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Periodical volume Sonnabend, 21. Juli 1900 Nr, 29

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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Im Tiergarten. 
erliu ist groß, und der Kampf ums Dasein ist schwer. Es 
kann wähl vorkommen, das; in unserer arbeitsamen und 
vergnügnngsreicheu Stadt jemand den Tiergarten Jahre 
laug nicht zu sehen bekommt. Seine Geschäfte führen ihn nach 
wundert sich über die Luxemburger, unter denen der Wenzel fehlt, 
der arme Wenzel, den sie ja auch vor jetzt gerade fünfhundert 
Jahren abgesetzt haben, der arme Kaiser a. D. und ohne Denkmal 
— aber sein Bruder steht da, der Sigisniund, der ein wortbrüchiger 
Lump war und den ehrlichen Huß 
verbrennen ließ, der die Mark ver 
pachtete und verschacherte und sie 
schließlich an die Hohenzollcrn ab 
trat, das Gescheiteste, was er »och 
thun konnte. 
Ja, es wird einem seltsam zu 
Mute, wenn man die steinerne Ge 
schichte der Vorzeit durchwandert. 
Man flüchtet in die lauschigen 
Gänge, die man früher so oft 
durchwandert hat, ein holdes Kind 
am Arn; und Hoffnung im Herzen. 
Damals hat man wenig von dem 
gesehen, was in der Nachbarschaft 
vorging. Aber das Gedächtnis be 
wahrt doch auch allerlei auf, was 
damals bloß als unbestimmter Ein 
druck an uns herangetreten ist, was 
wir, ich möchte sagen, gesehen 
haben, ohne es zu sehen. 
GoldfisrhkriLh. 
anderer Richtung, seine Zerstreuungen auch. Und dann kommt es 
doch einmal vor, daß er gerade in jener Gegend zu thun hat, und 
er verfehlt vielleicht den Geschäftsfreund, den er sprechen wollte, 
es entsteht eine Lücke in seinen 
Verabredungen, und da fällt ihm 
ein, das; er ja einmal wieder nach 
dem Tiergarten gehen könnte, den 
er so lange nicht gesehen hat, und 
von dem er öfters in den Zeitungen 
liest .... 
Natürlich sucht er zuerst nach 
zuholen, was er versäumt hat. Er 
durchwandert die Sicgesallec vom 
Königsplatz, auf dem die Säule 
steht, bis zum Wrangelbrunnen. 
In der Siegcsallee hat man 
Gelegenheit, seine geschichtlichen 
Kenntnisse anfznfrischen. Freilich, 
man wird bald schwankend; denn 
einmal sind die schön gemeißelten 
Schriften zumeist unleserlich, und 
zweitens ist es mit der Richtigkeit 
auch nicht ganz in Ordnung. Wer 
noch sein bißchen Historie nicht ganz 
vergessen hat, schüttelt bei der 
Jahreszahl Albrechts des Bären 
bedenklich sein Haupt und wundert 
sich sehr, wie man die wißbegierige 
Schilljugend, die von ihren Lehrern 
dahin geführt wird, so falsch 
berichten kann. Er betrachtet dann 
die übrigen Figuren mit ihren Bezeichnungen, freut sich, daß der 
Woldemar hier so ganz anders aussieht, als der vom Mühlen 
damm — der eine wird wohl der „falsche" sein — geht dann 
zu den Bayern über, den beiden Ludwigs und Otto dem Faulen' 
Noch immer steht die schöne, 
aber etwas verstaubte Venus am 
Goldfischteich, noch immer ziehen 
die wohlgenährten, rolstrahlenden 
Bewohner der Fluten ihre langen 
Bahnen unter den herabhängenden 
Ziveigen der Kastanien, noch 
immer rauschen die hundertjährigen Eichen und Linden, und das 
Eichkätzchen springt von Ast zu Ast, noch immer zwitschern die 
Vögel im Buschwerk, und die kleine Balsamine, die einmal als 
Npuer Ser. 
Unkraut in den Tiergarten gelangt ist, ist jetzt überall zu sehen, 
als müßte es so sein. 
Die „höhere Tochter" Berlins sitzt immer noch, malerisch, 
nachdenklich, mit dem Gedichtbuch oder dem Roman auf der Bank,
        
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