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Periodical volume Sonnabend, 18. August 1900 Nr, 33

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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Verhältnis abzustreifen, obwohl er selbst einsah, dast dieses aufreibende 
Sinnen und Grübeln für ihn verderblich war, und so beschleunigte 
diese Liebe zu Sophie nur die Katastrophe. J»i Juli 1844 zeigte sich 
in Frankfurt a. M. der erste Ansbruch des in Lenau schlummernden 
Wahnsinns, die Anfälle wiederholten sich ini Sommer desselben Jahres, 
und im Oktober begann der Acrniste zu toben und mußte in die Heil 
anstalt zu Winnenthal bei Stuttgart gebracht werden. Anfangs hatte 
er noch einige lichte Augenblicke, wo er mit den Freunden verkehrte, 
aber sein Zustand verschlimmerte sich mehr und mehr, und 1847 war die 
Aussicht auf Besserung völlig ausgeschlossen. Mau versuchte cs mit 
einer Luftveränderung und brachte den Kranken in die Irrenanstalt nach 
Döbling bei Wien, doch vergebens, die geistige Umnachtung hielt den 
unglücklichen Dichter bis an seinen Tod umfangen. 
vr. Gustav Albrecht. 
Li-Hung-TIchmig. 
IKenn auch Reuters Telegraphenbureau die Nachricht vom Selbstmord 
SM Li-Hung-Tschangs zu voreilig verbreitet hat, so mag doch die 
politische Lage Chinas dem alten erfahrenen Staatsmann verzweisclt 
genug dünken, um das Gerücht des Selbstmords erklärlich erscheinen 
zu lassen. Wiederholt ist während der letzten Wochen an Li-Hung- 
Li-Hung-Tschang. 
Tschang der Ruf der Machthaber in Peking ergangen, wo man die 
Klugheit des gewandten greisen Diplomaten benutze» möchte, um die 
geschlossenen Reihen der verbündeten Mächte zu sprengen und selbst im 
Fall der Niederlage einen Unterhändler zur Verfügung zu habe», der 
bei den fremden „Barbaren" »och einen Rest von Vertrauen besitzt. 
Li-Hung-Tschang hat auch bereits im Beginn seiner Ueberlandrcise 
von Kanton, wo er als Vizekönig waltet, nach Peking unterwegs den 
Versuch unternommen, mit den Konsuln in Schanghai in Unterhandlung 
zu treten. Diese lehnten es aber einmütig ab, mit dem verschlagenen 
Ostasiaten zu verhandeln, solange nicht durch Handschreiben oder von 
Peking eintreffende Europäer der vollständige Beweis erbracht sei, daß 
sich die Gesandschaften und die Fremdenkolouie in der chinesischen Haupt 
stadt voller Sicherheit erfreuten. 
Rn» wünschte der Vizeküniq von Kanton wenigstens das Zu 
geständnis zu erhalten, daß die Truppen der vereinigten Mächte dann 
zurückgezogen würden, wenn der Pekinger Regierung die Sicherung der 
Gesandten gelänge' doch ließ er sich zn der Aeußerung hinreißen, daß 
iin Weigerungsfall die Verantwortlichkeit für einen etwa erfolgenden 
Ausbruch des Fremdenhasses den Mächten zufallen würde. Die Konsuln 
in Schanghai, von vornherein gegen Li-Hung-Tschang argwöhnisch, 
ließen den verdächtigen Unterhändler ans Schritt und Tritt von einer 
europäischen Polizeieskorte beobachten. Schließlich erklärte der Vizekönig 
verdrossen, wenn ihn die Mächte nicht unterstützen und nicht mit ihm 
unterhandeln wollten, müsse er darauf verzichten, die drohende Krisis 
zu beschwöre». 
Li-Hung-Tschang steht im 80. Lebensjahre: er ist am 14. Fe 
bruar 1821 in der Provinz Rganhwei geboren. Im Jahre 1853 hat 
er tapfer gegen die Taiping in seiner Heimat gefochten' 1861 wurde 
er oberster Richter der Provinz Tschekiang, 1864 Oberstatthaltcr der 
beiden Kiang, 1870 Oberbefehlshaber in Petschili und zugleich Handels- 
superinlendent der drei Häfen Tientsin, Tschifu und Riutschwang. Er 
befehligte 1883 und 1884 die Truppen in de» an Tonkin grenzenden 
Provinzen. Am 17. April 1895 schloß er mit Japan den für China 
ungünstigen Friedcnsvcrtrng von Schimvnoseki und wurde ini August 
desselben Jahres als leitender Minister »ach Peking berufen. Nach der 
Heimkehr von seiner Europa- und Amcrikareise, die ihm im Ausland 
überschwengliche Ehrenbezeigungen gebracht hatte, wurde er in das Tsung- 
li-Aamen berufen, aber im August 1898 zu Beginn der in Peking aus 
brechenden Reaktion aus seinen wichtigsten Aemtern entfernt. 
Berliner Chronik. 
Am 7. August starb im 74. Lebensjahre Wilhelm Liebknecht, 
der Führer der sozialdemokratischen Partei und Chef-Redakteur des 
„Vorwärts". 
Am 7. August feierte vr. Adolf Bastian, der Direktor des 
Museums für Völkerkunde, sein 50 jähriges Jnbiläum als vr. rnsck. 
Er wurde anläßlich dieser Feier durch den roten Adlerorden zweiter 
Klasse mit Eichenlaub ausgezeichnet. 
Am 9. August starb vr. Moritz Gnmbinncr, einer der Senioren 
der Berliner Presse. Er war der Leiter des stenographischen Bureaus 
der „Kölnischen Zeitung" und gehörte zu den Gründern des „Vereins 
Berliner Presse." 
Am 10. August feierte der Geheime Medizinalrat Professor 
vr. Albert Eulenburg, der bekannte Nervenarzt, den 60. Geburtstag. 
Der Privatdozent der romanische» Philosophie vr. Oskar Schultz- 
Gera bei der Berliner Universität ist zum außerordentlichen Prosessor 
befördert worden. 
Kleine Mitteilungen. 
Friedrich der Grotze und die Fische. Als der Berliner 
Naturforscher Marcus Elieser Bloch (1723—1799) eine Naturgeschichte 
der Fische herausgeben wollte, wandte er sich am 25. März 1781 an 
Friedrich den Großen, damit dieser die preußischen Domänenkammeru 
veranlasse, ihm Listen von allen in den preußischen Staaten existircnden 
Fischen einzusenden. Der König ließ am 27. „Martz" aus Potsdam 
(Sanssouci) folgende Antwort ergehen: „Seiner Königlichen Majestät 
von Preußen, Unser allergnädigster Herrr, lassen den Doktor Bloch aus 
seine Unterthänigste Anzeige vom 25. dieses, und in Ansehung des 
darin gethanen Antrages, hierdurch zu erkennen geben, daß es nicht 
nöthig ist, von denen Cammcrn eine Liste von den Fischen zu er 
fordern, denn das wissen sie schon aller Weges, was es hier im Lande 
vor Fische giebet, das sind auch durchgchcnds dieselbe Arthcn von 
Fischen, ausgenommen ini Glatzischen, da ist eine Art, die man Rauten 
nennet, oder wie sie sonst heißen, die halt man weiter nicht, sonsten 
aber sind hier durchgchcnds einerley Fische, die man iveiß und kennet: 
Und dannen ein Buch davon zu machen, würde unnöthig seyn, denn 
kein Mensch wird solches kauffen: die zugleich mit eingereichte Kupser- 
Abdruckc, von einigen Fischen, erfolgen hierbei wieder zurück." Friedrich 
der Große aß gern Fische: in dc. beanstandeten Küchenrechnung vom 
9. November 1784 kommt vor „Hering und Erbssen kan 1 Thlr. kosten." 
Und als er in Ostfriesland war, schrieb er am 17. Juni 1751 von 
Siegeii aus an den Kammerpräsidcuteu Lcntz in Änlich: „Wenn 
Ich wieder »ach Ostfriesland komme, Mus Ich wider von den schönen 
Emder Secsischen haben." 
Der erlle Kanal der Mark Brandenburg wurde auf An 
regung einer Frau angelegt. Tie erste Gemahlin des Großen Kurfürsten, 
Luise Henriette, eine geborene Prinzessin von Oranie», kannte diese be 
queme Art der Wasserverbindung von ihrer Heimat Holland her. Nun 
hatte sie bemerkt, wie schwer die Schiffsladungen von Frankfurt an der 
Oder nach Berlin und dessen Umgebung zu schaffen seien. Die Waren 
mußten in Frankfurt auf Wagen geladen, bis Fürstenwalde gefahren 
(fünf Meilen weit in sandigem Boden) und dann wieder auf Spree 
kähne geladen werden. Der Kurfürstin Luise Henriette ist es zu danken, 
daß in den Jahren 1662—1668 der Kurfürst dem Italiener Chiese befahl, 
von Briesekow bis Neubrück zwischen Oder und Spree einen 50 Fuß 
breiten und 6 Fuß tiefen Kanal anzulegen. Der Kanal ist 8 Meilen lang 
und hat 10 Schleusen und ein Gefälle von 65 Fuß. Oft waren Hügel 
von 60 Fuß Höhe zu durchstechen. Der Kanal heißt der Friedrich- 
Wilhelmsgraben oder der Müllroser Kanal. Zu Anfang dieses Baues 
herrschte in Brandenburg eine große Teuerung: so kamen viele Arbeits 
leute zu Brot. 
Vor 200 Jahren wurde in Berlin einer der Paladine Friedrichs 
des Großen, Friedrich Wilhelm Ouirin von Foccadc de Biaix, als Sohn 
des Generalleutnants Jean Ouirin de Foccade de Maix geboren. Mit 
14 Jahren trat er in die preußische Armee, wurde bald Fähnrich, im 
Januar 1716 Sekond-, im Mai 1719 Preinierleutnant, 1732 Major. 
1740 Obrstlcutnant und im Mai 1743 Oberst. Im letzten Jahre erhielt 
er die Amtshauptmannschaft Zinna. Bei Soor wurde er i» den rechten 
Unterschenkel geschossen und blieb für tot auf dem Wahlplatz liegen, nach 
dem er nach des Königs eigenem Geständnisse das meiste zum Siege 
beigetragen hatte. Dafür überhäufte ihn der König mit Gnaden, dem 
pour ls inüi'its, einen: Gehalte von 600 Thalern und einer Domherrn- 
stclle in Havelbcrg. Von jener Verwundung war eine Schwäche des 
Fußes zurückgeblieben. Sobald Friedrich bei einer Cour im Berliner 
Schlosse inerkle, daß Foccade sich wegen des ungewohnten langen 
Stehens in eine Fensternische lehnte, da brachte er „dem so braven und 
würdigen Manne" eigenhändig einen Stuhl. Im Dezember 1747 stieg 
Foccadc zun: Generalmajor empor, im Juli 1748 erhielt er das Regiment, 
dessen Chef schon sein Vater gewesen war. Nachdem er am 5. Dezember 1757 
Breslau zurückerobert hatte, schrieb ihm Friedrich der Große: „Mein 
lieber General-Leutnant v. Foccade. Ich weiß, daß Er bei dieser Be 
lagerung viel ausgestanden bat, und es ist ein Glück für Ihn, daß wir 
bald Herren der Stadt geworden sind, iveil Er sonst, ohne daß ich Ihm
        
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