Path:
Periodical volume Sonnabend, 22. September 1900 Nr, 38

Full text: Der Bär Issue 26.1900

608 
m 
!j 
^ecul 
leset) d 
les ] 
|§äp. 
in 
\Jate1 3 üt)d Sot)i). 
«Schluß., 
er Soldat schickte sich an, den ihm gewordenen Auftrag 
auszuführen, aber Richard hielt ihn zurück: -„Gehen 
Sie in das Ordonnanzenziminer und warten Sie dort 
weitere Befehle ab, che Sic fortgehen." 
Die Ordonnanz verschivand, und erregt wandte sich Herr 
von Bolten an den Adjutanten: „Darf ich Sie fragen, was 
das heißen soll? Was soll der Soldat denken, wenn Sic 
nieinen Befehl, den ich erteilte, umändern?" 
Richards Stimme klang sehr ernst und sehr bestimmt, 
als er crividcrte: „Fragen Sie sich lieber selbst, was die 
Ordonnanz denken soll, wenn Sie ihm einen derartigen Auf 
trag geben. Bedenken Sie bitte, daß Sie den Vorzug haben, 
sich in einem Offizierkasino zu befinden, und daß Sie nicht 
in einem öffentlichen Restanrant sitzen. Dort können Sie sich 
bestellen, was Sie wollen und soviel tadeln, wie Ihnen beliebt, 
hier müssen wir Sie schon bitten, zufrieden zu sein mit dem, 
was wir Ihnen vorsetzen, und ich denke, der Wein, der uns 
allen genügt, wird auch für Sie nicht zu schlecht sein." 
„Ich danke Ihnen für diese Belehrung", gab Herr 
von Bolten höhnisch zur Antwort, „aber Sie wissen ja, de 
gustibus non est disputandum, die Geschmäcker sind eben 
verschieden — dem Bürgerlichen schmeckt manches, was dem 
Adel nicht mundet." 
„Aber Bolten, Herr von Bolten, reden Sie keinen Un 
sinn", riefen einige der anderen Reserveoffiziere lachend, und 
auch Richard zog die Aeußerung in das Scherzhafte, er 
stimmte in die Heiterkeit der übrigen mit ein und fragte 
dann: „Glauben Sie wirklich, daß der adelige Geschmack 
in manchen Dingen sich so stark von dem bürgerlichen unter 
scheidet? Das habe ich bisher nicht gewußt." 
„Woher sollen Sie das auch wissen? erwiderte Herr 
von Bolten mit verletzender Geringschätzung, „Sie als Sohn 
eines Arbeiters und einer Frau ans dem Volke, die ein 
gewöhnliches Fabrikmädel war und einem Gerüchte zufolge 
auch als Frau keine glänzende Perle gewesen sein soll —" 
Aber weiter kam er nicht, mit einem jähen Satz fuhr 
Richard in die Höhe, jeder Blutstropfen war aus seinem Ge 
sicht gewichen, dick und schwer aber lagen die Zornesadern 
auf seiner Stirn — für eine Sekunde dachte er daran, mit 
seiner Faust den Menschen zu zerschmettern, der da wagte, 
ihm aus seiner Geburt einen Vorwurf zu machen, der den 
Mut hatte, seine Mutter, die er und sein Vater wie eine 
Heilige verehrten, zu verdächtigen und im Grabe noch zu 
beschimpfen. Krampfhaft ballten sich die Finger seiner rechten 
Hand — aber mit eiserner Energie zivang er sich zur Ruhe. 
„Sie sind betrunken, Herr von Bolten, und bis ich den Ge 
genbeweis habe, halte ich Sie noch für einen zu großen 
Ehrenmann, als daß Sie Ihre Worte nicht, wenn Sie 
nüchtern geworden, bereuen und zurücknehmen werden." 
Herr von Bolten zuckte geringschätzend die Achseln: „An 
Ihrem Urteil ist mir verzweifelt wenig gelegen, und im 
übrigen verbitte ich mir, daß Sie mir Trunkenheit vorwerfen 
— ich bin nicht betrunken — wovon soll ich denn betrunken 
fein, etwa von diesem elenden Zuckerivasser hier? Ist ja 
(Nachdruck verboten.) 
lächerlich — ich denke ja nicht daran", und ohne abzusetzen 
leerte er sein volles Glas. 
„Und trotz ihrer gegenteiligen Behauptung muß ich den 
Glauben an Ihrer Trunkenheit aufrecht erhalten," gab Richard 
zur Antwort. „Denn sonst bliebe mir nichts anderes übrig, 
als Sic einen Schurken zu nennen." 
Wie von der Viper gestochen, sprang Bolten in die Höhe; 
seine vom Wein geröteten Wangen färbten sich noch dunkler, 
und leine Stimme klang fast heiser vor Erregung, als er rief: 
„Was? Das wagen Sie mir hier zu sagen? Wissen Sie 
wohl, daß ich meinen adligen Namen nicht von einem bürger 
lichen Parvenü beschimpfen lasse?" 
Und che jemand wußte, wie es geschah, ehe einer der 
Herumsitzenden, die vergebens durch Worte und Gebärden 
versucht hatten, Bolten zu beruhigen, aufspringen konnte, um 
das Entsetzliche zu verhindern, hatte Bolten mit der flachen 
Hand Richard ins Gesicht geschlagen. 
Für einen Augenblick lähmte alle banges Entsetzen, selbst 
Bolten stand starr und unbeweglich, als lähme ihn der Schreck 
über das, was er gethan — dann aber folgte eine Szene 
der beispiellosesten Erregung. Man hatte den Schlag gehört, 
einige Herren im Nebenzimmer waren, da die Thür offen 
stand, Augenzeugen gewesen; sic alle, der Komniandeur an 
der Spitze, eilten herbei, gleichsam, als wollten sie durch ihr 
Erscheinen die That wieder ungeschehen machen. Die 
Herren der Reserve, die über das Benehmen ihres Kameraden, 
der ihnen allen zur Last fiel, außer sich und empört waren, 
sprachen auf Bolten ein — der aber hatte seinen cynischcn 
Gleichmut wiedergefunden und schlürfte, als sei gar nichts 
besonderes vorgefallen, seinen Sekt. Schließlich wandten sich 
auch seine Freunde von ihm ab und ließen ihn allein. Alle 
eilten auf Richard zu, der, auf den Kamin sich schwer an 
lehnend, verzweifelnd da stand. Er war totenblaß, dunkelrot 
nur leuchteten auf seiner linken Wange die Stellen, die die 
Hand seines Gegners berührt hatte. 
Das frohe Fest war jäh unterbrochen; begleitet von 
einigen älteren Kameraden suchte Richard seine Wohnung auf, 
und auch Herr von Bolten ging in sein Hotel, um dort die 
Zeugen und Sekundanten des Regimcntsadjutantcn zu erwarten; 
denn darüber täuschte sich niemand: trotz der erst vor kurzer 
Zeit erlassenen Allerhöchsten Bestimmungen, die bezweckten, 
eine Herabminderung der Duelle unter den Offizieren herbei 
zuführen, war in diesem Fall eine gütliche Beilegung aus 
geschlossen. Die schwerste Beleidigung ist der Schlag — nur 
mit der Waffe in der Hand kann hierfür Genugthuung ge 
fordert und gegeben werden. 
Als Richard seine Wohnung in Begleitung seiner Freunde 
betrat, fand er dort zu seinem höchsten Erstaunen seinen 
Vater vor, der es sich während der Abwesenheit seines 
Sohnes mit einem guten Buch und einer guten Zigarre 
auf der Chaiselongue bequem gemacht hatte. Nun sprang er 
auf und eilte den Eintretenden entgegen: „Nicht wahr, 
Richard, das ist doch noch einmal eine Ueberraschung? 
Kaum habe ich Dir gemeldet, daß ich heute nicht kommen 
Erzählung von Freiherr von schlicht.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.