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Periodical volume Sonnabend, 14. Juli 1900 Nr, 28

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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sehen, alle die geschorenen Blondköpfe und die langlockigen kleinen 
Mädchen, wie angestrengt und rastlos sie arbeiten, und man muß 
es sehe», um eS sich vorzustellen, was für Gruben da gegraben 
werden. Allangenblicklich verschwindet so ein strahlendes Kinder- 
gcsichtchcn in der Tiefe . . . Manchmal ist die breite Allee wie 
ansgestorben, nur würdige Gestalten sitzen ernst und gemessen auf 
den Bänken; dabei wird aber die Luft von einem leisen kindlichen 
Gekicher durchzittert, von jubelndem, schallendem Gelächter und 
vielstimmigem Gezirpe und Geschnatter unermüdlicher Plapper 
mäulchen, als regten sich hundert kleine Kobolde unter der Erde. 
Und sind es nicht tolle Erdgeister, diese in den selbstgegrabenen 
Gruben versteckten glückseligen Kinder?! 
Große Schürzen schützen die eleganten Kleidchen, die frisch 
gewaschenen Höschen; nur die emsigen Hände werden dem Sande 
preisgegeben — dafür aber auch gründlich. Manchmal kriechen 
die kleinen Menschenkinder hervor aus ihren Gruben und spähen 
neugierig um sich. 
Gottlob! Miß oder Mademoiselle hält noch immer das Buch 
oder die Häkelei in der Hand . . . Also weiter darauf los gegraben, 
geformt, gekarrt; Wälle entstehen, phantastische Tunnels, Brücken, 
daneben Kuchen und Küchlein, mit Eicheln und grüne» Blättern 
verziert. Jede Grube ist ein kleiner abgesonderter Staat. Wehe, 
wenn die Angehörigen eines benachbarten Staates herüberkommen 
und eindringen in freindes Gebiet. Da werden erbitterte Schlachten 
geschlagen, die Feinde zurückgedrängt in ihre Gruben, die bei der 
Gelegenheit vandalisch zerstört werden. 
Stunde um Stunde vergeht, nein, verfliegt. Endlich heißt es 
aufbrechen. Die Schürzen werden abgenommen, die Schippen, 
Karren und Formen zusammengesucht,' die wilden Erdgeister ver 
wandeln sich wieder in junge Herren und kleine Dämchen, deren 
schmutzige Hände allein Zeugnis dafür ablegen, daß die herrlichen 
Stunden kein Traum, sondern Wirklichkeit waren. 
Und doch giebt es in Berlin, in der unmittelbaren Nähe 
des Tiergartens Kinder, viele, unzählig viele Kinder, die von 
diesem Eden, ans dem sie nicht einmal der gefürchtete Schutzmann 
vertreiben kann — nichts wissen, Kinder, denen ihr höchstes Ideal: 
eine tiefe, recht tiefe Grube zu graben, einen hohen, recht hohen 
Wall auszuwerfen, für immer unerreichbar scheint!! 
Diesen Kindern könnte und sollte doch geholfen werden! — 
O. W. 
Leutnant Friedrich 1'. 
Mer am 23. Juni in China gefallene Leutnant Friedrich gehörte 
$9 dem 3. Secbataillon an, das in Tsingtau garnisoniert. Es 
wurde nach derErwerbung desKiautschougebietes ansNeuformationen 
der beiden alten Seebataillone und aus Freiwilligen des Heeres im 
Dezember 1897 gebildet und dem Kommando des Majors Christ unter 
stellt, der zuvor Kommandeur des 2. Seebataillons war. Bon dem 
3. Seebataillon wur 
den zwei Kompagnien 
zum Entsatz Tientsins 
entsandt, die am 23. 
Juni ins Gefecht kamen 
und sich im Verein mit 
den Russen außerordent 
lich tapferschlngcn. Von 
der deutschen Abteilung 
fielen außer Leutnant 
Friedrich acht Mann, 
während elf schwer ver 
wundet wurden. Leut 
nant Alfred Friedrich 
galt als ein äußerst 
schneidiger, tüchtiger 
Offizier. Er war am 
2. April 1875 zu 
Wittenberg geboren, 
trat am 1. April 1894 
als Offiziersaspirant 
in das Magdeburgische 
Pionierbataillon Nr. 4 
ein und wurde am 
18. August 1895 Leut 
nant. Am 13. Januar 
d. I. trat er zum 
2. Seebataillon über 
und schloß sich dem am 
10. März mit dem 
rru„.-,nt Friedrich t. Dampfer „Dresden« 
nach Ostasien gehenden 
Ablösungstransport an. Rach seiner Mitte Mai in Tsingtau er 
folgten Ankunft wurde er in das 3. Seebataillon eingereiht. Die 
in dem Gefecht vom 23. Juni Verwundeten sollen sich außer Lebens 
gefahr befinden 
Die Vrandkakastrophe der Pier-Anlagen des 
Norddeutschen Lloyd in HoboKen. 
Mie fürchterliche Brandkatastrophe in der Riesenmetropole der 
£?? Vereinigten Staaten hat wieder einmal in erschreckender Weise 
gezeigt, wie wenig doch im Grunde menschliche Kräfte trotz aller 
Fortschritte und Erfindungen unserer Zeit gegenüber den einmal 
entfesselten Raturgewaltcn auszurichten imstande sind, und wie große 
Gefahren der moderne Riesenbetrieb mit seinen überall in das 
Kolossale gehenden Anlagen mit sich bringt. 
Bon Jahr zu Jahr, ja fast von Tag zu Tag ist der Waren 
austausch zwischen den entferntesten Ländern in stetiger, unanfhalt- 
samer Steigerung begriffen; das „Zeit ist Geld" des rast- und 
rücksichtslos vorwärts strebenden Amerikaners hat sich die ganze Welt 
erobert und herrscht unumschränkt, soweit die moderne Kultur reicht. 
„Zeit ist Geld", heißt das Losungswort für den Ingenieur, 
der rastlos bestrebt ist, die Schnelligkeit und Bequemlichkeit unserer 
Verkehrsmittel zu steigern, »nd diese Losung ist es im Grunde 
auch, die die Dimensionen unserer Ozeandampfer in das Gigantische 
wachsen ließ. Macht sich der dem Seewesen Fernstehende doch kaum 
einen Begriff davon, welche geradezu riesenhaften Quantitäten von 
Waren aller Art ein einziges dieser Schiffe anfznnehme» imstande ist. 
Diese gewaltige Ladung soll nun aber auch am Bestimmungsort 
mit der größtmöglichen Schnelligkeit gelöscht, das heißt aus dem 
Schiff entfernt werden, denn ein einziger Tag, den ein Dampfer, 
wie beispielsweise „Kaiser Wilhelm der Große", nntzlos im 
Hafen verbringt, ist für die Rhederei ein nur nach Tausenden zu 
berechnender Schaden. 
Die großen Dampfcrgesellschaften haben sich daher genötigt 
gesehen, eigene Ladestellen in oft geradezu großartigem Maßstab 
anzulegen, und eine solche ist es, die in diesem Fall der Schau 
platz des Unglücks war, das seinesgleichen sucht. 
Die Docks des Norddeutschen Lloyd sind lange, durch weit in den 
Strom bezw. den Hafen hineingebaute Dämme — Onai oder Pier 
genannt — gebildete Bassins von rechteckiger Form »nd breit genug 
um zu gestatten, daß an jeder Seite eine Reihe von Schiffen an 
den Onais liegen kann, ohne die Passage in der Mitte zu hindern. 
In regelmässigen Abständen sind dann ans dem Onai feste 
oder auf Schienen laufende Kräne aufgestellt, die im Verein mit 
den an Bord eines jeden Dampfers angebrachten Ladevorrichtungen 
das Ein- und Ausladen besorgen. Zum Schutze der auf den Onais 
zu lagernden Waren gegen die Witterung sind diese mit langen, 
mehr oder minder primitiven Schuppen versehen, die sich von 
einem Ende des langen Dammes in fast nnnnterbrochener Reihe 
bis zum anderen erstrecken und selbstverständlich stets mit den ver 
schiedenartigsten Gegenständen geradezu überfüllt sind. 
Ungeheure Getreidemeugeu lagern hier friedlich neben Eisen 
bahnschienen und Maschinenteilen, Oel, Petroleum, Baumwolle, kurz, 
fast alle Arten von Natur- und Kunstprodukten sind hier z» finde». 
Man hat naturgemäß von Anfang an auch die große Gefahr 
erkannt und gewürdigt, die in einer solchen Anhäufung oft recht 
erheblich feuergefährlicher Gegenstände liegt, und die umfassendsten 
Sicherheitsmaßregeln getroffen; aber die erweisen sich leider, wie auch 
iu diesem Falle, nicht immer und unter alleuUmständen alsausreichend. 
Wie es heißt, soll der riesige Brand in Hobokeu durch Selbst 
entzündung eines Ballens Baumwolle entstanden sein, und auch 
der Laie dürfte sich selbst sage» können, daß es wohl ausgeschlossen 
erscheinen muß, einen so entstandenen Brand zu löschen, wenn er 
gleich neben seinem Entstehnngsorte Angriffspunkte findet, wie Ocl- 
odcr Petroleumfässer rc. rc. sie bieten. 
Mit reißender Schnelligkeit rast da die gierige Flamme von einem 
Schuppen zum andern, und fast in Sekunde» bildet das Ganze ein 
einziges, kochendes, brodelndes Feuermcer, dem gegenüber die helden 
mütigsten Anstrengungen auch der besten Feuerwehr vergebens sind. 
Die an den Onais liegenden Schiffe nun befinden sich unter 
solchen Verhältnissen in einer Gefahr, die eher noch größer ist, 
als bei dem Entstehen eines Feuers an Bord auf hoher See. 
Alle großen, modernen Dampfer sind mit Sicherheitsmaß- 
regeln gegen Feuersgefahr ausgerüstetest die in erster Linie in 
großartigen Pumpenanlagen, in zweiter aber darin bestehen, daß 
inan das ganze Riesenschiff mit Hilfe eiserner Schotten in Ab 
teilungen zerlegt, die nötigenfalls von einander gänzlich abge 
schlossen werden können, so daß man imstande ist, ein etwa aus 
gebrochenes Feuer wenigstens für das erste zu lokalisieren. 
Alles dies wird naturgemäß bei einem solchen Hafenbrand 
kaum möglich sein. Sämtliche Jnnenräuine sind weit geöffnet, und 
ein Schließen der Luken und Thüren ist vielfach durch die in den 
selben liegenden Ladungsteile unmöglich, die ständige, mit dem 
Schiff und seine» Einrichtungen vertraute Besatzung ist zum min 
desten teilweise nicht verfügbar, und zu allem Ilebersluß stehen die 
Hanptmaschinen, denen ja auch ein großer Teil der zur Bethäti 
gung der Löschvorrichtungen benötigten Kraft entnommen werden 
muß, außer Betrieb, so daß das Schiff nahezu wehrlos seinem 
furchtbarsten Feinde überliefert ist. 
Hierzu kommt noch die kolossale Hitze des auf den Onais, 
unmittelbar neben deu Schiffen wütenden Feuers, die gleichfalls
        
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