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Periodical volume Sonnabend, 30. Juni 1900 Nr, 26

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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Jaljrf des Kaisers auf dein Dampfer 
Lubeca nach der Hafenlandungsbrnrlre» 
vorbei an den Kriegsschiffen Natter 
und Skorpion. 
gniifleu. Seiber wurde die Festfreude in etwas 
getrübt. Ans Anlaß des Ablebens des Groß 
herzogs Peter von Oldeubnrg war das 
Erscheine» des Kaisers zu der Feier zunächst 
in Frage gestellt, und noch am Abend vor der 
Feier war es fraglich, ob der kaiserliche Herr 
der Stadt Lübeck und ihrem Fest durch seine 
Teilnahme an dein letzteren erhöhten Glanz 
geben würde. Endlich im letzten Augenblick 
wurden die obwaltenden Bedenken zerstreut: der 
Kaiser hielt in die alte Hansefeste seinen Einzug 
und eröffnete die neue Wasserstraße. Aber 
unmittelbar nach dem Festakt verließ er 
wieder die Stadt, nahm also an dem Festmahl zum allgemeinen 
Bedauern nicht teil. Das war ein Wermntstropfen in dem Kelch 
der Freude! Aber um so dankbarer jauchzte und jubelte die be 
geisterte Bevölkerung dem Monarchen zu, daß er es doch möglich 
gemacht hatte, unserem Fest die rechte Weihe zu geben. 
Auf dem Bahnhof wurde der Kaiser von dem präsidierenden 
Bürgermeister Herrn Dr Klug empfangen, worauf Se. Majestät 
mit dem Bürgermeister einen Galawagen bestieg und über die 
herrlichen Wallanlagen nach dem erst kürzlich freigelegten alten 
Kaiserthor fuhr. Hier bestieg der Kaiser nebst Gefolge, in dem 
sich auch Lübecks Ehrenbürger, Generalfeldmarschall Graf Waldersee, 
befand, das Festschisf „Lubeca", und in schnellster Fahrt ging es 
der Einmündung des Kanals in die Trave zu, wo eine seidene 
Schnur noch den Weg sperrte. Alle Glocken der Stadt ließen ihr 
feierliches, harmonisches Geläute ertönen, und von den Türmen 
unserer alten Profanbanten erbrausten' Fanfaren. Die unzähligen 
Tausende waren sich der großen Bedeutung dieses historischen 
Augenblicks voll bewußt und jubelten dem Kaiser und unserem 
Bürgermeister immer wieder zu. Nun war die sperrende Schnur 
erreicht, das Kaiserschiff zögerte einen Moment: dann war die 
Schnur durchschnitten und die Bahn für den Verkehr ans dem 
weiten Hinterland der Elbe nach den nordischen Staaten frei: 
die Elbe hatte eine zweite Mündung bekommen, in die Ostsee! 
Nun folgte der Festakt auf der Stelle gegenüber der Kaiial- 
mündnng, auf der vor fünf Jahren der Grundstein zum 
iVagriifahrt vor drr Eröffnung des Kanals. 
Nrbrn dem Kaiser stlff Vürgermriffrr I>r. Klug. 
dessen war unser unvergleichlicher Marktplatz durch zwei Lichtfontäne» 
und durch andere Arrangements der modernen Beleuchtungstechnik ans 
das prächtigste illuminiert: hier wie auf anderen Plätzen der Stadt 
konzertierten Musikkapellen, und überall beivegte sich eine schier 
undurchdringliche Menschenmenge in gehobenster Stimmung. In der 
That, ei» Volksfest im edelsten Sinne des Wortes! Und nirgends 
ein Mißton, nirgends eine Ausschreitung! Lübeck kann auf seine 
besonnene, ruhige Bevölkerung stolz sein, aber auch ans seine 
Polizei, die in taktvollster Weise ihres Amtes walrete. 
Am Tage darauf gab die Handelskammer als die Vertreterin 
der Lübecker Kaufmannschaft den Ehrengästen ein Fest. Gegen 
fünfhundert Herren, zum allergrößten Teil die Ehrengäste des 
Senats voin Tage vorher, fuhren mit dem stattlichen Dampfer 
„Willkommen" nach unserem lieblichen Ostseebade Travemünde und 
machten von dort aus eine längere Tour in See. Darauf fand 
im Kurhause zu Travemünde ein opulentes Festmahl statt, das 
einen wohlgelungenen Verlauf nahm. Auch die Herren Minister 
»ahmen wieder an der Beranstaltnng teil, und zwei von ihnen, 
v. Hammerstein und v. Thielen, brachten auch Trinksprüche ans, 
in denen sie das Projekt des Mittellandkanals streiften. 
Der glanzvolle neue Hansetag ist verrauscht, und eine Zeit 
ernster Arbeit bricht nunmehr für Lübeck an: es muß und wird auch 
mit allen Kräften bestrebt sein, die neue Wasserstraße rentabel zu 
machen. Möge ihm das in seinem Interesse und in dem des 
Deutschen Reiches in vollem Maße gelingen! Oscar Montan. 
Niederlassungen, durch Wall und Graben getrennt von den Land 
bewohnern, schwerbewaffnet mst Panzer und Schwert, immer bereit 
zu Kampf und Scharmützel! Auf dem neuen Hansetage am letzten 
Sonnabend dagegen standen Hand in Hand beieinander Ausländer 
und Deutsche, wer nur immer berufen ist, Pfleger zu sein des 
Völker verbindenden, Völker beglückenden Handels. Nicht nur ans 
allen deutschen Landen, auch aus den Nachbarstaaten im Osten 
und Westen und den nordischen Reichen, den alten Wurzelstätten 
des hansischen Handels, die Vertreter der Regierungen der Städte, 
der Handelskammern, der Industrie fanden sich in Lübeck zu 
sammen: Kriege vorzubereiten, oder ans dnrchfochtenen Kriegen 
die Früchte zu verteilen oder die Lasten, das war zumeist der alten 
Hansetage Zweck. Der neue Hansetag dankt sein Zustandekommen 
einem Werk, das nur sichere Friedeusznversicht auszuführen ver 
mochte, das nur unter dem Segen eines von starker Staatsmacht 
geschirmten dauernden Friedens die Hoffnungen erfüllen kann, die 
auf seine Zukunft gesetzt sind. 
Diese schönen Ausführungen treffen den Nagel auf den 
Kopf, und in diesem Sinne wurde die ganze Kanalfeier be- 
Kanalbau gelegt worden war. Eine Tribüne von riesiger Größe 
hatte etwa 1500 Dainen und Herren der Lübecker Gesellschaft und 
die Ehreitgäste aufgenommen, die den Kaiser mit lebhaftem Hurra 
begrüßten. Unter Professor Stiehls vortrefflicher Leitung trug ein 
gemischter Chor von etiva 400 Personen eine Festkantate vor. 
Dann hielt der Bürgermeister Lübecks eine Ansprache, in der er 
auf die Bedenlnng der »eilen Wasserstraße hinwies und dem 
kaiserlichen Herrn für den Schutz, den er Lübeck angedeihen lasse, 
dankte. Auch die für Lübeck überaus huldvolle Antwort des 
Kaisers auf diese Ansprache ist ja inzwischen bekannt geworden, 
so daß wir es uns versagen können, hier näher auf sie einzugehen. 
Der Augenblick von geschichtlicher Bedentnng war vorüber — und 
inzwischen hatten schon die ersten Schleppzüge den neuen Kanal 
passiert: zum erstenmale wehte in unserem Hafen die schwarzgelbe 
Flagge Oesterreichs! 
Ohne in Lübeck einen Imbiß zu sich genommen zu haben, 
fuhr der Kaiser durch die Hauptstraßen der Stadt zum Bahnhof 
und setzte dann seine Fahrt nach Brunshausen fort. Die Schulen 
des ganzen Freistaates, zahlreiche Vereine und Gewerke bildeten 
Spalier, und hinter ihnen stand, eine lebendige 
Mauer, in musterhaftester Haltung die unzählbare 
. 5.£.'..„v 1 Menge, die dem Kaiser immer wieder huldigte. 
1 Wahrlich! der Empfang, der hier dem Kaiser zu 
teil wurde, war so ehrlich und so herzlich gemeint, 
wie er ehrlicher und herzlicher nicht denkbar ist. 
Abends fand in den Prnnksälen unseres herr 
lichen Rathauses ein auserlesenes Festmahl statt, 
an dem etwa fünfhundert Herren, darunter auch 
die preußischen Staatsminister v. Miguel, Brefeld, 
v.Hammerstein-Lvrten, v. Thielen, v. Rheinbaben, 
Staatssekretär v. Podbielski und Graf Waldersee 
teilnahmen. Die Festtafel wurde durch manches 
Wort von Bedeutung gewürzt, auch seitens der 
Minister v. Thielen und v. Miguel. Während
        
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