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Periodical volume Sonnabend, 20. Oktober 1900 Nr, 42

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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„min gute srind, laß lummer, wib und zank — 
im güldnen flifell drink di» labetrank." 
Wie viele Stiefel oder „gestisflete Krüge" der edle Matzen- 
heimer in einer Sitzung vertragen konnte, teilt die Mär nicht mit 
— daß aber die Zahl eine ordentliche gewesen, geht daraus hervor, 
daß der Wirt, nachdem der Matzenheimer das Wirtshaus „Znm 
güldenen Stiefel mit der Ahnengruft vertauscht, den Wandarm 
samt Stiefel einzog und hinfort von seinen Renten lebte. 
Wie im Leben des Matzenheiniers, so hat auch im Leben 
eine jeden anderen „teutschen" Mannes das Getränk eine Rolle 
gespielt. Mit freudiger Begeisterung singt denn auch der ehrenveste 
Fischart: 
„Die liebste Buhle die ich Han, 
Sie liegt beim Wirt im Keller, 
Sie hat ein hölzern Röcklein an 
Und heißt der Muskateller. 
Sie hat mich nächten trunken gemacht 
Und fröhlich mir den Tag vollbracht." 
Born Wasser hielten die Herren nicht viel, und mit Verachtung 
gedenkt der sangesknndige Walter von der Vogelweide des schäbigen 
Mittagsmahls bei dem gestrengen Abt von Tegernsee: 
„Ich nam da wazzer, 
Aso nazzer 
Mußt ich von dannen ziehn." 
Zwar sind in unseren Tagen die Leistungen in dem Vertilgen 
wirklich trinkbarer, flüssiger Stoffe trotz aller Fortschritte der 
Kanalisation, die bekanntlich ans gute Spülung den höchsten Wert 
legt, bei weitein nicht mehr so gewaltige wie zu Zeiten des Ritters 
Hans von Schweiuichen und des brandenbnrgischen Oberkäminerers 
Kurt von Bnrgstorf, von denen jeder in einer Sitzung achtzehn bis 
zwanzig Maß „ohne irgend welche snnderliche Beschwerniß" ver 
tilgen konnte, aber sie sind doch noch immer so bedeutend, daß sie 
mit einigem Recht den Schrecken aller tngendsamen Hausfrauen 
bilden. 
Es ist sehr natürlich, daß in einem Lande, dessen Bewohner 
einen guten Trnnk so hervorragend zu schätzen wissen, das Wirts 
haus eine außerordentliche Bedeutung besitzt. Das Wirtshaus 
betrachtet der Deutsche als eine freundliche, gesellige, Sorgen ver 
tilgende, politische Gedanken erzeugende, Weisheit ausströmende 
Heimstätte, in der er zur höchsten Seligkeit einzugehen vermag. 
Allabendlich setzt er sich in diesem gemütlichen Heim ans denselben 
Stuhl, an denselben Tisch, in dieselbe Ecke, trinkt ans demselben 
Glase dieselbe Wein- oder Biersorte und diskutiert mit denselben 
würdigen Genossen über die Schwächen oder Vorzüge der Re 
gierung und über wichtige Fragen, von deren Lösung der Völker 
Wohl »nd Wehe abhängt. Der Stammtisch, ist urgermanisch — 
man findet ihn in keinem anderen Lande. Dein Stammtisch 
schlägt keine Polizeistunde, und wollte sich gar der Wirt vermessen, 
zu sagen: 
„Sintemal und alldieweil 
Spätes Kneipen ist ein Gräul, 
Wird des Abends um die Acht 
Diese Kneipe zu gemacht —" 
so würde es vom Stammtisch sicherlich energisch im Chorus zurück 
schallen : 
„Alldieweil und sintemalen 
Unser Bier wir selber zahlen, 
Wird jetzt erst die ganze Nacht 
Mit dem Kneipen fortgemacht." 
Glücklicher Weise giebt es keinen Wirt, der „des Abends um 
Acht" Feierabend gebietet, wohl aber solche, bei denen es leider 
heißt: 
„Erst des Morgens um die Acht 
Wird die Kneipe zugemacht." 
Wenn sich gegen sie der Zorn germanischer Hausfrauen richtet, so 
ist diese Gemütserregnng sehr begreiflich und entschuldbar. 
Entsprechend der Verehrung, welche das starke Geschlecht dem 
Wirtshause zollt, wird auch das Gefäß, aus dem der Saft der 
Rebe oder das Gebräu von Hopfen und Malz getrunken wird, 
geschätzt. Im vergangenen Jahrhundert stand dieses Ansehen des 
Trinkgefäßes noch höher als jetzt, wenigstens läßt sich das aus 
der Zahl der Gefäßtypen schließen, die erheblich größer war als 
jetzt. Da gab es Stiefel, Römer, Willkomm, Paßglas, Aengster, 
Tummler und noch viele andere Typen, die in heiterer Gesellschaft 
zum kräftigen Poknlieren benutzt wurden, und von denen einige 
auch zu allerhand Kurzweil dienten. 
Den Stiefel findet man heutigen Tages noch hin und wieder 
unter den Studenten vertreten, während ihn der prosaische Philister 
in ledernem Zustande nur noch als Fußbekleidung benutzt. Der 
Stiefel in Steinzeug, Glas oder getriebenem Metall als Trink 
gefäß kommt schon im Mittelalter vor, und die Sage behauptet, 
daß sein Gebrauch daher rühre, daß einst ein durstiger Ritters- 
man» in Ermangelung anderen Trinkgeschirrs den ledernen Stiesel 
ausgezogen »nd ihn als Trinkgesäß bcnntzt habe. Fischart spricht 
von „gestisfleten Krügen", und Thomas Platter berichtet, daß ihm 
um das Jahr 1528 ein Freund, Heinrich Billing, ein Glas 
geschenkt habe, „was geforiniert wie ein ftifell" war. Mit besagtem 
Stiefel gingen Thomas Platter und sei» Weib in den tiefen Keller 
und tranken den Saft der Reben in vollen Zügen. Zu unserer 
Beruhigung fügt Platter bezüglich der Menge des edlen Stosses 
hinzu: „das vasslin wäret lang." Und so werde» sie denn auch 
den prächtigen Stiefel wohl recht lange benutzt haben. 
Was den „Willkomm" anbetrifft, so sagt schon sein Name 
genug. Er trat in Benutzung, wenn der Ehrentrnnk zu freund 
lichem Willkommen kredenzt wurde, und wohl dem preiswürdigen 
und ehrenfesten Manne, der ihn der Sitte entsprechend mit einem 
Zuge sofort leeren konnte. An bestimmtes Material und bestimmte 
Formen war der Willkomm nicht gebunden, die Hauptsache blieb, 
daß er ein großes Onautum fassen konnte und einen würdigen 
monumentalen Eindruck machte. Großen Wert haben besonders 
die Zünfte und Ratsstnben ans möglichst prächtige Gestaltung des 
Willkomm gelegt. Silber, Zinn und Glas, dieses meist mit 
Malereien in Emailfarben geschmückt, sind die gebräuchlichsten 
Materialien für das Prachtgefäß gewesen. Zn den Malereien 
wählte man als Motive mit Vorliebe den deutschen Reichsadler 
oder die Bildnisse der Kurfürsten mit entsprechenden Unter 
schriften, wie: 
„Vivat, es lebe das Heilige Römische Reich 
Mitsampt seinen Gliedern und allen zugleich." 
Die Zünfte hingen auch gern an den Willkomm, sofern er von 
Silber oder Zinn war, Schau- und Gedenkmünzen. Gerade von 
solchen Arten des Willkomm sind noch viele Exemplare in den 
Sammlungen vorhanden. 
Das Paßglas, von hoher, zylindrischer Gestalt, trug seinen 
Namen von dem senkrechten Maßstab oder den gleich weit von ein 
ander entfernten Reifen, die an seiner Wandung angebracht waren. 
Bei fröhlichem Gelage machte es unter den Zechern die Runde, 
und jeder war gezwungen, den Wein bis zu einem bestimmte» 
Merkzeichen zu trinken, widrigenfalls er zur Strafe noch bis znm 
nächsten Merkzeichen trinken mußte. 
Aus dem Aengster pflegte man nur den feinsten Wein zu 
trinken. Er bildete eine Vereinigung von Glas und Flasche und 
war ganz daraus berechnet, den Duft des Weines zu bewahren, 
wie überhaupt das edle Getränk gegen das Verschalen und Fade 
werden zu schützen. Zu diesem Zweck bestand er aus einem Gefäß 
in Form einer Zwiebel oder platt gedrückten Kugel mit mehreren 
engen, ineinander gewundenen Ansgußtöhren — oft sechs an der 
Zahl —, die in eine gemeinsame Schnauze mündeten. Wollte der 
Zecher trinken, so setzte er die Schnauze an den Mund und ließ 
den Wein in den Hals hinabgleiten. Da dieses Hinabgleilen in 
folge der phantastisch gewundenen, engen Röhren nur langsam vor 
sich ging, so mußte der Trinker, wie sich Fischart ausdrückt, um 
den Trnnk geradezu betteln. So erhielt denn auch das seltsame 
Gefäß, das beim Zechen so viele Beschwerde und Angst verursachte, 
den Namen „Aengster". 
Und nun der Tummler. Er war ein Becher in der Form 
einer Halbkugel und hatte die Eigenschaft, daß er, wenn er zur 
Seite gelegt wurde oder schwankte, sich von selbst wieder aufrichtete. 
Wo aber sind alle diese Formen der Trinkgefäße in unseren 
Tagen geblieben? Nun, sie sind bis ans jene des Römers vom 
Tisch der Zecher verschwunden. Das Kelchglas, mit standfestem, 
meist durch einen Modus gegliederten Fuß und mehr oder weniger 
hohem oder stacheln Kelch, hat alle jene alten Typen verdrängt 
und ist international geworden. Höchstens daß noch hier oder da 
der Liebhaberei für Altertümer seitens einer Glashütte durch Nach 
ahmung jener alten Formen Rechnung getragen wird. Und in 
diesem Fall führen diese nachgemachten Gläser ei» einsames und 
rein dekoratives Dasein auf den Borden und Kredenzen der Speise- 
und Trilikzininier' denn getrunken wird aus ihnen nicht mehr. 
Wie Gott Bacchus, so hat auch sein Vetter Gambrinus schon 
in alter Zeit über eine stattliche Anzahl prächtiger Triukgcfäße 
verfügt. Aber auch unter ihnen hat die moderne Zeit stark auf 
geräumt. Wo sind die mächtigen Ratskannen, Mieten, Schnellen, 
Pinten, Biergött, Rölzer, Wurst- und Brotkrüge ans den Zechtischen 
geblieben? Nun, sie sind verschwunden und in die Raritätenkabinette 
und Museen gewandert. Geradezu rührend ist es, wenn man 
sieht, mit welcher Hingebung und Liebe unsere Altvorderen diese 
Gefäße gestaltet, gegliedert und geschmückt haben. Besonders im 
17. und 18. Jahrhundert ist von der deutschen Töpferei Groß 
artiges geleistet worden. Bornehnilich waren es die rheinischen 
Krngbäckereien in Siegbnrg, Raeren und Grenzhausen, die wahre 
Meisterstücke lieferten. Sauber wurden die Gefäße gedreht und 
dann verziert. Solche Verzierungen wurden entweder sorgfältig 
eingeschnitten und eingepreßt, oder in besonderen Thonformen aus 
gearbeitet und als dünne Schicht an die noch feuchten Krüge gedrückt. 
Diese wanderten alsdann in den Ofen, wo sie bei starkem Brand 
völlig versinterten und die Salzglasnr erhielten. Nur die ans dein 
feinsten weißen Steingut gebildeten Gesäße der Siegbnrger Töpfereien 
sind meist ohne Glasur geblieben. Die Krüge ans Raereii sind 
fast immer braun, die aus Grenzhausen, wo die Töpferei noch 
heut in Blüte steht, blangrau. Wappen und figurale Szenen.
        
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