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Periodical volume Sonnabend, 18. August 1900 Nr, 33

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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„Nun wird das Richten angehen!" Der Bischof schwieg, da er 
nicht wußte, was er aus den Worten des Königs machen sollte; 
als aber der König wiederholte: „Das Richten wird nun angehen!" 
versicherte er, daß er in seiner Predigt ohne alle persönliche Be 
ziehung vor lieblosem Aburteilen gewarnt habe, 
„Weiß wohl", sagte der König, „aber das Richten wird 
doch angehen, und zwar über mich selbst," — „Wie sollte das 
zugehen?" erwiderte der Bischof, Ein König muß es sich zwar ge 
fallen lassen, daß das ganze Volk ihn und sein Thun beurteilt; er 
ist wie eine Stadt auf hohem Berge, die jedermann sieht; aber 
Ew. Majestät haben besonders seit dem Jahre 1813 die öffentliche 
Meinung für sich; man ehrt und liebt Sie," 
„Hilft nichts", fiel der König wieder ein, „das Richten über 
mich wird dennoch nun angehen; will Ihnen nur sagen: „will 
wieder heiraten. Erschrecken wohl?" 
„Nein, ich erschrecke nicht", war die Antwort Eylerts, „aber 
ich erstaune; wenn ein König heiraten will, so weiß das vorher 
die ganze Welt," — „Sie soll", erwiderte der König, „es diesmal 
aber vorher nicht wissen; erst nachher, wenn es geschehen, wird 
sie es erfahren. Die ganze Sache ist noch ein Geheimnis". Dann 
e der König, der sich an den Tisch seines Arbeitszimmers 
te, mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit fort: 
„Ich bin in meinem häuslichen 
Leben von schweren Verlusten ge 
troffen. Nun verläßt mich auch die 
letzte Tochter Luise; ich werde sie 
sehr vermissen, Rur damit kann 
ich mich trösten, daß sie den besten 
Menschen in der Welt, den Prinzen 
Friedrich der Niederlande, heiratet, 
Sic ist ein gutes Kind, freundlich 
und liebevoll wie ihre Mutter, eine 
zweite Luise, Ich sympathisiere mit 
ihr, und sie hängt mit ganzer kind 
licher Seele an mir. Sie besorgt 
alle meine Häuslichkeiten, versüßt 
mir meine einsamen Stunden, liest 
mir vor, sitzt an meinem Bett, wenn 
ich krank bin, macht mir alles recht, 
versteht mich, erinnert mich an eine 
selige Vergangenheit. Ach, behielte 
ich sie, ich würde nicht ans Wieder 
heiraten denken. Der Umgang 
mit einem sanften, ver 
ständigen, gemütlichen weib 
lichen Wesen ist mir durch 
meine Frau, durch meine 
Tochter zum Bedürfnisse, zur 
andern Natur geworden. Ohne 
das kann ich nicht leben. In 
der That giebt es Stimmungen des 
Gemüts, die nur Anklang finden 
bei einem verwandten weiblichen 
Herzen; es ist damit etwas anderes, 
wie mit einem Freunde, den ich, 
so viel Mühe ich mir auch darum 
gebe, aber auch nicht habe. Es 
giebt ein Stillesein und Schweigen, 
ein Sprechen und Mitteilen, ein Helfen und Beistehcn, ein Kommen, 
Gehen und Anblicken, welches, umflossen von weiblicher Anmut, 
angenehm ist, und auch bei der trübste», widerwärtigsten Stimmung 
angenehm bleibt. Und dann giebt es besonders in kranken, ver 
drießlichen Tagen Hilfeleistungen und Erleichterungen, die kein Lakai, 
kein Arzt, kein Freund, die nur eine sanfte, weibliche Hand, oft auch 
selbst nicht einmal die einer guten Tochter, sondern nur die einer 
lieben, freundlichen Ehefrau leisten und geben kann. Ich muß also 
wieder heiraten, um so mehr, da ich alt und hinfällig werde," 
Das waren die Beweggründe, aus welchen sich der vicrund- 
füufzigjährige König vierzehn Jahre nach dem Tode der Königin 
Luise zu einer zweiten Ehe entschloß. Seine Wahl war ans die 
liebliche und jugendfrische Gräfin Auguste von Harrach ge 
fallen, die am 30. August 1800 geboren war. König Friedrich 
Wilhelm III,, der alle Jahre die Heilquellen in Tcplitz auf 
suchte, hatte die junge Gräfin, eine Tochter des Grafen Ferdinand 
von Harrach und der Freiin Christiane von Rayski, in dem 
böhmischen Badeorte kennen gelernt; er hatte sie dort mehrere 
Jahre beobachtet und hatte sie lieb gewonnen, weil sie die Eigen 
schaften der Anmut, der Weiblichkeit, des gesunden Verstandes, der 
Anspruchslosigkeit und Unbefangenheit hatte. Schließlich war der 
bedächtige und gewissenhafte König mit sich und der jungen Gräfin 
ins Reine gekommen. Leicht war ihm der Entschluß zu einer 
zweiten Ehe nicht geworden. Er fürchtete nicht allein das 
„Richten", das Urteil der Welt, sondern er war sich auch klar da 
rüber, daß er der Gräfin Harrach in gewissem Sinne ein Opfer 
zumute. Der König war dreißig Jahre älter als seine Braut, den 
Glanz der Krone wollte und konnte er ihr nicht als Ersatz für 
diese Verschiedenheit im Alter bieten. Aus dieser Erwägung heraus 
hatte der König der Gräfin noch vierzehn Tage vor der Hochzeit ge 
schrieben, „sie möge sich vor Gott und ihrem Gewiffen noch einmal 
redlich prüfen, Älenn es ihr im geringsten leid sei, so würde er, 
so schwer es ihm auch falle, sie ihres Versprechens entbinden," 
Die Gräfin aber antwortete dem König, „sie sei durch seinen Brief 
nur noch mehr in ihrem Entschlüsse befestigt, sie liebe ihn von 
Herze», sie achte ihn aufrichtig, ihr ganzes Bestreben werde 
nur dahin gehen, ihn so glücklich zu machen, als sic es könne." 
König Friedrich Wilhelm HL, der die bösen Zungen vor eine 
vollendete Thatsache stellen wollte, ließ seine Trauung mit der 
jungen Gräfin Harrach — sic erfolgte „zur linken Hand" — ganz 
in der Stille vollziehen, Rur wenige Eingeweihte ahnten, zu 
welchen Zweck der würdige Bischof Eylert sich am 9. November 1824 
in die Kapelle, des Charlottenburger Schlosses begab. Die 
Trauung fand in Gegenwart der Eltern der Braut, des Kronprinzen, 
des Großherzogs von Mccklenburg-Strelitz und einiger höherer 
Hofbeamten bei verschlossenen Thüren statt, Bischof Eylert sagte 
zum Schlüsse seiner kurzen Tranrede zu der Braut, die bei 
ihrer Vermählung zur Fürstin von Liegnitz erhoben wurde, 
„ihr sei das große, bedeutungsvolle Los zugefallen, dem Könige 
das Leben zu erheitern und zu ver 
schönern, seine Lasten zu erleichtern, 
seine Sorgen zu zerstreuen und da 
durch wohlthuend auf seine Stim 
mung zu wirken, und zu stiller, ohne 
Aufsehen zu machen, sie dies thue, 
umso liebenswürdiger werde sie sein. 
Rach der Trauung ging der König 
auf den Kronprinzen zu, umarmte 
ihn und sprach die für ihn be 
zeichnenden Worte: „Wissen die Un 
sterblichen die Werke der Sterblichen 
hier, so wird Deine verewigte Mutter 
sich dieser Stunde freuen, Du wirst 
sie in ihrer Verpflichtung im Herzen 
behalten. Du wirst länger leben 
als ich, und nach meinem Tode 
meiner christlichen rechtmäßigen Ge 
mahlin ein treuer Freund und 
Gönner sein," 
Auf das Publikum wirkte die 
Bekanntmachung der zweiten Ver 
heiratung ivie ein Blitz aus heiterem 
Himmel. Das Richten begann! 
Das hatte man vom Könige nicht 
erwartet! Gerade in den loyalsten 
Kreisen empfand man diese zweite 
Ehe als einen Frevel am Ge 
dächtnis der Königin Luise, 
die schon damals im Herzen des 
Volkes als eine Heilige lebte. Die 
abenteuerlichsten Gerüchte gingen 
von Mund zu Mund, und wie 
immer kritisierten die Berliner am 
lautesten und am schärfsten. 
Schließlich aber verstummten die 
bösen Zungen. Die junge Fürstin Liegnitz beseitigte am 25. Mai 1826 
einen Stein des Anstoßes, indem sie zur evangelischen Kirche über 
trat, Die Befürchtung, daß sie in politischen Dingen nach Macht 
und Einstuß streben würde, erwies sich als völlig unbegründet. 
Sie bewies im Gegenteil überall in den schwierigen Verhältnissen, 
in die sie ihre Ehe mit Friedrich Wilhelm lll. gebracht, die 
Klugheit, die Hcrzensgüte und den Takt, den der König bei ihr 
vorausgesetzt hatte. Im Sturm aber eroberte sie die Herzen der 
Berliner und des ganzen preußischen Volkes, als der König am 14. No 
vember 1826 das Unglück hatte, sich beim Ausgleiten auf der Treppe 
seines Palais ein Bein zu brechen, Friedrich Wilhelm sagte in 
seiner schlichten Weise: „Begegnet vielen, bin nicht besser als andere. 
Wer weiß, wozu es gut ist". Dieser Unfall gab der Fürstin 
Liegnitz Gelegenheit zu beweisen, welch eine treue Hausfrau und 
liebevolle Freundin der alternde König sich in ihr gewonnen hatte. 
Da hörte das „Richten", das der bedächtige König gefürchtet hatte, 
auf, und die öffentliche Meinung war mit der zweiten Ehe Friedrich 
Wilhelms versöhnt, da sich die schöne und junge Fürstin in jeder Be 
ziehung als eine würdigeLebensgefährtin des alternden Königs erwies. 
Am 7 Juni 1840 starb der „alte Herr", wie die Berliner 
den König fast ausschließlich nannten. Die Fürstin Liegnitz, die 
bei seinem Tod erst vierzig Jahre alt war, verbrachte ihr ferneres 
Leben in stiller Zurückgezogenheit in Berlin und Potsdam und in 
den Sommermonaten meist am Genfer See. Am 5. Juni 1873 
starb sie in Homburg und wurde fünf Tage später in der Reben 
gruft des Mausoleums zu Charlotteuburg feierlich beigesetzt, 
Richard George, 
Fürstin Auguste von lirgnih.
        
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