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Periodical volume Sonnabend, 1. September 1900 Nr, 35

Full text: Der Bär Issue 26.1900

Der Bär. 
Illustrierte Wochenschrift. 
„Der Bär" erscheint jährlich 52 nial und ist durcb alle Buchhandlungen, Zeitungsspeditionen und Haftanstalten zu beziehen (Nr. 866 des poftkatalogs) und kostet vierteljährlich 2 M. 50 Pf.* 
jährlich 10 M.» Linzelbeft 20 pf. — Inferkionspreis für die 4 aespaltene Nonpareillezeile oder deren Raum 50 Pf. — Beilagegebühr: 6 M. pro 1000 Stück inklusive Postgebühren. 
— Inserate und Beilagen werden entgegengenommen von der Lrpedition des „Bär". 8VV., Neuenburgerstraße 14 a. sowie von allen Annoncen-Lrpeditionen. — Fernsprecher: IV. Nr. 365l. 
26. ItthrgttNg. Sonnabend, 1. September 1900. Ar. 35. 
Berliner Wandelbilder. 
Marionetten - Theater. 
it dem vor einigen Jahren erfolgten Hinscheiden des 
„Puppenspielers" Julius Linde, der mit seinen 
Mariouetten-Koniödicu nicht nur in gewissen Berliner 
Stadtvierteln sich einen Namen ans den Brettern erworben, sondern 
mit seinem Thespiskarren auch die umliegenden Dörfer und Ort 
schaften beglückte, ist jene alte Bühnenepoche entschwunden, die 
Jene lustigen Ulkabende, die wir älteren Berliner bei den 
Aufführungen selbst klassischer Dramen in bestimmten Bierlokalen 
bei Tabaksrauch und Schinkenstullen verlebt, schweben uns noch 
als heitere Erinnerungen aus der „guten alten" Zeit vor. In 
Berlins Umgebungen, namentlich in Pankow, pflegte der Herr 
Direktor wohl auch in mittelalterlichem Kostüm und hoch zu Rosse, 
Berlin und die Spree: Wekkfahren auf »»Flußpferden" auf der Oberfprer. 
namentlich zur Zeit Wisotzkps und des Tunnelbesitzers Fischer 
in der Königstraße eine hervorragende Rolle gespielt hatte. 
Die Berühmtheit Lindes als eines Spezialkomikers soll ihm 
übers Grab hinaus ungeschmälert verbleiben. Er selbst bezeichnete 
sich in seinen Ankündigungen „achtungsvoll" als „mechanischer 
Künstler und Inhaber des vorzüglichsten ersten Berliner Marionetten- 
nnd Metamorphosen-Antomaten-Theaters, wohnhaft in Berlin, 
Büschingsstraße 7." Und regelmäßig fügte er hinzu: „Weil mein 
Marionetten-Theater so eingerichtet ist, daß es in jedem geräumigen 
Zimmer ohne jede Beschädigung an Decke und Wänden in sehr 
kurzer Zeit aufgestellt werden kann, so bin ich im stände. Privat 
vorstellungen bei Polterabend, Hochzeit, Geburtstag und andern 
Festlichkeiten zu geben, und nehme Bestellungen hierauf an." 
nach einigen kräftigen Trompetenstößen, anzukündigen, daß „mit 
hoher obrigkeitlicher Genehmigung" beispielsweise das große Ritter 
schauspiel „Genofeva von Brabant" und zum Schluß „Kasper im 
Frack" zur Aufführung gelangen werde. Eine merkwürdige Er 
scheinung in jenem Ritterschauspicl bildete die historische Hirschkuh, 
von der die Zuschauer ans dem ersten Dreigroschcnplatz behaupteten, 
daß selbige ein abgerichteter — geschorener Affenpinscher ge 
wesen sei. 
Lindes lebendes Bühnenpersonal bestand ans seiner eigenen 
Person und seiner Gattin) er war zugleich „Strippenzieher" der 
agierenden Puppen, während seine Gattin das weibliche Bühnen 
personal im reinsten Berliner Dialekt vertrat. Der unverwüstliche 
Kaspar spielte beim Publikum die beliebteste Figur; er war ge
        
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