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Periodical volume Sonnabend, 25. August 1900 Nr, 34

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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Berlin und die Spree. 
j er Berliner und die Spree, die 
Spree und Berlin, das sind 
so untrennbare Begriffe, daß einer 
ohne den anderen unmöglich ist. 
Man kann der Spree nicht gerade 
Größe, Stolz oder Macht nachsagen' 
schlicht und still, ohne viel Aufsehen 
zu machen, zieht sie ihre Bahn; aber 
wendeten Ziegelstein schleppt die Spree der Stadt zu; er kommt 
jedoch über Spandau den Fluß herauf und entstammt meist de» 
vielen Ziegeleien der Havelniederungen. So kann man wohl sagen, 
der größte Teil Berlins sei ans der Spree herangefahren worden. 
Aber auch von der heiteren Seite zeigt uns das weite Müggcl- 
seebecken den Berliner. Eine stattliche Anzahl von zum großen 
Teil sogar wirklich seetüchtigen Lustjachten tummelt sich auf seinen 
blinkenden Wellen. Wer hier einmal eine der sehr ernsten Segel- 
es steckt märkische Tüchtigkeit in ihr, - regatten mit angesehen hat, dem ist sicher klar geworden, was für 
>mh 'JWTin tnrirp nirfil her Wiese eilt rifriner. aber mich tülbtiaer WaNerivortsmanu der Berliner ist. 
- und Berlin wäre nicht der Riese 
— , geworden ohne die ruhige, gleich- 
mäßige, aber so gewaltige Arbeit, 
- die ihm sein Flüßlein geleistet hat 
und ihm unermüdlich weiter leistet. 
Die Wenden, die einst ihre paar 
I» H V Hütten, den Flecken Kolne — Köln, 
an das Spreenfer setzten, wußten 
nichts mit dem dienstwilligen Wasser anzufangen, als ihm die Fische 
zu nehmen. Bald aber wurde es anders; der Schulze Marsilius 
gründete Berlin, die niedersächsische „Koopmanstadt an dem Berge 
zu St. Nicolai". 
Mit klugem Blick 
hatte er den 
Platz für die An 
siedelung zwi 
schen den Kirch- 
hügel und die 
große Flußaus- 
buchtung gelegt, 
so daß all die 
Kaufmanns 
güter zu Wasser 
bisandieHinter- 
seite der Häuser 
des Alten Mark 
tes, des jetzigen 
Molkenmarktes, 
gelangen konn 
ten. Bald führte 
man einen brei 
ten Graben den 
Lauf der heu 
tigen Straße am 
Krögel entlang 
bis an de» 
Markt selbst. Die 
Wasserstraße 
war eben die 
Lebensader für 
allen Verkehr. 
Sie ist's zum 
größten Teil ge 
blieben. Denn 
heute selbst, wo die Schienenwege nach allen Seiten hinaus 
in die Welt laufen, wo unermeßliche Warenmasse» auf ihnen 
herein und hinaus geschleppt werden, steht die Spree ihren Mann, 
und wenn nian erfährt, wieviel Hunderttauscnde von Tonnen sie 
jährlich an Waren auf ihrem Rücken trägt, muß man staunen, 
was dieser winzige Fluß leistet. Wie klein die Spree ist, sah ich 
einmal überraschend, als ich im Laufe dreier Tage die Donau bei 
Pest und die Spree in Berlin vergleiche» konnte. Sie erscheint 
einem da beinahe wie ein winziges Kanälchen, das sich durch die 
Stadt schlängelt. Aber wenn man einmal ihren Lauf verfolgt, 
soweit auch nur die nächsten Beziehungen zu Berlin reichen, wird 
einem überzeugend klar, wie sie geradezu der Lebensnerv für die 
Stadt ist — in Arbeit und Erholung. Aber man fragt sich auch 
stauneud, wie kam es, daß Städte, die eine viel günstigere Fluß 
lage und dieselbe zentrale Lage in Deutschland haben — Magde 
burg etwa oder Frankfurt a. O. — von Berlin so überflügelt 
werden konnten? — 
Der weitest stromauf gelegene Punkt, der in inniger Beziehung 
zu Berlin steht, ist die Stelle, wo sich die Spree zu dem mächtigen 
Becken des Müggelsees erweitert. Denn erstens wird hier das 
Wasser geschöpft und in den weiten Klär- und Reinigungsbassins 
filtriert, das den ganzen nördlichen und nordöstlichen Teil der 
Stadt durch die Wasserleitung speist, dann aber hat man hier gute 
Gelegenheit, die gewaltige Flotte von mächtigen Lastkähnen unauf 
hörlich vorbeigleiten zu sehen, die nichts weiter schafft als Sand 
und Kalksteine. Aus diesen Sand und Kalksteinen, die hier ganz 
in der Nähe, in Rüdersdorf und in den Müggelbergen, ihren Ur 
sprung haben, ist aber der ganze mächtige Steinblock Berlin, soweit 
er aus Mörtel besteht, aufgebaut. Auch den zu allermeist ver 
ein eifriger, aber auch tüchtiger Wassersportsmann der Berliner ist. 
Ein eigener Ton herrscht unter den Oberspreescglern, ein eigener 
Komment. Und auch Kasteuunterschiede werden gemacht; der 
Sonntagssegler, der sein Boot hauptsächlich zu seinem und seiner 
Familie Vergnügen hat, und dem Bequemlichkeiten mehr als 
„Segeleinheiten" gelten, wird von dem Regattasegler absolut nicht 
für voll genommen; der setzt seinen Stolz darein, Rennpreise zu ge 
winnen, und nur diesem Zweck dient die gediegene, tadellose Aus 
rüstung seines Boots. Die Oberspreejachten haben schon Preise 
von den Swinemünder Seeregatten und von der Kieler Föhrdc 
heimgeholt. Man darf übrigens gar nicht das Maß von Wohl 
habenheit unter 
schätzen, das der 
Besitz eines sol 
chen Bootes vor 
aussetzt. Schon 
die verfügbare 
Zeit, die es von 
seinem Besitzer 
verlangt, ist recht 
bedeutend; aber 
auch für die dau 
ernde Instand 
haltung eines 
Bootes mittlerer 
Größe gehen 500 
bis 600 Mark 
jährlich mitLeich- 
tigkeit darauf, 
und Boote, die 
einen Eigenwert 
von vielen Tau 
senden darstellen, 
sind absolut keine 
Seltenheit auf 
der Oberspree. 
Der geschwo 
rene Feind des 
Seglers ist der 
Lastschiffer, der 
„Gottlieb", der 
auf seiner „Zille" 
ja gewiß oft Gift 
sammelt, wenn 
er sein schweres Gewerbe treibt, bei brütender Sonne den riesigen 
Lastkahn Schritt für Schritt vorwärts „stakend", und dann den 
Segler faul und bequem 
auf molligen Kissen in 
seinem eleganten Fahr- 
eug liegen sieht, lind 
o thut er seinem 
„Seglerfrennde" jeden 
nur erdenkbaren Scha 
bernack an; da hindert 
ihn eben immer schon 
sein Anblick. 
Aber auch „der 
nere Bruder" des 
großen Segelsports, der 
Rudersport, hat auf 
der Oberspree einen 
Umfang angenommen, 
der kaum erkennen 
läßt, daß sein Alter 
bei uns erst dreißig 
Jahre zählt. Eine 
ganze Anzahl hoch 
eleganter Klubhäuser 
mit praktischen Boots 
und komfortablen Ge- 
sellschaftsräninen, den 
wohlhabenderen Klubs 
gehörend, zieren mit 
Sn der Iannoiinh-Sriicke.
        
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