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Periodical volume Sonnabend, 18. August 1900 Nr, 33

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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Städte- und Landschastslnlder. 
Eisenach und die Warlburg. 
'»^verschieden wie die deutschen Gaue, wie die Art ihrer Be- 
N / wohuer, ist auch der Charakter der Gebirge. Ein jedes 
» stellt ein Individuum für sich vor. Sucht man nach einer 
kurzen treffenden Charakteristik für das Waldidyll im Herzen 
Deutschlands, für den Thüringer Wald, so kann man ihn 
nur als lieblich bezeichnen. Fast gänzlich fehlen schroffe Steil 
abstürze, imposante Felspyramidcn, die gerade dem Bewohner der 
Lisrnach: Der Marktplatz. 
(Photographische Ausnahme des Herrn Gehetmsekretärs Richard Köhler in Berlin.) 
Ebene für ein Bergland unentbehrlich dünken. Um die sanft ge 
schwungenen Kuppeln der Berge schlingt sich der grüne Mantel 
eines hcrlichen Waldes, wie er in dieser Ausdehnung und vor allem 
in dieser Abwechslung, wenigstens in der Heimat, kaum irgendwo 
anzutreffen ist. So ist denn mit Recht das gesegnete Thüringen 
das Dorado aller Erholungsbedürftigen geworden, die eigentliche 
Bergpartien weder ausführen wollen noch können. 
Und diese Landschaft ist nicht minder interessant durch ihre 
Natnrschönheiten wie durch die Städte, die sie enthält. Von der 
Musenstadt Jena und dem weinumkränzten Naumburg angefangen, 
weiter zu dem durch seine litterarische Vergangenheit denkwürdigen 
Weimar, der Gartenstadt Erfurt, den Sitzen der Spielwarenindustrie 
Sonneberg und Saalfeld — welche Fülle von wechselnden Bildern 
und Eindrücken. Gewiß kann man darüber streiten, welcher Stadt 
man die Palme reichen soll bei so verlockender Auswahl. Allein 
so viel ist sicher, kaum ein Glied des ungeheueren Touristen- 
schwarmes, der sich über Thüringer Fluren ergießt, wird verab 
säumen Eisenach und die Wartburg aufzusuchen. 
Man thäte auch Unrecht daran, mehr vielleicht, als Rom zu sehen, 
aber nicht den Papst, welche Unterlassungssünde weitaus häufiger 
begangen wird. Denn abgesehen von dem landschaftlichen Reiz 
Eisenachs und seiner Umgebung, verknüpft sich hier damit eine 
Fülle historischer Erinnerungen und auch der poetisch wenig Ver 
anlagte, wird in eine weihevolle Stimmung versetzt, wenn er die 
Stätte so romantischer pocsieumwvbencr Sagen betritt. 
Tritt mau heraus aus dem dumpfen, rauchgeschwärzten Bahn 
hof von Eisenach, so präsentiert sich dem Beschauer alsbald ein über 
aus liebliches Landschaftsbild. Der Hörselberg erhebt sich ihm 
gegenüber, von dessen Höhe ein prächtiger Rundblick zu genießen 
ist. In seinen zerrissenen Schluchten residiert der wilde Jäger und 
Iran Holle, die in stürmischen Winternächten dem Thale ihre 
Visiten abstatten. Aber noch ungleich fesselnder ist die durch 
Richard Wagners geniale Tondichtung erst weiteren Kreisen bekannt 
gewordene hochromantische Sage von Tannhäuser und der Venus. 
Allerdings lautet diese in ihrer schalkhaften Ursprünglichkeit ganz 
anders. Griesebachs „Neuer Tannhäuser" hat diese Aveutiure in 
klangvollen Reimen besungen: der von Frau Venus eingefangcne 
Miiinesäuger zieht reuig gen Rom und beichtet dem Papst Urban 
seine Schuld. Dieser aber erhebt den Kreuzcsstab in seiner 
Hand und spricht entrüstet: „So wenig dieser dürre Stab grünen 
wird, so wenig hast du jemals Verzeihung zu hoffen, bei Gott und 
bei Menschen." Getroffen durch diesen harten Bescheid zog der 
Unheilige zurück in den Hörselberg, wo er freudig empfangen wurde 
und sich noch heute bei Frau Venus aufhält. In Rom aber begann 
nach dreien Tagen der Stab des Papstes zu grünen, die ausgesandten 
Boten erreichten Tannhäuser nicht mehr, der alte Eckart, ein Mann 
mit langem weißen Barte, hatte ihn vergebens gewarnt. Ein tief 
sinniger Mythus, der an die heiteren Göttergeschichten des Olymps 
anklingt. 
Heute hat der Wanderer auf dem Hörselberg, selbst wenn 
er zufällig ein Sänger sein sollte, derlei Fährlichkeiten nicht zu 
überstehen. 
Indessen der große Touristenschwarm wendet sich vom Bahnhof 
Eisenachs der Stadt zu, die freundlich eingebettet liegt in dem 
bewaldeten Höhenzuge, von dessen Höhe ernst die Wartburg mit 
ihrem hohen Dache herniedergrüßt, das im strahlenden Sonnen 
schein wie Silber glänzt. Obwohl Eisenach der Bevölkerungsziffer 
nach nur eine Kleinstadt ist, die gegen 25000 Einwohner zählt, 
ist die äußerliche Erscheinung und das Leben daselbst, wenigstens 
im Sommer, ein durchaus großstädtisches, und das macht nicht nur 
der lebhafte Touristenverkehr, der gelegentlich zu beängstigender 
Höhe anschwillt. Seitdem Fritz Reuter sich im Jahre 1863 hier 
niedergelassen hatte und von diesem friedlichen Asyl aus, zu dem 
noch heute die dankbaren Verehrer der plattdeutschen Muse pilgern, 
unsterbliche Werke geschaffen, seitdem ist Eisenach als Villenstadt in 
Mode gekommen. Ein reicher Kranz prächtig angelegter Landhäuser 
schlingt sich um die alte Stadt, sie haben die Höhen erklettert, auf 
dem malerischen Gipfel des Hainsteins, gerade der Wartburg 
gegenüber, sind vornehme Pensionen entstanden, wie in den Fels 
schluchten des Anna- und Marienthals auf dem Wege nach 
dem gewerbefleißigeu Ruhla. 
Und außerdem hat Eisenach durch seine zentrale Lage und als 
Knotenpunkt wichtiger Verkehrsadern den Vorzug, eine Kongreß- 
Eiftnach: Villa Leuker. 
(Photographische «»fmchme des Herrn Geheimsekretärs Richard Köhler IN Berlin.) 
stadt pur excellence zu sein. Eine Reihe politischer Parteien 
und wirtschaftlicher Vereinigungen haben hier wiederholt, sogar 
ständig getagt und von der Stadt ihren Ruf- oder auch ihren Spitz 
namen erhalten. 
Das alles überdenkend schlendert der Wanderer durch das alte 
Ricolaithor, auf dem das Steinbild des Landgrafen Ludwig des
        
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