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Periodical volume Sonnabend, 18. August 1900 Nr, 33

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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Aussicht bietet, grüßt 
ein kollossales M. und 
zeigt damit den Namen 
des Thals an. In 
dem Mühlthale am 
Eingang speiste der 
Sage nach die heilige 
Elisabeth Arme bei 
einer Hungersnot, wo 
bei sich die Ueber- 
raschung durch ihren 
Gemahl und die Ver 
wandlung der Lebens 
rnittel in Rosen ab 
gespielt haben soll. 
In einem Felsschroffen 
nahebei haust eine ver 
wünschte Jungfrau, die 
erlöst werden kann, 
wenn jemand bei ihrem 
Riesen zwölfmal hinter 
einander ihr zur Ge 
nesung wünscht. Dieser 
eigenartige Liebes 
zauber scheint noch nicht 
geglückt zu sein, den» 
von einer Erlösung 
verlautet nichts. 
Eine ernstere Stätte 
ist es, an die den 
Weiterwandernden eine 
Tafel mahnt. Am 
14. August 1859 wurde 
hier der National 
verein begründet, be 
kanntlich einer der 
wichtigsten Hebel und 
Stützen der endlich 
wiedererlangten Einheit 
unseres Volkes. Unweit 
liegt der rourautische 
Elsabethbrunneu, 
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Eiserrarh: Die Drarhensrhlurht. 
(Photographische Aufnahme des Herrn Geheimfekretärs Richard Köhler in Berlin.) 
den unser Bild zeigt 
und die Säiigerbank 
am Wege, der zur enge» 
Landgrafeiischlucht und 
dem Dracheiisteiu leitet. 
Den Glanzpunkt die 
ser genußreiche» Wan 
derung aber bietet das 
Annathal, über dessen 
Eingang ein A. an 
gebracht ist. Prächtige 
Buchen und Nadel 
hölzer säumen den engen 
kühlen, durch schroffe 
Felsen sich windenden 
Weg, der in der feuchten 
Drachenschlucht sei 
nen schönsten nicht zu 
überbietenden Höhe 
punkt der Romantik 
erreicht. Wer nun noch 
auf die hohe Sonne 
und von da auf den 
Reiinstieg steigt, der sich 
über den ganzen Thü 
ringer Wald hinzieht, 
nach dem idyllischen 
Wilhelmsthal oder wei 
ter nach Ruhla, der 
Heimat der Pfeifen- 
oeschläge und einer 
Reihe anderer Fabri 
kationszweige, oder auch 
noch auf anderen Wegen 
weiterzieht in das lieb 
liche Land hinein — 
dem wird später immer 
Erinnerung das Bild 
einer geiinßreichenWaii- 
deruiig wieder vor 
Augen führen. 
Rudolf Grätzer. 
Die Entwicklung des neueren deutschen Romans. 
IV. Drr humoristische Roman. 
^^^aS ein wenig dünne und seichte Flüßchen neueren deutschen 
Humors ist englischen Ursprungs. Nach England weisen 
vereinzelte tüchtige Ansätze des 18. Jahrhunderts, wie des Jtzehoer 
Buchhändlers Müller vortrefflicher Roman „Siegfried von Linden 
berg"! von England kam aber auch die Hippokrene, die den Pegasus 
des Großmeisters deutschen Humors, Jean Paul Friedrich Richter, 
tränkte. Jean Paul ist undenkbar ohne die englischen Humoristen, 
besonders Sterne. Bon diesem hat er die auf tausend Ab 
schweifungen und Einschachtelungen beruhende Technik, die des 
Lesers Aufmerksamkeit aufs höchste anspannt, in dem sie sie scheinbar 
zerstreut, von ihm jene Sentimentalität, jene empfindsame Auf 
fassung des Lebens, wie sie durch Zjorcks Reise schon früh »ach 
Deutschland gekommen war. Jean Paul ist einer der wichtigsten 
Vermittler zwischen englischer und deutscher Romantik. Trotz seiner 
Unermüdlichkeit, abzuschweifen und einzuflicken, auf die er sich in 
späteren Werke» sogar etwas zu gute thut, ist Jean Paul be 
trächtlich konziser als etwa Sterne im „Tristram Shandy". Er 
vermeidet es, den dünnen Faden der Handlung ganz zu zerreißen, 
wie dies Sterne, scheinbar wenigstens, gern thut. Aber freilich, 
auch Jean Paul stellt die strengsten Anforderungen an die Auf 
nahmefähigkeit seiner Leser, ja er gefällt sich darin, sie auf jede 
denkbare Weise zu verwirre». Schon in der Forint bald ist es 
ein Gewährsmann, der eine Hundepost eigens organisiert hat, um 
dem Dichter die Errätst»»« korbweise zukommen zu lassen, bald 
tritt der Roman in Gestalt von Blumen-, Frucht- und Dornstücken 
auf, bald wird er in Jubelperiodeii und Zyklen, bald in Zettel 
kasten, in Sektoren serviert. Und wie unerschöpflich ist der Ver 
fasser, durch Extcablättchen und Einlagen aller Art, durch Ver 
sicherungen, daß nunmehr Stoekungen zu erwarten seien, durch 
Vertröstung auf die Zukunft und Beziehung auf die Vergangenheit, 
durch Verflechtung mit der eigenen Person und den eigenen Werken, 
durch Reflexionen, Satiren und Epigramme, die mitunter den vor 
züglichsten Wert des Buches ausmachen, den Leser in Atem zu 
halten! Wie liebt er es, ein und dieselbe Person unter mehreren 
Namen und Bezeichnungen sVietor, Sebastian, Horion, der junge 
Lord, der Doktor, der Hofmedicus in „Hesperus") auftreten zu 
lassen! Welch sprachlicher Prunk, welche Fülle von Bildern und 
Dergleichen ans allen Zweigen menschlichen Lebens und Denkens 
stürmt auf den Leser ein, welcher Menge des verschiedenartigsten 
Stoffes muß er sprungweise seine Aufmerksamkeit zuwenden, 
wie muß er stets bereit sein, dem Verfasser, der ihn in die 
fremden Zonen entführt hat, wieder zur eigentlichen Handlung 
zurückznfolgen. „Es ist wahrlich ein Jammer," lacht der Dichter 
selbst gelegentlich, „seit ich und das Publikum im fürstlichen 
Zimmer sind, folgt eine Ausschweifung nach der andern — 
ich meine Sternische" oder er sagt mit einem schelmischen Seiten 
blick ans seine Rezensenten: „Ich wünschte, ich schweifte gelegentlich 
ein wenig aus, aber es fehlt mir an Mut." Freilich befinden
        
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