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Periodical volume Sonnabend, 21. Juli 1900 Nr, 29

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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„Machen Sie meine Büste." 
Das Wort ivirkte auf jedem von den Dreien, die es 
hörten, anders. Birkheimer horchte hoch aus und lachte dann 
unter dem buschigen Schnurrbart über das närrische Glück 
seines Tenfelsjnngen. Dieses Prachtweib modellieren zu 
dürfen . .! Mary fuhr zusammen und sah ihre Cousine er 
schrocken an. Was würde die Tante dazu sagen? — Hofer 
schossen die verschiedenen Gedanken so rasch nacheinander durch 
den Sinn, daß er rot, dann blaß und dann wieder rot wurde 
und nicht gleich antworten konnte. 
Sein erster Gedanke war dem seines Onkels sehr ähnlich. 
Welches Glück, dieses schone Haupt, dieses bedeutende Antlitz 
nachbilden zu dürfen. Den aufsteigenden Jubel aber drückte 
sofort eine trotzige, bittere Empfindung nieder. Was sollte 
das heißen? „Machen Sie nieine Büste!" So wie sie zu 
einem Photographen gesagt hätte: „Photographieren Sie 
mich!" oder zu einem Schuster: „Ich niöchte ein paar Ball 
schuhe haben." War er denn ein Handwerker? Hatte dieses 
begabte, feinsinnige, beinahe geniale Weib denn so wenig 
Zartgefühl, nicht zu ahnen, daß sie ihm da eine Gunst rundiveg 
antrug, die durch dieses brüske Angebot fast ebenso an Wert 
verlor wie Liebcsgunst? Der Wunsch, diese blendende, durch 
geistigte Schönheit so nachschaffen zu dürfen, war ja den 
ganzen Voriuittag in ihm lebendig gewesen. Aber sie hätte 
ivarten müssen, bis er das erste Wort sprach. Sie hätte 
allenfalls noch auf zarte Weise andeuten können, daß er keine 
Fehlbitte wagen ivürde — nimmermehr aber durfte sie ihn: 
so ohne weiteres sagen: „Machen Sie meine Büste!" Dann 
tauchte die Frage in ihm auf, warum sie so handelte. Hielt 
sie ihn für ärmer als er war, und wollte sie ihn ein Stück 
Geld verdienen lassen? Oder huldigte sie den Anschauungen 
des Journalisten von heute morgen, und hatte die Absicht, 
ihn als Bildhauerfirma zu machen? Die Sensation war ja 
kolossal, wenn die Büste der Retterin, von dem Geretteten 
modelliert, bei Schulte, Keller und Reiner oder in der Kunst 
ausstellung auftauchte. 
Fast hätte er unter dem Einfluß dieser verstimmenden 
Gedanken abgelehnt, sich mit dringenden Arbeiten entschuldigt. 
Aber durfte er das denn? Gestern hatte sie ihm das Leben 
gerettet, wie konnte er ihr heute eine Bitte abschlagen, die zu 
erfüllen in seiner Macht stand! 
Das lähmende, würgende, demütigende Gefühl der Ab 
hängigkeit legte sich bleiern auf seine Seele ... Er mußte 
sich zusammennehmen, uni wenigstens durch eine stumme Vcr- 
neignng ausdrücken zu können, daß er seiner Gebieterin zur 
Verfügung stehe. 
Leonie hatte die Erregung des Künstlers wohl benierkt, 
sie aber nicht richtig gedeutet. Sie meinte, daß es die Be 
fangenheit der Freude sei, die ihm den Mund verschließe, und 
sagte heiter: 
„Ich will das Werk meinem Vater zum Geburtstag 
schenken. Das ist ein Tag, an dem ich sonst immer bedauerte, 
daß wir reich sind, daß es keine schwer erfüllbaren Lieblings 
wünsche bei uns giebt. Papa freut sich ja gciviß über meine 
Geschenke. Aber doch nur über die gute Absicht. Die Freude 
über das Geschenk an sich kann nicht so groß sein bei einem 
Manne, dem alles zu Gebote steht, was für Geld eben zu 
haben ist. Er ist Kunstkenner und hat mich lieb. Eine gute 
Portratbüste von mir wünscht er sich schon lange. Und doch, 
ivenn ich ihm eine aufbaue, die der erste Meister gemacht hat, 
was ist da weiter dabei? Jeder beliebige Goldgräber kann 
sie haben, wenn er nur in Kalifornien oder Transvaal genug 
von dem gelbcii Metall herausgeschürft hat. In jedem Kunst 
salon sagt man ihm die Adresse des berühmten Bildhauers, 
und der Herr selber, dessen Kunst ja käuflich ist, läßt mit sich 
reden, wenn er auch auf die erste Frage nein sagt. Der 
Goldgräber muß nur entsprechend bieten. Aber meine Büste 
von Ihnen, Meister Hofer, das ist etwas anderes. Ein 
Meisterwerk von einem, der noch nicht zum Meister gemacht 
und gestempelt ist von der öffentlichen Meinung, das kann 
das brutale Geld nicht herbeischaffen. Und stellen Sie sich 
vor, Herr Hofer, mit welcher Freude, mit ivclchem Stolz, 
ivenn Sie erst ein berühmter Mann sind, niein Vater seinen 
Gästen die Büste zeigen wird. „Die ist noch aus der Zeit, 
da die Welt noch nichts wußte von ihm. Meine Tochter aber 
hat ihn damals schon erkannt und hat ihm gesessen, was sie 
nicht jedem gethan haben würde." 
Während Leonie so plauderte, haderte der Bildhauer mit 
sich selbst wegen seiner feindseligen Regung von vorhin. Wie 
hatte er bloß auf so häßliche Gedanken kommen können? War 
sie nicht ein aller Anbetung würdiges Geschöpf? Mit welcher 
Unbefangenheit sie von ihrem Reichtum sprach. Das war 
von Protzentiim und gezierter Bescheidenheit gleich fern. 
Und ivie sic sich auf die Freude freute, die sie ihrem Vater 
machen wollte! 
Die Reue Hofers drückte sich in dem besonders innigen 
Kuß aus, den er auf die Hand Lcouiens drückte, als er die 
Danicn zu ihrem Wagen begleitet hatte. 
„Also übermorgen fangen nur an," wiederholte Leonie 
die getroffene Abmachung. 
„Uebermorgen, gnädiges Fräulein. Auf Wiedersehen!" 
Als Hofer in das Atelier zurückkam, hatte Birkheimer 
die geliebte Pfeife schon wieder im Mund und nebelte los, 
daß es eine Art hatte. Die beiden sprachen nicht viel. Der 
Onkel rauchte, und der Neffe ging mit laugen Schritten hi» 
und her. 
Endlich fragte der Alte an der Pfeifenspitze vorbei, die 
er zwischen den Zähnen hielt: 
„Was geht denn Dir so im Kopf rum, Karl?" 
Der Gefragte blieb stehen und sah nachdenklich vor sich 
hin. „Alles Mögliche." antwortete er langsain. „Soviel, 
daß ich in Verlegenheit wär', wenn ich sagen wollte, was." 
Der Ex-Bildhauer lachte in seiner sonderbaren, geräusch 
losen Art. 
„Bist ein armer Bursch, Karl. Der richtige Esel zwischen 
zwei Heubündeln. Die, welche is 's jetzt? Mein Fall wär' 
die Schwarze. Die Blonde is ja ein lieb's Madel, aber 
herzige Madeln giebt's mehr. Die Leonie aber — alle 
Achtung!" 
Hofer hob unmutig die Schultern. 
„Wie eine alte Jungfer kommst Du mir heut' vor, 
Onkel. Nix als Lieb'sg'schichten im Kopf. Ich iverd' mich 
jetzt hin haun und ein bissel schlafen." 
„Hast denn schon was 'gcsscn?" 
„Hunger hab' ich kein'." 
Der junge Mann ging zu dem Ruhebett im Winkel 
und ließ sich darauf fallen, daß das alte Möbel in allen 
Fugen krachte. Nicht lange darauf atmete er ruhig und tief 
auf. Er war eingeschlafen. 
Willibald Birkheimer saß still auf seinem Sessel, blies 
lange Rauchschivadcn von sich und blinzelte bisweilen zu dcni 
Schläfer hinüber. 
„Wissen möcht' ich's, von welcher er jetzt träunit," mur 
melte er vor sich hin. 
III. 
Der nächste Tag brachte ein langes Feuilleton über den 
jungen süddeutschen Meister, der durch seinen Unfall auf der 
Spree und seine merkwürdige Rettung Gegenstand der all 
gemeinen Aufmerksamkeit geworden sei. Der Aufsatz ver 
schwieg nichts, was Hofer deni Or. Heinemann erzählt hatte.
        
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