Müller-Bohn. 
*) Nach persönlichen Mitteilungen des Rektors Paulick, s. Z. Leiter der X. Fon-, 
büduugsschnle. 
Die Schorfheide, 
der bedeutendste kaiserliche Iagdgrund in der SNark. 
W ie fast alle Hohenzollernfürste», so ist auch Kaiser WilhelmII. 
ein leidenschaftlicher Jäger und treffsicherer Schütze, Nur 
selten giebt er einen Fehlschuß ab; als echter, rechter 
Waidmann ist er mit besonderer Liebe Pürschjäger, der sich nirgends 
so wohl fühlt als in der Schorfheide, Zwar lockt ihn im Frühjahr 
die Anerhahnbalz in den Forsten Thüringens und Badens und die 
Pürsche aus den Rehbock in Cadine» und den Revieren des Burg 
grafen zu Dohna-Schlobittcn, auch verschmäht er nicht nach der 
sommerlichen Ruhepause die Hühner- und Fasanenjagd und eine 
Streife auf Hasen; aber die reine Waidmaunsfrende verspürt er 
erst, wenn er in den weiten Forsten von Rominten nnd der Schorf 
heide den geweihten König der Wälder ins Blatt treffen kann. 
Die Schorfheide, Werbellinheidc, auch Werbellincr Forst ge 
nannt, zählt mit dem Grnncwald bei Berlin, dem Wildpark bei 
Potsdam, der Ruppiuer Schweiz, der Heegermühlheide bei Ebcrs- 
walde, dem Blumenthal bei Straußberg, dem Tprcewald nnd 
Sorauer Wald zu den größten und bedeutendste» Waldungen in 
der ganzen Mark Brandenburg. Sie liegt etwa 55 Kilometer 
nördlich der Reichshauptstadt Berlin und ist am bequemsten zu 
erreichen, wenn man mit der Berlin-Stcttiner Bahn bis Eberswalde 
fährt und von dort die Bahnlinie Eberswaide-Templin-Fürstenf 
bcrg i, Meckl, bis zur Station Werbellinsee (Kaiserpavillou) ober 
Joachimsthal benutzt. Auf dem teils lehmigen, teils lehmig - 
sandigen Plateau der Uckermark belegen, reicht die Schorsheide im 
Süden bis gegen die Finowkanalniederung zwischen Liebenwcstde 
(Havel) und Eberswaldc; im Norden stößt sie an die Besitzungen 
des Grase» Aruim-Boytzenbnrg, dessen Forsten, obgleich sie/ sicki 
über 40 000 Morgen erstrecken, zur Werbellinheidc verschwstndend 
klein erscheinen; denn diese bedeckt ein Areal von 'nahezu 
110 000 Morgen (27 371 Hektar) und umfaßt in den vier Ober 
förstereien Groß-Schöncbeck, Pechtcich, Grimnitz nnd /Reiersdors 
vierundzwanzig Schntzbczirke. In diesem ausgedehnten Waldrevier 
liegen nur ein einziges größeres Dorf, zwei Kolonien Friedrichs 
des Großen und am Rande zwischen Werbellinsee und' Grimnitzsee
        
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