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Periodical volume Sonnabend, 15. September 1900 Nr, 37

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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Antwort die äußerste Zurückhnltnng gegen den Grafe». I» einem 
zweiten Schreiben vermutet Esterno, Mirabeau wollte in Berlin 
bleiben, nm hier in aller Freiheit seine Schriften drucken zu lasse». 
„In dieser Hinsicht konnte er seinen Aufenthalt nicht besser wählen, 
denn wenn er nur von dem Wiener Hofe nichts Gutes spricht, 
kann er ruhig Gott, seine Heiligen und alle Könige der Welt 
lästern, mit Einschluß des Königs von Preußen." Am 25. Januar 
schreibt Friedrich an den Prinzen Heinrich: „Wir haben hier einen 
Herrn von Mirabeau, den ich nicht kenne. Er >vird heule zu 
mir kommen. Soweit ich ihn zu beurteilen vermag, ist er einer jener 
entnervten Satiriker (un de ces effemine satiriques), die für und 
gegen jedermann schreiben. Man sagt, daß dieser Mann eine Zuflucht 
in Rußland suchen will, um von da aus ungestraft seine Bosheiten 
gegen sei» Vaterland zu schleudern." 
Die Audienz verlief ziemlich günstig für Mirabeau. Rur 
fühlte er sich durch die physische Schwäche des Königs peinlich 
berührt und wagte deswegen die Unterredung nicht allzulange aus 
zudehnen, die unter anderen Umständen, wie er sich später äußert, 
sein Glück gemacht haben würde. „Dieser außerordentliche Mann," 
fügte er hinzu, „wird bis an sein Ende herrschen, und die Sonne 
möge dieses Ende möglichst weit hinausschieben." Beim Abschiede 
liegt Mirabeau durchblicken, daß er nach Petersburg gehen würde, 
wenn mau ihm nicht gestatten würde, seine Fähigkeiten in Berlin 
zu bethätigen. Schon am nächsten Tage wird er deutlicher. Er 
schreibt an den König, er würde nur notgedrungen nach Rußland 
gehen; „ich würde gewiß nichts dieses rohe Volk und diese milde 
Gegend (cette nation ebauchee et cette contree sauvage) auf 
suchen, wenn es mir nicht schiene, daß Ihre Regierung zu voll 
ständig eingerichtet sei, als daß ich mir je schmeicheln dürfte, Ew. 
Majestät nützlich zu werden. Ihnen zu dienen und nickt müßig 
in den Akademien zu sitzen, wäre ohne Zweifel das vornehmste 
Ziel meines Ehrgeizes, Sire. Aber die Stürme meiner ersten 
Jugend und die Enttäuschungen, die ich in meinem Vaterland, 
erleben mußte, haben meine Gedanken zu weit von diesem schönen 
Plane entfernt, und ich fürchte sehr, daß eS zu spät." Am 
■ 28. Januar antwortete Friedrich zurückhaltend: „Sie können übcr- 
. zeugt sein, daß ich stets an dem Schicksal eines Mannes von Ihrem 
k Verdiensten Anteil nehme, indem ich von ganzem Herzen wünsche, 
daß es sich auf das günstigste und Ihren Hoffnungen gemäß gestalte." 
So ivaren Mirabeaus Erwartungen, iu Preußen einen Wirkungs 
kreis zu finden, getäuscht. Er hielt sich zwar noch ungefähr drei 
Monate in Berlin auf, hauptsächlich jedoch, um Stoss zur Abfassung 
seiner Histoire de la Monarchie prussienne zu sammeln. Er 
suchte zu diesem Zwecke Zutritt zu dem Prinzen Heinrich, was ihm 
auch gelang, ebenso zu den Minister» und andern hohen Beamten, 
sowie zu den fremden Diplomaten, knüpfte Beziehungen zu dem 
Major Mauvillon, zu Dohm, zu Nicolai au und war ans das 
angestrengteste thätig. Gegen Mitte April war er mit seiner 
Arbeit fertig; er schützte iu einem Briefe an den König vom 
14. April unvorhergesehene Umstände und eine schwere Erkrankung 
seines Vaters, die ihn nach Frankreich zurückriefe», vor, machte noch 
einmal eine Anspielung auf seinen Wunsch, in preußische Dienste 
I zu treten und schloß mit dem Ansdruck ewiger Dankbarkeit, Er- 
I gebcnheit und Verehrung. Friedrich blieb taub gegen sein Aner 
bieten, bewilligte ihm aber gütig am 17. April eine Abschieds- 
audienz, die ungeführ eine Stunde dauerte. 
Mii einer umfassenden Kenntnis aller Verhältnisse in Preußen 
ausgerüstet, traf Mirabeau am 22. Mai wieder in Paris ein und 
suchte den Abbe von Perigord, den späteren Fürsten Tallcyrand 
auf, der schon damals eine sehr einflußreiche Stellung bei Hofe 
einnahm, ohne jedoch in seinem Ehrgeiz befriedigt zu fein. Mirabcau 
^ letzte ihm auseinander, daß er, der in engen Beziehungen zu dem 
t ßrinze» Heinrich, dem Herzog von Braunschweig und anderen ein 
flußreichen Persönlichkeiten stehe, der geeignete Mann sei, Frankreich 
in Berlin bei dem bald zu erwartenden Tode des Königs zu ver 
treten, und daß er hoffe, bei dieser Gelegenheit Frankreich die 
wichtigsten und wertvollste» Dienste leisten zu können. Der Abbe ging 
darauf ciu, zumal er schon aus anderer Quelle wußte, daß 
Prinz Heinrich mit dem Grafen Esterno unzufrieden war, und 
empfahl Calonne die Sendung MirabcauS. Dieser stimmte zu, 
nachdem Mirabeau einen vom 2. Juni 1786 datierten Bericht 
über die augenblickliche Lage Europas eingereicht hatte, in dem er 
mit vielem Scharfsinn und vielem Freimute die gegenteiligen Be 
strebungen Oesterreichs und Preußens, die holländischen Wirren, 
die Haltung Englands und endlich die ungünstige Lage Frankreichs 
all diesen Momenten gegenüber beleuchtete. Mau kam unter 
Billigung von seiten Bergenncs überein, daß Mirabeau als Ge 
heimagent nach Berlin gehen und von da aus fortlaufende Berichte 
einsenden sollte. Diese sollten zunächst an den Abbe von Perigord 
gehen, der sie entziffern sind umarbeiten sollte. Dann sollten sie 
au Calonne gehen, diese« sollte sie weiter au Bergenues geben, 
der sie dann dem König unterbreiten würde. 
Diese Berichtcrstatt» >g erstreckte sich vom 5. Juli 1786 bis 
zum 19. Januar 1787 \\M umfaßt im ganzen 66 Briefe. Bekannt 
ist ein großer Teil von ihnen geworden durch die unerhörte, unter 
der für Mirabeau schnachvollsten Umstanden erfolgende Veröffent 
lichung im Jahre 178Mes ist die berüchtigte Historie secrete de 
la cour de Berlin. Trotzdem sich Mirabeau die Herausgabe hatte 
bezahlen lassen, besaß er doch die Stirn, seine Urheberschaft zu 
leugnen und die alberne Komödie eines Einbruchs bei seinem 
Sekretär, wobei die Papiere gestohlen worden seien, für Wahrheit 
auszugeben. Niemand glaubte ihm jedoch.*) Es war ein unge 
heurer Skandal, wiederum ganz würdig des Namens Mirabcau. 
Denn nicht nur, daß die skandalösesten Ereignisse am Berliner 
Hofe mit widerlichem Cynismus offen besprochen wurden, Prinz 
Heinrich, die festeste Stütze des preußisch-französischen Einernehmens, 
war darin auf das gehässigste geschildert worden und befand sich 
zum Unglück zur Zeit des Erscheinens des Buches gerade in Paris. 
Obgleich er selbst über die Angriffe sehr gelassen blieb, glaubte 
doch der Pariser Hof, es ihm schuldig sei» zu müssen, das Buch 
öffentlich durch den Henker verbrennen zu lasse». 
Obgleich noch verschiedene Ausgabe» des Briefwechsels ver 
anstaltet wurden, ist eine vollständige Veröffentlichung doch erst 
jetzt erfolgt: La mission secrete de Mirabeau ä Berlin 
1786—1787 d’apres les documents originaux des Archives 
des Affaires etrangeres. Avec introduction et notes par Henri 
Welschinger. Paris, Librairie Pion, E. Pion, Nourrit et Cie., 
imprimeurs-editeurs. 1900. 
Die hier gebotenen Aktenstücke sind in ihrer Gesamtheit zwar 
nicht unbekannt geblieben, sie sind von zahlreichen Forschern ein 
gesehen und benutzt worden, unter anderen auch von Stern in 
seinem umfassenden Werk über Mirabeau; aber dem größeren 
Publikum sind sie hier zum ersteninal zugängig gemacht worden, 
und Welschinger hat recht, wenn er behauptet, daß von allen 
Schriften Mirabeaus diese trotz ihrer zahlreichen Geschmacklosig 
keiten, ihrer Uebertreibungen und des in ihr nur zu oft sich be- 
kuudendeu Cynismus am ehesten einen Neudruck verdient, weil in 
keiner andern die Genialität des großen Franzosen in Beobachtung 
und Darstellung so deutlich zu Tage tritt wie iu ihr. 
Die Ausgabe ist mit der erdenklichsten Sorgfalt hergestellt 
worden. Durchgängig hat Welschinger den Wortlaut der ersten 
Ausgabe mit den von Mirabeaus eigener Hand geschriebenen 
Entwürfen verglichen, die sich, wie auf dein Titel des Buches 
erwähnt, im Archiv des Ministeriums der auswärtige» Augelegeu- 
heiteu in Paris befinden. Die einzige Abweichung besteht in der 
Ersetzung der veralteten Orthographie durch die jetzt gebräuchliche. 
Außer dem berichtigten alten Text enthält die neiw Ausgabe 
bisher unveröffentlichte Briefe von Mirabeau und Tallcyrand, 
außerdem mehr als vierzig Stellen, die von Mirabeau unterdrückt 
worden waren, von denen fünfzehn den Umfang von ganzen 
Briefen erreichen. Von großem Interesse ist ferner die Veröffent 
lichung einiger Briese in der Form, die ihnen von Tallcyrand 
gegeben worden ist, ehe sie dem Generalkontrolleur der Finanzen, 
dein Minister der auswärtigen Angelegenheiten und endlich dem 
König selbst vorgelegt wurden. Im Anfang werden noch einige 
wichtige, bisher unbekannte Schristflücke abgedruckt, so das Bruch 
stück eines sehr interessanten Brieses von Mirabcau an Tallcyrand 
(vom 14. März 1787), worin er die Grundgedanken seines Werkes 
über die preußische Monarchie entivickelt und sich mit großer Offenheit 
über die Hoffnungen ansspricht, die er für seine Person an seine 
Sendntig nach Berlin geknüpft hatte, und neben einigen anderen 
Aktenstücken, die sich ans die knrische und holländische Frage be 
ziehe», mehrere hier zum erstenmal veröffentlichte Depeschen von 
Berlin, die sich auf die Veröffentlichung der Historie secrete 
beziehen, und endlich einige amtliche Berichte des französischen 
Gesandten in Berlin, des Grafen von Esterno, die zur Vervoll 
ständigung und Prüfung der Briefe Mirabeaus dienen können. 
Außerdem hat Welschinger auf Grund der Originalberichte die 
Namen, die iu den bisherigen Ausgaben nur durch die Anfangs 
buchstaben angedeutet waren, vervollständigt und den Briefen kurze 
Erläuterungen beigegeben, in denen er auf die Bemerkungen des 
Barons von Trenck zu Mirabeaus Briefen Bezug nimmt und die 
nötige» Aufklärungen über die erwähnten Personen giebt. 
Schließlich berichtet Welschinger über das Schicksal der Original- 
handschriften. Danach sind sie von Mirabeau seinem vertranten 
Freunde, dem Grafen von La Marck, letztmillig vermacht worden; 
dieser hinterließ sie seinerseits dem Herrn von Baeourt; nach dessen 
am 28. April 1865 erfolgten Tode gelangten sie in das Archiv 
*) Wir führen nur das Urteil des Briefwechsels zwischen Grimm und Diderot an 
(Gvrrespondance litteraire, philosophique et critique de Grimm et Diderot, 
Tome IV): „Ties ist vielleicht," heitzt es hier unter anderem, „das unbegreiflichste und 
frechste Buch, das man je zu veröffentlichen gewagt hat. Wir erwähneil es auch nur, nm 
es der allgemeinen Entrüstung zu überliefern. Es genügt, ein Dutzend Seiten dieses nieder 
trächtigen Briefwechsels zu lesen, nm zu sehen, das; es ganz einfach die Berichte sind, die der 
Graf von Mirabeau während seines Aufenthalts in Deutschland an Herrn von Calonne und 
den Herzog voir Lanzun gesandt hat." Tann wird gesagt, Mirabeau habe sich nicht gescheut, 
sich gegen Bezahlung mit dem Gewerbe eines gemeinen Spions am Berliner Hofe betrauen 
zu lassen (de 8e scfiarger d'aller exercer a juste prix le metier d’espiou Subalterne 
ä la Cour de Berlin). . . . Was aber alle Begriffe übersteigt, ist, das; sich ein Mann von 
Geist und Begabung findet, der mit der Niedrigkeit, die ein solcher Auftrag voraussetzt, die 
Unverschämtheit verbindet, ihn ganz offen einzngestehen. und daß er sich nicht scheut, das 
ihm anvertraute Geheimnis, die heiligsten Rechte der Gastfreundschaft und die Rücksichten zu 
verletzen, die man mit der peinlichsten Gewissenhaftigkeit der Freundschaft und erwiesenen 
Wohlthaten schuldet." In der Folge wird noch von der „Frechheit seiner Urteile über die 
ersten Personen Europas" gesprochen und von der „Unverschämtheit der Erzählungen, die er 
berichtet oder erfindet, um sie zu rechtfertigen", ferner, das; er „ohne Scham und Scheu die 
fürstlichen Personen selbst, von denen er eingesteht, die augenfälligsten Beweise ihres Wohl 
wollens erhalten zu haben, anfalle", endlich von den „Ungeheuerlichkeiten und Niederträchtig- 
leiten", von denen die zwei Bände erfüllt seien (les horreurs et les infamies qm 
rempUssent. ces doux volumes).
        
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