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Periodical volume Sonnabend, 13. Oktober 1900 Nr, 41

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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Berlin vor fünfzig Jahren. 
Mch blättere in alten verstaubten Zeitnngsblättern, Berliner 
Zeitungen sowohl, wie auswärtige aus den vierziger Jahren, 
und finde da die folgenden Mitteilungen, Notizen und Scherze, 
die vielleicht in ihrer Gesamtheit ein anschaulicheres Bild des Lebens 
der preußischen Hauptstadt vor fünfzig Jahren geben, als es eine 
ausführlichere Beschreibung der Stadt thun könnte. Ich greife 
willkürlich aus allen den Mitteilungen das Folgende heraus: 
I. 
Am 1. August 1843 machte eine große Gesellschaft eine Spazier 
fahrt von hier nach Potsdam. Einige der Teilnehmer verspäteten sich 
am letzten Ort in der Meinung, daß noch um zehn Uhr abends 
ein Eisenbahnzug nach Berlin abgehe. Kurz vor neun Uhr stellten 
sich die aus dreizehn Personen bestehenden Zurückgebliebenen am 
Bahnhof ein und sahen die dampfende Lokomotive zur Abfahrt 
bereit, erfuhren aber von dem Bahnhofsinspektor, daß der gewöhnliche 
Zug bereits vor eineinhalb Stunden abgegangen sei, und jetzt nur 
ein Extrazug für Se. Majestät den König abgehen werde. Auf die 
Frage, ob sie nicht mit diesem Zug mitfahre» könnten, antwortete 
der Inspektor natürlich verneinend. Nun schickte die Gesellschaft 
sich zum Rückzug an. Dicht außerhalb des Bahnhofs begegnen 
sie dem Wagen des Königs. Da faßt einer aus der Gesellschaft, 
den es besonders drängte, am folgenden Tage früh in Berlin zu 
sein, ein achtzehnjähriger Malergehilfe, sich ein Herz, er trat an 
den Wagen des Königs heran und fragte in der einfachsten Weise, 
ob er und seine Freunde nicht mitfahren dürften, da sie niorgen 
früh in Berlin sein müßten. „Ja, ja, lieben Kinder," sagte der 
König, „rückt noch einen Wagen an!" Sogleich wird ein Personen 
wagen dicht an den königlichen Wagen angeschoben, ein Kondukteur 
steigt mit der Gesellschaft ein, und nachdem der König, aus seinem 
Wagen sich herausbeugend, noch gefragt hat: „Nun, seid Ihr alle 
im Wagen?" geht der Zug ab und bringt die Verspäteten nach 
wenig über einer halben Stunde an den ersehnten Ort. 
II. 
Ans Berlin wird geschrieben: Die ärztliche Praxis wird 
hier sozusagen im Mindestversteigernngswege betrieben. Biele 
Doktoren versprechen in Zirkulare» billige Behandlung, und nun 
macht ein reicher Doktor bekannt, daß er für ein monatliches 
Salär von einem Silbergroschen das ganze Jahr hindurch eine 
Familie bei vorkommenden Krankheiten behandeln wolle. Sehr 
traurig! Noch trauriger für den, der die Not so mancher junger 
Aerzte kennt, die kein Vermögen haben, und solcher, die gern wirken 
möchten, und keine Patienten haben. 
Seltener Glücksfall. 
Kürzlich ereignete sich in Berlin ein jetzt gewiß seltener Glücksfall. 
Ein Bedienter hatte unlängst bei einem Trödler zu dem geringen 
Preis von l 1 /, Thlr. eine Busennadel gekauft, die ihm später nicht 
mehr gefiel, so das; er sie umzutauschen beschloß. Der Goldarbeiter, 
an den er sich deshalb wendete, ein Ehrenmann, wollte sie indes 
nicht annehnen, forderte vielmehr von dem Bedienten ein Zeugnis 
seines Herrn über den rechtmäßigen Besitz der Radel, und es ergab 
sich bald, daß dieses Verlangen nicht unbegründet war; denn der 
unscheinbare Stein in der Busennadel ergab sich als ein Diamant 
von 150 Thlr. an Wert. 
Aus der Berliner Kriminal-Chronik. 
Ein höchst merkwürdiger Kriminalfall ist in diesem Augenblick 
Gegenstand der allgeineinen Unterhaltung in Berlin. Was wir an 
damit verwandten Ereignissen aus früheren Jahren in der Er 
innerung haben, kommt an Interesse, Kühnheit und schlauer 
Kompliziertheit dagegen nicht auf. Die Zeitungen haben schon 
davon gesprochen, aber ohne den Nerv der Sache wiederzugeben; 
berichte ich auch nur nach dem Gerücht, so glaube ich doch, daß 
cs diesmal eine sehr gute Quelle hat. Seit einigen Jahren lebt 
hier eine Engländerin aus hoher Familie, ausgezeichnet durch ihre 
Bildung und ihre geselligen Talente. Sie hatte Eingang gefunden 
in den hohen und höchsten Kreisen der Gesellschaft, ja, man be 
hauptet, daß sie auf dem Punkt stand, über die Schwelle zu treten 
zu noch höheren. Das religiöse Thema der Zeit war auch ihres. 
Sie förderte es nicht allein im Umgang und durch Gespräche, 
sondern trat auch als Schriftstellerin auf; die Bekenntnisse der 
Fürstin Galliziu, von ihr übersetzt, sind vor einigen Monaten hier 
bei Ascher erschienen. Sie führte den lebhaftesten Briefwechsel 
mit litterarischen und anderen Notabilitäten hier und auswärts. 
Die Ausbreitung religiöser Gesinnungen erschien immer dabei als 
Hauptzweck. Einmal während ihres Aufenthaltes in Berlin unter 
nahm sie auch eine Reise nach England, wohin sie sich an dortige 
Gelehrte Empfehlungen von einem berühmten Schriftsteller verschaffte. 
Der geistvolle, englische Kritiker C dankte dem Adressaten 
in einem verbindlichen Schreiben, daß er ihm die Bekanntschaft 
der jungen Dame verschafft habe. Als unverheiratet, und etwa 
im Alter von 28 Jahren, fand sie es schicklich, nicht allein zu 
wohnen, sondern hatte sich bei mehreren angesehenen Familien 
hier und in Potsdam in Kost begeben. Indem ich die Geschichte, 
wie sie jetzt bekannt ist, hier wieder erzähle, so fühle ich, daß das, 
was ihr hier die pikante Würze giebt, die Namen der hochgestellten 
und geachteten Personen, welche dabei unschuldig mitspielen, mir 
die Diskretion zu nennen verbietet. Genug, daß man der Eng 
länderin zu Ehren Gesellschaften gab. Fremden den Ehrenplatz 
neben der geistreichen Dame einräumte, und einer unserer ersten 
Geister am Abende vor seiner Abreise nach England bei ihr Thee 
trank. Miß H. . . . hatte unter anderen auch bei einer Obristi» 
von .... gewohnt. Jetzt lebte sie schon seit Monaten mit einer 
andern Familie; es braucht nicht angeführt zu werden, daß eine 
jede es sich zum Glück schätzte, die liebenswürdige Engländerin 
bei sich aufzunehmen. Die Obristin saß bei Tisch, als ein 
Geräusch in der verschlossenen Rebenstube sie aufschreckte. Sie 
öffnete die Thür und erblickte zu ihrer Bewunderung die Miß 
H. . . . „Mein Gott, wie kommen Sie hier herein? Die Thür 
ist ja verschlossen." „Sie war offen", entgegnete die Fremde, 
„ich wundere mich auch darüber." Die Dicnstleute wurden ge 
rufen, sie lassen sich aber nicht schelten wegen ihrer Nachlässigkeit, 
behaupten vielmehr, die Thüre sei fest verschlossen gewesen. Man 
nimmt die Sache leicht, und Miß H. . . . sagt lächelnd: so könnte 
man sich auf die besten Dienstboten verlassen, wenn man nicht 
alles selbst nachsähe. Aber als sie fort ist, vermißt die Obristin 
in dem auch fest verschlossenen Sekretär ein Paket mit Kassen 
anweisungen. „Das kann nur die Miß H. . .. gestohlen haben!" 
rufen die durch langjährige Dienste erprobten Leute der Wirtin 
ans einem Munde. Ein entsetzlicher Argwohn, den sie vergebens 
zu unterdrücken sucht, der aber immer von neuem aufsteigt, treibt 
die Obristin zur Engländerin. Sie spricht ihn aus, und man 
mag sich vorstellen, wie die gekränkte Dame ihr antwortet. Kaum 
ist die Obristin zu Hause, kommt ihr auch schon ein Billet nach, 
mit der Drohung einer Injurienklage, wenn sic ihr nicht eklatante 
Genugthuung verschaffe. Die geängstigte Obristin geht indessen 
doch zum Hort aller Bestohlenen, dem berühmten Polizeirat Dunker, 
der ihr wenig Hoffnung macht, weil sie ihm ihren Besuch erst in 
zweiter Instanz geschenkt habe. Dunker geht jedoch am selben 
Abend hin, und nach einer kurzen Unterhaltung und der ersten 
Lüge, auf der er sie ertappt, ist der feine Menschen- und Ver 
brecherkenner so von Miß H- - -'s Schuld überzeugt, baß er es ihr 
ins Gesicht sagt, und, ihrer Ohnmachten und verräterischen God 
damns ungeachtet, zur Untersuchung schreitet. Hier fanden sich 
wundersame Dinge, wenngleich nichts, was den Verdacht des 
vorliegenden Verbrechens zur Gewißheit steigerte. Eine unbe 
deutende Bijouterie sollte aber zu noch größeren Entdeckungen 
führen. Als die Obristin sie zu Gesicht bekommt, erschrickt sie heftig. 
Die Brosche gehört ihr; sie war selbst ohne Wert, aber wer diese 
genommen, mußte auch bei ihren Juwelen gewesen sein, die fest 
verschlossen in einem geheimen Fache lagen. Sie öffnet dasselbe, 
und, o Glück! das Kästchen ist da. Ein noch größeres Glück, 
als man es öffnet, fehlt auch kein einziges Stück. Aber als man 
die Pretiosen bei Licht besieht, ist wohl Gold und Fassung dieselbe, 
aber statt der Diamanten sind böhmische Steine eingesetzt. — 
Genug, Miß H. . . ist eine Diebin, es steht unzweifelhaft fest, 
und sie soll auch schon selbst bekannt haben. Keine Diebin aus 
Armut und Edelsinn oder aus Manie, vielmehr, was die Motive 
anbelangt, eine ganz gemeine Verbrecherin, aber eine ungewöhn 
liche Betrügerin, über deren Lebenslauf noch ein tiefes Dunkel 
ruht. Ihre aufgefundene Korrespondenz giebt nur darüber Licht, 
wie sie es verstanden, sich Konnexionen z» verschaffen und ein 
merkwürdiges Netz über alle vornehmen und einflußreichen Personen 
auszubreiten, dergestalt, daß sie durch die eine die andere verstrickte, 
und jeder Gönner glauben mußte, sie sei der besondere Schützling 
des andern. Was herauskommen wird, steht noch zu erwarten. 
Hier nur so viel, daß sie mit sehr hohen Personen über die 
kölnische Frage korrespondierte. Viel deutet darauf, daß sie im 
Begriff stand, den Schauplatz ihrer Intriguen zu tauschen und 
nach Italien gehen wollte. Bis jetzt hat sich über ihre Herkunft 
nur ermittelt, daß der Sproß des Marquis von H. ... . die 
Tochter eines llnterförstcrs aus dem Bremischen ist. Sie selbst 
hat ihren deutschen Paß englifiert. Aber obwohl sie die Qualität 
als Diebin eingestanden, will sie doch von der einer englischen 
Aristokratin nicht lassen und giebt jetzt vor, das gestohlene Kind 
aus einer so großen Familie zu sei», daß ihr Mund dieselbe nicht 
anssprechen dürfe. Soviel weiß bis jetzt das Publikum von einer 
Hochstaplerin, die in unseren Zeiten ihresgleichen sucht. 
In einer Berliner Menagerie erteilte der Wärter folgende 
Auskünfte: „Hier seh'n Se den schönsten afrikanischen Elephanten 
aus Afrika, wo er viele Kunststücke macht. Er is gegenwärtig 
10 Jahre alt und wächst bis ins 30. Jahr, dann wird er aber 
immer größer. Hier seh'n Se die große Hyäne aus dem Mittel 
ländischen Meer. Sie budelt de Toten aus der Erde und frißt sie 
lebendig uff. Hier seh'n Se die große Riesenschlange, die frißt 
einen Ochsen auf einen Schluck. Jeden Se acht! Das Vieh hat
        
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