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Periodical volume Sonnabend, 22. September 1900 Nr, 38

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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all ihrem kupfernen Glanz unter den rauchenden und tanzenden 
Rothäuten erscheinen würden, da war mein Entschluß gefaßt, ich 
lenkte meine Schritte zu den qualmenden Wigwams an der Grenze 
von Charlottenburg, 
Auf der Rennbahn am Kurfürstendamm, wo sich sonst die 
Dauer- und Meisterfahrer abmühen, um den bestehenden Rekord 
Ein Sioux-Indianer im Kriegsschmuck. 
zu überholen, wo au Renntagen lebhaft bewegte Mcnschcnmasscn 
die Bahn iiinsäumen, haben die Indianer und Cowboys ihre 
Zelte und Hütten aufgeschlagen und friedliche Stille lagert den 
ganzen Tag hindurch über dieser primitiven Ansiedlung ans Wild- 
Amerika, Erst in den Abendstunden entfaltet sich hier »»ver 
fälschtes Prairielebe» und Hinterwäldertreiben, dann hallt die 
Rennbahn wieder von dem Kricgsgeheul der Indianer und dem 
Knattern der Revolver der Cowboys, dann beschleichen die Rothäute 
die Bleichgesichter, und das Kampfgetöse wogt hin und her auf dem 
grünen Plan, Lassos und Pfeile schwirren durch die Lust, 
Tomahawks und Skalpmesser blitzen in den Händen der Indianer 
und verderbensprühende Flinten und Revolver in denen der Trapper 
und Cowboys, Die ganze Romantik des alten Lederstrumpf wird 
wieder lebendig. 
Er war mit die fünfte Nachmittagsstunde, als ich vor dem 
Eingang der Rennbahn eintraf. Scharen von lebhaft gestikulierenden 
Jungens zeigten mir, welchen Weg ich einzuschlagen hätte, um zu 
dem Jndianerdorf zu gelangen, und bald lagen sie vor mir, die 
buntbemalten Wigwams, die ich so oft im Geist geschaut hatte, 
und vor diesen die phantastischen Gestalten der Rothäute mit ihren 
Squaws und Kindern, faulenzend um das Lagerfeuer gruppiert. 
Das grasbewachsene Oval im Innern der Rennbahn war in eine 
tadellose Prairie umgewandelt, an deren einem Ende die Wigwams 
lagen, während am entgegengesetzen Ende eine etwas luftige Block 
hütte die Niederlassung der Trapper kennzeichnete. Noch war Friede 
im wilden Westen, aber verdächtige Vorbereitungen hüben und 
drüben deuteten auf die kommenden Ereignisse hin. 
Der zahlreich versammelten Jugend bemächtigte sich nach und 
nach eine gewisse Erregung, Die meisten von ihnen waren schon 
mehrmals dagewesen und wußten, was dort auf der stillen 
Prairie vor sich gehen würde. Die Unkundigen wurden von den 
Wissenden belehrt. „Der da mit de ville Federn nff'n Kopp und 
nff'n Rücken is der Heiptling, un die Dicke mit det Kind in'n Uni- 
schlagednch is seine Frau. Der is schon 86 Jahre alt und hat 
schon ville schkalpiert," ließ sich ein robuster Junge neben mir 
vernehmen. 
„Ach", staunten mehrere zugleich, „und die andern?" 
„Det sind seine Krieger, die schkalpieren ooch, und wenn se 
een Weißen fangen, denn braten se'n janz lebendig." 
„Nanu halt man de Luft an," mischte sich ein größerer 
Bursche ein, „det erlaubt die Pollezei »ich." 
„Se machen ja man bloß so, aber bei sich zu Hause, da 
machen se't wirklich," wies ihn der erste zurecht. 
Inzwischen hatten sich die Indianer vor ihren Hütten in einer 
langen Reihe aufgestellt und begannen dann unter monotonem, 
quietschendem Gesang einen Rundgang um die Prairie. Bon der 
andern Seite her sprengten die Cowboys auf ihren wilden Pferden 
(„wild" laut Programm) heran und mit ihnen die weiblichen 
Schönheiten vom Rio Grande. Es war ein prächtiger Anblick, 
die sehnigen Gestalten auf den schnellen Pferden dahingaloppicren 
zu sehen, und hesonders die Damen machten in ihren Cowgirl- 
Kostümen einen ausgezeichneten Eindruck. Mein etivas mangel 
hafter Begriff von Schönheit erhielt durch diese Hinterwälder- 
Schönheit eine wesentliche Bereicherung. 
Beide Parteien vereinigten sich zunächst zu gemeinsamer Vor 
stellung vor dem Publikum, und zwar, wie auch nicht anders zu 
erwarten, auf der Seite der Prairie, wo sich die besseren Plätze 
befanden, und Texas-Teck, der gewandeste der Cowboys, übernahm 
die Vorstellung. Man lernte den alten Häuptling der Sioux, 
Spotted Tail, und seine Genossen auf dem Kriegspfade, ferner 
den wetterfesten Trapper Kapitän Shaw und seine Tochter Miß 
Winvna und die übrigen Cowboys und Prairiegirls kennen. 
Nach erfolgter Vorstellung stimmten die Indianer einen Liebes 
gesang an und hüpften dazu in tanzender Bewegung auf und 
nieder, während die beiden Squaws vor der Front auf ein und 
derselhcn Stelle von einem Fuß auf deu andern traten, als ob 
ihnen die Fuße froren, und dadurch vermutlich die ungeduldige 
Liebhaberin markierten. Dann kehrte die ganze Gesellschaft unter 
eintönigem Gesänge zu ihren Wigwams zurück. 
Ein einsamer Jäger zog nun durch die Prairie und suchte 
ermüdet nach einer Lagerstätte, Er sattelte sein Pferd ab, band 
cs an und legte sich, deu Kopf auf den Sattel gestützt, zur Ruhe 
nieder. Eine umherschweifende Rothant erblickt ihn, stiehlt ihm 
sei» Pferd und ruft die Stammgenossen herbei. Inzwischen er 
wachte der Jäger und versteckte sich hinter der Blockhütte, und als 
die Indianer heranschlichen, eröffnete er das Feuer und streckte 
mehrere zu Boden. Aber bald war er von den Rothäuten umringt 
und überwältigt. 
„Paß uff, jetzt schkalpieren se ihn!" rief der kundige Bengel 
neben mir ganz begeistert — und richtig, vor unsern Augen vollzog 
sich das Grausige, was oftmals unsere kindliche Phantasie erhitzt 
hatte, der Travver wurde regelrecht skalpiert. 
Ein Sioux-Weid mit Kind. 
„Se machen man bloß so," beruhigte der Kundige die anderen 
Jungens, die vor Erregung ganz blaß geworden waren. 
Einer von den Rothäuten war im Kampf gefallen, und diesen 
trugen seine Genossen unter monotonem Tranergesange nach dem 
Wigwam zurück, um bald mit einem umfangreichen Leichenpaket 
in weißer Umhüllung zurückzukehren. Dieses legten sie auf ein
        
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