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Periodical volume Sonnabend, 22. September 1900 Nr, 38

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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Verantwortlicher Redakteur: Di. M. golticincaiio, Berti». — Druik und 
Verlag: Friedrich Schirmer, Berlin SW., Reue„b»rger Strafet Hi 
und das Bandelier der Pairontasche mit Kreide frisch gewichst. Dabei 
halfen die Soldaten der Wache dienstfertig dem Junker, wofür sie von 
ihm eine Ration Schnaps erwarteten. Dan» wurde Kaffee und Semmel 
gefrühstückt und die Zeit bis zur Ablösung mit müßigem Herumschlendern 
und Schachspiel ausgefüllt. Endlich brachte der „Lauerposten" die er 
freuliche Botschaft, daß die Ablösung heranmarschiere. Der Kalefaktor 
packte den Wachtkorb des Leutnants ein, Kaffeemaschine, Klarinette, 
Notenbücher, Schachbrett u. a. verschwanden, der neue Wachtkommandanl 
übernahni die schriftlichen Befehle und die ärarischen sowie die von de» 
Offizieren angeschafften Utensilien der Wache, der Junker von Suckow 
marschierte mit der alten Wache ab und dehnte sich bald behaglich auf 
deni harten Kommißbett in seiner Wohnung beim Korporal Meritz in 
einem Hinterhause der Poststraße gegenüber der „Fleischscharren", ohne 
sich durch das Plaudern seiner Schlasstubengenossen, eines baumlangen 
Flügelmanns und eines kleinen polnischen Tambours, stören zu lassen. 
Gneisenaus Talisman, von dem er sich während der Bc- 
freiungskgiege nie trennte, den er in dieser Zeit stets bei sich trug, war 
ein Brief der Fürstin von Radziwill, einer geborenen Prinzessin von 
Preußen und Schwester des Prinzen Louis Ferdinand, der 1806 
bei Sanifeld fiel. Am 17. März 1796 hatte sie den Fürsten Anton 
von Radziwill geheiratet. Die Demütigung Preußens empfdud sie tief, 
und sammelte um sich einen kleinen Kreis vaterländisch gesinnter 
Männer wie Stein, Gneisenau, Humboldt, Hardenberg, Niebuhr, Süvern 
und Scheffner. Desto freudiger begrüßte sic das erste leise Rege» 
des preußischen Adlers, und am 30. April 1813 richtete sie aus Berlin 
an Gneisenau jenes diesem so lieb gewordene Schreibe» folgende» In 
halts: „Recht herzlichen Dank für Ihren mir so werten Brief) so lauge 
kein Zeichen des Andenkens von Ihnen erhalten zu haben, thut mir 
weh, denn mit recht lebhaftem Anteil haben wir Ihrem Schicksal ge 
folgt und doch zuweilen von Ihnen erfahren, besonders als Sie in 
Orcbro waren. Den Himnicl sei es gedankt. Sie sind in einem großen, 
in einem schönen Augenblicke zu uns zurückgekehrt. Sie werden sich 
nun Recht- auf die Dankbarkeit des Vaterlands und des Königs er 
werben, und die Vorsehung wird die frommen Wünsche Ihrer Freundin 
für Ihr Glück und das allgemeine Wohl erhören) doch bin ich in 
banger Erwartung der nächsten Ereignisse, seit ich heute früh hörte, 
die Franzosen wären über die Saale gegangen: wie kann ich ohne 
Schmerz diese Gegend nennen hören? Möge Sieg jetzt die Stelle be 
zeichnen, wo Er fiel, der so sehr verdient hätte, heute zu leben. — Es 
hat meinem Herzen wohlgethan, daß Sie in dieser bedeutenden Zeit an 
Ihn zurückgedacht haben und daß Sein Andenken und das unserer 
unvergeßlichen Königin Ihnen so gegenwärtig war: seit sieben traurigen 
Jahren habe ich um Ihn, nicht über sein Schicksal getrauert, jetzt aber, 
ich gestehe cs, war meine erste Freude über Preußens schöner Hoffnung 
Thränen, daß ich nicht mehr mich dieses Glücks mit Ihm erfreuen 
kann. Von Ihren lieben Kindern habe ich durch Elise gehört, die von 
Agnes einen recht lieben Brief erhalten hat: daß Sic die Freude habe», 
Ihren Sohn bei sich zu haben, hatte ich schon mit wahrer Teilnahme 
erfahren) Wilhelms (ihres Sohnes) sehnlicher Wunsch ist, bald so 
glücklich als er zu sein) — sein erst eben zurückgelegtes 16. Jahr 
(geb. am 19. März 1797), meines Vaters Wille und einige Hindernisse 
der Zeitumständc hatten meinem Mann vor seiner Abreise nicht erlaubt, 
in Wilhelms Wunsch augenblicklich einzuwilligen. Doch glaube ich, 
daß er bald erfüllt werde» ivird, den lieben Gneisenau bitte ich recht 
herzlich um Teilnahme für ihn, der Gedanke, ihn in Ihrer Nähe zu 
wissen, wird mir beruhigend sein. Erinnern Sie mich dem gütigen Ge- 
deuken des General von Scharnhorst, sowie-des General Blücher und 
der großen und kleinen Prinzen, viel Freundschaftliches an Cla»se''vtz 
und General von Hedemalin. Meine Kinder empfehlen sich Jlv..n, 
Paulinc ebenfalls, wir vereinigen unsere herzlichsten beste» Minsk' für 
Ihr Glück und Ihre Erhaltung. Louise." 
Das beste Mittel. Nachdem Friedrich der Große den Thron 
bestiegen hatte, ernannte er den General Kurt Christoph von Schiverin 
am 30. Juni 1740 zum Feldmarschall und erhob einen Monat später 
ihn und seinen Bruder Hans Bogislav in de» Grafcnstand. Mißmutig 
über diese Rangerhöhung seines Nebenbuhlers zog sich Fürst Leopold 
von Dessau in sein Land zurück und kümmerte sich um de» Kriegsdienst 
nicht mehr. Der junge König beschloß, dem allen, erprobten Haudegen 
zuerst die Hand zur Versöhnung zu reichen und »lachte ihm in Dessau 
unerwartet einen Besuch. Der ihm zu teil iverdeude Eiilpfnng war un 
gemein kalt. Das schwärzliche Gesicht des Rcichsfcldmarschalls legte sich 
in grämliche Falten, und die Worte, die unter dem schwarzen Zwickel- 
barie ertönten, waren völlig unverständlich. König Friedrich lieg sich 
dadurch nicht stören; fröhlich plauderte er auf den alten Murrkopf ein 
und schien es gar nicht zu bemerken, daß der grollende Fürst keine oder 
höchstens kurze Antworten gab. Da der alte Dcssnucr bald bemerkte, 
daß er einen falschen Weg eingeschlagen habe, sich seines hohen Gastes 
zu entledigen, änderte er sein Benehmen und lud ihn zu einer Spazier 
fahrt ein. Friedrich ging bereitwillig darauf ein; er stieg in den Wagen, 
der Fürst aber setzte sich auf den Bock, nahm die Zügel zur Hand und 
hieb auf die Pferde ein; fort ging es über Stock und Stein. Zuweilen 
drehte sich der fürstliche Kutscher nach seinem königlichen Insassen um 
und fragte, wie ihm die Fahrt gefiele. Friedrich versicherte lachenden 
Mundes, noch nie so ausgezeichnet schnell gefahren zu sein. Plötzlich 
lenkte Fürst Leopold auf einen — Knüppeldamm ein und ließ den 
Pferde» die Zügel) in gewaltigen Sätzen flogen sic dahin. Der Wagen 
hinter ihnen geriet in eine springende Bewegung, die der darin Sitzende 
wider Willen nachahmen mußte, die Räder knackten, als ivolltc» sie 
jeden Augenblick zerbrechen) aber unaufhaltsam ging cs weiter. Dann 
und wanii sank ein Rad in ein tiefes Sumpfloch, trübes Wasser spritzte 
auf) aber die kräftige» Rosse rissen den Wagen weiter fort, und wieder 
tanzte er über die Knüppel hinweg. Endlich — endlich hatte der schreck 
liche Weg ein Ende, und der Fürst fuhr nach den; Schlosse zurück. Bald 
darauf speiste» beide zusammen, der alte Tessauer immer noch bärbeißig, 
Friedrich liebenswürdiger als je. Schließlich mußte er aber doch von 
der üblen Laune seines Gastgebers Notiz nchmeli, und er fragte: „Was 
fehlt Euer Liebden?" „Ich wollte, ich wäre tot!" brummte Leopold. 
„Nichts leichter als das! Euer Liebden besitzen ja eine Menge Flinten, 
Pistolen und Degen —" „Ich bin ein Christ," unterbrach ihn der 
Fürst. „Nun, Euer Liebden, dann kenne ich noch ein besseres, unfehl 
bares Mittel! Lassen Sie sich drei Stunden lang auf demselben Knüppel 
dämme hin- und herfahren, über de» uns heute untere Spazierfahrt 
führte, und sehen Sic zu, ob Sie noch die Seele im Leibe haben. Mir 
wenigstens wäre sie schon bei einmaligem Passieren des Dammes bei 
nahe aus dem Leibe gefahren!" Das ivar ein Scherz, wie ihn der alte 
Dessauer liebte. Augenblicklich wurde er heiter, freundlich und liebens- 
ivürdig) vergessen war sein Groll, vergessen seine Sehnsucht nach dem 
Tode, und iii guter Freundschaft schieden der junge König und der alte 
Feldmarschall von einander. 
Das Familienleben der Generale Friedrichs des Grasten. 
Erst Friedrich I. von Preußen beschränkte die Freiheit der Gemeinen und 
Unteroffiziere, im Jahre 1709 auch die der Fähnriche, Leutnants und 
Hanptlente, nach eigenem Belieben zu heiraten. Friedrich der Große 
verbot den Gemeinen, Untcrofsizieren und Subaltcrnoffizieren die Ehe) 
die Stabsoffiziere dursten sich nur nach eingeholter Erlaubnis vermählen: 
„Se. Königl. Majestät wollen, wann die Partie ihren Charakter konvenable 
und der Offizier durch solche Heirat sich helfen kann, solches zwar nicht 
abschlagen. Jedennoch es Se. K. M. lieber sehen werden, man» ein 
Offizier unverheiratet bleiben will." So blieben denn ohne Gemahlinnen 
die Generalleutnants von Bonin, von Brcdow, von Dieskau, von Hülsen, 
von Rami», von Steinkellcr, die Generalmajors von Scheelen, von 
Düringhofen, des Königs Vertrauensmann, Oberst von Möllernder 
General der Kavallerie von Bülow und der erst am 28. Januar 1816 
gestorbene Feldmarschall von Möllcndorf. Wintcrfeldt mußte seine Braut, 
Juliane von Malzahn, eine Stieftochter des russischen Feldmarschalls 
Grafen von Münnich, heimlich aus Petersburg entführen, da die Groß 
fürstin Anna (die spätere Kaiserin) ihre Hofdame nicht miffen wollte. 
Seine Witwe überlebte ihn nach seinem Heldentod in Görlitz noch zehn 
Jahre; zwei Söhne und zwei Töchter waren schon jung wieder gestorben, 
die Winterfeldtschcn Besitzungen kamen an Seitenverwandte. Seydlitz ließ 
sich durch die Schönheit der jüngsten Tochter des verstorbenen General 
leutnants Grafen Hacke, Susanne Albcrtinc, fesseln, als er in Berlin 
seine bei Kunersdorf erhaltenen Wunden an der rechten Hand, wozu 
noch ein Schlaganfall gekommen war, heilte. Ueber seine Beweggründe 
zur Vermählung schrieb er am 12. März 1760 an den König; „Ew. 
Königl. Majestät bitte allerunterthänigst, gnädigst zu erlauben, daß ich 
den Tag zuvor, ehe ich von hier zur Armee abgehe, die jüngste Gräfin 
Hacke heiraten darf. Bei einer künftigen Blcssur der Diskretion der 
Domestiken nicht wieder gänzlich unterworfen zu sein, ist nicht der ge 
ringste Beweggrund, wenn Ew. Majestät mit dieser Bitte anzutreten 
mich unterstehe. Litte -Pein Eifer zum Dienst einen Zusatz, so würde er 
durch die gnädige PeMlission solchen erhalten, so aber kann ich nichts 
als die gewohnte Treue zu Füßen legen, mit der ich ersterben will 
Ew. Majestät 1° . uuterthänigster Knecht Seydlitz." Der König schrieb 
unter das ?' ,.ich: „Ich wünsche Ihnen Glück. Friedrich." Am 
18. April 1730 fand die Vermählung statt. Zivei Töchter hinterließ er; 
die ältere hu zweimal verheiratet und starb arm und verlassen im 
Jrrcnha die andere erreichte ein hohes Alter und starb vergessen und 
in d".fügen Umständen. Freiherr von Zertnles hatte mit Anna, einer 
S vcsicr des Ministers Grafen von Schwerin, vier, Paul von Werner 
um Maria Dorothea von Schimorzki fünf Söhne, von Katzlcr mit einer 
geborenen von Bardcleben sieben Kinder, von denen ihn nur eins über 
lebte, der General der Artillerie von Lingcr mit Elisabeth, Gräfin von 
Stargard, zehn, von Stille zivölf und Forcade ans seiner Ehe mit einer 
geborenen Mvutanlieu de St. Hippolyte drcinndzwanzig Kinder, von 
denen ihn elf überlebten. Frauen aus dem Bürgerstand nahmen der 
Feldmarschall Jakob von Keilh (Eva Merthcns), Peter von Pennavaire 
(Margarete Ney, die Tochter eines Patriziers und Kaufnianns in Er 
lange») und Freiherr de la Motte-Fouqus (Elisabeth Marin Mason). 
Verheiratet waren auch die Generäle Freiherr von der Goltz, von 
Jtzcnplitz, von Dricscn, von Stuttcrhcim, von Gandy, von Krnscmark, 
von Kalkstein, von Jutzc, Erbtrnchscß Graf zu Waldbnrg und Graf 
von Rothenburg. Zweimal vermählt waren mehrere Feldherren Friedrich 
des Großen. Schwerin heiratete 1708 die Frciin Ulrike Eleonore, zweite 
Tochter des schwedischen Generalleutnants Freiherr» von Krosiow. 
Zwei Söhne und eine Tochter aus dieser Ehe starben frühzeitig. Von 
seiner zweiten Frau hatte er keine Kinder. Er hinterließ daher seine 
Güter den Söhnen seines-Bruders, des preußischen Laiidjägermeisters 
Hans Bogislaw von Schwerin. Ziethen verband sich 1737 mit Lcopoldine 
Judith von Jürgas. Sie schenkte ihm 1743 einen Sohn, der 1751 den 
Blattern erlag. Im Jahre 1756 folgte ihm die Mutter. Mit 65 Jahren 
wandte sich Ziethen'mit einem zweiten Gesuche zur Heirat an Friedrich 
dem Große». Dieser antivortcte am 7. April 1764: „Mein lieber General 
von der Kavallerie von Ziethen. Ich akkordicre Euch hierdurch mit 
vielem Vergnügen den von Euch in Eurem Schreiben vom 4. dieses 
gebetenen Konsens zu Eurer vorhabenden Heirat mit einem Fräulein 
von Platcn und wünsche Euch zu Eurer Verbindung alles Glück und 
Vergnügen, so Ihr uur dazu wünschen und verlangen möget: wie ich 
denn, wenn ich müßte, wo Ihr Euer Hochzcitsfest celebricrcn werdet, 
selbst dahin kommen ivürde, um auf selbigem zu tanzen." Der Braut 
schenkte er einen Brillantring, der auf tausend Thaler geschätzt^wurde, 
erschien am 16. Oktober 1765 zur Taufe des erstgeborenen Sohnes, 
machte ihn zum Fähnrich in seines Vaters Hnsarcnrcgimcnt und 
schenkte der Mutter vier Armleuchter aus massiocni Silber. Ziethen sah 
noch eine Tochter und »och einen Sohn um sich spielen. Zweimal ver 
heiratet waren auch die Generalleutnants von Müuchow, von Heranlt, 
von Lattors, die Feldinarschalls von Buddenbrock und von Schwalb, 
dreimal der Generalleutnant von Saldcrn. Der Generalmajor von 
Wartenberg starb als Bräutigam. Er hatte sich 1756 mit dem Frei 
fräulein Rüdvlfinc Wilhclmine Charlotte von Dyrhn verlobt, die Hochzeit 
aber wegen des zarten Alters seiner Braut verschoben) da traf ihn am 
25. April 1757 bei Alt-Bunzlau die tödliche Kugel.
        
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