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Periodical volume Sonnabend, 18. August 1900 Nr, 33

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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Jahren Rußland und Deutschland und auch die Balkan 
staaten unsicher gemacht hat. Es handelt sich um vier, all- 
saint aus den Ostsccprovinzen staniiiicndc Personen mit Namen 
August Hederich, Ivan Teschkosf, Lina Krause und Amalie 
Bulke. Die Streiche, die dieses vierblättrige Kleeblatt im 
Laufe der letzten zehn Jahre verübt hat, würde einem Go- 
boriau interessanten Stofs zu eineni Kriminalroman gegeben 
haben. Die Bulke war die Tochter erster Ehe der Lina 
Eisriisclj und die Wartburg: Johannisthal. 
(Photographische Aufnahme des Herrn Geheimsekretärs Richard Köhler in Berlin.) 
Krause, ein bildhübsches Mädchen, das im Hause eines esth- 
ländischen Edelmannes, eines Barons Holm, aufgewachsen 
und erzogen worden ivar und sich als Spielgefährtin der 
jungen Baronesse von Holm einen Firniß von Bildung an 
geeignet hatte, den sie in ihrem späteren verbrecherischen 
Leben geschickt zu vcrivertcn verstand. Wie es scheint, hat 
ihre Mutter selbst sie auf die abschüssige Bahn geleitet. Diese 
Frau ivar die Tochter eines kleinen Kaufmanns aus Reval, 
wurde später Schauspielerin und fiel dann in die Hände eines 
gewissenlosen Hochstaplers, des oben genannten Hederich, 
eines ehemaligen Kellners, der mit erstaunlicher Geivandtheit 
als aristokratischer Lebemann vorn reinsten Blute aufzutreten 
wußte. Während die Krause sich bei den Operationen der 
verbrecherischen Gesellschaft gewöhnlich ini Hintergründe zu 
halten pflegte und nur die „Ausbaldowerung" der Geschäfte 
besorgte, spielte der Vierte im Bunde, der junge Teschkosf, 
ein Bursche von eigentümlich melancholischer Schönheit und 
gewaltiger Körperkraft, die Rolle des Kämpfers in allen 
jenen Fällen, in denen die Diebe bei ihrer Arbeit überrascht 
wurden. Er ivar ein vorzüglicher Boxer und nahm es nüt 
einer ganzen Anzahl von Polizisten aus, wenn es galt, seinen 
Gefährten zur Flucht zu verhelfen. Der letzte große Koup 
jener Bande war ein Einbruch bei einem Münchener Banquier 
vor etwa vier Jahren geivesen. Dann hatten sich Hederich, 
Teschkosf und Bulke als Herr und Fräulein von Holm und 
deren Diener einige Zeit in Kissingen aufgehalten, daselbst 
einen Teil der gestohlenen Banknoten umgesetzt und auch bei 
einem Juivclicr verschiedene Betrügereien verübt und waren 
schließlich nach London geflüchtet, wo sie mit der Lina Krause 
wieder zusammentrafen. Von London ging es nach Bukarest, 
Sofia, Rom, Wien, Warschau und Petersburg, und überall 
hinterließen sie Spuren ihrer Thätigkeit. Nun sind sie endlich 
bei Gelegenheit eines großen Betrugs, den die Bulke gegen 
den Fürsten I., Gcneraladjutanteu des Zars, in Szene zu 
setzen versuchte, gefaßt und dingfest gemacht worden. Merk- 
würdigeriveise bringt man gerade der Bulkc in den Kreisen 
der Petersburger Lebcwelt viel Sympathien entgegen; man 
sagt, sie sei ein merkwürdig anziehendes Geschöpf von eigen 
artigem Liebreiz und bedauert, daß sie so schmählich zu 
Grunde gehen muß." . . . 
Herr von Kellcs legte die Zeitung fort, trank seine Tasse 
leer und nickte. 
„Ja," sagte er langsam, „sic hatte so etwas — so et 
was . . . Sie konnte einem schon den Kopf verdrehen, 
diese Sascha von Holm . . . Aber daß sie eigentlich Amalie 
Bulkc hieß, ist mir das Schmerzlichste gewesen. Heut kann 
ich ja ruhig darüber sprechen, Trude. Ich finde diesen 
Namen zu ordinär." 
Frau Gertrud zuckte mit den Achseln und lachte. 
„Naine ist Schall und Rauch, lieber Egon. Ich hätte 
der Person ein besseres Ende gewünscht. Nun ja — ich bin 
ihr sozusagen dankbar. Sie war's, die die Entscheidung herbei 
geführt hat. Ohne sie hättest Du Dich vielleicht noch länger 
besonnen. Also Du und ich — wir können ihr schon ver 
geben!" — 
Ende.
        
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