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Periodical volume Sonnabend, 29. September 1900 Nr, 39

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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die abziehende 3. und 4. Infanterie-Division. ■ Am 11. hatte der 
Kaiser die rote, am 12. die blaue Partei geführt. Am 13. muhten 
zwar einzelne Teile des 2. Armeekorps zeitweise zurückgehen, 
anderseits bekämpfte die Artillerie der 3. und 4. Division die 
Gardeartillerie bei Schwochow. Das Ergebnis des Tages war 
daher, daß sich das 2. Armeekorps in seinen Stellungen hielt. 
Am Morgen des 14. stand das 2. Armeekorps in der Linie Sinz- 
low-Wartenberg-Altfalkenberg mit der Front gegen Südwesten. 
Das Gardekorps hatte eine Stellung von Langenhagen über 
Borin und Kleinschönfeld nach Woltin inne mit der Front nach 
Osten. Nördlich wurde die rote Partei durch blaue, von Stettin 
anrückende Truppen bedroht, die Altdamm erreicht hatten, während 
die blaue Kavalleriedivision und zwei Maschinengewehrabteilungen 
östlich um den Madüesee herum mit der Vorhut Moritzfelde er 
reicht hatten und die Rückzugslinie des Gegners über Stargard 
in Gefahr brachten. Gegen 11 Uhr vormittags war die rote 
Partei in vollem Rückzug gegen Nordosten begriffen. Bald darauf 
erönte das Signal: „Das Ganze halt!" Während die Truppen 
den Abmarsch begannen, ritten zur Entgegennahme der Kritik die 
Kommandeure zum Kaiser, dessen Standpunkt während des ganzen 
brnckentrain und der Kriegsbrückentrain der Festung Küstrin zur 
Verwendung. Da die meisten Truppen in den Tagen vom 10. bis 
14. September ununterbrochen bivuakierten, so würde sich bei der 
Ansammlung so großer Menschenmassen hier und da im Manöver 
gelände doch Mangel an Lebensmitteln haben einstellen können,' 
indes vermochten mitgeführte Suppenkonserven hier in erfreulicher 
Weise anszuhelsen. 
Unter den Fürstlichkeiten, die auf Einladung Kaiser Wilhelms 
den diesjährigen Kaisermanövern beiwohnten, ist in erster Linie 
Erzherzog Franz Ferdinand von Oesterreich-Este, der Thronerbe 
der Oesterreichisch-Uugarischeu Monarchie, zu nennen, der seit dem 
Jahre 1888 auch der preußischen Armee angehört. Damals stellte 
ihn Kaiser Wilhelm II. L la suite des ostpreußischen Ulanen 
regiments Nr. 8 Graf zu Dohna, und am 27. Februar 1895 er 
folgte die Ernennung des Erzherzogs zum Chef des posenschen 
Ulanenregiments Nr. 10 Prinz August von Württemberg. Bei der 
großen Frühjahrsparade am 30. Mai 1899, zu der der Erzherzog 
nach Berlin gekommen war, stellte ihn der Deutsche Kaiser auch 
ä la suite des Kaiser-Franz-Garde-Grenadierregiments Nr. 2, 
dessen Chef Kaiser und König Franz Joseph ist. Der Thronerbe 
Der Kaiser, am 11. September auf dem Autoinobilwagen zum Nachtbivuali uach wildenbruitx fahre»!,. 
Manövers an der von Leibgensdarmcn hinter ihm gehaltenen 
roten Standarte weithin erkennbar war. 
Als oberster Schiedsrichter fungierte der Kaiser, für den 
übrigens stets auch das von Kassel her bekannte Automobil bereit 
gehalten wurde. Sobald der Kaiser die Führung einer Partei 
übernommen hatte, war vom Prinzen Albrecht das Amt des obersten 
Schiedsrichters wahrgenommen worden. An der Spitze der 
Manöoerleitung stand der Chef des Generalstabs der Armee, 
General der Kavallerie Graf von Schliessen, dem ein großer Stab 
und eine beträchtliche Anzahl von Nachrichtenoffizieren beigegeben 
waren. Bei der Manöverleitung befand sich der große Signal 
ballon, der mittels verschieden geformter, an der Leine aufge 
worfener Bälle die Signale für „das Ganze" abgab. Von der 
Manöoerleitung wie von den beiden Parteien wurden erfolgreiche 
Versuche mit einer der Marconischen ähnlichen Telegraphie ohne 
Drah. gemacht. Die Apparate befanden sich mit ihren treibenden 
Motoren auf je einem zweispünnigcn Wagen und standen in Ver 
bindung mit den Fesselballons, deren Seile die Leitung enthielten. Es 
gelang, Telegramme bis auf 30 Kilometer Entfernung zu übermitteln. 
Eine große Anzahl von höheren Marineoffizieren war zu den 
Manövern befohlen. Die Jägerbataillone beider Parteien führten 
Maschinengewehre mit sich. Starke Radfahrerabteilnngen haben 
sich auch diesmal wieder recht gut bewährt. Für die vom Garde 
korps über die Oder geschlagenen Brücken kamen der Korps- 
der habsbnrgischen Monarchie, seit Mai v. Js. österreichischer 
General der Kavallerie, ist auch Ritter des preußischen Ordens 
vom Schwarzen Adler. 
Zum erstenmal seit dreißig Jahren haben übrigens diesmal 
auch wieder französische Offiziere an den deutschen Manövern teil 
genommen. Es waren dies Brigadegeneral Michal und Oberst 
leutnant Silvestre von der Maison Militaire des Präsidenten der 
Republik, sowie Major de Chazelles vom französischen Generalstab. 
Die übrigen fremdländischen Offiziere waren Oberstleutnant Liver- 
more für die Vereinigten Staaten von Amerika, Oberstleutnant 
Jones für die Argentinische Republik, Oberstleutnant Larrain- 
Alcalde für Chile, Oberstleutnant Waters für Großbritannien, 
Oberstleutnant Gastaldello für Italien, Oberstleutnant Matsukawa 
für Japan, Flügeladjutant Major Graf v. Stürgkh für Oesterreich- 
Ungarn, Oberst v. Becker und Oberstleutnant Graf v. Nostitz für 
Rußland, Hanptmann de Marre für Schweden, Oberst Graf 
Penon de la Bega für Spanien und Flügcladjntant Major Enver 
Bey für die Türkei. Hierzu kamen noch Generalleutnant Freiherr 
Reichlin v. Meldegg für Bayern, Major Krug v. Nidda für Sachsen 
und Flügeladjntant Oberst v. Marchtaler für Württemberg. Mit 
der Begleitung der ausländischen Offiziere waren betraut Major 
v. Keszycki vom 2. brandenbnrgischen Dragonerregiment Nr. 12 
v. Arnim und Oberleutnant Freiherr v. Meerscheidt-Hüllessem vom 
1. Garderegiment z. F.
        
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