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Periodical volume Sonnabend, 8. September 1900 Nr, 36

Full text: Der Bär Issue 26.1900

• 3n der weiteren Korrespondenz, in der es sich namentlich um 
Herberschasfung von Subskribenten für die Ausgabe der Karschinschen 
Gedichte handelt, findet sich (Uz an Gleim den 28. Juli 1762) 
ein „Sinngedicht" des^ bekannten Schriftstellers Thümmel auf die 
Karschin, in dem er seiner übeririebenen Bewunderung Ausdruck 
giebt. 
Auf die Frau Karschin. 
Ein güldnes Saitenspiel entfiel Apollens Hand: 
Es tönte in der Luft noch einmal — und verschwand. 
Beklagt von dem Olymp, sieht Amor es entschwinden, 
Fliegt nach — durchsucht die Welt —und weint und kann's nicht finden: 
Der himmlische Verlust lag in bemoosten Gründen, 
Wo Phillis weidete, die ungesucht es fand. 
Die Subskription ging sehr langsam von statten, und es 
dauerte bis zum Jahre 1764, daß endlich der Druck der „aus 
erlesenen Gedichte" beendet werden konnte. Unterdessen hatte auch 
bei ihren bisherigen Bewunderern mancher ein nüchterneres Urteil 
gewonnen. Ramler schreibt an Gleim (S. 509): „Von der Mad. K. 
habe ich sagen hören, daß sie de» König gesprochen und von ihm 
die Versicherung erhalten habe, daß er für sie sorgen wolle. Einige 
sagen von einer Pension, die sie bereits erhalten hätte, 200 Thlr. 
jährlich, und von einem Hause und Garten in Charlotteuburg, 
welches sie sich auszubitten die Dreistigkeit gehabt. Ich werde 
mich freuen, wenn sie so versorgt ist, daß sie nicht mehr nöthig 
hat, Leberreime zu machen und aus den Tasten zu poetisieren, 
sondern gut zu wirtschaften anfängt und keinem mehr mit allzu 
vielem Ueberlaufen beschwerlich fällt. Ich fürchte mich ein wenig 
für ihren ersten Besuch (nach der Rückkehr aus Pommern). Ich 
bin ihr nicht allein auf ein Paket Poesieen Antwort schuldig ge 
blieben, sondern ich fürchte mich auch für die große Ruhni- 
redigkeit rc." 
Auch Gleim läßt allmählich in seiner unbedingten Bewunderung 
nach. Uz schreibt noch am 2. August 1763: „Wie wird sich der 
Karschinsche Gesang ausnehmen! Ganz Deutschland horcht schon 
lange und wird ungeduldig, daß es vergebens horcht. Ich habe 
Lieder, die sie beym Frieden gesungen, in den Buchläden gefunden: 
sie ftnb ihrer würdig." Darauf antwortet aber Gleim am 
9. August: „Die Friedenslieder der Frau Karschin können wohb 
unmöglich ihren Beyfall ganz haben, mein liebster Freund, 
wenigstens können die Thaten des Königs verwandelt in Planeten, 
und alle die Erdichtungen, die sie immer Frageweise anbringet, 
und bey denen nian immer nein sagen muß, weil man von allen 
den schönen Sachen, die sie für so ausgemacht annimmt, nichts 
gehöret hat, meinem Uz unmöglich gefallen haben. Die gute Frau 
macht von ihrer Fähigkeit einen allzugroßen Mißbrauch, und nach 
gerade glaubt sie nicht mehr, daß sie was mittelmäßiges schreiben 
kann. Ich habe ein paar Stellen ihrer so eilfertig gesungenen 
und gedichteten Stücke getadelt, bin aber übel angekommen. Und 
sonst konnte sie den Tadel so gut vertragen. Aber wen verdirbt 
nicht allzu vieler Weyrauch? Man hat sie zu viel gelobt und be 
wundert, ich habe mir keine Vorwürfe deswegen zu machen, den» 
ich habe allezeit die Mittelstraße gehalten. In ihrem letzten 
Schreiben giebt sie mir doch recht, daß sie meinen freundschaftlichen 
Erinnerungen mehr hätte zutrauen sollen, und sieht nun selbst die 
angezeigten Fehler." 
Endlich, nach vielen Aergernissen mit Subskribenten, Sammlern 
und Buchhändlern wurde die Ausgabe der „auserlesenen Gedichte" 
der Karschin fertig, und Gleim, dessen Bemühungen das Gelingen 
hauptsächlich zu danken war, schreibt am 11. Dezember 1764 an 
Uz: „So viel als die Karschin für ihre Sammlung bekommen hat, 
kan sich noch kein deutscher Dichter rühmen .... Zwey tausend 
Thaler in Louisd'or und etwas darüber sind nach Abzug der 
Kosten übrig geblieben. Ich habe eine ausnehmende Freude 
darüber, daß es mir nun so weit mit der armen Karschin gelungen 
ist. Alle meine berlinischen Freunde waren dawieder und glaubten, 
es würde nichts herauskommen. Nun sehen sie das Gegentheil 
und glauben mir, daß der Deutsche so gut wie der Engländer 
einzunehmen ist." Einige Zeilen weiter heißt es: „Die Frau 
Karschin schreibt mir noch sehr oft. Aber alle ihre Briefe sind 
voller Klagen über die Untreue ihrer Freunde! Man hält ihr in 
der That zu wenig zu gute." 
Leider wurden ihr Gleim und Uz doch auch allmählich untreu, 
wenigstens ist in dem Briefwechsel immer weniger von ihr die- 
Rede; im Jahre 1770 am 16. Mai wird sie zuletzt von Gleim 
kurz erwähnt. Gleim spricht von seiner Richte und sagt, daß sie 
von der Frau Karschin Gleminde getauft worden sei. In den 
letzten zwanzig Jahren — sie starb 1791 — wird nicht einmal 
ihr Name in den Briefen genannt. Ihres Todes wird nicht ge 
dacht. So rasch vergaßen die Gleim und Genossen die einst hoch 
erhobene „deutsche Sappho". 
Friedrich Nietzsche t» 
S ine erschütternde Tragödie ist nun ausgespielt, eine Tragödie, 
so recht geeignet zum Nachdenken über die Erbärmlichkeit der 
menschlichen Kreatur: Der Dichter unter den Philosophen, der 
himmelanstürmende Titan Friedrich Nietzsche in am 25. August 
einem Schlaganfall erlegen. Ein reichbegabtes Leben ist damit zu 
Ende gegangen, ein Leben freilich, das zum Schluß der Tragödie 
kaum noch Leben zu nennen war' denn Nietzsche war bereits seit 
länger als einem Jahrzehnt tot — geistig tot — unheilbarer 
Wahnsinn hielt seinen einst so feurigen Geist umfangen. Eine 
gemeine Ironie des Schicksals war es, daß gerade er, der sich ein 
geistig Erlöster dünkte, der seine Mitbrüder zum menschenwürdigen 
Dasein zurückführen, sie zum Uebermenschen erziehen wollte, daß 
gerade er mit Blindheit geschlagen wurde und einsam dahin 
dämmern mußte, auf die beständige Hilfe seiner Umgebung an 
gewiesen. Man fühlt sich versucht, an die Richtigkeit der antiken 
Anschauung von der Strafe der neidischen Götter zu glauben, 
wenn man bedenkt, wie der von einer starken Gemeinde gläubiger- 
Anhänger umgebene Lehrer, von geistiger Umnachtung ergriffen, 
plötzlich von seinem Katheder herabsteigen muß, wie der selbst- 
Frirdrtztz Nietzsche f. 
bewußte, himmelanstürmende Titan, der sich selbst einen zweiten 
Antichrist nannte, von dem Vernichtungsstrahl getroffen, aus seiner 
Höhe herabgestürzt wird. 
Die Strafe — wenn wir der antiken Anschauung weiter 
folgen wollen — war hart, grausam hart, aber — sie war nicht 
unverdient. Wer sich über die Götter erheben will, den schlagen 
sie mit Blindheit — und Nietzsche wollte sich erheben, er wollte 
sich über das Alltägliche erheben und seine Mitmenschen mit sich 
fortreißen zur Höhe der Vollkommenheit. Was er unternehmen 
wollte, war nichts Neues. Schon viele vor ihm wollten Aehnliches 
unternehmen, aber — sehen wir uns um in der Geschichte der 
Menschheit — alle sind bei diesem Versuch gescheitert, entweder 
durch den Unverstand ihrer Mitmenschen, oder weil sie selbst an 
einem glücklichen Ausgang ihrer Weltbeglückungstheorie verzweifelten. 
Nur die Art und Weise, wie Nietzsche seine Gedanken vorbrachte, 
war neu. Durch seine stilistische Gewandtheit, durch seine kunst 
vollen Aphorismen und zum Teil auch durch dunkle Gedanken 
wußte er seine Jünger anzulocken und zu begeistern, und da er die 
Selbstschätzung in sehr ausgeprägter Form lehrte, so griff be- 
\ sonders die stets zur Ueberheounq geneigte Jugend begierig nach 
der dargebotenen Lockspeise, und Nietzsche, obwohl ein Gegner aller 
sozialen Theorien, wurde populär, wurde der Modephilosoph der 
Anhänger des Sozialismus. Und in diesem raschen Bekanntwerden 
seiner Ideen, seiner sogenannten „Herrenmoral" lag eine Gefahr 
für seine,Anhänger, für das Volk überhaupt; denn hastig aufge-
        
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