Path:
Periodical volume Sonnabend, 25. August 1900 Nr, 34

Full text: Der Bär Issue 26.1900

561 
Der alte Kapitelsturm Kaiser Karls IV., Kurfürsten. Friedrichs II. 
Schloßkanzlei, die Wirtschaftsgebäude und die Reitbahn »ahmen 
die Franzosen auf. Als märkische Schntzbnrg galt Tangermünde 
längst nicht mehr, und mit dem Einzuge der französischen Kriegs 
gefangenen endet die eigentliche Geschichte der Burg, auf der sich 
bis gegen beit Schluß des Mittelalters ein gutes Stück der alten 
brandenburgischcn Geschichte abgespielt hat. 
Fran; Betz, 
gestorben am 12. August 1900. 
s ie Kunde von dem Tode des Kammersängers Franz Betz hat 
alle musikalischen Kreise der Hauptstadt überrascht und schmerzlich 
berührt. Verband nian doch mit dem Nanien und dem Künstlertum 
dieses Mannes die Vorstellung von ewiger, nnverwelklicher Jugend. 
Franz Betz wurde im Jahre 1835 in Mainz geboren. Nach 
abgeschlossener Gymnasialbildnng besuchte er bis zum Jahre 1855 
die polytechnische Hochschule, wandte sich dann aber der Bühne zu 
und betrat gelegentlich der ersten Aufführung des Lohengrin auf 
der Hofbühne in Hannover als Heerrufer die Bretter, die die Welt 
bedeuten. Der Zufall fügte es, daß in derselben Vorstellung 
Albert Riemann zum erstenmal den Lohengrin sang, als welcher 
er in den folgenden 
drei Jahrzehnten in 
Berlin dem Tellra- 
mnnd-Betz unzäh- 
ligemal entgegen 
treten sollte. 
Im Jahre 1859 
kam Betz, nachdem 
er an kleineren 
Bühnen thätig ge 
wesen, nach Berlin, 
und hat hier als 
ein Zierde der Hof 
oper fast volle 
vierzig Jahre, bis 
1897, gewirkt. Außer 
Wachtel und Sont 
heim wissen wir 
kaum einen zu 
nennen, der, wie 
unser Betz, so lange 
mit immer gleichem, 
ja steigendem Erfolg 
dem Beruf eines 
Bühnenfängers an 
gehört hätte. 
Der ausgezeich 
nete Barytonist hat 
die Glanzzeit unserer 
Hofoper in den sech 
ziger und siebziger 
Jahren gesehen, die 
Künstlerinnen wie die Mallinger, Brandt, Lucca und Künstler 
wie Niemann, Frickc, Krolop und ihn selbst zu einem einzig groß 
artigen Ensemble vereinigtet er hat den Niedergang der Oper in 
den achtziger Jahren erlebt und zeugte allein als Säule von 
verschwundener Pracht. Er stand und behauptete sich in erster 
Reihe, als zu Ende der achtziger Jahre eine neue Glanzzeit unter 
der Leitung des Grafen Hochberg anbrach, . 
Mit dem Pfunde, das ihm die Natur verliehen, eine Baryton 
stimme von phänomenaler Schönheit, Weichheit und Fülle, hat er 
redlich in künstlerischem Sinn gewuchert. Dieses von dem Sänger 
stets sorgfältig gehütete und gepflegte Kleinod diente ihm willig 
zur Verwirklichung seiner vornehmen künstlerischen Intentionen. 
Für ihn gab es' keinen Komponisten, keinen Stil, dem er nicht 
hätte gerecht werden können. Er war ein ebenso vorzüglicher 
Mozort- und Meyerbeersänger, wie Verdi- und. Wagnerinterpret; 
er war in der deutschen Spieloper so gut zu Hause wie in der 
französischen. Auch kannte er keinen Unterschied zwischen hohen 
und tiefen Barytvnrollen; ihm stand das tiefe Register für den 
fliegenden Holländer und Wotan ebenso klangreich zu Gebot, wie 
das höchste für den Heiling und Tellramund. 
Leider war der Künstler durch seine Kurzsichtigkeit in der 
freien Bewegung auf der Bühne behindert und blieb in Rollen 
heroischen Charakters bezüglich der Darstellung hinter manchem 
feiner' engeren Fachkollegen zurück, wußte dieses Manko aber stets 
durch seinen harmonisch abgetönten und formvollendeten Gesang 
auszugleichen. 
Unübertreffliches aber bot Betz in der Verkörperung einfach 
bürgerlicher Gestalten, zumal, wenn solche seitens des Darstellers 
eine starke Dosis gemütvollen Humors erfordern. Mit seiner 
Wiedergabe des Plumket (Martha) des Flnth (Lustige Weiber) 
und vor allen Dingen des Hans Sachs (Meistersinger) hat er sich 
selbst mit ehernem Griffel in die Tafeln der Musikgeschichte ein 
getragen. 
Das scharf blickende Auge Richard Wagners erkannte in Betz 
schon frühzeitig den geeignetsten Interpreten seines Sachs und 
Wotan. Als Sachs hat Betz 1868 an der Erstaufführung der 
Meistersinger in München teilgenommen, als Göttcrvater wirkte er 
1876 bei der ersten Aufführung der Nibelungen in Bayreuth mit. 
Daneben hat Betz auch als Lieder- und Oratoricnsänger 
häufig Gelegenheit gehabt, seine künstlerische Intelligenz, seine 
musikalische Zuverlässigkeit z» beweisen; mancher Ausführung der 
Berliner Singakademie verlieh er durch seine Mitwirkung erhöhten 
Glanz. 
Zahlreiche Gastspiele führten den Sänger an die meisten 
größeren Bühnen Deutschlands. München begehrte bei Veranstal 
tungen von Musterausführungen Wagnerscher Werke wiederholt 
seine Mitwirkung. 
Aber nicht nur großen, dankbaren Aufgaben widmete er seine 
Kraft, er verschmähte es nicht, zuweilen als Sprecher in der 
Zauberflöte oder als Eremit im Freischütz, also in kleinen Rollen, 
die jeder Anfänger zu bewältigen imstande ist, den Ernst seiner 
künstlerischen Gesinnung zu bethätigen. 
Ebenso war er auch trotz allen Ruhmes, aller Verehrung 
seitens des Publikums, aller Auszeichnungen, die ihm von gekrönten 
Häuptern zu teil wurde, im Privatleben ein bescheidener, liebens 
würdiger Mensch geblieben, der es nicht liebte, die Oeffentlichkeit 
mit seiner Person mehr zu beschäftigen, als es durch seinen Beruf 
unbedingt geboten war. 
Run ist der sangeskundige Mund für immer verstummt, seine 
Verehrer, Freunde und die Musikgeschichte werden sein Andenken 
in Ehren halten. Max Kadisch. 
Kunst und Wissenschaft. 
a n Eduard Schuttes Kunstsalon (Unter den Linden 1) ist 
der nunmehr in modernem Sinne geschmackvoll umgestaltete 
sogenannte elektrische Saal wieder geöffnet worden und zwar mit 
der Ausstellung des Max Klingerschen Zyklus „Wandschmuck für 
eine Villa", vierzehn figürliche und landschaftliche Vorwürfe, die 
bekanntlich wegen ihres großen farbigen Reizes zu den besten 
Arbeiten des Meisters gehören, und ferner einer Kollektion des 
talentvollen Brachtschülers Günther-Meltzer, ernste, großzügige Land 
schaften voll Stimmung und Wirkung. — Auch hat die Kollektion 
von A. H. Schramm, die sich allgemeinen Beifalls erfreut, in den 
letzten Tagen noch eine wesentliche Bereicherung erfahren. 
f mt den Hofknnstverlcgern G. Heuer & Kirmse in Berlin >V., 
Frobenstraße 17, ist der Dackel von I. von Holst, der unter 
dem Titel: „Auf verbotenem Gebiet" in der schwedischen Abteilung 
der großen Kunstausstellung das Publikum fesselt, in Kupferätzung 
lPhotvgravure) herausgegeben. Das Bild erschien in Kabinet- 
format und auch als Künstlerpostkarte. 
Berliner Ctzronik. 
Am 13. August starb in Kassel im 42. Lebensjahre der Bühnen 
dichter Karl Laufs, dessen Schwänke „Ein toller Einfall" und „Pen 
sion Schüller" vielfach über Berliner Bühnen gegangen sind. 
Professor Hermann Grimm gedenkt zum April nächsten Jahres 
von seinem Lehrstuhl zurücktreten. 
Der Gesanglehrer Paul Schöpf ist zum Professor ernannt 
worden. 
Dem verstorbenen Litterarhistoriker Wilhelm Scherer ist in der 
Aula der Universität eine Marmorbüste errichtet worden. Sie ist ein 
Werk des Bildhauers Karl Scsincr in Leipzig. 
Kleine Mitteilungen. 
Vor dom Zusammenstoß der Erde mit einem Kometen 
fürchtete inan sich schon einmal vor nicht allzu langer Zcit,am 13. Juni 1857. 
Nun flog am 8. Juni, abends gegen 7 Uhr in Berlin das an der 
Kirschallec gelegene Laboratorium des Feuerwerkers Doberinont in die 
Luft. Die Explosion tötete den Feuerwerker, einen seiner Arbeiter, eine 
in einem benachbarten Garten beschäftigte Frau und den ebendort zum 
Besuche sich aufhaltende» Thcaterarbciter Holz. Schwer verwundet 
wurde Dobermonts Tochter. Einen in einem Nachbarhause liegenden 
Schwerkranken hob die Explosi» mitsamt seinem Bett in die Luft 
und schmetterte ihn als Leiche auf die Erde. An der Hinterfront der 
benachbarten, aber vom Laberatorium durch einen größeren Zwischen 
raum getrennten Kasernen zersprangen alle Fensterscheiben. Damals 
lebte in Berlin ein reicher Fabrikant (nach andern Angaben ein Klempner- 
meister), der fest an den baldigen Untergang der Welt glaubte und ganz 
tiefsinnig vor Besorgnis geworden war, was mit seinem Gelde werde» 
sollte. Als am 8. Juni die Explosion des Dobermontschen Laboratoriums 
in ganz Berlin hörbar war, glaubte der Unglückselige, die Zeit des 
allgemeinen Chaos sei gekommen, ergriff ein Beil und schlug damit 
Frani Setz 4-
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.