Path:
Periodical volume Sonnabend, 11. August 1900 Nr, 32

Full text: Der Bär Issue 26.1900

618 
Veranlassung empfangen Sie geschätzte Leser und Leserinnen den 
Tribut aufrichtiger Gefühle des vergnügten Wcinhändlers." 
„Zur Nachfeier des mit Lorbeerkränzen bekrönt gewordenen 
fünfuudsechzigjährigen Capellmeisterhauptes fPrioateigcnthum des 
Herrn Louis Hirsch) heute abermals große musikalische Akademie, 
wo vielmöglichst classische Werke berücksichtigt werden sollen, als 
„Iphigenie in Aulis", „Julerl die Putzmacherin", „Die vier 
Jahreszeiten", „Die sieben Mädchen in Uniform". Les feminies 
des Orchesters haben ihre Mitwirkung zugesagt. Im Voraus^sür 
den Beifall dankend, empfehle ich gleichzeitig aus besonderer Für 
sorge meinen geehrten Gästen, eine neueste Sorte der feinsten 
Ohrenbaumwolle, das Pfund zu 20 Silbergroschen, bei größerem 
Bedarf 10 Prozent Rabatt. 
Louis Drucker, gefälligst um 7 Uhr. Spandauerstr. Rr. 49." 
Diese und ähnliche Anzeigen waren die Geisteswerkc Louis 
Druckers. Einmal kündigte er sogar ein Buch au, aber das war 
auch nur ein Reklamescherz. Die Anzeige lautete: 
„Demnächst erscheint in unserem Kommissionsverlag: „Original- 
Flaschen", Lieder des Weines, von deutschen Dichtern. Gesammelt 
und herausgegeben von Louis Drucker, vergnügten Weinhändler 
in Berlin. Mit lithographiertem Porträt des Herausgebers, und 
einer Beigabe über sein Leben, sein Wesen, sein Wirken und seine 
Verdienste um die Menschheit. Bordeaux, Epernay und Rüdes- 
heim, bei Durst und Comp." 
Und nicht nur Louis Drucker selbst füllte mit den Erzeugnissen 
des Witzes die Zeitungen, sondern er ward selbst zum Helden einer 
Erzählung gemacht, die in den vierziger Jahren in einem Berliner 
Blatt erschien. Das war zwar keine bedeutende dichterische Leistung, 
kein Meisterwerk der Poesie, aber mau las diese Erzählung doch 
aus großem Interesse, denn ihr Held war einer der Populärsten 
Männer Berlins. Eugen Jsolani. 
Herzog Alfred von Sachsen-Coburg-Golha f. 
«Wach kaum siebenjähriger Herrschaft hat Herzog Alfred infolge einer 
sM Herzlähmung am 80. Juli auf Schloß Rosenau das Zeitliche ge 
segnet. Alfred Ernst Albert, Prinz von Großbritannien, Herzog von 
Sachsen-Eoburg-Gotha, mar der zivcitc Sohn der Königin Viktoria. 
Herzog »Isred von Sachlrn-Dot'urg-Gotlr» f. 
Er bestieg nach dem Tode seines kinderlose» Oheims, des Herzogs Ernst II., 
am 22. August 1898 den Thron von Sachsen-Eoburg-Gotha und legte 
daraus die Stellung eines britischen Großadmirals und Mitgliedes des 
englischen Geheinicn Rates nieder. Von seinen Töchtern vermählte sich 
Prinzessin Maria am 11. Januar 1893 mit dem Prinzen Ferdinand von 
Rumänien: Prinzessin Viktoria am 19. April 1894 mit dem Großhcrzog 
Ernst Ludwig von Hessen: Prinzessin Alexandra am» 20. April 1896 mit 
dem Erbprinzen Ernst zu Hohenlohe-Langeuburg, der jetzt die Regent- 
schuft für den minderjährigen Herzog Karl Eduard übernommen hat. 
Der Herxensroman des Serben-Königs. 
SU^ctin wir von sogenannten Mesalliancen in fürstlichen Häusern 
hören, und das ist uns in den letzten Jahren gar nicht so selten 
beschicken gewesen, so können wir im allgemeinen immer eine gewisse 
sympathische Anteilnahme in der Oeffentlichkeit konstatieren. Nur zu 
oft lverde» ja die Ehen fürstlicher Personen aus Rücksichten der Kon- 
venienz, aus Politik geschlossen, und je höher der Mann auf der Leiter 
der menschlichen Gesellschaft steht, desto geringer wird die Zahl der 
„ebenbürtigen" Damen, die auch nach Alter und Religion und mit 
Rücksicht auf die politischen Beziehungen der Völker ihm die Hand 
zum Bunde reichen können. Man kann daher oft die Meinung hören, 
daß wahrhaft glückliche Ehen, voller wahrhafter Liebe und Harmonie, 
wie sic im Vürgerstande vorkouimen, auf den Höhen der Menschheit 
sehr selten sind. 
Deshalb hat man ein sympathisches Mitgefühl mit einem hoch 
geborenen Prinzen, der, die Schranken der Vorurteile überspringend, 
sein Lebcnsglück höher einschätzt als äußere Ehren, die ihm von Leuten 
dargebracht werden, deren Wesen ihm nur zu genau bekannt ist. Wir 
fühlen Bewunderung für das Mädchen aus deni Volke, dessen Herzens 
und Geistesgaben einen Thronerben zu fesseln vermögen, und wir 
empfinden die Macht der alles überwindenden Liebe, wenn wir hören, 
daß ein Prinz um des geliebten Mädchens willen auf sein zukünftiges 
Hcrrschcrglück verzichtet. Eigenartig berührt uns freilich ein Fall, wenn 
trotz alledem nicht die volle Gleichberechtigung zwischen den beiden an 
erkannt werden soll, deren persönliche Eigenschaften einem Walle von 
trennenden Hindernissen gewachsen waren. Ter geistige Adel reicht 
oftinals nach de» herrschenden Ansichten nicht aus, um den Mangel 
des höchste» Geburtsadcls zu verdecken. Der gemeine Mann versteht 
dergleichen nicht, und die Frau ist erst recht geneigt, eine Beleidigung 
der gesainten Weiblichkeit darin zu erblicken, daß eine Frau zwar gut 
genug sein soll/ um die Gefährtin des Mannes iu allen Stücken zu 
sein, daß aber die von ihr geborenen Kinder als etwas Minderwertiges 
von einem Teile der Erbschaft ausgeschlossen werden sollen, die ihnen 
anstandslos zugefallen iväre, wenn sic eine, wenn auch weniger hoch 
sinnige, so doch höher geborene Mutter gehabt hätten. 
Alle diese sympathischen Gefühle scheinen aber bei der Verlobung 
dcs serbischen Königs Alexander mit der Witivc Draga Maschin zu 
schwcigeii. Hier haben wir den Fall, daß ein König eine Frau aus 
deni Volke zu sich erhebt, und der Fall liegt noch ganz besonders 
günstig. Alexander ist regierender König, das Haupt seiner Dynastie, 
er hat keinen Menschen um seine Einwilligung zu fragen, kein Haus- 
gesetz bindet ihn, nichts schließt die Braut von den höchsten Ehren 
einer wirklichen Königin, nichts schließt die von ihr dem Könige zu 
schenkenden Nachkommen von der Thronfolge aus; ja, sogar ein 
Schimmer der Popularität könnte aus dieser Ehe auf die Dynastie 
übergehen, die im Glanze der Krone nicht vergessen hat, daß die Vor 
fahren noch vor hundert Jahren arme Hirten waren .... und 
trotzdeni? 
Ueberall Ablehnung! Der Vater des Königs erklärt sich offen 
gegen das Projekt, die Mutter ist in Verzweiflung, das Ministerium 
weigert sich, im Amte zu bleiben, und die Abordnung der Belgrader 
Kaufmannschaft, der der König in beweglichen Worten seine glühende 
Liebe zu seiner Braut geschildert hat, bleibt dabei, daß diese Ver 
bindung nicht zum Segen dcs Landes sein werde — bedrückte Stim 
mung überall — überall das Gefühl: der König spielt mit seiner 
Existenz. 
Man hat allgemein den Eindruck, daß es sich hier nicht um eine 
Liebesheirat handelt, sondern daß der junge, unerfahrene Monarch 
einer sehr erfahrenen ihm an Jahren überlegenen Dame ins Garn 
gegangen ist. 
Kein liebevoller Berater, kein sorgsam wachendes Eltcrnpaar steht 
dem 24jährigen Jüngling zur Seite, und was er von seinen Eltern 
in jungen Jahren erlebt hat, das konnte auch gerade keinen festigenden 
Halt für ihn biete». Man entsinnt sich der fortgesetzten ehelichen 
Zerwürfnisse zwischen Milan und Natalie, die schließlich zu einer 
Scheidung führten, deren Giltigkeit freilich bezweifelt wurde, und zu 
der Wicderverheiratung der getrennt Lebenden führte. In jungen 
Jahren erlebte es Alexander, daß seine Mutter ihn nach Wiesbaden 
entführte, von wo der Vater ihn init der Polizei abholen ließ. Kaum 
hatte man den jungen Prinzen nach Belgrad zurückgebracht, da dankte 
plötzlich Milan, vermutlich unfreiwillig, 1889 zu Gunsten seines Sohnes 
ab und ging außer Landes. Der junge König blieb unter der Vor 
mundschaft der drei Regenlen in Belgrad, und schon 1893, im Alter 
von siebzehn Jahren, machte er seinen erste» Staatsstreich. Das Miß 
trauen der Parteien im Lande veranlaßte ihn später, seinen Vater 
zurückzurufen und an einer scheinbaren Aussöhnung mit der Mutter 
zu arbeiten. An großen Vorbildern mciischlischer Charakterstärke hat 
sich die Individualität des Knaben nicht bilden können. Seine Um 
gebung nennt ihn launisch, nervös, cigenioillig. 
Die Braut, die sich der 24jährige Jüngling erkoren hat, zählt 38 
Lenze. Sie ist Witwe, und die böse Welt in Belgrad, die ja allerdings 
in moralischer Hinsicht kaum verwöhnt ist, sagt ihr nach, daß sie in 
frühere» Jahren, als sie Hofdame bei der Königin Natalie war, schon 
zu Milan Beziehungen unterhalten habe. Jedenfalls steht sie in 
keinem guten Rufe, und es dauerte vier Tage nach dem Rücktritt deS 
alten Ministeriums, bis sich ein neues fand, das unter diesen Verhält 
nissen die Regierung übernehmen wollte. Keiner der bedeutenden 
Parteiführer wollte die That des Königs unterstützen, die allgeinein als 
-ine verhängnisvolle, als eine das monarchische Gefühl des Volkes
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.