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Periodical volume Sonnabend, 8. September 1900 Nr, 36

Full text: Der Bär Issue 26.1900

Aus dem romantischen Berlin. 
Fisch-rlkrstze 21. 
heim oder sonstwo — basta. Daß auch die alten Stadtteile der 
Reichshauptstadt noch recht reich sind an winkeligen Gassen mit 
holperigem Pflaster, vorspringenden Treppenaufgängen und sonstigen 
herrlichen Verkehrsstörungen, braucht er ja nicht zu wissen. Und 
der Maler, der im Gerümpel seine künstlerischen' Motive sucht, 
magZostspielige Reisen unternehmen, wenn er es dazu hat, wenn 
er auch das „Gute" so recht bequem und nahe haben könnte. 
Man braucht wirklich gar nicht weit zu gehen. Wenn Du 
lieber Leser, beispielsweise mit mir einmal vom Hausvoigteiplatze, 
dem Sitze der hochmodernen Konfektionsindustrie, etwas nach Osten 
und von dort nach Nordosten abbiegen willst, so sind wir schon 
dicht dabei. Da ist die „kleine Jägerstraße" und „die alte Leip 
ziger Straße", die uns hinführen können. Die „alte Leipziger 
Straße" — viele, die die Leipziger Straße, diese große Verkehrs 
ader des modernen Berlins, sozusagen zu ihrem täglichen Brot 
chnen, haben keine Ahnung, daß es daneben noch eine „alte 
-ipziger" giebt. Und doch trägt diese ihren Namen mit viel 
ehr Recht. Aus dem alten Berlin (oder eigentlich Alt-Kölln) 
eraus führte diese Straße wirklich in der Richtung nach Leipzig 
zu, und an der heutigen Riederwallstraße traf sie den Stadtwall 
und den Stadtgraben (den jetzt zugeschütteten „grünen Graben", 
dessen Stelle Dir noch heute die Spittelkolonnaden zeigen)' Thor 
und Zugbrücke führten dann hinaus auf das Feld, nach Leipzig 
zu. Verfolgtest Du die Richtung der heutigen Leipziger Straße, 
so würdest Du eher nach Braunschweig und Hannover kommen, 
als nach Leipzig. 
Von der Alten Leipziger Straße aus biegen wir in „Raules 
Hof" ein. In diesem Straßenzug, der den Namen „Hof" eigentlich 
mit bestem Recht trägt, kannst Du schon eine Menge kleine, etwas 
schiefstehende Gebäude finden, bei deren Betrachtung Du die 
Hoffnung hegst, daß sie wenigstens so lange halten möchten, bis 
Fischerstraftr 28, Hof. 
ans dem achtzehnten Jahrhundert, deren Fronten zur Zeit des 
großen Friedrich gewiß den Gipfel der Vornehmheit.dargestellt 
haben, neben noch ältere», niedrigen Hänschen, die schon damals 
nicht mehr zeitgemäß erscheinen mochten. Da fallen uns tief 
w 
ler als tüchtiger Mensch über zu Berlin sprechen hat, 
wird gut thun, die weise Bemerkung zu machen, daß 
Berlin eine durchweg moderne Stadt ist. Er zeigt 
damit, daß er ein feiner Kenner ist, und daß er auch andere 
Städte gesehen hat. Romantik giebt es in Goslar oder Hildes- 
Du wieder heraus bist. Da springe» Treppenaufgänge vor, ein 
gefaßt mit eisernen Stangen, ans deren ansgetretenen Steinstufen 
Du genau verfolgen kannst, wo seit Jahrhundert die Männlein 
und Weiblein den rechten und den linken Fuß hinzusetzen gewöhnt 
waren. Da siehst Du einspringende Winkel, deren Zweck Dir nicht 
einleuchtet, die aber auch von Eisengeländern abgeschnitten sind, 
damit dieser Ort nicht verunreinigt werde, und hier und da geht 
ein Gang ab zwischen allerlei Häusern und Hänschen — ist es noch 
die Straße oder ist es schon Hof? Grüne Algenansätze findest Du 
an den verwitterten Mauern, das Holzwerk ist vom Ranch und 
Staub vieler Menschengeschlechter geschwärzt, verwittert, vermorscht. 
Kleine Leute wohnen dort, eine Klempnerei ist in Thätigkeit, ein 
Schneidermeister hat sein Atelier aufgeschlagen, alte Berliner, die 
von dem neuen Zuzug nicht viel halten; ein Lokal erinnert durch 
seine ungewöhnliche Inschrift „Gast-Stube" an vergangene Zeiten. 
Am andern Ende, da wo die noch krummere „Adlerstraße" 
den „Rauleshof" verschließt, tritt neben die alten Baracken das 
moderne Geschäftshaus, — die Nähe der Reichsbank und des 
Werderschen Marktes hat Mut gemacht. 
Gehen wir nun zurück, und treten wir auf die merkwürdig 
aussehende Zungfernbrücke, da wo die Oberwasserstraße und die 
llnterwasserstraße sich scheiden, so haben wir noch recht stattliche 
Reste von älteren Jahrhunderten vor uns. Da sehen wir Häuser
        
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