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Periodical volume Sonnabend, 8. September 1900 Nr, 36

Full text: Der Bär Issue 26.1900

ragenden Wipfeln, in allen Farben des Herbstes spielend, 
und darunter erging sich in buntem Gewimmel die festlich 
geputzte Menge;, überall ragten die grauen und dunklen 
Zylinderhüte der Herren über die Menge, und leuchteten ihre 
Jabots und steif gestärkten Halskragen, und rauschend schleppten 
die Krmolmen der Damen auf dem Kiesweg, und wie bunte 
Schmetterlinge gaukelten die riesigen Hüte auf den hochge 
kämmten Haaren. Und über dem allen schwankten an 
mächtigen Ketten in der Mitte der Straße sogar Laternen! 
Die Bänke waren bei dem milden Wetter dicht besetzt, 
und an dem Eisengeländer, das, durch hohe Sandsteinkegel 
als Stützen laufend, den Promenadenweg einfaßte, standen 
zahlreiche Gruppen; man betastete das Geländer mit den 
Spazierstöcken und gab sein Urteil darüber ab; denn der 
König Friedrich III. hatte es erst kürzlich gestiftet. 
Jetzt rollte der Wagen über das Viereck, den heutigen 
Pariser Platz, und durch das stolze Brandenburger Thor 
hinaus in den Tiergarten, damals noch mehr Wald als Park. 
Die breite Charlottenburger Chaussee war vou Fuhrwerken 
und Spaziergängern belebt und ebenso rechts — an der 
Stelle des heutigen Königsplatzes mit seinen stolzen Monu 
mentalbauten — der weite, weiß schimmernde Exerzierplatz, 
auf dem Hunderte von Kindern mit Ballschlagen und 
Drachensteigen sich erlustigten, während die Erwachsenen, wenn 
sie sich nicht an den "Spielen ihrer Kleinen beteiligten, im 
warmen Sonnenschein lagernd, sich dem Inhalt ihrer Ptoviant- 
körbe widmeten. 
„Es heißt," sagte Vater Ulrich zu seiner besseren Hälfte, 
cs würde nu mal Zeit, daß der bewußte junge Mann mit 
der Sprache rausjinge!" 
„Na eben," versetzte seine Frau, „den janzen Sommer 
schon hat er bei--uns rumjeduckmäusert und Kaffee und 
Schokolade jetrunken! Der scheint zu denken, wir haben ein 
Kaffeehaus!" 
„Den muß man wahrscheinlich erst mit der Nase druf 
stoßen!" sagte der Vater wieder, „es jiebt so 'ne Freier!" 
„Ach, es ist mit seiner unglücklichen Stotterei!" bemerkte 
Fräulein Luise. 
„Ich liebe Dir, —" entgegnete der Vater, „oder sei 
mein! soviel wird er wohl rauskriegen! Und ivenu er das 
gesagt hat, braucht er sein janzes Leben lang nichts mehr zu 
sagen! Was soll der Mann in der Ehe auch noch sagen?" 
„Das beste ist ja schon, er sagt nichts!" versetzte die 
Mutter mit einem scharfen Seitenblick auf ihren Gatten. „Wir 
müssen eben mit ihm Geduld haben! Es ist 'n herzensguter 
Mensch, der junge Matz, und hat sein gutes Auskommen. 
Und Luise mag ihn leiden!" 
„Er thut mir immer so leid!" sagte Luise, „der arme 
Kerl!" 
„Am meisten," fuhr Mutter Ulrich fort, „würde sich die 
Kulicke ärgern, die Luise für ihren Zierbengel schon lange 
auf dem Kieker hat!" 
„Der junge Kulicke," rief Vater entrüstet, „und Luise! 
Nicht daran zu denken!" 
Unterdessen hatte der Wagen in gemächlichem Trabe die 
„Puppen" erreicht, den heutigen Großen Stern, so genannt 
wegen der hier aufgestellten sechzehn Statuen, im Volksmuud 
kurzweg Puppen getauft und die Schar der eigenen und Miets 
fuhrwerke, sowie der offenen Thorwagen, die die Fahrgäste 
gesellschaftsweise beförderten, — „für zwei Gute die lumpige 
Person" — teilte sich hier. Links fuhr man zum Hofjäger, 
die breite Hosjägerallee entlang, geradeaus ging der Haupt 
strom die Chaussee weiter nach Charlottenburg. Unser Wagen 
bog rechts in einen sandigen, holperigen Fahrweg, der am 
Schloß Bellevue vorüber an die Spree und an dieser hin zu 
den Zelten führte. 
Die Zelte waren vier kleine Häuschen mit hübschen 
Laubengärten, und unter dem bunt rankenden, wilden Wein 
saß bei Bier und Kaffee die frohe Menge, noch einmal, eh' 
es Winter wurde, die sommerliche Freude, im Freien zu sitzen, 
genießend. 
„Zelt Nummer Eins!" rief Vater Ulrich gebieterisch, und 
der Wagen hielt. 
Die Familie Ulrich fand in den Lauben noch einen 
größeren Tisch frei, und kaum hatte sie Platz genommen, als 
Aus dem romaniischen Berlin: 
Durchgang an der Fischerstrsye und »n der Fischerbrücke. 
ein junger Mann eilig herangeschossen kam, ein hübscher 
Mensch niit freundlichen, gutherzigen Augen; er zog den 
grauen Zylinder tief und sagte: „B . . B . . Bon jour!" 
„Bonjour, Monsieur Matz!" entgegnete Vater Ulrich, 
„platzez-vous, s’il vous plait!“ Der junge Matz, von Beruf 
Seidenfärber, war ebenfalls längere Zeit in Paris gewesen, 
und Vater Ulrich liebte es deshalb, bei ihm seine französischen 
Kenntnisse an den Mann zu bringen. 
Monsieur Matz war neben Luise, die ihn freundlich be 
grüßt hatte, gesetzt worden, und Luise kredenzte den just auf 
getragenen Kaffee, als eine kleine dicke Dame in knallroten, 
Federhnt auf den Tisch losgesteuert kam, neben ihr ein
        
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