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Periodical volume Sonnabend, 7. Juli 1900 Nr, 27

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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Und wie köstlich hatte er zu ihr, der kleinen Mary, ge 
sprochen. Gar nicht so von oben herab, wie ein so bedeutender 
Mensch zu einem kleinen Mädchen wohl hätte reden können. 
Wie ein Kamerad hatte er sie behandelt. 
Sie errötete bei dem Gedanken, was sie ihm, der so gut 
zuzuhören verstand, gestern alles erzählt hatte. Ihre ganze 
Lebensgcschichte, ihre geheimsten Gedanken. Und sie sehnte 
sich zugleich, ihn wiederzusehen, um diese Bekenntnisse fort 
setzen zu können. 
Leonie dachte mit wesentlich anderen Empfindungen an 
den Bildhauer. In ihr zitterte die Empörung über die 
Auseinandersetzungen nach, die sie niit ihrer Mutter gehabt 
hatte. Die eine war gestern abend noch erfolgt. Die Maina 
hatte ihr im mißbilligendsten Tone zu bedenken gegeben, daß 
ihr die offenkundige Absicht ihrer Tochter, mitDoktorSchröder zu 
einer Zeit zu brechen, da die ganze Gesellschaft schon die Ver 
sendung derVerlobungsanzeige erwarte, geradezu unbegreiflich sei. 
„Liebe Mama," hatte Leonie kalt geantwortet, „es ist 
ein Irrtum, ivenn Du von meiner Absicht, mit den Doktor 
zu brechen, redest. Der Bruch ist schon vollzogen. Ich habe 
dem Herrn heut abend schon gesagt, daß ich von den Ab- 
niachungen unserer Eltern wisse, daß ich mich dagegen nicht 
aufgelehnt hätte, so lange er mir bloß glcichgiltig war, daß 
ich aber niemals mit einem Manne vor den Altar treten 
würde, den ich als Feigling verachte." 
„Unerhört!" schrie die Mutter auf. „Und was hat er 
gethan?" 
Leonie zuckte auf diese Frage die Achseln. 
„Was konnte er thun? Er schnitt ein hochmütiges Ge 
sicht, versuchte ein ironisches Lächeln, das ihm übel mißlang, 
und drehte mir in einer Weise den Rücken, die mich von 
jedem andern hätte tödlich beleidigen müssen, die mich an ihm 
aber völlig kalt ließ. Er ist eben ein Feigling. Die Un 
höflichkeit gegen Frauen ist das sichere Zeichen, an dem man 
seinesgleichen erkennt." 
„Nett philosophiert!" höhnte die Mutter, „Hast Du 
aber auch die Folgen bedacht? Du weißt, der Snnitätsrat 
ist Leibarzt bei den meisten Ministern, seine Frau eine geborene 
von Lützow und mit den ersten Familien Preußens verivandt, 
dazu eine der bösesten Zungen, die wir haben . . 
„Nun, und?" 
„Nun, und?" sprach die Mutter ihr nach. „Nach diesem 
Affront ist es nur natürlich, daß sie alle Hebel, die ihr zu 
Gebote stehen, gegen Dich in Bewegung 'setzen, und alle 
Minen springen lassen wird. Wenn man sich nicht heute 
schon in ein paar Salons in die Ohren zischelt, daß dieser 
Herr Huber oder wie er heißt, um den Du so todesverachtcnd 
ins Wasser gesprungen bist, Dir durchaus kein Fremder, 
sondern Dein heimlicher Geliebter ist, so kenne ich die Welt nicht." 
„Lieber will ich mir das nachsagen lassen, als einen 
Mann nehmen, der in meinen eigenen Augen kein Mann ist." 
Damit ivar die Sache für den Abend erledigt gewesen. 
Leonie hatte lange wach gelegen und zornigen Gedanken nach 
gehangen. Nichts empörte sie so sehr, als Zivang irgend 
einer Art. Und in dieser Angelegenheit fühlte sie sich von 
einem Zwange bedroht, der um so schlimmer war, als er 
von einer unsichtbaren und unfaßbaren Macht, der sie nicht 
entrinnen konnte, ausgeübt wurde. Leonie war klug genug, 
um zu wissen, daß ihre Mutter recht hatte, daß die Gesell 
schaft sie wegen ihres Bruches mit Doktor Fritz Schröder ver 
urteilen und das Urteil unerbittlich vollstrecken würde. Wer 
aber war diese Gesellschaft? Justizrats ivären gewiß auf 
ihre Seite getreten, wenn sie ihnen den Hergang erzählt hätte, 
Bowlen-Lehmann desgleichen. Und die jüngeren Herren, die 
ihr den Hof machten, und die Damen, die sich ihre Freundinnen 
nannten, und ihre Väter und Mütter, ihre Tanten und 
Cousinen? . . . Sie alle einzeln genommen gaben ihr gewiß 
recht. Sie fanden es schön von ihr, daß sie mit Gefahr 
ihres eigenen Lebens den Ertrinkenden aus dem Flusse ge 
holt und dem jungen Herrn, der ihre Achtung verscherzt, 
den Laufpaß gegeben hatte. Und doch, sie alle zusammen, 
die „Gesellschaft", die stand gegen sie. An ihren Namen 
knüpfte sich von jetzt an ein boshaftes, schadenfrohes Gezischei. 
„Leonie Lürsen? — Ein schönes Mädchen, und klug, 
und gebildet! Nur schade ! Können Sie sich noch a» 
die halbe Verlobung mit dem Sohne des Sanitätsrats er 
innern? Und an die abenteuerliche Geschichte, wegen der die 
Sache in die Brüche ging? — Sie ist so univeiblich, diese 
Leonie, das richtige Mannweib. Doktor Schröder kann sich am 
Ende noch gratnlieren, sic nicht gekriegt zu haben. Es heißt, 
sie hätte den Bildhauer — wie hieß er doch? — damals 
nicht zum erstenmal gesehen. Ich will ihr das nicht gerade 
nachsagen. Gegen ihre Ehrbarkeit liegt ja eigentlich nichts 
vor. Aber zuzutrauen wäre ihr so eine Liaison schon. Bei 
ihrer Abneigung gegen das Korrekte, bei ihrer Sucht nach dein 
Außergewöhnlichen, Herkommen und Sitte vor den Kopf 
Stoßenden . . ." 
Leonie ballte die Fäuste auf der Bettdecke vor Zorn, als 
sie sich das alles vorstellte. 
„Und doch habe ich recht gethan!" dachte sie trotzig. 
„Und es reut mich auch nicht. Ich thät's wieder. Gewiß. 
Und den Doktor habe ich noch viel zu mild behandelt. Viel 
schärfer hätt' ich ihm meine Meinung sagen müssen." 
Dann dachte sie an de» Bildhauer. Was der jetzt wohl 
that? Er saß ivohl in seinem Atelier und dachte an sie und 
an die sonderbar enge Beziehung, die ein Zufall zwischen 
ihnen geschaffen hatte. Ihre Namen wurden in den nächsten 
Tagen ivohl zehntausendmal genannt. Vielleicht standen sie 
sogar in den Zeitungen. Gewiß sogar. Diesen Journalisten 
entgeht ja nichts, was geeignet ist, Sensation zu machen. 
Und der Fall erregt doch gewiß Aufsehen. 
Für ihn aber, für Karl Hofer, eigentlich keine sonderlich 
behagliche Lage. Er sah bei aller sonnigen Fröhlichkeit stolz 
und selbstbewußt genug aus. So eine Art Herrenmensch 
schien er zu sein. So einen mußte es doch gewaltig wurmen, 
jemanden! zu Dank verpflichtet zu sein, der sich gar nicht ab 
tragen ließ. Wenn man jemandem sein Leben schuldet, so 
bleibt man ihm eben verpflichtet, was immer man für ihn 
thun mag. Und daß dieser jemand, in dessen Schuld er so 
tief stand, ein Weib war, ein Mädchen, das war für diesen 
Karl Hofer, der doch gewiß den üblichen Männerdünkel hatte 
den Frauen gegenüber, eine böse Verschärfung der Sache. 
Er ging jetzt wohl wütend in seinem Zimmer auf und ab, 
rauchte und trank uud zerbrach sich den Kopf, wie er sich 
revanchieren könne. 
Leonie wurde ordentlich guter Laune bei der Vorstellung 
des ohnmächtigen Acrgcrs, mit dem der Bildhauer seine kuriose 
Lage betrachten mußte. 
„Jawohl, mein Lieber!" dachte sie. Das kommt von der 
Gottähnlichkcit. Wenn man zu den Herren der Welt gehört, 
ist es eine böse Sache, sich bei jedem Atenizuge sagen zu 
müssen: diese Lunge voll Lust dank' ich auch wieder ihr, die 
zu dem minderivertigen, kleinhirnigen Geschlecht gehört. — 
Na, Du wirst ja morgen kommen. Das mußt Du ja! Da 
wollen wir sehen, was für eine Miene Du zu dem bösen 
Spiel machst." 
Ueber solchen Gedanken schlief sie ein, und sie schlief, zum 
Unterschied von Mary, traumlos und fest. (Fortsetzung folgt.)
        
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