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Periodical volume Sonnabend, 8. September 1900 Nr, 36

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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nominell und vielfach mißverstände», mußten diese Idee» ver 
derblich ans die Gemüter einwirke», vergiftend und zerstörend. 
Eine seltsame Laune des Schicksals mar es, daß gerade zu der 
Zeit, als Nietzsches Ideen Eingang bei einem großen Teil des 
Volkes fanden, seine Thätigkeit jäh unterbrochen wurde. •— Das 
Fatum! Die Erinnys! 
Nietzsches Lebensgang ist äußerst einfach und kurz. Am 
15. Oktober 1844 wurde er in Röcken bei Lützen als Sohn eines 
Pfarrers geboren und verbrachte seine Jugend in Naumburg a. S., 
wo sein Vater im Amte war. Im Sommer 1849 starb letzterer 
an Gehirnerweichung-, und der Knabe war nun der Erziehung 
einer weichherzigen Mutter, einer liebevoll besorgten Großmutter 
und einiger verzärtelnder Tanten überlassen. Allzustarker weib 
licher Einfluß ist für ein zartes Knabengemüt nie gut, und man 
kann es verstehen, daß der kleine Nietzsche an den Spielen seiner 
derben Schnlgenossen wenig Gefallen fand. Einsamkeit und em 
siges Vertiefen in Bücher war ihm in der Jugend wie im späteren 
Alter eigen, und es ist sehr wohl möglich, daß er durch allzu 
eifriges Studium und durch Ueberarbeitung den verderblichen 
Keim, der durch erbliche Belastung in seinem Innern schlummerte, 
nährte und schließlich zur Entfaltung brachte. Ans der Schule zu 
Naumburg und später zu Pforta war er ein Musterschüler, und als 
Student der klassischen Philologie zu Bonn und Leipzig zeichnete 
er sich gleichfalls durch regen Fleiß und umfassendes Wissen aus, 
so daß sein Lehrer Ritschel bald eine hohe Meinung von ihm 
bekam. Seiner Empfehlung hatte Nietzsche es auch zu verdanken, 
daß er, noch bevor er sein Examen gemacht oder promoviert hatte, 
als Professor an die Universität Basel berufe» wurde. Von der 
Leipziger Fakultät wurde ihm daun ohne weiteres wegen der von 
ihm veröffentlichten wissenschaftlichen Arbeiten die philosophische 
Doktorwürde verliehen. 
Als 25jähriger Jüngling irat Nietzsche sein Amt als akade 
mischer Lehrer an. Er mußte sich tüchtig einarbeiten, z»mal er 
auch verpflichtet war, Unterricht an einer Lehranstalt zu erteilen, 
und diese Studien nahmen, seine geistigen Kräfte sehr in Anspruch. 
Während des deutsch-französischen Krieges war er als Kranken 
pfleger im Felde thätig und zog sich hierbei eine schwere Krankheit 
zu, an deren Folgen er lange zu leiden hatte, da er durch be 
ständig wechselnde Kurversnche das Uebel nur noch verschlimmerte. 
Vermutlich hatte diese Erkrankung im Verein mit der geistigen 
lleberarbeitnng das in ihm schlummernde Leiden zum Ausbruch 
gebracht, denn seit 1876 litt Nietzsche an beständigen Migränean 
fällen, und 1879 hatte sich dies Leiden so gesteigert, daß er um 
leine Entlassung aus dem Lehramt bitten mußte,, welche ihm von 
der Stadt Basel mit voller Pension gewährt wurde. 
^ Um Heilung zu erlangen, hielt sich Nietzsche in den folgenden 
Zähren bald in der Schweiz, bald in Italien und in der Riviera 
ans, war aber dabei unausgesetzt schriftstellerisch thätig. Professor 
Ziegler, der eine interessante Biographie Nietzsches (Berlin 1900) 
verfaßt hat, sucht aus den anormalen Gedankenverbindungen in 
seinen Werken nachzuweisen, daß die geistige Erkrankung des 
Autors bereits in die Zeit zwischen 1882 und 1885 füllt. Das 
Leiden als körperliches Gehirnleiden reicht aber vermutlich noch 
weiter zurück. Im Jahre 1889 fiel Nietzsche dann völlig dem 
Wahnsinn anheim und hat seit dieser Zeit in einem bedauerns 
würdigen Dämmerzustand dahingelebt, unberührt von den Vor 
gängen um ihn her, ohne Empfindung für die liebevolle Pflege, 
die seine Schwester ihm zuteil werden'ließ. 
Nietzsche war von seinem eigentlichen Fach, der alten Philologie, 
bald nach Antritt seiner Professur abgekommen und hatte sich mehr 
und mehr der Philosophie, der Soziologie und der Musik zuge 
wandt. Seit 1876 etwa, seit dem Jahre, wo sein Kopfleiden 
stärker hervortritt, beginnt Nietzsche mit seinen eigenen philosophischen 
Ideen, mit seinen moralisch-cynischen Schöpfungen hervorzutreten. 
Während er bei seinen früheren Arbeiten der Weltauffassung 
Schopenhauers huldigte und die künstlerisch-musikalischen An 
schauungen Richard Wagners verehrte, tritt er in seiner zweiten 
Schaffensperiode seit 1876 als selbständiger Denker auf, ver 
wirft die Ansichten Schopenhauers und Wagners als veraltet 
und übertroffen und baut ein neues Moralsystem ans, das 
angeblich originell ist und die Kraft haben soll, eine neue 
gesegnete Kultur anzubahnen und die Menschheit in diese 
neue Epoche der Entwicklung überzuführen, oder kurz gesagt, 
welches imstande sein soll, die Menschheit zu beglücken. Ilm 
dieses System durchführen zu können, greift Nietzsche zu den un 
gewöhnlichsten und gewagtesten Mitteln. Die Verneinung jahr 
hundertealter Kultur, die Verwerfung des Christentums, die Er 
hebung aller befähigten Individuen zur Machtsphäre und die 
Unterdrückung der nur zur Zwangsarbeit Befähigten durch jene 
Kaste veredelter, aristokratischer „Uebermenschen" sind die hervvr- 
springendsten Punkte der Philosophie Nietzsches, die nur durch 
„Umwertung aller Werte" zustande kommen kan». Obwohl Nietzsche 
in allen Schriften seiner zweiten Periode immer wieder seine Ideen 
auseinandersetzt, vergißt er doch eins zu sagen, wie er sich dieses 
neue Leben, dieses Herrschen des „Uchermenschen" im einzelnen 
gedacht hat. „Wie die Welt aussieht, in der die neuen „Edel 
menschen" sich ausleben, Wollust, Herrschsucht und Selbstsucht zu 
Tugenden geworden sind und die Ausbeutung zum Prinzip erhoben 
ist, die Welt mit den neuen Tafeln und den oder dem herrschenden 
Einzelnen, das erfahren wir nicht." 
Ob seine Krankheit ihn daran hinderte, sein System weiter 
auszubauen und dem „Reich Zarathustras" seine Vollendung zu 
geben, ob er überhaupt unfähig war, dies zu thun, wer will es 
entscheiden? Vermutlich ist das letztere der Fall, denn sein System 
ist ans Grundsätzen aufgebaut, die aller Kultnrentwicklnng zuwider 
laufen. Durch glänzende Sprache und geistreiche Aphorismen hat 
Nietzsche für seine Gedanken Propaganda gemacht und sich zahl 
reiche Anhänger geschaffen, von denen die meisten ihn vermutlich 
gar nicht verstanden haben. Denn, wie Professor Ziegler treffend 
sagt, „Nietzsche versteht man nur entweder ganz oder man versteht 
ihn gar nicht." 
Nietzsches Einfluß auf die moderne Welt ist ein ganz hervor 
ragender gewesen und wird es stets sein, so lange es Leute 
giebt, die sich von seinen Aphorismen, von seiner glänzenden, 
dichterischen Beredsamkeit blenden lassen. Wer sich aber Mühe 
giebt, tiefer in seine Anschaungen einzudringen, und ihn zu ver 
stehen versucht, der wird sich bald mit Achselzucken von ihm 
abwenden, denn seine Moral ist wohl gleißend und anfangs 
bestechend, aber durch und durch vergiftet und verderbenbringend. 
Wird der Philisoph der „Herrenmoral" zur Zeit auch noch von 
Tausenden blinder Anhänger als Abgott verehrt, so wird doch einst 
die Stunde kommen, wo man mit Bedauern über das System 
Nietzsches hinfortgehen wird, mit Bedauern, daß ein so reichbe 
gabter Mensch auf so abschüssige Irrwege geraten konnte. G. A. 
Kleine Mitteilungen. 
Das neue Märkische Museum inr Krillirischen Park, 
das erst im Jahre 1904 wird bezogen werden können, soll einen eigen 
artigen Fensterschmnck erhalten. Zn dem Behuf werden schon seit zehn 
Jahren die in Berlin und der Provinz Brandenburg geführten Wappen- 
zeichen gesammelt, die, auf Glas farbig gemalt und eingebrannt, dem 
Beschauer später an den Fenstern des neue» Museums entgegenlenchten 
werden. Da die Kosten der Sclbstbeschaffung sehr groß geworden 
wären, so wurde de» Wappen, sühreuden Körperschaften bezw. Personen 
die Stiftung ihrer Wappenschciben anheimgestellt und der gleichmäßigen 
und billigen Herstellung wegen mit einem Glasmaler ein Abkomme» 
getroffen, »ach dem dieser für jede Wappcnscheibc ohne Unterschied 
nur zehn Mark zu fordern hat. In Betracht kamen die Städte, die 
Adelsfainilien, die Innungen, die studentischen Bereinigungen, sowie 
wissenschaftliche und Knnstvereine. Diese Sammlung ist schon jetzt über 
Erwarten groß geworden; sic wird, abgesehen von ihrem eigentliche» 
Wert, zugleich eine kunstvolle Ausstattung der Fenster in dem neue» 
Musenmsgebände ermöglichen. Im letzten Jahre sind von Städte» n. a. 
Schöneberg und Potsdam, von Adelsfainilien die des Frhrn. von Bock 
und von Messerschmidt hinzugekommen. Im ganzen enthält die 
Sannnlung gegenwärtig die Wappen von 14N Städten, von denen 
mehrere mit zivci Wappen vertreten sind, 224 Adelsfamilie», 48 studentische 
Bereinigungen, 55 Berliner Gewerken und 4 wissenschaftlichen Vereinen, 
zusammen also über 470 Wappen. 
Baron Bey. — Am 29. Juli 1839 stellle Mchnict Hafisz, Muschir 
von Siras, dem „preußischen Offizier Baron Bey, einem talentvolle» 
Man», der seine Pflicht als treuer und tapferer Mann vom Anfang 
bis zu diesem Augenblick gethan und sich seiner Aufträge in voll 
kommenster Weise erledigt hatte," ein glänzendes Zeugnis ans und am 
nächsten Tage empfahl er denselben Baron Bey dem Sultan in den 
schmeichelhaftesten Ausdrucken. Wo ist dieser Baron Bey? Jeder unserer 
Leser kennt ihn, auch wir können ihm nur glänzende Zeugnisse aus 
stellen. Das Rätsel löst sich, wenn wir verraten, daß dieser Baron Bey 
in der Lebensgeschichte unseres Moltkc eine Rolle spielt (vgl. deren 
1. Band, Berlin, Mittler 1892) und daß am 3. September 1839 der 
außerordentliche Gesandte und bevollmächtigte Minister des Königs von 
Preußen» bei der Hohen Pforte, von Königsmark, bescheinigt, bei den 
Türken sei Moltke allgemein bekannt unter dem Namen eines Baron Bey. 
Friedrich der Grosse als Arzt. Im Spätherbst 1761 stand 
die preußische Armee in Böhnicn. Friedrich der Große ließ sie einmal 
des Nachts aufbrechen und weiter marschieren. Neben dein König ritt 
ein Unteroffizier der Avantgarde, der auf seine Fragen nur sehr kurze 
Autivorten gab. Das fiel ihm auf, und er fragte: „Was fehlt Ihm 
denn?" „Ach, Majestät, ich habe entsetzliches Leibschneiden." „Er hat 
sich gewiß erkältet. Dagegen helfen Magentropfcn." Friedrich wandte 
sich an einen Offizier seines Gefolges. „Herr Major, geb' Er doch 
einmal dem Unteröffizier Seine Flasche Mit den Magentropfcn! Ich 
weiß. Er führt eine bei sich. Da, Unteroffizier, nun trink' soviel, wie 
Er glaubt, vertragen zu können!" Der Unteroffizier trank die Flasche, 
die ein Achtclqnart hielt, ans einen Zug aus und gab sie dem Major 
leer zurück. Nach einer halben Stunde fragte der König: „Nun, ivic 
befindet Er sich jetzt?" „Majestät, wie neugeboren!" „Sieht er, ich bin 
der Doktor, und der Major hier ist der Apotheker." In der Schlacht 
bei Kunersdorf wurde dem Leutnant von Stubenfcll der eine Arm 
durch eine Kanonenkugel weggerissen, und der Leutnant von Heilsberg 
erhielt eine Kartätschcnlndnng ins Gesicht und in de» Leib. Beide lagen 
in ihrem Blut, kein Chirug wollte sie verbinden. Ta kam Friedrich 
der Große hinzu, fühlte ihnen an den Puls und sagte: „Sie habe» ja 
»och kein Fieber und sind junge, frische Leute. Laßt sie zur Ätzer und 
verbindet sie daun!" Das geschah, und die beiden Offiziere halten ihr 
Leben dem König zu verdanke». Sic dienten bis zum Hnbcrtusbnrger 
Frieden und erhielten dann gute Versorgungen in Preuße». Ueberhanpt 
sorgte Friedrich der Große in umfassender Weise für die verwundete» 
und kranken ^Soldaten. Er schickte Militärärzte zu ihrer Ausbildung
        
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