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Periodical volume Sonnabend, 11. August 1900 Nr, 32

Full text: Der Bär Issue 26.1900

Sascha lächelte wieder und strich sich die Armbänder 
vom Handgelenk zurück. 
„Ich muß gestehen, daß mir Ihre Frage etwas über 
raschend kommt, gnädige Frau," erwiderte sie. Ihr Blick 
streifte Gertrud — zuerst mit leicht verhaltener Neugier, dann 
mitleidig. „Ueberraschend — aber nicht unbegreiflich. Da 
ich Ihr Fräulein Tochter ansehe, dämmert das Verständnis 
für Ihre Frage in mir auf . . . Und nun zur Antwort: 
nein, ich habe keinerlei tieferes Interesse für Herrn von Kelles 
. übrig — ich kann sogar behaupten, daß er mir vollkommen 
gleichgiltig ist!" . . . 
In diesem Augenblick geschah etwas, ivas weder Frau 
von Scefeld noch Sascha erwartet hatten: Gertrud sprang 
plötzlich auf und fiel Sascha schluchzend um den Hals. Sie 
sprach kein Wort dabei, aber ihr ganzer Körper bebte. 
Sascha strich ihr über die Stirn und küßte sie auf beide 
Wangen. 
„Nun muß ich wohl verstehen," sagte sie, mit reizender 
Zärtlichkeit Gertrud an den Sessel zurückführend. „Armes, 
liebes Fräulein — ich glaube, Sic haben Ihr Herz einem 
etwas flatterhaften jungen Manne geschenkt" — 
„Einem Windbeutel," bemerkte Frau von Scefeld trocken; 
„i pfleg immer die Wahrheit zu sagen. Es ging so nicht 
weiter. Aber Ihre Erklärung beruhigt uns noch nicht ganz, 
Fräulein von Holm. Der Kelles muß kalt gestellt werden. 
Er muß bis in jedes Ncrverl rein fühlen, daß er Ihnen 
wurscht ist. Läßt sich das machen?" 
„Es ließe sich schon. Ich verstehe: Sie wünschen eine 
Radikalkur. Er hat mir heute einen Brillantschmuck geschickt. 
Den soll er zurück bekomnien und zwar mit einem Dankbriefe, 
der ihm eine weitere Annährung unmöglich machen wird." 
„Er ist sehr dickköpfig, liebes Fräulein von Holn, —" 
„So bleibt mir nichts anderes übrig, als abzureisen." 
„Es ist viel verlangt, aber cs wär' das Geschcidtestc . . . 
Hören Sie zu, gnädiges Fräulein, wir kommen auch als 
Warnerinnen. Ja wahrhaftig, als Warnerinnen. Es wird 
mir nicht ganz leicht, auszusprcchen, was ich gehört habe. 
Thu' ich's dennoch, so geschieht es auch in Ihrem Interesse. 
Man erzählt sich, Ihr Herr Vater habe sich politisch stark 
kompromittiert, erzählt auch, daß die Polizei Ihrer Heimat 
nach ihm fahnde. Die ganze Kurgesellschaft spricht davon — 
beachten Sie einmal die Blicke, die man an der Table d'hote 
Ihnen zuwirst! Wenn Sie auf der Promenade erscheinen, 
folgen Ihnen die Augen aller; aber es ist nicht nur Ihre 
Schönheit, die auffällt — man raunt und flüstert sich in die 
Ohren, Ihr Herr Vater werde seit Jahren verfolgt und irgend 
eine bösivillige Zunge scheint dies auch bereits dem Besitzer 
unseres Hotels mitgeteilt haben —" 
Frau von Seefeld schwieg plötzlich. Sie ivußte nicht 
mehr als das, was Herr von Ebert ihr heute früh an 
deutungsweise über den Baron Holm mitgeteilt hatte. Aber 
sie spann den Faden phantasicvoll weiter — absichtlich, ivcil 
sie diese gefährliche Nebenbuhlerin aus dem Hause und in 
alle Weiten treiben wollte. Sie überlegte garnicht, wie 
grausam ihr Egoismus war. In der Wul ihrer Mütterlich 
keit und in dem Bestreben, den ungetreuen Kelles unbedingt 
für ihre Tochter zir retten, hätte sie vermutlich noch mehr er 
dichtet, ivcnn ihr das Benehnien Saschas nicht auffällig ge 
wesen wäre. 
Sascha hatte anfänglich mit eisiger Kaltblütigkeit und 
einem hohnvollen Zucken um die Mundwinkel zugehört. Aber 
ganz plötzlich wandte sie sich um. Und nun sahen die Damen 
Scefeld, wie die geschmeidige Gestalt der jungen Russin mehr 
und mehr zusammensank, sich wie unter einem qualvollen 
Schmerze zu krümmen begann und dann auf einmal in die 
Kniee brach. Sascha stürzte vornüber, längshin auf den 
Teppich, und ihre Finger krallten sich zusammen und alle 
ihre Glieder flogen in gewaltiger Aufregung. 
„O Schmach — o Schmach!" stöhnte sie. „Soll denn 
dies Dasein ewig währen?! Nie Ruhe — nirgends Ruhe! 
Vertrieben — verjagt — ehrlos und heimatlos . .!" 
Ein wildes Schluchzen erstickte ihre Stimme. 
Gertrud kniete neben ihr nieder. Etivas unbewußt 
Sympathisches zog sie zu der Jammernden. Frau von See- 
feld wußte gar nicht, was sie beginnen sollte. Sie war sehr 
verlegen geworden, denn an eine derartige Wirkung ihrer 
Worte hatte sie nicht gedacht. Schließlich zog sic ihr Flacon 
mit englischem Niechsalz hervor und beugte sich gleichfalls zu 
Sascha herab. 
„Aber, liebes Kind," sagte sie, „liebes Kind, wer wird 
denn . . . Was ist denn nur? . . So beruhigen Sie sich 
doch, mein Herz! . . Jööses, was derlebt nian nicht alles . .!" 
Sascha erhob sich. Sie strich ihr Haar zurück und be 
tupfte mit ihrem Taschentuch die feuchten Augen. Noch hob 
und senkte ihre Brust sich rasch; aber sie beherrschte sich 
sichtlich mit starker Anspannung ihrer Kräfte. 
„Vergeben Sie mir," sagte sie, die Worte hastig hervor 
stoßend. „Es giebt Augenblicke, da auch der kräftigste Wille 
erschüttert ivcrden kann . . . Ich habe Ihnen nichts mehr 
zu verheimlichen, gnädige Frau — auch Ihnen nichts, 
Fräulein von Seefeld ... Es ist wahr, was die Menge 
spricht! Mein unglücklicher Vater ivurde, im Grunde ge 
nommen gegen seinen Willen, vor sieben Jahren in eine 
politische Verschwörung verwickelt. Hundert Indizien sprachen 
für seine Schuld; es handelte sich bei ihm um rasche Flucht 
oder um Sibirien. Unsere Besitztümer wurden eingezogen; 
als Bettler flohen ivir in die Welt, von einer ganzen Meute 
von Detektivs und Polizeiagentcn verfolgt. Aber diesseits 
der russischen Grenze ivarcn wir wenigstens einigermaßen in 
Sicherheit; um sich durch das Leben zu schlagen, wurde mein 
Vater Diamantenhändler. Das Geschäft ernährte uns; um 
mit der guten Gesellschaft in Verbindung bleiben zu können, 
erheuchelte mein Vater eine besondere „Passion" für die 
blinkenden Steine — das gab ihm trotzdem Gelegenheit, hie 
und da seine Ware unter der Hand an den Mann bringen 
zu können . . . Aber der Fluch der Vergangenheit heftete 
sich an unsere Fersen. Wir standen auf der Liste der Geächteten. 
Wo wir uns für längere Zeit niederließen, wurde es ruchbar, 
daß mein Vater heimatlos geworden; Russen finden sich 
überall, und unsere Flucht halte derzeitig Aufsehen erregt. 
Da wurde dann abermals zum Wanderstabe gegriffen 
seit Jahren irren wir in der Welt uniher — o, gnädigste 
Frau, es ist ei» hartes Schicksal, das uns betroffen hat, aber 
ich will nicht klagen, meinem Vater zuliebe trag' ich es 
tapfer! ... Ich danke Ihnen für Ihre Warnung, wir reisen 
noch heute ab" . . . 
Sie küßte Frau von Seefeld die Hand. Sie hatte ihre 
volle Ruhe wiedergeivonncn; sie war wieder ganz Dame. 
Gertrud umarmte sie. Das junge Mädchen hatte das 
Empfinden, als müsse es an Sascha irgend etivas gut niachen. 
Frau von Scefeld hielt die Hand der Russin fest; auch sic 
war bewegt. 
„Alles Gute auf Ihren Weg, liebes Kind," sagte sic. 
„Und ivcnn ich Ihnen in irgend einer Weise gefällig und 
dienstbar sein kann, so verfügen Sic über mich." 
„Ich danke Ihnen, gnädige Frau." erwiderte Sascha, 
„und gebe Ihnen Ihre Wünsche zurück" . . . 
Die Damen Scefeld entfernten sich.
        
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