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Periodical volume Sonnabend, 13. Oktober 1900 Nr, 41

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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der Vorbildung zu diesem Studium auf das Abiturientenexamen 
auszudehnen. Die Erreichung dieses Zieles ist nur als eine Frage 
kürzester Zeit anzusehen. Infolge dieser gewaltigen Reorganisation 
des tierärztlichen Studiums in den letzten Jahrzehnten, mit der 
auch die Umwandlung der tierärztlichen Lehranstalten in Hoch 
schulen zusammenhing, ist es der Veteriuärkunde gelungen, fast in 
allen ihren Zweigen den mächtige» Fortschritten der Gesamt- 
medizin zu folgen. Wie letztere hat auch die Tierheilkunde alle 
Hilfsmittel einer exakten Beobachtung, die Perkussion und Aus 
kultation, behufs der pathologischen Forschung die chemische Ana 
lyse und das Mikroskop in Anwendung gebracht; sie hat ferner, 
dank der ersprießlichen Wirksamkeit zahlreicher forschender Prak 
tiker, — mir heben nur unter den bahnbrechenden Pionieren der 
Veterinärchirurgie Namen wie Möller, Proehner, Bayer her 
vor — in der Technik der Operationen und der Wundbehandlung 
die höchste Stufe der Meisterschaft erreicht. 
Allerdings wäre die Tiermedizin nimmer zu dieser großartigen 
Entwicklung gelangt, wenn sie nicht die erfolgreiche Unterstützung 
der mechanischen Technik in der vollkommenen Herstellung der 
instrumentalen Hilfsmittel gehabt hätte. Wie man noch am 
Beginn der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts die Be 
strebungen der Veterinärkunde völlig unterschätzte, so legte die 
chirurgische Jnstrumentensabrikation auch keinen Wert ans die Er 
zeugung der tierärztlichen Instrumente. Die Darstellung letzterer 
bildete einen nebensächlichen Zweig des Schaffenskreises der 
chirurgischen Instrumentenmacher. Als nun die Tierheilkunde zu 
einer immer bedeutenderen wissenschaftlichen Entfaltung gelangte 
und an die Erzeugung ihrer instrumentalen Apparate immer 
größere Anforderungen stellte, wäre sie in der Wirksamkeit der 
Technik den größten Schwierigkeiten begegnet, wenn nicht die Vor 
aussicht eines Berliner Gewerbetreibenden, des hochverdienten Be 
gründers der heute zu einem Welthause emporgediehenen Berliner 
Fabrik von H. Hauptner, zur richtige» Zeit den Weg der Hilfe 
angebahnt hätte. Es war im Jahre 1857, als Herr Hans 
Hauptner eine unscheinbare Werkstätte für die Herstellung 
chirurgischer Instrumente ins Leben rief, jedoch der Fabrikation 
der tierärztlichen technischen Hilfsmittel seine Hauptthätigkeit zu- 
wandte. Kaum erkannte er, daß seine Bestrebungen ein weites 
Verständnis in allen Fachkreisen fanden, da begann er seine Auf 
gaben zu erweitern und die der Tiermedizin dienenden Erzeugnisse 
zu einer Spezialität seines Schaffens auszubilden. Alle neuen 
Konstruktionen bedeutender Tierärzte wußte er in mustergiltiger 
Weise zu verkörpern, an vielen die verbessernde Hand anzulegen, 
den Tierarzneischulen, ihren Wünschen entsprechend, die Apparate 
zum Unterricht darzubieten, kurz, er entfaltete eine ersprießliche 
Wirksamkeit, die ihn bald mit allen Ländern der Erde in geschäft 
lichen Verkehr brachte. Aus der winzigen Werkstätte wurde schon 
in kurzer Zeit ein fabrikmäßiges Unternehmen, das sich immer 
mehr und mehr den wachsenden Bedürfnissen der Veteriuärkunde 
anzupassen vermochte. So stieg die Firma, die den Vorzug hat, 
nicht nur die erste, sondern auch die einzige Spezialfabrik ihrer 
Art auf der Erde zu sein, zu einem Welthause in des Wortes 
höchster Bedeutung empor. Sie wurde Lieferantin der sämtlichen tier 
ärztlichen sowie der landwirtschaftlichen Hochschulen im In-und Aus 
land und maßgebend für alle technischen Fortschritte ihres Faches. 
Ihr Betrieb nahm nun eine solche Ausdehnung an, daß ihr 
Begründer sich veranlaßt sah, auf dem erworbenen Grundstück, Lnisen- 
slknße 53, in unmittelbarer Nachbarschaft der Königlichen tierärzt 
lichen Hochschule, einen neuen, umfangreichen Fabrikbau errichte» zu 
lassen. Mit der im Jahre 1886 bewirkten Uebersiedlung der Fabrik 
in dieses neue. Heim und in noch höherem Grade mit dem 1891 
erfolgten Eintritt des Herrn Rudolf Hauptner in die Firma 
trat für das Unternehmen eine neue Aera des Aufschwunges ein. 
Der neue Gesellschafter, ein Sohn des hochverdienten Schöpfers 
der Fabrik, war als technisch und wissenschaftlich ausgebildeter 
Fachmann bereits mehrere Jahre vorher ein thatkräftiger Genosse 
der Bestrebungen seines Vaters gewesen. Von dem fortschreitenden 
Geist der Veteriuärkunde tief durchdrungen, trug er ein wesentliches 
dazu bei, das technische Können der Fabrik einer so hohen Stufe 
der Meisterschaft zuzuführen, daß es nunmehr selbst den weitest 
gehenden Anforderungen gerecht zu werden vermag. 
Die hohen Auszeichnungen, die der Firma H. Hauptner auf 
etlichen nationalen und internationalen Ausstellungen verliehen 
wurden, sind gleichfalls sprechende Zeugen von der vielumfassenden 
Anerkennung des erfolgreichen Wirkens der Firma. Wurde ihr 
auf der Berliner Gewerbe-Ausstellung des Jahres 1896 die 
höchste Auszeichnung für wissenschaftliche Instrumente: die silberne 
Staatsmcdaille für gewerbliche Leistungen zuerkannt, so hielt die 
internationale Jury der jetzigen Pariser Weltausstellung die dar 
gebotenen Schöpfungen der Firma, welche die Bewunderung aller 
Fachkreise erregten, des „großen" Preises würdig. Diese ehrenvolle 
Verleihung war die einzige, die in der Klasse „Chirurgische In 
strumente", zu deren Preisgericht außer verschiedensten Aerzten, Uni 
versitätslehrern und Fachtechuikern nur ein einziger Tierarzt ge 
hörte, vergeben wurde. Sie kann auch als ein Merkmal von dem 
hohen Ansehen gelten, das die Tiermedizin in der Gegenwart er 
reicht hat. Doch die Firma errang in Paris noch eine weitere Aus 
zeichnung. Für ihre in der Gruppe „Landwirtschaft" ausgestellten 
Apparate für Tierzucht und Tierpflege, die eine besondere Abteilung 
ihres Schaffens repräsentieren, wurde sie mit der „Goldenen 
Medaille" preisgekrönt. 
Wenn man einen Rundgang durch die mustergiltig angelegten 
und in vollkommenster Weise ausgerüsteten Werksäle dieser Fabrik 
vollführt, denn empfängt man eine fesselnde Anschauung von dem 
hier durchgeführten Prinzip einer vielgegliedcrten Arbeitsteilung. 
Erst die Zusammensetzung der mittelst der verschiedensten Präzisions- 
Werkzeugmaschinen hergestellten einzelnen Teile erschließt und die 
Bedeutung der in die Erscheinung tretenden fertigen Gebilde. Aus 
dem mit hesondcrer Kunstfertigkeit ausgeübten Prozeß des Schleifens, 
durch de« die Instrumente die Eigenart ihrer wirkenden Kraft er 
halten, aus der Wirksamkeit des Sandstrahl-Gebläseapparntes, mit 
dessen Hilfe die Erzeugnisse in höchst gleichmäßiger und dauerhafter 
Weise mattiert werden, aus den Ergebnissen der des Vernickelns 
dienenden galvanischen Bäder und ans vielen andern maschinellen 
Apparaten vermag der Beschauer zu erkennen, daß'in diesen Werk 
stätten der fortschreitende Geist der Technik, der unserem Zeitalter 
das eigenartige Gepräge verliehen hat, die absolute Herrschaft 
führt. Wie dieser Geist, weleber der angewandten Wissenschaft 
entsprossen ist, wiedernm der Wissenschaft dient, lehrt uns eine 
Betrachtung des reichhaltigen Instrumentariums, das diesen Werk 
stätten entstammt und in dem Verkaufsmagazin der Firma in über 
sichtlicher Anordnung anzutreffen ist. 
Eine solche Betrachtung führt uns überzeugend^vor Augen, 
wie eng die verwandtschaftlichen Beziehungen der Tierheilkunde 
zur Humanmedizin sind. Denn wir erblicken hier nicht nur kunst 
voll gearbeiteteJnstrumente für anatomische, physiologische und patho 
logische Untersuchungen, mikroskopische und andere Apparate, für 
bakteriologische Forschungen, sondern auch die wechselreichsten 
Instrumente für Untersuchungen der Nasen- und Rachenhöhle, 
für Operationen an den Augen, am Kehlkopf, an der Luftröhre, 
im Schlunde und an den Zähnen. An dieser Stelle sehen wir die 
verschiedenen, dem Dienste der Tiermedizin gewidmeten geburts 
hilflichen Instrumente, an anderer solche zur Ausführung von 
Injektionen und der Schutzimpfung bei bestehenden Seuchen. Hier 
finden wir die mannigfachen Apparate, die als Zwangsmittel zur 
Anwendung kommen müssen, um ein Tier operieren oder nur 
untersuchen zu können, dort die eigenartigen Erzeugnisse, die für 
die Tierzucht und öffentliche Gesundheitspflege bestimmt 
sind. Namentlich wird unsere Aufmerksamkeit durch Instrumente 
zur Ausübung der Milchkontrolle, sowie deb Fleischbeschau 
in hohem Maße gefesselt. _ 
Die den Zwecken der Landwirtschaft dienende Spezial 
abteilung der Firma läßt uns an einer Reihe von eigenartigen 
Apparaten erkennen, in welchem engen Zusammenhange die 
Veteriuärkunde mit der einen Zweig der Agrikulturwissenschaft 
bildenden Tierznchtlehre steht. So sehen wir in diesem Magazin 
die der Firma gesetzlich geschützten Tätowierzaugeu, sowie die mit 
Gebrauchsmusterschutz versehene» Crotalia-Marken, durch welche die 
Identität von Zuchttiere» auf Lebenszeit untrüglich festgestellt wird. 
Ferner vermögen wir hier Pferde- und Viehmeßstöcke, Schneide 
apparate zum Enthornen des Rindes, Apparate für die Dressur 
und gegen gewisse Angewohnheiten der Tiere, sowie eine Anzahl 
maunigfaltiger Ohjekte für die Tierpstege in Augenschein zu nehmen. 
Einen ebenfalls vollauf berechtigten ehrenvollen Namen errang 
die Firma H. Hauptner durch die von ihr höchst sinnreich kon 
struierte und ihr reichsamtlich patentierte Schnellschermaschine. 
Wie aus der dieser Abhandlung beigefügten Abbildung ersichtlich 
ist, stellt dieses wichtige landwirtschaftliche Gerät ein Gestell mit 
einem Rade dar, dessen Bewegung, je nach Wahl, teils vermittelst 
Handbetriebs, teils mit Hilfe einer kleinen Dampfmaschine oder 
eines Elektromotors bewirkt werden kann. Des weiteren besteht 
der Apparat aus einer oder mehreren Spiralwellen, die durch 
das betreffende Rad in Drehung versetzt werden. Diese Drehung 
wird nur durch eine am Handgriffe der Spiralwellen befindliche 
Scheibe vermittelst eines mit ihr verbundenen exzentrischen Zapfens 
auf einen mit letzterem in Verbindung stehenden Scherkamm über 
tragen. Bewegt man nun diesen Kamm mit großer Schnelligkeit 
gegen den Haarstrich des zu scherenden Tieres, so erzielt man, 
vornehmlich bei der Wollschur, einen überaus schnellen und dabei 
in jeder Beziehung vollkommenen Schnitt. Bei der Benutzung 
dieser Maschine bleibt das Tier vor Verletzungen, wie sie bei 
der Handschur fast kaum zu vermeiden sind, durchaus bewahrt. 
Auch diese Schöpfung der Fabrik ist, ihren anderen Erzeugnissen 
gleich, überall auf der Erde, wo die Agrikultur vom Geiste des 
Fortschrittes geleitet wird, zur erfolgreichen Einführung gelaugt. Der 
in drei Sprachen verfaßte, mit reichen Abbildungen ausgestattete 
Katalog der Firma, den die Kritik des In- und Auslandes einstimmig 
als ein mustergiltiges Werk bezeichnet hat, kann als ein sprechendes 
Merkmal von der vielumfassenden und ersprießlichen Wirksamkeit der 
Firma auf dem Gebiete der Veterinärkunde und Tierzucht gelten. 
Mit hoher Genugthuung müssen wir es nochmals hervorheben, 
daß diese Berliner Fahrik, die mit so wachsendem Erfolge sich in 
den Dienst der Wissenschaft gestellt hak, die einzige ihrer Art in 
der ganzen Kulturwelt bildet. Paul Hirschfeld.
        
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