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Periodical volume Sonnabend, 4. August 1900 Nr, 31

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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Stirn bildete. Fräulein von Holm trug in jeder Hand einen 
ivinzigen gelben Stiefel und hatte über den rechten Arm ein 
Paar lange, seidene, schwarze Strümpfe gelegt. Denn sie war 
ivirklich barfüßig. Der Thau perlte auf den nackten Füßchen. 
Wohlig reckte und dehnte sie sich, hob den Rocksaum und 
patschte vergnügt, mit girrendem Auflachen, im feuchten Grase 
umher. Allerliebst sah dies aus, degagiert, aber nicht in 
dezent. Und hier rümpfte man eben so wenig die Nase über 
die Barfüßigkeit der schönen Welt wie in Wörishofen. Man 
war daran gewöhnt. 
„Allez, Herr von Keiles," rief Sascha, „helfen Sie mir 
ein Bouquet aus Wiesenblumen binden! Die liebe ich mehr 
als Rosen. Mein Gott, seien Sie doch nicht so furchtsam! 
Sie erkälten sich nicht; ich sage Ihnen, cs ist ivundervoll, mit 
nackten Füßen im kühlen Grase herumzuspringen!" . . 
Was blieb dem verliebten Agrarier übrig! — Er seufzte 
ein wenig und sah sich dann nach einer Bank um. Es gab 
keine Bank in der Nähe. Er mußte Schuhe und Strümpfe 
im Stehen ausziehen. Das war keine leichte Arbeit, denn 
Herr von Kelles war, ivie schon erwähnt, etwas wohlbeleibt. 
Und es sah auch nicht sonderlich graziös aus, als der dicke 
Junker auf cincni Beine stand, um leise stöhnend und pustend 
das andere Bein hoch in die Höhe zu ziehen und sich die 
Schuhsenkel zu lösen. Sascha schaute von der Wiese aus zu 
und amüsierte sich königlich. Plötzlich ivankte und schivankte 
Herr von Kelles — und dann lag er im gelben Kiessande 
des Weges. 
„Bravo!" rief Sascha. „Es ist jedenfalls viel bequemer, 
sich im Sitzen seiner Fußbekleidung zu entledigen, als im 
Stehen. Ich hätte mich an Ihrer Stelle gleich gesetzt, Herr 
von Kelles. Aber machen Sie sich die Beinkleider nicht 
schmutzig!" 
„Ist schon geschehen," brummte Egon. „Sie haben recht, 
gnädiges Fräulein, ich hätte mich gleich setzen können. Dann 
hätte ich wahrscheinlich auch eine größere Vorsicht walten 
lassen. So bin ich nämlich einfach hingepurzelt. Ich finde, 
die Kneippkur hat auch ihre Schattenseiten." .. . 
Endlich war er so weit. Er hatte hübsch geformte Füße 
und brauchte sich ihrer nicht zu schämen. Aber das Gras 
stichelte und stachelte unangenehm. Kelles balancierte vor 
sichtig über das Wiesengrün, reichte Sascha die Hand und gab 
ihr das Tulaetui. 
„Ein Fund, gnädiges Fräulein," sagte er. 
„Wahrhaftig, meine Papyrosdose! Tausend Dank!" 
„Keinen Finderlohn, Mademoiselle?" 
„Eine Cigarette — mit Vergnügen!" 
Sie bot ihm das Etui und steckte selbst eine Cigarette 
zwischen die Lippen. 
„Nerei — aber der Lohn genügt mir noch nicht. Ge 
statten Sic wenigstens, daß ich Ihnen die Hand küsse." 
„Bitte!" — Sic gab ihm die Hand. Aber als er 
wählerisch ein Stückchen des Aermcls emporstreifen ivolltc, 
schlug sie ihm mit den Strümpfen auf die Rechte und zog 
die Hand zurück. 
„Lieber Baron, das verbitte ich mir. Wer zu viel will, 
bekommt garnichts. Nun seien Sic artig und helfen Sie mir 
mein Bouquet vervollständigen. Die gelben Butterblumen 
da drüben." — 
Herr von Kelles wurde wieder zum vollendeten Kavalier. 
Mit hochgezogencn Füßen stolzierte er im Grase umher und 
pflückte Blumen, gelbe, blaue und rote — verbrannte sich 
auch gelegentlich die Finger an einer versteckten Nessel und 
litt an Liebespein und Atemnot, denn er mußte sich häufig 
bücken. Aber er that es gern. Er war beseligt. Sein 
ganzes Herz jubilierte. Sascha plauderte unausgesetzt, erzählte 
auch von daheim, von den Gütern bei Kiew, ihren weiten 
Steppen und riesigen Wäldern, den Jagdausflügen, dem 
Sonimcrleben auf deni Lande und den Winteroergnügungen 
in der Stadt. Nur den Frühling hindurch sei sie mit ihrem 
Vater gewöhnlich unterivegs: in Italien, am Genfer See, 
auf Korfu und dann in den deutschen Bädern. Aber sic 
liebe das Umherziehen nicht, sie sei eine seßhafte Natur. . . . 
Sie hatte auch in ihrer Art zu sprechen etwas sehr 
Reizendes. Die Worte glitten rasch von ihren Lippen; sie sprang 
gern von einem Thema zum andern über und warf englische, 
französische und russische Phrasen in die Unterhaltung. Beim 
S stieß sie ganz leicht mit der Zunge an. Und immer lächelte 
sic, und immer sah man zwischen den blutroten Lippen ihre 
köstlichen Zähne schimmern. 
Endlich hatte sie genug von der Wiese und dem Bar 
fußlaufen. Hinter den Riesenstamm einer alten Buche legte 
sie Schuhe und Strümpfe wieder an, während sich auch Kelles 
mit der gleichen Beschäftigung abquälte. Dann ging man 
nebeneinander nach der Promenade zurück. 
„Woher kennen Sic die Familie Sccfeld?" fragte sie 
plötzlich. 
Kelles erzählte, die Seefelds seien Gutsnachbarn von 
ihm, hoch achtbare Leute, der alte Geheimrat sei seit sechs Jahren 
tot, Frau von Secfeld bis auf ihr Embonpoint und ihren 
Dialekt eine vortreffliche Dame, Fräulein Gertrud ein Mäd 
chen, vor dem man den Hut ziehen müsse. 
„Ja, ich glaube das," erividerte Sascha, und zum ersten 
male lächelte sic nicht, sondern ein sinnender Zug glitt uni 
ihren Mund, „auch ein hübsches Mädchen, Herr von Kelles, 
aber mir zu deutsch" . . . Nun lachte sie ivicdcr. „Das ist 
Geschmackssache. Mir sind die Frauen Puschkin's lieber als 
die Chamisso's" . . . 
Chamisso kannte Herr von Kelles vom Hörensagen, aber 
Puschkin nicht. So schwieg er denn. 
Vor dem Schauladen eines Juweliers an der Promenade 
blieb Sascha plötzlich stehen. 
„Sehen Sie diesen reizenden Schmuck," sagte sic und 
deutete auf eine Brosche aus Brillanten in Forin einer 
siebenzackigen Krone. „Perlen hab ich nicht gern — sie 
haben etwas Totes für mich; sie sind kein Schmuck für das 
blühende Leben und die Jugend. Aber Steine lieb' ich; ich 
glaube, ich habe diese Passion von Papa geerbt, der eine 
schöne Sammlung ungefaßter Brillanten besitzt ah, 
voyez, da ist ja der Papa!" 
Sie wies durch die Glasthür in den Laden. Dort 
stand ein alter, vornehm ausschauender Herr niit grauem 
Henry-quatre und verhandelte mit dem Juwelier. Ueber einer 
Unterlage von burgunderrotcm Sammet blitzte eine Anzahl 
kostbarer Brillanten auf dem Ladentisch. 
„Sagen wir ihm guten Tag," meinte Sascha und öffnete 
die Thür. 
Herr von Holm wandte sich um. Er begrüßte Kelles 
niit lebhafter Liebenswürdigkeit und schüttelte ihm ivarm die 
Hand. 
„Sie sehen einen sehr thörichten alten Mann vor sich, 
lieber Herr von Kelles," sagte er lächelnd. „Ich bin soeben 
im Begriff, eine hübsche Summe für ein Stück Kohle zu 
verschwenden. Sascha müßte mich unter Kuratel stellen 
lassen. Aber schließlich fallen ihr selbst einmal diese blitzenden 
Schätze zu und dann mag sic mit ihnen machen, was sie 
will" ... Er wandte sich an den Juwelier zurück. „Also 
zweitausend Mark, Verehrtester, keinen Pfennig mehr. Und 
Unitausch vorbehalten. Einverstanden oder nicht?" 
Der Juwelier sagte zu. Sascha lachte.
        
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