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Periodical volume Sonnabend, 21. Juli 1900 Nr, 29

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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im Konifeld", in der Gegend vom Kiel von dem „Bullkater" oder 
der „Windkatze" spricht. Im Regierungsbezirk Liegnitz heißt es 
von einem sanfte», befruchtende» Winde: „Der Wolf geht durch 
das Korn, da mehre» sich die Halme", andrerseits von heftigem 
Sturm: „Der Wolf tobt im Korn, um es zu verderben". Auch 
die alte Bauernregel: „Wenn Lichtmeß (2. Februar) die Sonne 
scheint, kommt der Wolf in die Herde!" bezieh! sich auf diese, 
unter der Gestalt eines Wolfes gedachte Personifikation von Sturm 
und Regen. Weil einst der Roggen als das wichtigste Nahrungs 
mittel galt, ist als genauere Bezeichnung häufig Roggenivolf ge 
wühlt, zuweilen auch: Roggensan; ein deutlicher Anklang an den 
goldborstigen Eber der Göttin Freya, die dem Acker Fruchtbarkeit 
schenkte. 
Wenn auch der Glaube an die Macht des Roggcnwolfes 
allmählich verblaßte, so ist die Erinnerung an ihn doch noch in 
einzelnen Kinderspielen zu finden. 
Wir gehen in das grüne Korn, 
Wer will uns das verwehren? 
Wenn nur der böse Wolf nicht kommt, 
Sonst müßten ivir uns wehren, 
oder in dem andern: » 
Alle meine Gänschen kommt heraus! 
Wir dürfen nicht, 
Bor dem Roggenwolf u. s w. 
In jenen Gegenden, wo der Korngeist in Gestalt eines Welses 
auftritt, man also einen solchen in die letzte Garbe geflüchtet ver 
mutet, heißt das Erntelied: 
Hier bringen wir den Achrcnkranz, 
Die Ernte ist gescheh'n jetzt ganz. 
Haben wir die Garben nicht festgewunden. 
Ist fester doch der Wolf gebunden. 
Wir haben gebunden von Distel und Dorn, 
Bon allerhand Korn u. s. w. 
Auf der Insel Rügen wird die Binderin der letzten Garbe 
„Wolf" genannt, und ihr von der Hausfrau ein Stück Fleisch geschenkt. 
In Hinterpommern sagt man „Der Garbenmaun", oder 
schlechtweg: „Der Alte" von der letzten Garbe. So heißt denn 
auch das Erntelied: 
Wir bringe» Ihnen den lieben Alten, 
Er will sich nicht länger im Felde aufhalten. 
Auf allen Bieren 
Will er erfrieren! — 
Ich habe mich nun kurz bedacht 
Und ihn der Herrschaft mitgebracht. — 
Es folgen dann die verschiedenen Wünsche: 
Wir wünschen der Herrschaft einen golducn Tisch, 
An allen vier Ecken Braten und Fisch, 
Und daneben eine Kanne Wein, 
Daß alle lustig und fröhlich sein u. s. w. 
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Die Bahnverbindung Stralsund - Bügen: Teajrkkfchisf,,Putbus" rnik darausstehendem V-Zug. 
Das Wolf- und Schasspiel soll ebenfalls keineswegs aus der 
Idee der Verfolgung der wirklichen Schafe durch einen Wolf, sondern 
durch die Gedankenverbindung an die Lämmerwölkchen entstanden 
sein, die vor dem Sturme fliehen, resp. Vorboten des Sturmes sind 
und auch: Schafherde der Frau Holle! genannt werden. 
In manchen Gegenden ist die Vorstellung verbreitet, daß das 
Schneiden des Getreides auch den Tod des Korndämonen zur 
Folge hat. In Norwegen sagt man: Der Schnitter tötet ihn, sein 
Blick (natürlich in Form von Getränken) bekommen die Mitarbeiter. 
Auch in französischen Ortschaften wirft man mit Sicheln nach der 
Roggensau. Eigentlich ist aber die Tötung des Körngeistes ein 
Frevel, den er selbst mit dem Tode des Thäters straft, wenn 
dieser ihn nicht durch eine Mordsühne löst. In Dänemark, Polen 
und Niedcrsachsen schlagen deshalb die Knechte dem Herrn die 
besten Kohlköpfe ab, falls er sich nicht mit einem Trunk loskauft. 
In den meisten germanischen Ländern jedoch gilt der Glaube, 
daß der Korndämon in die letzte Garbe flüchte und in das Hans 
des Gutsherrn getragen werden müsse, damit der Geist der Vege 
tation. vom Felde vertrieben, doch freundlich in Hans und Hof 
willkommen geheißen werde, dort seine Segnungen verbreite und 
keinen Schaden mehr anrichte. 
Dieser Glauben liegt der Sitte des Erntekranzbringens am 
Erntefeste zu Grunde. Dieses Fest spielt sich in den meisten 
Gegenden ziemlich gleich ab. In Form einer Puppe, einer ticr- 
ähnliche» Gestalt, auch einfach eines Kranzes oder einer Krone 
wird die mit bnnten Bändern durchflochtcne letzte Garbe von den 
Schnittern und Schnitterinnen unter Musik auf de» Gntshof ge 
tragen und — meist von der Großmagd — mit einem Vers über 
reicht, der sich ans fernsten Tagen erhalten hat und fast überall, 
mit kleinen Abweichnnge», ziemlich gleich lautet. 
In der Gegend von Fürstcnwalde wird ein lebender Hahn 
losgelassen, wenn die letzte Garbe fällt, in Bayern der „Saathahn" 
vertrunken. Der Hahn scheint demnach identisch mit Wolf oder 
Hund, ivie ja auch in deutschen Sagen zuweilen statt eines Hundes 
ein schwarzer Hahn den Schatz bewacht. Jedenfalls ist mit Fug 
und Recht anznnehmen, daß ein Zusammenhang der Hortsagen 
mit dem Mythus von der im Winter in die Erde versinkenden 
Vegetation vorhanden ist, und daß die heut noch bestehenden Ge 
bräuche des Landvolkes, besonders bei der Ernte, in manchen Einzel 
heiten von dem Kultus der Ceres abgeleitet wurden. A. M. W. 
Kunst und Wissenschaft. 
Hermann Linggs „Lebensreise". 
S)0?rr Goethes geistvolle Schilderungen seiner Lebensschicksale i» 
AE „Wahrbeit uiid Dichtung" gelesen hat, wird sich mit Vergnügen 
der genußreichen Stunden, die ihm diese Lektüre bereitet hat, erinnern. 
Anmutiger und lebendiger, als es der beste Freund und Vertraute ver 
mag, ivird der Autor selbst seine» Lebenslauf beschreiben können; denn 
so manche Züge und Einzelheiten, die einem Biographen vielleicht 
nebensächlich erscheinen, werden in das rechte Licht gerückt und finden 
die richtige Würdigung in einer Selbstbiographie. Deshalb haben die 
Berichte, die bedeutende Männer und Frauen von ihrem Lebensgang 
und ihren Werken entivorfeu haben, stets ein größeres Interesse erweck! 
als die Schilderungen der Biographen, und die Mcmvirenlittcrntur hat 
infolgedessen einen beträchtlichen Umfang angenommen. Neuerdings 
hat tine Berliner Verlagsbuchhandlung aus dem angeführten Grund 
ein Unternehmen ins Leben gerufen, welches den Zweck hat, das 
Publikum mit dem Lebensgang hervorragender Männer durch Schilde 
rungen aus der Feder der Betreffenden bekannt zu machen.
        
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