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Periodical volume Sonnabend, 22. September 1900 Nr, 38

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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ständig wie das provisorische, und seit die Waisenkirche ihrer ur 
sprünglichen Bestimmung entfremdet ist, ist schon geraume Zeit ver 
gangen,' selbst als vor drei Jahren ein ziemlich starkes Feuer den 
Turm verheerte, hat das die Entscheidung über die Beslimmnng 
des alten Hauses nicht beschleunigt. Das einzige war, das; die 
alte llhr, die jahrelang zum Aerger der Passanten immer falsch 
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IVaisrnstr. 14. 
gegangen war und dann jahrelang still gestanden hatte, en'ogiltig 
das Zeitliche segnete. 
Auch sonst ist Altertümliches und Romantisches allerlei in Alt- 
Berlin zn sehen. Wenn Du in die Waisenstraße einbiegst und sie 
bis zu ihrem Ende verfolgst, wo sie hinter der alten Klosterkirche 
als Sackgasse endigt, so kannst Du Dir wohl eine Vorstellung von 
vergangenen Zeiten machen. Hier spielt sich noch ein guter Teil 
des Lebens auf der Straße ab. Kinder spielen auf der Straße, 
Weiber klatschen, und von Feiister zn Fenster fliegt lebhafte 
Unterhaltung. Ein Wage» kommt selten hier entlang. Die Häuser 
sind noch ganz von alter Banart. Vorspringende Treppen, die 
den Bürgersteig unterbrechen, enge und krumme Treppen im Innern, 
finstere Gänge, niedere Zimmer. Die Be- und Entwässerungs 
anlagen, wie man jetzt sagt, ersichtlich als fremdes Einschiebsel 
hineingelegt, unbequem, ungemütlich. Doppelfenster sind ein un 
bekannter Luxus — dafür hat man aber hier auch unerhört billige 
Mietspreise. Kleine Leute wohnen hier, Handwerker und Arbeiter, 
die in den Geschäften der City zn thun haben und an ixes Lebens 
Comfort nicht zn große Ansprüche machen. Das „möblierte Zimmer" 
ist unbekannt, dagegen zahlreich vertreten die'„Schlafstelle". 
Aehnliche Verhältnisse findest Du noch viel in den kleinen 
Gäßchen jener Gegend. Wenn Du in die Kleine Stralauerstraßc 
gehst, die weniger eng ist und etwas höhere Häuser ausweist, so 
triffst Du am Ende, am User der Spree, noch eine veritable alte 
Gerberei, und Du kannst noch die Lohgerber ihre Felle im Spree 
strom wasche» sehen, wie zur Zeit des falschen Waldemar. Dort an 
der Spreeseite haben die hinteren Häuser noch vielfach allerlei 
Balkons und Galerie», die ans Pfählen in der Spree stehen, die 
Schule der Wendenzeit, und drüben hängen noch, ebenfalls ans 
Pfühlen, die Fischkästen, ganz wie damals, als die Fischer »och 
ein großes Hauptkontingent der Bevölkerung von Berlin-Kölln 
ausmachten. Aber überall leuchtet schon der Gruß der neuen Zeit 
hinein. 
So kannst Du noch allerlei kleine Gassen und Wege zwischen 
der Stralaner Straße und der Königstraße durchwandeln, die Dich 
recht an das alte Leben erinnern werden. Manche sind freilich 
schon kassiert, und manche sind ihrem ursprünglichen Charakter 
mehr und mehr entfremdet. 
Lohnend ist es auch, einen Blick in die tiefen Höfe der Stralaner 
Straße zu thun, deren Grundstücke bis zur Spree hinabreichen, 
und wenn Du still beschaulich die schmale Gasse „Am Krügel", 
vielleicht die Stelle der ersten altberlinischen Ansiedelungen, am 
Molkenniarkthügel, hinabwandelst, so kannst Du auf einige Zeit 
wohl vergesse», daß Du im modernen Berlin bist. Nur gedämpft 
klingt das Straßengeräusch an Dein Ohr, und wenig Leben macht 
sich in der Straße selbst bemerkbar. Deine Phantasie kann Dir 
einen stillen Winkel einer mittelalterlichen Kleinstadt vorzanbern, 
und sie braucht sich gar nicht sehr anzustrengen. 
Ein paar Schritte über die moderne Mühlendammbrücke 
bringen Dich dann nach Alt-Kölln, das Du Dir neulich schon ver 
ständnisinnig angesehen hast, und wenn Du Lust hast, magst Du 
auch hier und da in alte Häuser hineinschauen. Vielleicht thust 
Du bei der Gelegenheit ein paar Schritte in die Petristraße, die 
Siralaurrstr. 88, hinterer Hos. 
von der Gertraudtenstraße bei der Petrikirche abzweigt. Auch 
von hier hat uns der Maler ein Bildchen beschccrt. Freilich, an 
der Ecke der Gertraudtenstraße ist es schon recht modern geworden. 
K. M.
        
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