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Periodical volume Sonnabend, 1. September 1900 Nr, 35

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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wissermaßen der durch die Reuberin vo» der Bühne verbannte 
Hanswurst und hatte sich stets eines nicht endenivvllenden Applauses 
zu erfreuen. Häufig folgte den Aufführungen noch ein Ballett. 
Daß Lindes Theater zuweilen auch „hohe Gäste" sah, möge 
durch nachfolgende Mitteilung bestätigt werden. 
Es war am 16. Februar vor nunmehr 24 Jahren, als die 
Mitglieder des „Vereins für die Geschichte Berlins" sich zu einer 
außerordentlichen Herrensitzung im Kreidewcißschen Lokal zu Tempel 
hof versammelten, um ein altberlinisches „Wnrstpickenick bei Wisotzky" 
zu begehen. Dort hatte Julius Linde seinen Thespiskarren 
aufgeschlagen. 
Der uns noch erhalten gebliebene Theaterzettel kündigte als 
„Große Extra - Vorstellung auf vieles Verlangen" (?) den 
„Bay rischen Hiesel oder Die Wilddiebe" an. Ein allerliebstes 
Berliner Volksschauspiel mit Schlacht, Kampf, Gefecht sowie Ge 
sängen in drei Abteilungen. Das Fignrenverzeichnis der Mit 
glieder lautete: 
Matthias Klostermeier, genannt der bayrische Hiesel, 
vagabondierender Geschäftstreibender. 
Änderte, sein Bube, ein naseweises Subjekt. 
Pfalzmärten, ) 
Sattler, ! Wilddiebe. 
Bärenhannes, ) 
Der Len tu ant v. Schädel, zum Gefangennehmen dressiert. 
Der Forstmeister von Tischinges, ein rauher 
Waidmann. 
Beit, sein Jägerbursche. 
Röschen, Schankwirtin in Osterzell, Hiesels Geliebte. 
Easper, ein lustiger Bummler. 
Michel, ein Bauer. 
Bramarbas, Unteroffizier. 
Astloch und Knockenfraß, Soldaten. 
Ehrlich, ein Blutrichter. 
Stottermüller, ein Aktuar. 
Koppe», ein Scharfrichter. 
Volk, Bauern, Soldaten, Waldbewohner, Hirsche, Schweine, 
Rehe, Hasen, Füchse und Dachse, welche, um de» Raum 
der Bühne nicht zu beschränken, mehr hör- als sichtbar 
sind. 
Ort der Handlung: In einem Walde bei Schließheim in 
Osterzell und zuletzt in Thüringen. Zeit 1773. 
Anfang 8 Uhr, Ende, wenn's aus ist. Zwischennnter- 
haltnng durch Laune und anständigen Witz sind von 
allbekannter Güte. 
Dies Verzeichnis allein läßt schon auf die dramatische Handlung 
des Stückes schließen. Bezüglich der „Zwischennnterhaltnng" sei 
nur bemerkt, daß der Herr Direktor an jenem Abend es nicht ver 
schmähte, während des Spieles einige ihm zur Stärkung dar 
gereichte „kühle Blonden" nebst obligatem „weißen Landsturm" 
höchst eigenhändig durch die Suffiten verschwinden eu lassen. 
Blicken wir auf eine frühere Vergangenheit zurück, so waren 
die Marionetten, die dieser Gattung von Kunstvorstellungen den 
Namen gegeben, nicht immer jene, die Lachlust so vieler großen 
und kleinen Kinder erregender Kasperle und Hampelmänner. 
Bereits vor nunmehr 125 Jahren gab es in Berlin ein Marionetten 
theater, , nuf dem statt der gewohnten Drahtpuppen lebende 
Menschen, größtenteils Kinder, die Rolle der Schauspieler ver 
traten. Ihre Aufgabe war es, den Vortrag des Direktors, der 
das Schauspiel ebenfalls hinter der Bühne ablas, mit dem ent 
sprechenden Mienen- und Gebärdenspiel zu begleiten. 
Die erste Anregung zu solche» Vorstellungen hatte» die ans 
der Döbbelinscheu Bühne in der Behrenstraße hin und wieder 
veranstalteten „Kinderspiele" gegeben. Das neue Unternehmen 
fand dann alsbald in verschiedenen Kaffeegärten, namentlich in 
dem Mestackschen vor dem Stralauer Thor, unter der Leitung 
eines gewissen Schmettau, außerordentlichen Beifall. Schmettan 
verstand es auch, neben der Burleske die tragische Muse Einzug 
in seinen Kunsttempel halten zu lassen. So waren das musikalische 
Dnodrama von Brandes „Ariadne auf Raxos" mit der Musik 
von Georg Beuda, und die Tragödie „Medea", zu der Beuda 
ebenfalls eine Sinfonie komponiert hatte, auf der Döbbelinschen 
Bühne sehr beliebte Stücke, die Schmettau alsbald auf seine 
Bühne verpflanzte. Allerdings unter Weglassung der für sein 
Theater zu tragischen und schwerfälligen Musik, statt deren er sein 
kunstliebendes Publikum mit allerhand eingelegten Märschen, 
Operetten, Arien und bekannten Menuetten unterhielt. Selbst 
„Hamlet", der erst gegen Ende 1777 mit einer von dem Musiker 
Hayden komponierten Sinfonie über die Bühne ging, mußte vor 
dem Stralauer Thor seine melancholischen Betrachtungen über 
„Sein oder Nichtsein" anstellen. 
Der wackere Plümicke teilt 1781 in seinem „Entwurf einer 
Thcatergeschichte von Berlin" mit, daß die jugendlichen Akteurs 
auf der Schmettauschen Bühne vor den verblüfften Zuschauern 
„selbst zn reden versuchten", und zwar waren nach seinem Urteil 
einige glücklich darunter, die nicht ganz ohne Talent zu sein 
schienen. 
Daß auch manche heitere Episode dabei unterlief, darüber 
berichtet Plümicke aus dein Jahre 1777. „Ariadne auf Raxos" 
war auf jener Bühne angekündigt' doch verzögerte der Regisseur 
den Beginn der Ausführung wegen des etwas spärlichen Besuches. 
Im Hintergründe der Bühne hatte sich die jugendliche Darstellerin 
der Titelrolle bereits auf ihrem idyllischen Rnheplützchen malerisch 
hingestreckt, den Beginn der Darstellung erwartend. Eine Viertel 
stunde mar bereits verronnen — der Klang der Regissenrglocke war 
noch immer nicht zn ihrem Ohr gedrungen. Da versank Ariadne 
wirklich in einen tiefen Traum, den ihr die Rolle nur zn 
spielen vorgeschrieben hatte. Richt hörte sie jetzt den Glockenton, 
nicht das Gelächter des Publikums, das die wahre Sachlage als 
bald begriffen halte. 
Plötzlich, mit einem Löwensprnnge, erscheint Schmettau auf 
der Bühne, sein rauher Arm rüttelt die Schlafende auf, welche 
noch traumverloren sich die Augen reibt. Ihr Blick trifft das 
Publikum, eine Verzeihung erflehende Pantomime fand Erhörung, 
und das so verhängnisvoll begonnene Stück wurde unter dem 
rauschenden Beifall des Publikums zu Ende geführt. Noch nie 
hatte Ariadne so meisterhaft gemimt wie an diesem Abend. 
Ferdinand Meyer. 
Berlin und die Spree. 
(Schlich.) 
^^^öpenick! Welch eine Reihe von geschichtlichen Erinnerungen 
SjH!v> weckt der alte wendische Ort und sein hochragendes Schloß. 
Einst war es Jaczos, des letzten Wendenfürsten in märkischen 
Landen, Residenz. Und dann das alte Hohenzollernschloß. Es 
bezeichnet eins der trübsten Blätter preußischer Geschichte: hier 
tagte das Kriegsgericht, das über den Kronprinzen Friedrich und 
über seinen Busenfreund Hans Hermann von Katte Recht sprechen 
tollte, und dessen Urteil dann der aufgebrachte König Friedrich 
Wilhelm I. so grausam verschärfte. Heut ist ein Lehrerseminar 
in dem ehrwürdigen Ban untergebracht. 
Köpenick hat für Berlin heut eine unschätzbare Bedeutung: 
es läßt hier seine schmutzige Wäsche waschen. Die vielen 
Wäschereien, die das Städtchen birgt, genießen in der Hauptstadt 
großen Ruf. 
Von Köpenick an beginnt nun jenes eigenartige Uscrbild, in 
dem gewaltige Fabriketablisseinens, wie Spindlersfeld, Rieder- 
Schönweide mit traulichen Wald- und Wicscn-Eckchen und großen, 
für Massenbesuch eingerichteten Sommerlokaleu abwechseln. Da 
ist Sadowa, Hasselwerder, Rener Krug, Tabberts Waldschlößchen, 
dann die beiden der Stadt Berlin gehörenden Eierhäuschen und 
die vielen Lokale in Treptow, Stralau und am Rnmmelsburger 
See. Fast allen ist gemeinsam, daß sie in der Woche sehr schwach 
besucht, an Sonn- und Feiertagen aber überfüllt sind. 
Der Berliner Kleinbürger hat eine gewaltige Vorliebe für diesen 
Teil seiner Spree. Zu Huuderttausenden sucht er sie an seinen 
Rasttagen auf. Unaufhörlich schleppen da die vollbesetzten 
Dampfer ungezählte Menschcnmassen hinaus! die der Spree 
parallel laufenden Bahnen, die Görlitzer und die Schlesische, leisten
        
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