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Periodical volume Sonnabend, 1. September 1900 Nr, 35

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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Ein fürstliches Leichenbegängnis im 
16. Jahrhundert. 
Mnno 1592, 17. Suntj ist der durchlauchtiger, hochgeborener fürst 
W und her, her Ernst Ludwig, Herzog von Stettin-Poiniueru, 
>u. g. f. (mein gnädiger Fürst) und her, in godt selig entschlasfen 
und den 29. Julis — nachdem s. f. g. (seine fürstlichen Gnaden» 
sieben und vierzig jar alt gewesen und mit seiner fürstlichen 
gnädigen gemalin, der durchlauchtigen hochgebornen fürstin und 
flauen, fronen Sophie Hedwig, geborn zu Braunschwcig und 
Lünenburg etc. funfzehndehalb jar jm eestande gelebt — zu 
Wolgast zur erden bestetigt," also beginnt das in der Ratsbibliothek 
zu Stralsund befindliche „Memorialbnch" des Joachim Lindemann 
die ausführliche Beschreibung des Leichenbegängnisses eines Herzogs 
von Pommern. Mit aller Pracht der damaligen Zeit sollte die 
Bestattung vor sich gehen, deshalb dauerten die Vorbereitungen 
fast sieben Wochen, und die Herzogin-Witwe erbat dazu von den vier 
größeren Städten des Landes Stralsund, Greifswald, Anklam und 
Demmin zwölf Trabanten in Tranerkleidern mit schwarzen Binden 
um Hut und Hellebarde und zwölf bewaffnete Knechte) allein die 
Städte schlugen die Forderung „als eine beschwerliche und vormals 
unerhörte neuerunge collegialiter" ab, was ihnen von dem fürst 
liche» Hofe sehr übel aufgenommen wurde,- denn als die zur 
Trauerfeier Abgesandten, je zwei aus den genannten Städten — 
„aber von Demmin niemandts, weil alldar pogtio §rs88irst" — 
in Wolgast erschienen, begegnete man ihnen höchst ungnädig. Am 
Morgen des für die Bestattung angesetzten Tages schickte der 
Kanzler ihnen einen Zettel, der folgenden Inhalt hatte: „Der 
siebte gesandten warten bei der fürstlichen leichbestatigunge unseres 
hochseligen fürsten und Hern »mb Halbwege achten zu morgens auf, 
und folgen in der procession dem adelichen vorgeschriebenen frauen- 
zimmer hinunter in die kirche und widerumb aufs Hans." Die 
Abgesandten waren empört über diese Anordnung, da bei der Be 
stattung des Vaters des Herzogs „der siebte gesandte stracks nach 
den manspersonen und also noch vor dem fürstlichen frauenzimmer 
gegangen," und drohten, sofort die Stadt zu verlassen. Allein nach 
lange» Unterhandlungen gelang es deni herzoglichen Kanzler 
Henning von Rami», sie zum Bleiben zu bewegen, woraus zum 
Schluß der Sprecher der Städte ma^iotsr Eusebius Menius er 
klärte, ein andermal wollten sie lieber zu Hause bleiben als den 
letzten folgen! Eine ganze Stunde hatten die Unterhandlungen ge 
dauert, wobei man „hin und wider nf den gemechern gefruestuckt," 
während dessen sich der Leichenzng auf dem Kirchplatz ordnete. 
Voran gingen neun Edelknaben in drei Gliedern, denen dreißig 
kleine und fünfzig große „arme" Schüler folgten: alsdann kamen die 
im Amt Wolgast ansässigen bürgerlichen Besitzer, an welche sich die 
Geistlichkeit aus den Städten Wolgast, Greifswald, Anklam und 
Stralsund anschloß. Sehr bezeichnend für die damalige Zeit ist 
die Bemerkung, welche der Chronist einschaltet, daß die Schüler 
jeder einen Ortsthaler, die Pastoren 2 Thaler, der amtierende 
Geistliche Runge eine Engelotte (2 Thaler 21'/, Sgr.), der Super 
intendent aber einen Rosenobel (2 Dukaten) erhielt! Der Geist 
lichkeit zunächst folgte die Universität Greifswald, für welche der 
Herzog viel gethan hatte, und dann der Hofstaat der fürstlichen 
Gäste, welche zum Leichenbegängnis erschienen waren, an die sich 
der Paukenschläger und die Tromniler des verstorbenen Herzogs 
mit umgekehrten Trommelstöcken schlossen. Der nun folgende Teil 
des Zuges ist der interessanteste, da er neben den damaligen 
Adclsgeschlechtern Pommerns auch die verschiedenen Wappen genau 
aufzählt, welche das Herzogshaus führte) die Anordnung war 
derartig, daß einer der Ritter die betreffende Fahne trug, während 
hinter ihm ein „bekleidetes" Pferd von zwei Edelleuten geführt 
wurde, welches vor der Brust und an den Seiten dasselbe Wappen 
auf der Tranerdecke hatte. 
1. Christoph v. Rami» mit der Blutfahne, dann Joachim Eich 
städt mit dem Wappen des Herzogtums Stettin, dem Greifen 
mit der Krone, alsdann das Pferd, geführt von Jürgen von 
Ramin; 
2. Levin von Petersdorf mit dem pommerschen Greife») das 
Pferd von Markward Rausche und Tonnies Lußkow geführt; 
3. Adrian Rexin mit dem Cassubischen Greifen) 
4. Jürgen Borke mit dem Wendischen Greife»; 
5. Rikwan von der Lancken mit dem Wappen des Fürstentums 
Rügen; 
6. Otto von Schwerin mit dem Wappen des Landes Usedom. 
7. Eggert Dochow mit dem Wappen des Landes Bart) 
8. Rüdiger Rienkerken mit dem Wappen des Landes Wolgast) 
9. Clans Beer mit dem Wappen der Grafschaft Gützkow; 
10. Ludwig von Pntbus mit deni ganzen pommerschen Wappen 
auf einer großen Trauerfahne. 
Den Beschluß machte Heinrich v. d. Lancken, welcher auf dem 
zehnten Pferde ritt und des Herzogs Küraß trug. 
Die Pferde wurden sänülich mit in die Kirche hineingeführt 
und blieben dort, bis nach der Trauerfeier die Leiche in das 
Gewölbe überführt wurde. 
Auf die Fahne» folgte der LandmarschaU Albrecht Malzahn 
an der Spitze des adligen Gesindes des Herzogs und sämtlicher 
Edelknaben des fürstlichen Hauses, darauf der Kämmerer, welcher 
allein ging, und endlich in einem Gliede der Hofmarschall Hans 
von Eickstedt mit einem umflorten Schwert, dessen Spitze er nach 
unten hielt, der Kanzler Henning von Ramin und der Hof-Gerichts- 
verwalter Bnrchardt Horn, beide mit nniflorten Petschaften in den 
Händen. Hierauf folgte, getragen von sechzehn, dem Namen nach auf 
geführten Rittern und geleitet von vierundzwanzig Edelleuten, welche 
umflorte Lichte in den Händen hatten, „der leich, welcher in einem 
holtzern, aus- und einwendig gepichten sarcke, darin oben gegen dem 
angesichtc ein fenster, und dasselbe holtzerne sarck, widerumb in ein 
zinnern sarck gesetzt, gelegene) und darauf ein leinentuch und ein 
sammitten decke mit einem von silbertuch gemachten krentze daran 
gestickt gewesen von golde und silber, das pommersche und chur 
fürstliche sechsische ans der rechten, und das braunschweigesche und 
brandenburgische wapen, mit allen Helmen, fcf)ilben und färben, 
ans der linken seiten; und ist die bhare, auf der f. (fürstliche) leich 
getragen, mit sechszehen schwarzen stutzen (Tragen) gefertigt ge 
wesen." 
Dem Sarge unmittelbar folgten die männlichen Angehörigen 
des verblichenen Fürsten, an der Spitze der neue Herzog, Philipp 
Julius, an welche sich der braunschweigische und die beiden nieder 
sächsischen Gesandten schlossen; den Schluß der „Mannspersonen" 
bildeten die landt- und hvfrhate, so sonsten zu keinen sonderbaren 
diensten verordnet," der Hofmeister und die Junker der fürstlichen 
Witwe und das adlige Gesinde des Herzog Philipp von Braun 
schweig, des Bruders der verwitweten Herzogin. 
Nun hätte nach der von den Städten verlangten Ordnung 
die abgesandten Bürger kommen müssen) allein augenscheinlich 
wollte man ihnen die fürstliche Ungnade recht deutlich zeigen, und 
deshalb war für sie kein Platz gelassen, sondern es folgte zunächst 
die fürstliche Witwe, geführt von ihrem Bruder, dem Herzog von 
Braunschweig und dem Vetter ihres verstorbenen Gemahls, Herzog 
Philipp von Pommern-Stettin; daran schloß sich die Tochter 
Elisabeth Magdalena, geführt von Herzog Franz von Pommern- 
Stettin und Otto von Heim, einem braunschweigischen Edelmann, 
Herzogin Anna von Mecklenburg, die Schwester des Verstorbenen, 
und die anderen weiblichen Angehörigen des Herzogshauses, sowie 
die Gemahlinnen der fürstlichen Gäste. Den Schluß deS „fürst 
lichen frauenzimmers" bildeten „drei von Adel", und dann kam das 
weibliche adlige Gesinde der Herzogin, der fremden Fürstinnen, 
die „fronen und jungfrauen von adeill, so vom lande verschrieben, 
in glidern je drei und 3 zusamen; und wurden abgelesen, wie sie 
nach ihrem alter gehen solten (!) und in die stule hinter der f. 
widtwen nach einander ordentlich eingewiesen." 
Alsdann folgte wieder ein „bekleidet pferdt," wahrscheinlich 
um den Abstand von dem Adel zu markieren, „und obschon der 
siebte abgesandten nach diesen zu folgen abgelesen worden, auch 
von fürstlichen hause biß in die stabt, ungefer bis an den breiten 
stein, also gegangen: so haben doch der fürstliche» widtwe kammer-, 
megde- und andere bnrgerfrauen, so hinter der stedte abgesandten 
zu folgen verordnet gewesen, sich daselbst eingedrungen und vor den 
siebten gefolgt, also daß der stedte abgesandten und das übrige 
Hofgesinde die letzten gewesen." 
Als der Zug in die Kirche eingetreten war, wurden die Thüre» 
geschlossen, und der Superintendent O. Jakob Runge stimmte den 
Gesang „Erbarme Dich meiner, o Herr Gott" und „Wir glauben 
all" an, worauf der Hofprediger Friedrich Runge eine „ziemlich 
lange collecta" hielt. Während dessen war der Sarg vo dein 
Chor niedergesetzt worden, das Schwert und die Siegel wurden 
auf die Bahre niedergelegt, und das Leichengefolge gruppier.« ü b 
in der Kirche, wie vorgeschrieben war. Nach beendigter PuMg! 
sang die Gemeinde „Mit Fried' und Freude", „Haben wir die Güte 
empfangen" und „Nun lasset uns den Leib begraben," worauf der 
Sarg von der Bahre aufgehoben und in das fürstliche Erbbegräbuie 
überführt wurde. Während das geschah, entnahmen der Kanzler 
Albrecht Malzahii und Nikolaus Zastrow das Schwert und die 
beiden Siegel und überreichten es dem jungen Herzog, der neben 
seiner Mutter vor dem Altar saß. Herzog Philipp Julius nahm 
die Insignien seiner neuen Würde in Empfang und ließ Schwert 
und Petschafte, dem Marschall, dem Kanzler und dem Hofgerichts- 
vermalter wieder zustellen, worauf in derselben Rcichenfolge wie 
man gekommen, der Zug die Kirche verließ. „Der stedte abgesandte 
aber sein uf dem markte nbgetcetten, und hat ein jeder sich in seine 
Herberge verfugt und daselbst Malzeit gehalten, der Ursachen, das 
sie der anordnunge nach, andern zu schimpf, die letzslcn nit sei» 
wollen!" A. W. Gangloff. 
Das alte Stralsund. 
s in Edelstein im Kranze pommerscher Städte ward Stralsund nach 
kaum hundertjährigem Bestehen genannt. Fürst Jaromar I. 
hat die Stadt 1209 gegründet; im Wappen führte sie einen Strahl 
oder eine aufwärts gekehrte Pfeilspitze. Den Namen erhielt 
Stralsund von der südöstlich gelegenen Insel Strela, dem jetzigen
        
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