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Periodical volume Sonnabend, 27. Oktober 1900 Nr, 43

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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als man einen Niedergang des KunstgewerbeS zu befürchten 
glaubte, war der Gedanke erwacht, diesem Rückgänge durch An- 
sanimluug würdiger Vorbilder, durch Ausstellungen, vor allem 
aber durch Begründung neuer Lehranstalten wirksam entgegen zu 
arbeiten. Die schwere» Zeiten der politische» und nationalen 
Erniedrigung unseres Vaterlandes zu Anfang dieses Jahrhunderts, 
das vollständige Stocken von Handel und Gewerbe hatten 
aber alle diese schönen Anfänge im Keim erstickt. Erst nach den 
Freiheitskriegen kamen diese Bestrebungen durch Beuth und 
Schinkel wieder in Fluß, und als ersterer im Jahre 1821 die 
Gewerbeschule gründete, ans welcher später die technische Hoch 
schule erwuchs, sollte auch das Knnstgewerbe eine wesentliche 
Förderung erfahren. Die mit dem Institut verbundene Mnster- 
zeichenschnle, die Werkstätten für Modelleure, Knnstgießer und 
Ciseleure, die durch Schinkel angeregte und unter seiner geistigen 
Führung stehende Herausgabe eines Prachtwerks, welches wert 
volle Vorbilder für Fabrikanten und Kunsthandwerker enthielt, 
seine Förderung der Zinkgnßiiidnstrie, der Silberschmiedeknust, 
der Weberei und Wirkerei, die Hebng des künstlerischen Geschinacks 
durch die ebenfalls von Schinkel angeregte Verschönerung der 
inneren Ausstattung der Wohnungen — alles dies waren mächtige 
Fortschritte ans dein einmal begonnenen Wege. 
Dem Beispiele der Hauptstadt folgten die Provinzialstädte 
mit der Gründung von Kunst- und Gewerbeschulen, und als die von 
dem edlen Prinzen Albert, dem Schwiegervater Kaiser Friedrichs, 
im Jahre 1851 ins Leben gerufene erste Londoner Weitaus- 
stellnng die verschiedenste» europäischen Rationen zu einem fried 
lichen Wettkampfe auf den Plan rief, begegnete dieses Unter 
nehmen auch in Preußen, vornehmlich in Berlin, großem Ver 
ständnis in den gewerblichen Kreisen. Freilich, das bewies diese 
und auch noch die im Jahre 1862 in London wiederholte Aus 
stellung, daß Preußen in Bezug auf kunstgewerbliche Leistungen erst 
in dritter und vierter Reihe marschierte, und es bedurfte noch ver 
schiedener Niederlagen in den friedlichen Wettkämpfen der Gewerbe, 
um die maßgebenden Kreise davon zu überzeugen, wie wichtig 
gerade das Knnstgewerbe für den nationalen Wohlstand ist, indem 
es, das Rohprodukt veredelnd, unter Beihilfe eines künstlerisch 
gebildeten Geschmacks und unter nur geringem Aufwand von 
Material und finanzieller Unterstützung wirtschaftlich die größten 
Werke erzeugt. 
Zur Verbreitung dieser Ueberzeugung in weiteren Kreisen hat 
namentlich das Kronprinzliche Paar hervorragend beigetragen. Im 
Auftrage desselben gab Dr. jur. H. Schwalbe im Jahre 1866 
eine Denkschrift heraus, die die Förderung der Knnstindnstrie von 
der Gründung von Knnst-Jndnstrieschnlen, wie solche seit langer 
Zeit in England bestanden, abhängig rnachte. Bald nach dem 
Kriege 1866 bildete sich ein Komitee, das die Gründung eines 
Kunst- und Gewerbemnsenins sich als Ziel gesteckt hatte. Der 
am 1. Dezember 1866 erschienene Aufruf zeigte siebzig Unterschriften 
aus den Reihen hervorragender Mitglieder der Kaufmannschaft, 
Künstler, Gelehrten und Zeitnngsredakteure. Bereits am 19. De 
zember fand eine öffentliche Versammlung statt, die über Zweck 
und Ziele des in Aussicht genommenen Instituts eingehend beriet. 
Dieses sollte nach einer weiteren Versammlnng des Ausschusses, 
der am 25. März 1867 die Satzungen vorlegte, den Namen 
„Deutsches Gewerbemusenm zu Berlin" führen und den Zweck 
haben, „den Gewerbetreibenden die Hilfsmittel der Kunst und 
Wissenschaft zugänglich zu machen." 
Das junge Institut hatte aber zuvörderst mit schweren Sorgen 
zu kämpfen. Wenn die Königliche Staatsregiernng sich auch nicht 
ablehnend verhielt, so blieb doch in der Hauptsache die Aus 
gestaltung und Weiterführung zunächst der Prioatthätigkcit über 
lassen. 
Da griff der Kronprinz, dem die Sache sehr am Herzen lag, 
mit fester Hand ein. Wesentlich auf seine Fürsprache ivnrde dem 
deutschen Gcwerbemnsenm unterm 18. August 1867 die Rechte einer 
juristischen Person verliehen und ihm durch eine Schenkung von 
45 000 Mark von seiten der Königlichen Staatsregiernng die erste 
größere finanzielle Unterstützung zu teil, die wesentlich zu Ankänsen 
auf der Pariser Weltausstellung verwendet werden sollte. Rach 
dem in der Stallstraße ein Lokal gemietet und die Sammlungen 
geordnet waren, konnte am 12. Januar 1868 die Anstalt mit 
230 Schülern, welche in vier Sonntags-, vier Abend- und zwei 
Tageskursen unterrichtet wurden, eröffnet werden. Einige Wochen 
später fand die erste öffentliche Vorlesung statt. Bereits am 7. April 
desselben Jahres wurden die beiden ersten Sammlungssäle dem 
Publikum erschlossen. 
Um dem jungen Institut auch außerhalb Berlins Freunde und 
Geltung zu verschaffen, hielten die verdienstvollen Direktoren, 
Grnnow und Dr. Lessing, in Potsdam, Magdeburg, Halbcrstadt, 
Stettin, Posen n. s. w. Vortrüge über die Zwecke und Ziele des 
Gewerbemnsenins. An diese Vorträge reihten sich Wander-Aus- 
stellunge», wobei solche Skücke der kunstgewerblichen Sammlungen, 
die durch den Eisenbahntransport nicht gefährdet wurden, in eigens 
dazu angefertigten, leicht zerlegbaren Schränken auch weiteren 
Kreisen zugänglich gemacht wurden. Das Interesse für die junge 
Anstalt wuchs von Tag zu Tag. 
Von grundlegender Bedeutung für die Ansgestaltniig und 
weitere Entwicklung des Knnstgeiverbemuseums war die im Herbst 
1872 veranstaltete Ausstellung älterer kunstgewerblicher Gegenstände 
im Königlichen Zeughanse. Sie war das ureigenste Werk des 
Kronprinzenpaares, das nicht nur die erste Anregung dazu 
gegeben, sondern auch durch Geivinnnng eines Ansstellnngslokals, 
durch Auswahl und Unterbringung der Ausstellungsobjekte, vor 
allem aber durch die Beschaffung der Geldmittel das Unternehmen 
in uneigennütziger Weise unterstützte. In mehreren Beratungen, 
die die Grundzüge des Unternehmens feststellen sollten, hatte der 
Kronprinz selbst den Vorsitz geführt. Auf seine und seiner Gemahlin 
warme Fürsprache war ans dem Allerhöchsten Dispositionsfonds 
die Summe von 30 000 Mark zur Unterstützung des verdienstvollen 
Werkes gewährt worden. Wesentlich ihrem Einfluß verdankte der 
Ausschuß auch die schnelle Gewinkiung eines Ansstellnngslokals; 
die oberen Räume des Königlichen Zeughauses waren dazu beivilligt 
worden. 
Nachdem der Kronprinz und die Kronprinzessin am 8. Mai 
das Protektorat der Ausstellung übernommen, leiteten sie persönlich 
die Auswahl der durch die Gnade des Kaisers bewilligten Kunst 
werke ans sämtlichen königlichen Schlössern, stellten auch bereit 
willigst ihre eignen Sammlungen zur Verfügung. Ihr hochherziges 
Beispiel fand bei den Besitzern kunstgewerblicher Gegenstände leb 
hafte Rachahmnng. Die Prinzen Karl und Alexander von Preußen, 
die Herren Oberleutnant von Brandt, Konsul Gärtner, Graf 
Harrach, A. von Heyden, Bankier Ferdinand Jacques, Stadtrat Löwe, 
General von Pencker, Graf W. Ponrtalss, Bildhauer Snßmann- 
Hellborn u. a. m. stellten bereitwilligst ihre Besitztümer zur Ver 
fügung; ihnen schlossen sich die Königlichen Museen, die Königliche 
Knnslkamnicr und andere öffentliche Sammlungen an, und die 
Räume konnten die Kunstgegenstände kaum fassen. 
Die am 1. September desselben Jahres durch den Kronprinzen 
persönlich eröffnete Ansstcllnng, welche bis zum 17. November 
währte und von mehr als 6000 Personen besucht wurde, ließ er 
kennen, welche reichen Schätze an kunstgewerblichen Gegenständen 
aller Stilperioden in der Hauptstadt zerstreut waren, und wie 
lohnend es sein würde, auf Grundlage und durch möglichste Ver 
einigung dieses Bestandes ein Kniistgeiverbemnsenm herzustellen. 
Durch die Ansstcllnng im Zeughanse war das Museum zum 
erstenmal ans der Abgeschiedenheit in der Stallstraße vor ein 
größeres Publikum getreten. Das Interesse weiterer Kreise für 
kunstgewerbliche Gegenstände kam natürlich dem Institut selbst zu 
gute. Dadurch wurde auch die Aufmerksamkeit auf die ungenügende» 
Lokalitäten gelenkt, in welchen das Museum bisher sein Dasein 
hatte fristen müssen; vor allem galt es, den inzwischen von der 
Königlichen Staatsregiernng angekauften, sehr wertvollen Minntoli- 
und Hanemann-Sammlnngen ein geeignetes und würdiges Unter 
komme» zu schaffen. Der neue Bau eines Museums war indessen 
selbst im günstigsten Falle vor Ablauf einiger Jahre nicht zu er 
warten. Da traf cs sich, daß durch die Ucbersicdclung der Königlichen 
Porzellan-Manufaktur nach Charlöltenburg die beiden auf den 
Grundstücken Leipzigerstraße 4 und Königgcätzerstraße 120 gelegenen, 
bereits von Friedrich dem Großen errichteten Gebäude frei wurden; 
in diese Räume, welche schon 100 Jahre früher ebenfalls einem 
wichtigen Knnstgewerbe gedient hatten, wurde das Museum Ende
        
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