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Periodical volume Sonnabend, 1. September 1900 Nr, 35

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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Dänholm, und dem Sund, dem Pommer» und Rügen trennenden 
Mecresarm. So entstand die Bezeichnung Stadt zum Strela- 
sunde, z»m Sunde oder auch der Sund; später ward der Name 
Stralsund gebräuchlich, während die slavische Bevölkerung Stra- 
low sagte. 
Aus Niedersachsen eiligem änderte Kaufleute, Handwerker, 
Schisser und Fischer sollen die ersten Bewohner gewesen sein. Ja 
romar sorgte für Verbreitung deutscher Kultur und deutscher Ge 
werbethätigkeit. Unter seiner Leitung entstanden an Pfahlbauten 
erinnernde Fischerhütten und Lehmhäuser, die an beliebigen 
Plätzen, ohne bestimmten Straßenplan errichtet wurden. Inmitten 
derselben wurde mit dem Ban einer Kirche begonnen, von der 
1210 die von mächtigen Steinhaufen umgebenen Grundmauern 
standen, als die beutelustigen Pommern die Stadt überfielen. 
Bis auf jene Mauern, hinter die sich Jaromar mit den Be 
wohnern geflüchtet 'hatte, ward Stralsund zerstört; doch aus 
Furcht vor den Dänen, die Jaromar zu Hilfe gerufen, zogen die 
Sieger ab. Aus den Trümmern erhob sich die neue Stadt uiit 
festeren Häusern nach einem bestimmten Plane, der von dem 
nächstfolgenden Fürsten Witzlow I. herrühren soll. 
Noch vor dem Geburtsjahr der großen Hansaoereinigung ver 
lieh er Stralsund das lübischc Recht. So gewann Stralsund die 
Grundlage, auf der sich die Entwicklung deutschen Bürgertums 
aufbauen konnte; denn Selbständigkeit der Verwaltung und der 
Rechtspflege war die Folge des Privilegiums. Auch sonst erwies 
sich Witzlows Förderung der Wohlfahrt der Stadt nach den ver 
schiedensten Richtungen. Damit sich der Handel der Lübecker nach 
Rügen erstrecken sollte, gewährte Witzlow auch ihnen Vorteile, ohne 
zu bedenken, daß die Stralsunder darin eine Schädigung ihrer 
Geschäftsinteressen sehen würden. Die zwischen den beiden Städten 
erwachsende Eifersucht führte zu Zwist und Streit, und trotz des 
„für einige Zeiten" geschlossene» Bundes brachen die Lübecker 1249 
in Stralsund ein. Die Stadt ward geplündert und völlig zerstört; 
angesehene Bürger wurden gefangen nach Lübeck geführt, und erst 
nach vierjährigen Kämpfen fand eine Einigung statt. 
Diesmal vergingen geraume Zeiten, che Stralsund weit größer 
wieder erstand und durch Anlage von Wällen und Teichen einen 
festungsartigen Anblick erhielt. Witzlows Nachfolger bemühten sich, 
ihre festländische Licblingsstadt zur- zweitmächtigsten und einfluß 
reichsten neben Lübeck im Hansabund zu machen. Damals sollen 
die Straßen zuerst Namen erhalten haben; die breitesten 
wurden am Markt und in der Nähe wichtiger Gebäude angelegt. 
Bei dem Bau der neuen Häuser wandte man vielfach glasierte 
Ziegel an, jene bunten Formenmuster, die aus dem Orient und dem 
europäischen Süden nach dem europäischen Norden kamen. In 
zierlichsten Formen, mit Bogen, Blenden, vielen Fenster», Fialen 
und Beschlägen, ragten die Giebelhäuser auf. Außer den großen, 
breiten Treppen mit geschnitzten Geländern und den offenen Galerien 
im Hausflur war die innere Einrichtung einfach. Der Bürger, der 
nur für sein Gewerbe lebte, gab nichts auf Zier und Tand. 
Selten ließ er seine Zimmer mit besserem Hausrat schmücken, und 
auch in den städtischen Ritterwohnungen, wie man die Häuser der 
Adlige» nannte, hatten in de» kleinen Stuben, die der Kamin oft 
zur Hälfte versperrte, nur die notwendigsten Geräte Platz. Ein 
Schränkchen in der Mauer barg die Kleinode und Schriftstücke der 
Familie, eine Truhe die Gewänder und die Leinwand, den Schatz 
der Frau. 
Die Adligen bauten sich gern in der Nähe der Dominikaner 
und Franziskaner an, denen Fürst Jaromar II. ein Kloster, das 
seifige Gymnasium und Waisenhaus, sowie einen Teil des 
Johannisklosters zur Ansiedelung gab. Die Mönche unterwiesen 
die Stralsunder in der Hühnerzucht, um die Eier zu Fastenspeisen 
verwenden zu können. Die geistlichen und weltlichen Grund 
herrschaften ließen sich den Zehnten hauptsächlich in Hühnern und 
Eiern leisten; bei diesen Leistungen war am leichtesten Pünktlichkeit 
möglich. Ueberhaupt ergab der Eierzehnt solchen Ueberfluß an 
Eiern, daß man bei großen Bauten, Klöstern, Burgen, Türmen 
und Kirchen den Kalk nicht nur mit Kuhmilch, sondern auch mit 
Eiern mischte. Erst durch den mit Eiern gemischten Kalk erhielt 
er größere Festigkeit. 
Jaromars Sohn, Witzlow II., hat Stralsund die erste Hafen 
anlage zu verdanken. Während der Herrschaft seines Nachfolgers, 
des als Minnesänger gefeierten Witzlow III., riß ein Sturm den 
Streifen von Mönchgut bis zum Vorgebirge Thiessow fort. So 
entstand eine neue Fahrstraße, das neue Tief, das den Stralsunder« 
eine Durchsähet für größere Schiffe nach Südosten gewährte. 
Witzlow hielt sich gern in Stralsund auf, bis er in einen Krieg 
mit der „ihm über den Kopf wachsenden Stadt" verwickelt wurde. 
Mehrfach, wie Lappe in seinem Pommerbuch berichtet, belagerte 
er die Stadt mit Hilfe auswärtiger Fürsten. Die Stralsunder 
dagegen erhielten Beistand von den poinmerschen Herzögen und 
den brandenburgischen Markgrafen. 
Damals schickten die Hansastädte ihre Gesandte» zu dem König 
Erich von Schweden und Dänemark. Rach der Mahlzeit lud er sie 
in seinen Lustgarten vor der Stadt. Er ritt, die übrigen gingen, 
und um die Gesandten in ihren langen Kleidern in Verlegenheit 
zu bringe», wühlte er die schmutzigsten Stellen aus. Als man an 
eine große Pfütze kam, wollte keiner von den Gesandten seinen 
Anzug verderben, und einige riefen ihren Diener, um sich hinüber 
tragen zu lassen. Aber der Stralsunder Bürgermeister Ewert 
von Houesen rief: „Was stehen wir hier und lassen den König 
allein reiten? Meine Herren vom Sunde sind wohl so reich, daß 
sie mir einen neuen Rock wieder geben können." So schritt er 
init seiner Marderschaube durch die Wasserlache, ohne den Rock 
aufzuheben. Das gefiel dem König, obgleich er dem Bürgermeister 
böse war; er schenkte ihm eine neue Zobclschanbc und verstand sich 
zu günstigen Bedingungen für die Stralsunder. 
Diese hatten Witzlow in seinem Schlosse Rngard belagert und 
das Schloß verbrannt. Im dann erfolgenden Friedensschlüsse bestätigte 
er ihnen die alten Privilegien und fügte „gegen klingende Münze 
seitens der Bürger" neue hinzu. Einer seiner Nachfolger, Wratis- 
law IV., ließ sich als erster pommerscher Herzog in Stralsund 
huldigen. Eine glänzende Rolle haben die rügenscheu und ponimer- 
schen Fürsten damals nicht gespielt. Häufige Geldverlegenheit 
zwang sie, von ihrem Einlagerecht in Klöstern, Dörfern und 
Städten ausgedehnten Gebrauch zu machen. Die poinmerschen 
Herzogsmünzen, sagt Professor Rudolf Hannke, waren gegenüber 
den zahlreichen städtischen Münzen nur sehr spärlich vertreten, wo 
raus auf den beiderseitigen Wohlstand z» schließen ist. Die Stral 
sunder kamen denn auch mehrfach in die Lage, „arme regierende 
Herren mit ihrem Gefolge auf längere Zeit bei sich aufnehmen zu 
müssen." Einzelne begnügten sich mit einer Wohnung im Kloster, 
während die anspruchsvolleren Herberge und Bewirtung im König 
Artushof oder Ahrendshof wünschten. Dort wohnte 1364 die 
stolze nordische Königin Margarete, als ein Hansatag in Stral 
sund stattfand. Von dem Artushofe zogen die Bürger zum Mai 
reiten aus und begrüßten den Maikönig im großen Saale, wo der 
Bürgermeisterschmaus nach erfolgter Neuwahl abgehalten und jede 
vornehme Hochzeit gefeiert wurde. Der von Bartholomäus Sastrow 
bei dieser Gelegenheit in Greifswald erwähnte Brauch war auch 
in Stralsund üblich. Am Nachmittage ging es auf den Stein. 
Rach drei Uhr versammelten sich diejenigen unter den Geladenen, 
die dem Bräutigam Beistand leisten wollten, in dessen Haus. Dann 
gingen sie nach dem Markte, der Bräutigam zwischen zwei Bürger 
meister» oder zwischen den beiden Vornehmsten im Zuge. Auf der 
einen Seite des Marktes lag ein vierkantiger Stein. Der 
Bräutigam bestieg ihn, während die anderen in derselben Ordnung, 
wie sie gegangen, etwa fünfzig Schritte zurückblieben. Die Spiel- 
leute mit ihren Pfeifen stellten sich um den Bräutigam und 
spielten ein paar Paternoster lang. Dann stieg er wieder 
herab, und alle gingen nach dem Hochzeitshause. Der 
Bräutigam mußte aber allein auf dem Stein stehen, „damit, 
wenn jemand etwas gegen die Verbindung einzuwenden hätte, 
es noch vor der Kopulation anbringen möchte." Den Fürsten 
war eine Einladung zu solcher Hochzeit überaus erwünscht. Sie 
führten die Bürgermeisterin oder die Frau des ältesten Ratsherrn 
zum Tanze und fanden Gelegenheit, mit den Spitzen der Kauf 
mannschaft und den größere» Schiffspartnern Politik zu sprechen. 
Allmählich hatten sich die andere» pommcrschen Städte um diesen 
hanseatischen Vorort in Pommern gruppiert. Selbst die kleinste» 
Städte drängten sich dazu, „irgendwie die Sec zu erreichen und 
gleich dem Verdürstenden und Verkommenden nach diesem Lebens 
elemente zu gelangen." Durch die sich rasch vergrößernde Be 
völkerung übte Stralsund vor allen übrigen Städten den ent 
scheidenden Einfluß aus und gab oftmals den Ausschlag. Damals 
sollen Schweden, Norweger, Dänen und sogar Italiener zur 
dauernden Niederlassung nach Stralsund gekommen sein. 
Der Aufschwung des Städtebuudes und die sich stetig ver 
mehrenden Handelsbeziehungen der Stralsunder erweckten mehr 
und mehr das Selbstgefühl der Bürger. Von den schwächeren 
nordischen Staaten war ihnen gleich sämtlichen Hansastädten das 
Monopol eingeräumt, nicht nur den direkten Ein- und Verkauf 
der Ware au Ort und Stelle, sondern auch, was die Hauptsache 
war, den gesamten Zwischenhandel zu betreiben. Dieser war die 
eigentliche Quelle ihres Reichtums und legte den Grund zu Stral 
sunds Blütezeit, die bis zum Untergänge der Hansa gedauert hal. 
Seit dem Ausgang des 14. Jahrhunderts wurde Stralsund der 
Hauptstapelplatz des Ostseehandels. Große Einnahmen brachten 
der Getreideverkanf und der Heriugsfaug. Bei dein Umsatz der 
Kaufmannswaren und im Warentausche standen Pelze, Felle, 
Thran, Seehundsspeck, Salz, Safran und Pfeffer obenan. Das 
Tuch wurde hauptsächlich in London und den Niederlanden einge 
kauft. Engländer, Franzosen und Holländer kamen häufig nach 
Stralsund, und ihre Silbermünzen brachte» Wohlstand und Reich 
tum in die Stadt. Stralsunder Gastfreundschaft ward weit und 
breit gerühmt. Die Fremden kehrten bei ihren Geschäftsfreunden 
oft wochenlang ein; auch das aus einem Schreiber und Knechten 
bestehende Gefolge fand dort Unterkunft. Die älteren Häuser 
waren inzwischen vergrößert, neue vielfach gebaut worden. An 
dem geräumigen Hofe standen Kornspeicher, Ställe und das 
Kemmladeu genannte Hintergebäude, das mit dem Vorderhause 
durch Treppe oder Bogengang verbunden war. Im unteren Teil 
des Keminladens wohnte die Familie, oben waren ein Saal und 
Fremdenstuben, während das Vorderhaus meist nur Geschästs-
        
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